"Killerspiel"-Verbot in der Schweiz

13.03.2010

Die Initiatoren des Schweizer "Killerspiel"-Verbots zeigen Nähe zu Anhängern der früheren, umstrittenen Psychogruppe "Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis (VPM)"

Die Initiatoren des "Killerspiel"-Verbots in der Schweiz, das von der Rechtskommission des Schweizer Ständerats gebilligt wurde und nun dem Ständerat zur Entscheidung vorliegt, halten engen Kontakt zu einer Szene, aus der sich einst der "Verein zur Förderung der Psychologischen Menschenkenntnis" (VPM) manifestierte, den Kritiker als autoritäre und sektenartige Gruppierung bezeichneten. Und auch anderenorts mischen die Anhänger der Psycho-Ideologie in der Verbotsdiskussion um Computerspiele und andere Medien kräftig mit.

Der Berner Kantonsrat Roland Näf und seine "Vereinigung gegen mediale Gewalt (VGMG) haben mit ihrem Vorstoß, die virtuelle Pixel-Gewalt auf den Bildschirmen der Schweizer mit Hilfe realer, staatlicher Gewalt gegen Verbreiter und Spieler einschlägiger Computerspiele zu beenden, eine Reihe von Erfolgen erzielt. Zuletzt billigte Mitte Februar der Rechtsausschuss des Ständerats zwei Vorschläge gegen Computerspiele, einen für eine Jugendschutz-Regelung im Verkauf, den anderen für ein Totalverbot.

Doch wer sich die Vereinigung des Herrn Näf genauer unter die Lupe nimmt, stößt schnell auf Verbindungen zu einer Szene, die aus psychologischen Lehren einen autoritären Kult entwickelte, der sich mit rabiaten Methoden seine Struktur gab und Kritiker mundtot zu machen versuchte. Die bekannteste öffentliche Manifestation dieser Szene war von 1986 bis 2002 der "Verein zur Förderung der psychologischen Menschenkenntnis (VPM)" - und auch seit dessen formaler Auflösung ist die Szene keineswegs inaktiv.

Roland Näfs Verein und die "Lieblinge"

So findet sich unter den "bewährten Links" auf der Webseite des VGMG ein Link auf die Publikation Zeit-Fragen. Diese gilt als langjähriges Sprachrohr des VPM und seiner Anhänger; seit dessen offizieller Auflösung dient er den früheren Mitgliedern und Sympathisanten weiterhin als Kommunikationsorgan.

In Zeit-Fragen schreibt auch VGMG-Gründungsmitglied Rudolf Hänsel, seit langem als Gegner normabweichender Medien bekannt, gegen die Computer-Ballerei. Und auch der Züricher Musiklehrer und VGMG-Gründungsmitglied Peter Büttiker schimpfte in Zeit-Fragen vom 21.5.2001 gegen "Fun- und Partykult" der Züricher Technoveranstaltung "Street Parade", über Techno-Fans, die er, "abhängig gemacht von Drogen, sexueller Überhitzung und Konsumsucht", als "ferngesteuerte Marionetten" titulierte.

Ein weiterer Link des VGMG geht auf die Webseite seniora.org des in Zürich ansässigen Willy H. Wahl, der sich auch unter den Gründungsmitgliedern des VGMG findet und der nach eigenen Angaben eine "Individualpsychologische Ausbildung" nach Alfred Adler, der zentralen Figur des VPM, absolviert hat. Seine Webseite bezieht sich dann auch konkret auf Adler und reiht ihn zusammen mit dem Hobbypsychologen Friedrich Liebling, aus dessen Gruppe sich nach seinem Tod der VPM entwickelte, in die Geschichte der Psychologie ein. Welche Verehrung er Adler zumisst, zeigt sich in der Wortwahl von einer "kopernikanischen Wende", welche Adlers Tätigkeit hätte herbeiführen sollen.

