Hemmungslose Müßiggänger
Nachdenken über klerikale Kultur, Sittenverfall und den Dünger der Bequemlichkeit
Es wird gern auf Hartz-IV-Empfängern rumgehackt in diesen Tagen. Sie tun nichts, lungern herum, wollen in Wahrheit gar nicht arbeiten, liegen uns allen auf der Tasche: So die gängigen Vorurteile. Eine ganz andere Spezies, auf die diese Vorwürfe uneingeschränkt zutreffen würden, bleibt von solcherlei Vorwürfen derzeit seltsamerweise noch verschont: Es sind die Müßiggänger in den Talaren, unter Kardinälshüten und Bischofsmützen samt ihrer hohen und niederen Bruderschaft, die auf unser aller Kosten leben. Die sich wenig anstrengen und sich doch vieles leisten. Hemmungslose Müßiggänger?
Schon in der Antike war die Knabenliebe ein Ressort der Klasse der Müßiggänger. Nur die "Freien" konnten sich den Zeitaufwand leisten, um einen Knaben zu werben und ihn sich gefügig zu machen. Dabei kam ihnen der Zeitgeist durchaus entgegen: In der griechischen und römischen Antike war Homosexualität unter Männern unterschiedlichen Alters durchaus nicht verpönt. Man glaubte an einen "pädagogischen Eros", der beiden Seiten – dem älteren Mann wie dem Knaben oder Epheben – zugute käme. Das Objekt der Begierde wurde mit Geschenken umworben; meist waren es Tiergeschenke. War die Beziehung hergestellt, so ging man nicht von einem Lustgewinn des Jüngeren aus. Der Jüngere konnte auf andere Weise von der Verbindung profitieren. Im Sexuellen blieb er passiv, war lediglich in der Rolle des Dulders.
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Müßiggang ist aller Laster Anfang, so sagt es der Voksmund. Im Fall der Kirchenlichter aller Zeiten und Epochen stimmt das auffallend (Fromme Sünder). Keine Organisation wird so vom gemeinen Volk ausgehalten wie die Mutter Kirche. Sie lebt auf unser aller Kosten. Der Hamburger Politologe Carsten Frerk rechnete einmal aus, wie groß die Reichtümer allein der Kirche in Deutschland mit ihren 27 Diözesen sind. Die Kirche ist in ihrem Hunger an Grundbesitz, Steuereinnahmen, Immobilien, Subventionen, Kunstreichtümern, Einnahmen aus Pacht und Zins, Beteiligungen aller Art kaum zu übertreffen. Schon Goethe erwähnte süffisant, sie habe "einen großen Magen".
Drei Jahre lang recherchierte Carsten Frerk penibel, las Haushaltspläne und Bilanzen, interviewte Finanzräte und Stiftungsverwalter, durchforstete Rechenschaftsberichte und Staatsverträge. Heraus kam ein stattliches Resultat: Den beiden großen Kirchen in Deutschland, so Frerks Fazit (2002), steht ein Gesamtvermögen von fast einer Billion Mark zu Gebote. Staatsverträge sichern der Priesterherrschaft nicht versiegende Pfründe und Einnahmequellen. Letztlich dürfen alle Steuerzahler, auch die aus der Kirche ausgetretenen, den sakralen Wohlstand mit finanzieren.
Die beiden Großkirchen sind die reichsten Unternehmer der Republik. Und das Beste: Die geistlichen Herrschaften müssen selbst nicht schuften. Satte Erträge und Zuschüsse regeln ein mehr als auskömmliches Dasein, die Gesellschaft profitiert wenig davon. Natürlich, zur klerikalen Kultur gehört ein wenig Klosterlikör, da und dort ein Paulaner oder Trappistenbier, das kommt auch dem arbeitenden Laienstand zugute. Die gern vorgebrachte fromme Schutzbehauptung jedoch, man betreibe doch karitative Einrichtungen, also Krankenhäuser, Schulen oder Obdachlosenasyle, die der Allgemeinheit nützten, ist nur die halbe Wahrheit. Alle diese Einrichtungen und eine Menge weiterer subventioniert nämlich der Staat – und damit die arbeitende Bevölkerung.
