Hochschulstudium als Zukunftsinvestition
Das deutsche Bildungssystem ist marode, aber die Rendite scheint zu stimmen
Guido Westwelle kann aufatmen: In Deutschland lohnt sich Leistung wieder - oder immer noch. Wenigstens für die Hochschulabsolventen des angeschlagenen Bildungssystems. Zu dieser Erkenntnis kommt das Institut der deutschen Wirtschaft Köln in einer umfangreichen Studie mit dem ausufernden Titel "Bildungsrenditen in Deutschland – Einflussfaktoren, politische Optionen und volkswirtschaftliche Effekte". Demnach soll die jährliche Rendite für ein Studium mit 7,5 Prozent deutlich höher liegen als die durchschnittlichen langfristigen Kapitalmarktzinsen von rund 4 Prozent.
Wer gut ausgebildet ist, verdient in der Regel mehr als ein Geringqualifizierter. Somit machen sich Entbehrungen während der Studienzeit im späteren Berufsleben bezahlt (...)
Mit diesen wenig originellen, aber für die Zielgruppe wohl aufmunternden Worten beginnt die Kurzfassung der Studie, die unter dem ominösen Begriff "Bildungsrendite" schlicht den Prozentsatz versteht, mit dem Akademiker das Einkommen, das ihnen durch den Zeitaufwand für Abitur und Studium entgangen ist, im anschließenden Berufsleben verzinsen können. Der frühe Verzicht auf einen durchschnittlichen Jahresverdienst von 10.000 Euro wird nach den Berechnungen des Instituts mehr als ausgeglichen, denn Hochschulabsolventen verdienen schließlich knapp 11.000 Euro (netto) mehr pro Jahr als geringqualifizierte Arbeitskräfte. In der Langzeitperspektive wird dieser Unterschied noch deutlicher.
Würde der Akademiker die geringeren Einnahmen während der Ausbildung durch einen Kredit ausgleichen und die spätere Lohndifferenz für Tilgung und Ersparnis verwenden, so hätte er bei einem Zinssatz von 4 Prozent am Ende seines Erwerbslebens 456.500 Euro mehr auf dem Konto als eine Person ohne abgeschlossene Ausbildung.
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Dieser für die Akademiker erfreuliche Umstand mag letztlich auch darin begründet sein, dass Geringqualifizierte in Deutschland zu wenig verdienen, um überhaupt etwas auf dem Konto zu haben. Doch Hochschulabsolventen profitieren nicht nur in finanzieller Hinsicht. Mit dem Bildungsgrad steigt "die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen, die sportliche Betätigung, das ehrenamtliche Engagement und das Interesse an Politik - letztendlich auch die allgemeine Lebenszufriedenheit und die Gesundheit".
Und der Staat, der sich in all diesen Fällen "über hohe Steuereinnahmen von den Gutverdienenden freut", kann die Rendite noch weiter steigern, glauben die Autoren Christina Anger, Axel Plünnecke und Jörg Schmidt. Etwa durch die Senkung der durchschnittlichen Studiendauer von sechs auf fünf Jahre, die einen Anstieg der Rendite von 7,5 auf 8,6 Prozent zur Folge hätte, oder auch durch den Ausbau der Kinderbetreuung, der die Eltern nach nur einem Jahr Pause in die Lage versetzen würde, wieder eine Vollzeitstelle zu übernehmen.
Die umstrittenen Reformschritte der letzten Jahre tragen nach Einschätzung des Instituts allesamt zur Erhöhung der Bildungsrendite bei. Wenn sie nur richtig umgesetzt werden. So würde eine flächendeckende Einführung von Studiengebühren in der Höhe von 500 Euro pro Semester zwar zu einer überschaubaren Absenkung des Rendite-Prozentsatzes um 0,3 Punkte führen, der sich allerdings durch die Gesamteffekte überkompensieren ließe. Versprechen sich die Autoren von der Campusmaut doch eine Reduzierung der Abbrecherquote und eine Verkürzung der Studienzeiten durch "verbesserte Studienbedingungen und veränderte Anreizstrukturen".