Die Seite ist geprägt von konservativen und autoritären Anliegen zu Bildung, Erziehung und Medien und in dem Themenbereich weitgehend identisch mit den im VPM-Umfeld vertretenen Inhalten. Und last but not least erscheinen auch Artikel von Näf selbst in "Zeit-Fragen", wo er beispielsweise aus einem Mord in dem Ort Ried-Muotathal ein Nachahmungsdelikt von Computerspielen zu konstruieren versucht.

Der VPM berief sich im Wesentlichen auf die psychologischen Lehren des Individualpsychologen Alfred Adler und des autodidaktischen Psychologen Friedrich Liebling. Letzterer baute aus der psychologischen Lehre Adlers ein Ideologiegerüst und ein Netzwerk, aus dem später der VPM hervor ging - weshalb seine Anhänger bisweilen auch als "Lieblinge" bezeichnet werden. Stets hatte die Gruppierung auch deutliche gesellschaftliche und politische Anliegen, wobei die Anhänger teils drastische Richtungswechsel vollzogen: War sie unter Liebling noch tendenziell links-anarchistisch, so wandelte sie sich unter seiner Nachfolgerin und VPM-Gründerin Annemarie Buchholz-Kaiser einer bürgerlich-konservativen, christlich-religiösen und autoritären Ausrichtung zu.

Der Verein profilierte sich über eine repressive Drogenpolitik, sowie konservative Inhalte in der Bildungspolitik, wobei die politische Agitation gegenüber der psychologischen Ausrichtug immer bedeutsamer wurde. Die dezidiert antikommunistische Haltung und die Verbindungen zum rechtskonservativen Lager ließen vor allem in der linken Szene "Rechtsradikalismus"-Assoziationen aufkommen. Schon frühzeitig wurde von Lieblings Anhängern berichtet, dass sie Psychotherapiegespräche innerhalb der Vereinigung öffentlich führten. Durch solche allgemeine Bekanntheit und unter Umständen die Aufbewahrung von Intimitäten besteht für die Mitglieder solcher Gruppierungen eine Abhängigkeit, weil sie fürchten müssen, dass gegebenenfalls kompromittierendes Material gegen sie vorhanden ist und verwendet wird.

Dazu kam, dass die ständige Therapie beim VPM als regelmäßiger Bestandteil des Gruppenlebens galt. Der Gruppierung wurden Absolutheitsanspruch in ihren Lehren und Elitebewusstsein nachgesagt - Aussteiger und Kritiker wurden mit Prozessen überzogen. Ihre Mitglieder waren zum Großteil Akademiker und Lehrer, vor allem aus der Schweiz, aber auch aus Teilen Deutschlands und Österreichs.

2002 löste sich der VPM offiziell auf, aber seine Anhänger blieben weiter in zahlreichen Zusammenhängen aktiv. So erscheint weiterhin die besagte Publikation "Zeit-Fragen"; von VPMlern initiierte Veranstaltungen wie die jährlichen Kongresse Mut zur Ethik finden weiter statt; und immer wieder gibt es Berichte über Aktivitäten von Ex-VPMlern vor allem im Psychologie- und im Bildungsbereich. Noch 2009 gab es einen Skandal im badischen Internat Schloss Bohlingen, das von einer VPM-nahen Trägerschaft gegründet wurde und wo Schüler über einen besonders harten Alltag, rigide Kleidungsvorschriften, drakonische Strafen und ein Verbot von Liebesbeziehungen zu anderen Jugendlichen klagten. Außer dem ehemaligen VPM gibt es auch noch andere Gruppierungen, die sich auf Adler und Liebling berufen, die aber weniger autoritäre und absolute Positionen einnehmen.

Lieblingsthema: Autoritäre Medienpolitik

Es ist nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen, dass hinter der pazifistischen, Frieden und Harmonie betonenden Agitation der Szene allzu oft ein knallhart autoritäres Gesellschaftsmodell steht, das die beschriebene Harmonie mit Zwangsmaßnahmen durchzusetzen trachtet. Die repressive Medienpolitik und die weit reichenden Zensurforderungen in diesem Bereich sind jedoch ein unverkennbarer Beleg dafür, denn sie verfolgen das Ziel, die Menschen schon im vermeintlichen Vorfeld möglicher Gewalttaten zu einer Art Gedankenreinheit zu zwingen.

