Wie sieht "zeitgemäßer Islam" in Deutschland aus?
Frau Keleks Gespür für wunde Punkte und die Islamkonferenz
Frau Keleks Gespür für wunde Punkte und gutes Timing: Noch ist nicht klar, ob die im Koordinierungsrat der Muslime (KRM) zusammengeschlossenen Verbände an der Deutschen Islamkonferenz teilnehmen werden, die Verbände haben ihre Entscheidung auf diesen Freitag vertagt. Möglich, so wird spekuliert, dass mit dieser Entscheidung, die geplante Fortführung der Islamkonferenz ins Wasser fällt. Der Tisch wackelt jedenfalls. In der mit allerhand Mutmaßungen, Verdächtigungen und Irritationen angefüllten öffentlichen Auseinandersetzung zum Fall Islam und Islamkonferenz serviert Necla Kelek nun zwei Vorschläge, die es in sich haben.
Der erste betrifft die Vorstellung einer Islamkonferenz ohne Verbände:
Man darf sich von ihnen nicht abhängig machen, Integration und der Diskurs über einen zeitgemäßen Islam sind zu wichtig. Eigentlich müsste die Regierung dieses Landes uns Muslime vor diesen klandestinen Interessen besser schützen als bisher.
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Der zweite Vorschlag ist eine Interpretionshilfe, das wegweisende Licht zum Verständnis der klandestinen Interessen:
Die Verbände wollen "das Recht auf ihr religiöses Leben" durchsetzen. Sie meinen damit die Scharia.
Was "Scharia", Gegenstand unzähliger Auslegungen und Abhandlungen, genau bedeutet, weiß vermutlich nur eine Minorität selbst unter der bildungsnahen FAZ-Leserschaft, das beabsichtigte Signal und die dazu gehörigen Assoziationen schlagen trotzdem ein. Vorsicht, heißt das Signal, hier sind Islamisierungs-Absichten am Werk, die mit unserer Freiheit nichts zu tun haben und Richtung Anatolien und noch weiter ins Dunkle weisen, bis hin ins Talibanland, dort wo Frauen gesteinigt werden, Musik verboten ist und Fundamentalisten Gericht halten.
Konkret untermauert Kelek die Verwendung des Angstbegriffs "Scharia" damit: Was auf dem politischen Weg nicht erreicht wird, wird auf dem juristischen Weg versucht, "mit Klagen, wie sie es beim Kopftuchverbot für Lehrerinnen, beim Schächten, bei der Befreiung von Schwimmunterrricht und beim Religionsunterricht getan haben"."Sie" ist Milli Görüş.
Pars pro toto einer einheitlichen klaren Richtung der Verbände, hinter der letztlich auch die türkische Regierung steht, die europapolitisch die Stärkung der türkischen und muslimischen Organisationen auch in Deutschland will. Nicht um "Integration" geht es, so schärft Kelek den Blick, sondern um Partizipation dieser Gruppen, Türken und Muslime, an der Macht.
Diese Form der türkischen Außenpolitik geschieht laut Keleks Kenntnissen unter anderem über Diplomaten, die Führer der 800 hauptamtlichen Funktionäre beim Verband DİTİB sind und bei dessen Entscheidungen ein Wort mitzureden haben, genauso wie die Religionsbehörde Diaynet.
Personelle und finanzielle Verflechtungen
Zwischen den Islamverbänden herrschen enge personelle und finanzielle Verflechtungen, behauptet Kelek. Sie berichtet von engen familiären Beziehungen zwischen Führungspersonen von Milli Görüş und der Islamischen Gemeinde Deutschland (IGD), die im Zentralrat der Muslime (ZMD) "eine führende Rolle spielt". Zudem zählt sie historische Verbindung auf zwischen der Islamischen Gemeinde Deutschlands und den Muslimbrüdern in Ägypten auf, zwischen Erdoğan und Gül und dem Milli-Görus-Gründer Erbakan. Der Kreis schließt sich mit der weiter oben geschilderten Einflussnahme der türkischen Regierung auf den Verband DİTİB.
