Raupen in der Raumstation

China will die Zukunft der Raumfahrt auch kulinarisch prägen

Die Erklärung von US-Präsident Barack Obama vom vergangenen Monat, dass das bislang verfolgte Programm für eine Rückkehr von Astronauten zum Mond zu teuer sei, hat für Verunsicherung gesorgt (Obama beendet die geplante Wiederaufnahme bemannter Mond- und Marsmissionen). Sind die Pläne für bemannte Mondmissionen und die Errichtung von Forschungsstationen damit wieder auf Eis gelegt oder sogar komplett gestrichen? Ganz so schlimm scheint es nicht zu sein. Einer Presseerklärung des Weißen Hauses zufolge geht es darum, Missionen in unsere kosmische Nachbarschaft "effektiver und erschwinglicher" zu gestalten und damit die "Grundlagen für Reisen zum Mond, zu Asteroiden und schließlich zum Mars" zu schaffen.

Obama will seine Weltraumstrategie auf einer Konferenz in Florida am 15. April näher erläutern. Es ginge darum, die US-Weltraumbehörde Nasa auf einen "dynamischeren, flexibleren und nachhaltigeren" Weg zu bringen, heißt es in der Presseerklärung. Ziele jenseits des erdnahen Orbits scheinen also vorerst nicht aufgegeben zu sein, werden aber mit vermindertem Tempo verfolgt.

Das könnte indessen darauf hinauslaufen, dass die USA auf dem Weg zum Mond überholt werden. Denn neue Weltraumnationen wie China und Indien streben nach wie vor mit Nachdruck dorthin. Indien will im Jahr 2016 seine erste bemannte Mission mit zwei Astronauten im Erdorbit durchführen. Zuvor soll die unbemannte Sonde Chandrayaan 2 einen Rover auf dem Mond absetzen. Auch den Mars haben die Inder bereits im Visier. Bis zum Jahr 2030, wenn frühestens mit bemannten Missionen zum roten Planeten gerechnet werden kann, will Indien auf Augenhöhe mit allen anderen Raumfahrtnationen agieren, sagt K. Radhakrishnan, der seit vergangenem November die indische Raumfahrtbehörde Isro leitet.

China arbeitet ebenfalls weiterhin beharrlich daran, den Weg ins All und zum Mond zu bahnen. Zwar gibt es auch hier Verzögerungen. So musste der Start des Moduls Tiangong-1, das als erster Baustein zu einer eigenen Raumstation gilt, um ein Jahr auf 2011 verschoben werden. Doch das ist bei komplexen Weltraumprojekten nichts Ungewöhnliches. Der Raketendesigner Qi Faren gab "technische Gründe" an, ohne ins Detail zu gehen. Er betonte aber auch, dass andere notwendige Forschungsarbeiten, etwa zu Lebenserhaltungssystemen, fortgesetzt würden.

Seidenraupen für die Astronauten. Bild: Laboratory of Environmental Biology and Life Support Technology an der Beihang University

Am Konzept eines Lebenserhaltungssystems, das Astronauten in Raumstationen oder Mondbasen mit Atemluft, sauberem Wasser und Nahrung versorgen kann, arbeitet der Biologe Hong Liu von der Pekinger Beihang University schon seit geraumer Zeit. Gemeinsam mit seinem Kollegen Enzhu Hu und Sergej I. Bartzew vom Institute of Biophysics in Krasnojarsk hat er den in einem solchen System stattfindenden Massenumsatz genau berechnet. In einer Studie, die jetzt in der Zeitschrift Advances in Space Research erschienen ist, schlagen die Forscher vor, nicht nur 15 Pflanzenarten anzubauen, sondern auch Seidenraupen zu züchten. Bei vergleichsweise geringem Bedarf an Fläche und Wasser wären die Raupen eine sinnvolle Ergänzung der ansonsten pflanzlichen Nahrung mit tierischen Proteinen.

Ein vollständig in sich geschlossenes Lebenserhaltungssystem sei bislang noch nicht realisiert worden, stellt die Studie fest. Auch das von Hu, Bartzew und Liu entwickelte Konzept sieht ergänzende Nahrungslieferungen von der Erde vor. Zucker, ausgelassenes Schweineschmalz, Rindfleisch, Fisch und jodiertes Salz werden die Mondbewohner vorerst nicht selbst erzeugen können. Gleichwohl gelingt es den Wissenschaftlern, den Selbstversorgungsgrad durch die Einbeziehung der Seidenraupen von 98,68 auf 99,40 Prozent zu steigern. Das heißt, nur noch 0,6 Prozent der von den Astronauten konsumierten Masse, zu der neben Nahrung auch Wasser und Atemluft zählen, müssen von außen zugeführt werden.

Ein Modell des Lebenserhaltungssystems will China "in wenigen Jahren" bauen, schreiben die Forscher. Bis Seidenraupen in Erdnusssoße auch im Weltraum serviert werden, werden wohl noch ein paar Jahre mehr erforderlich sein. Zukünftige Raumfahrer dürften aber in jedem Fall gut beraten sein, sich beizeiten mit der chinesischen Küche vertraut zu machen.

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