Die Forschungsgruppe Weltanschauungen recherchierte vor einigen Jahren die Kirchenquote, das ist der finanzielle Anteil, der aus Kirchengeldern in die Arbeit der kirchlichen Wohlfahrtsverbände einfließt. Die Ergebnisse lassen staunen. Caritasverband und Diakonisches Werk finanzieren ihre Arbeit zu 98 Prozent mit Staats- oder Versicherungsgeldern – die Kirchen tragen ganze 2 Prozent der Lasten. Entgegen der landläufigen Meinung erhalten die vielen kirchlichen Krankenhäuser und Altenheime von den Kirchen überhaupt keinen Zuschuss, denn die laufenden Betriebsausgaben (Personal- und Sachkosten) dieser Einrichtungen werden durch die Krankenversicherungen, die Investitionskosten durch die Länder finanziert. Bei konfessionellen Kindergärten und Kindertagesstätten liegt der finanzielle Anteil der Kirchen im Mittel gerade mal bei 10 Prozent.
Über Jahrhunderte haben es die Kirchen wie keine anderen Vereinigungen, Verbände oder Institutionen geschafft, aus Angst und Schuldgefühlen Geld zu machen. So wurde der "Altar" neben dem "Thron" zum Machtzentrum – und zur Erwerbsquelle. Müßiggang gehörte immer dazu. Würde man den gesamtgesellschaftlichen Nutzen der Kirchen endlich einmal an ihren übervollen Töpfen messen, man wäre erstaunt über das Missverhältnis. Insofern lebt und profitiert die Kirche überhaupt von einer Kultur des Wegsehens.
Die sogenannten Staatsleistungen, von denen der Klerus profitiert, sind vielfältiger Art. Sie beruhen auf unterschiedlich alten Rechtstiteln und wurden zum Teil bis in die jüngste Zeit hinein in Staatsverträgen und Konkordaten immer wieder festgeschrieben. Die Höhe der Zahlungen ist in ihrer absoluten Gänze kaum vollständig zu ermitteln. Im öffentlichen Leben spielt die kirchlich dominierte Religion unterdes weiter eine zentrale Rolle, wenn auch oft verdeckt, und in der Schule ist sie natürlich ein benotetes Unterrichtsfach.
Bemerkenswerterweise hat sich der Staat bei seiner Neugründung 1949 eine Art grundlegender Prinzipien verordnet, die u.a. vorsehen, dass Staat und Religion grundsätzlich zu trennen seien. Die Praxis allerdings zeigt, dass speziell diese Prinzipien in den meisten Fällen Absichtserklärungen geblieben sind. Von Politik und Justiz gleichermaßen wird dieser Zustand mehrheitlich als nicht zu kritisierender Zustand angesehen: Betonen doch staatliche Vertreter und Geistlichkeit bei bedeutenden Anlässen gern die sie verbindende "Wertegemeinschaft". Wie lange noch? Die Frage wirft in diesen Tagen unter dem entstandenen öffentlichen Druck nicht zuletzt die Politik auf. Ihr wurde letztlich der Vorwurf gemacht, durch eine zu lasche Kontrolle kirchlicher Angelegenheiten zum Ausmaß des Missbrauchsskandals beigetragen zu haben.
Betrachtet man die Haltung der Kirche vor dem Hintergrund ihrer satten Stellung, so verwundert man sich umso mehr über die schleichende und von der breiten Öffentlichkeit unbemerkte Inanspruchnahme alter Privilegien – samt und sonders Vorrechte, die in einem offenen Dialog wohl keine Chance mehr auf Akzeptanz hätten. Daher gehören alle substantiellen und gesellschaftlich relevanten Kosten und Leistungen der Kirchen endlich auf den Prüfstand. Vielleicht kommt man dann der Wahrheit des Sprichworts näher: "Müßiggang ist aller Laster Anfang".
Die heilige Teresa entwarf, abseits ihrer erotisch-mystischen Visionen, eine recht pragmatische Moral für den Umgang mit Vermögen: "Geld ist der Kot des Teufels, aber es ist ein wunderbarer Dünger." Eine der strukturellen Ursachen für die klerikale Kultur des Lasters könnte hier liegen – in dem Dünger, der Bequemlichkeit und Genußstreben auf so angenehme Weise fördert und sichert.
Literatur (Auswahl):
Frerk, Carsten, Finanzen und Vermögen der Kirchen, 2002
Frerk, Carsten, Caritas und Diakonie in Deutschland, 2005
Hermann, Horst, Die Kirche und unser Geld, 1990
Neuer Pfaffenspiegel, Sünden der Kirche. Das Geschäft mit dem Glauben, 1990
Schmitz Emil-Heinz, Die Kirche und das liebe Geld, 1998
- Re: Der Bruder des Papstes Ratzinger: ich ohrfeigte Knaben mit schlechtem Gewiss (13.3.2010 19:19)
- Re: Party on Earth (13.3.2010 1:50)
- Widerlich!!! (12.3.2010 10:29)
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