Die Agitation gegen fiktionale Gewalt darstellende Unterhaltungsmedien ist schon seit langem ein Hauptthema dieser Psycho-Szene, die mit der formalen Auflösung des VPM vor allem diffuser geworden ist. "Zeit-Fragen" bringt fast regelmäßig Artikel gegen "Killerspiele", die sich nicht auf die eigene Ablehnung oder auf Jugendschutz-Forderungen beschränken, sondern auf ein völliges Verbot dieser Spiele abzielen. Der Verbotsvorstoß des Roland Näf wird von der früheren VPM-Unterstützerin Eva-Maria Föllmer-Müller in Zeit-Fragen ausführlich dargestellt und gebilligt.

Noch länger zurück reicht die Geschichte des deutschen Medienpädagogen Werner Glogauer, ebenfalls ein VPM-Sympathisant, nach Aussagen anlässlich des "Alpha Comic-Prozesses" sogar im wissenschaftlichen Beirat der Psychosekte. Er wurde über lange Jahre als "Experte" durch Presse und TV gereicht, wenn es darum ging, neue und subkulturelle Medien zu verteufeln und angebliche schädliche Wirkungen vermeintlich wissenschaftlich zu belegen. Sein Agitationsspektrum reichte von den Comics und "Schundheften" über Heavy-Metal und Horrorfilme bis zu den Computerspielen. Dass seine Darstellungsmethoden als unwissenschaftlich kritisiert wurden, tat dem Bedarf nach seinen griffigen Erklärungen und seiner Popularität im Zucht- und Ordnung-Lager keinen Abbruch.

Auf der Webseite seniora.org, die in ihrer gesamtpolitischen, konservativen und autoritären Ausrichtung, zusammen mit dem Bezug auf Adler und Liebling zumindest als inhaltlich VPM-nah anzusehen ist, findet sich eine Rubrik "Gewaltprävention", in der eine große Zahl Texte, fast ausschließlich gegen "Killerspiele" und sonstige Medien mit fiktionaler Gewaltdarstellung, eingestellt ist.

Die autoritäre Medienpolitik bietet einen Ansatzpunkt, wo die Psycho-Szene rund um das Erbe von Adler, Liebling und Buchholz-Kaiser weitere Leute mit ins Boot nehmen kann. So schreibt neben Näf auch die bekannte Computerspiel-Gegnerin Elke Ostbohmk-Fischer in Zeit-Fragen, und auf dem traditionell von Szeneanhängern veranstalteten Kongress "Mut zur Ethik" fand sich 2009 unter anderem als Vortragende die emeritierte Kölner FH-Professorin Maria Mies, Hauptinitiatorin des umstrittenen Kölner Aufrufs gegen Computergewalt ("Komplizen und Profiteure des militärisch-industriell-medialen Komplexes").

Erfolg des "Killerspiel"-Verbots belohnt Sekten-Umfeld

Wie auch immer der Verbotsvorstoß in der Schweiz ausgeht, für die Anhänger des Psycho-Kults ist schon der jetzige Stand ein enormer Erfolg. Auf breiter Ebene konnten sich Personen und Institutionen aus dem organisatorischen und ideologischen Umfeld des ehemaligen VPM profilieren. Näfs VGMG rühmt sich damit, in Gefängnissen ein Verbot von Horrorfilmen und "Killerspielen" durchgesetzt zu haben.

Und wenn er und seine Gefolgschaft im nächsten Schritt die ganze Schweiz so gesehen zum Gefängnis machen, können auch die zahlreichen Unterstützer aus der Psycho-Szene um den ehemaligen VPM jubeln, dass sie wenigstens ein Stück ihrer autoritären Gesellschaftsvorstellungen umgesetzt haben. Die Intensität, mit der die Publikationen der Szene sich dem Thema widmen, zeigt, wie wichtig ihnen das Anliegen ist, damit zu gesellschaftlichem Einfluss zu kommen.

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