Von den im Zuge der Bologna-Reform eingeführten Studiengängen Bachelor und Master, die in der aktuellen Form (nicht nur) bei den Studierenden als ineffektive Fehlkonstruktionen gelten, sollen ebenfalls positive finanzielle Wirkungen ausgehen.
Gerade bei risikoaversen Studenten kann (...) das vermehrte Angebot kürzerer Studiengänge, wie es mit der Umstellung von den Diplom- auf die Bachelor- und Masterstudiengänge erfolgt, zu einer geringeren Abbruchwahrscheinlichkeit beitragen. Bei Unsicherheit über die zukünftigen Erträge des Studiums liegen der Kapitalwert und die interne Rendite eines Bachelor-/Masterstudiums in der exemplarisch in dieser Studie vorgenommenen Beispielrechnung um 38.000 Euro beziehungsweise 2 Prozentpunkte über den Werten eines Diplomstudiengangs.
"Investieren Sie in die Bildung Ihrer Kinder - Es lohnt sich mit Sicherheit"
"Diese Zahlen zeigen eindrucksvoll: Bildung zahlt sich aus. Investitionen in Bildung machen Wohlstand möglich - für den Einzelnen und für die Gesellschaft", stellte Bildungsministerin Annette Schavan am Montag fest und ließ einen flammenden Appell an die Eltern im Lande folgen: "Investieren Sie in die Bildung Ihrer Kinder - von Anfang an und ein Leben lang. Es lohnt sich mit Sicherheit." Schavans Begeisterung war freilich absehbar, schließlich hatte ihr Ministerium die groß angelegte Studie maßgeblich gefördert.
Offenkundig zu dem Zweck, das seit Jahren postulierte Credo mit frischen Zahlen zu garnieren. Doch die Behauptung, dass durch ein noch schnelleres, auf bedingungslose Effizienz getrimmtes Studium, bessere Kinderbetreuung und schließlich durch Studiengebühren und ein von sozialen Faktoren weitgehend unabhängiges Stipendiensystem mehr Bildungsgerechtigkeit erreicht werden kann, steht noch immer so unbewiesen im Raum wie vor der Veröffentlichung des 142 Seiten starken Papiers.
Die Beobachtungen der vergangenen Jahre, aber auch viele nationale und internationale Vergleichsstudien deuten vielmehr auf das Gegenteil hin. Unabhängig davon verschiebt die Beschwörung vermeintlicher Bildungsrenditen die Schwerpunkte einer wichtigen Reformdebatte, für die mögliche finanzielle Vorteile, die Hochschulabsolventen im späteren Berufsleben zugute kommen, vergleichsweise unerheblich sind. Angesichts des bedenklichen Gesamtzustandes, in dem das deutsche Bildungssystem von Reformversprechen zu Reformversprechen geschoben wird, haben grundlegende strukturelle Fragen, die konkreten Bedingungen von Lehre und Forschung oder die Möglichkeiten, eine frühzeitige soziale Ausgrenzung zu verhindern, eine höhere Priorität.
"Mehr Bildungsgerechtigkeit für alle führt auch zu mehr Wohlstand", gab Annette Schavan am Montag zu Protokoll, ohne zu erläutern, wer da wann in welcher Höhe profitieren könnte. Auch mit dem derzeitigen, drängend aktuellen und völlig renditelosen Zustand mochte sich Ministerin nicht ausführlicher beschäftigen. Dabei liegt der Umkehrschluss auf der Hand. Wenn es keine Bildungsgerechtigkeit "für alle" gibt, führt das allenfalls zu mehr Wohlstand für wenige.
http://www.heise.de/tp/artikel/32/32270/1.html- Re: Fragen Wir doch mal so (17.3.2010 16:30)
- Re: pro motion (17.3.2010 16:27)
- Re: Polemik (17.3.2010 16:18)
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