Mit dieser Sicht spricht Kelek zielgenau Ängste und Vorbehalte an, die in der Öffentlichkeit gegenüber den islamischen Verbänden existieren, dass sie undurchsichtige Netzwerke sind, muffige Enklaven mit Abschottungstendenzen und versteckten politischen Absichten, die nicht geheuer sind. Der "Hinterhof der Moscheen und Koranschulen" ist die Metapher dafür.
Stereotype
Gegen solche Stereotype wenden sich Vertreter der "klandestinen", verdächtigen Verbände, wie zum Beispiel Mustafa Yeneroğlu, stellvertretender Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG) in Kurz-und Langform.
Ein besonnener Blick wird erkennen, dass Moscheegemeinden nicht Teil des Problems, sondern Teil der Lösung sind und daher die wertvolle Arbeit anerkennen, mit der Moscheegemeinden in den letzten Jahrzehnten zur Partizipation der Muslime in der Gesellschaft beigetragen haben.
Für Yeneroğlu handelt es sich bei der Islamkonferenz, so wie sie das Innenministerium konzipert hat, um einen "hegemonialen Diskurs", bei dem die Rollen eindeutig verteilt sind und die Muslime in der Dauerdefensive, weil sie sich gegen Vorwürfe verteidigen müssen, die von der anderen Seite pauschal im Namen einer sich selbst als erhöht wahrnehmenden Leit-Kultur aufgestellt werden. Das führt theoretisch zum "Kulturrassismus" und im Konkreten dazu, dass immer mit zweierlei Maß gemessen werde, das keinen Blick für das "Andere" übrig lässt. Nehme man etwa die Geschlechtertrennung beim Schwimmunterrricht, die von christlichen Parteien in Bayern und Baden-Württemberg unterstützt werden, hin, "ohne dass damit der Wert der Gleichheit der Geschlechter oder gar die Verfassungskonformität hinterfragt worden wäre", so würden solche Forderungen von muslimischer Seite mit Argwohn beäugt. Sein Schluss daraus:
Beim Schwimmunterricht geht es also nicht um die Integration oder Gleichstellung von Mann und Frau, sondern um das Verlangen, muslimische Frauen dem kulturalistisch begründeten symbolischen Herrschaftsanspruch unterzuordnen.
"Herrschaftsdiskurs"
Unterordnung, Ausgrenzung und Marginalisierung der Muslime geben auf dieser Seite das Stichwort für den blinden Fleck der Debatte, deren Forum die Islamkonferenz sein soll. Gehört würden beispielsweise religiöse muslimische Frauen "nur, sofern und solange sie Frauenunterdrückung – und zwar jene durch ihre Männer, Kultur und Religion – bezeugen können. Doch provozieren sie dann Widerstand und Abwehr, wenn sie etwa als Lehrerin in den öffentlichen Dienst übernommen werden wollen und damit eine Integration beanspruchen, ohne ihre Zugehörigkeit zu einer "anderen" Religion verstecken zu wollen".
Die Positionen von Kelek und dem stellvertretenden Generalsekretär der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş sind inhaltlich nicht vereinbar. Beide Sichtweisen sind von Rhetorik geprägt, die einiges von dem ausklammert, was die Wirklichkeit an Widersprüchen liefert. Keleks Zuspitzungen finden Gegenreden, die andere Lebenserfahrungen aus muslimischen Gemeinden berichten.
Yeneroğlus Argumentation segelt mit postmodernen Vokabular über Erfahrungen in der Wirklichkeit hinweg, in der sich der "Andere" vor allem als stumm zeigt, als jemand, der sich der Kommunikation entzieht. Dass von muslimischen Verbänden, namentlich Milli Görüş, nicht mit mehr Einsatz die Öffentlichkeit gesucht wird, um sich mit den Vorwürfen, die dem Verband seit längerer Zeit gemacht werden, aktiv auseinanderzusetzen, ist ein Symptom. Auch könnte man Diskussion über Themen wie Extremismus bei jüngeren Muslimen selbst anschieben, statt nur auf einen "Herrschaftsdiskurs" zu reagieren.
Dass so viel über Hinterzimmer- und Hinterlandverbindungen gemunkelt wird, liegt an der Intransparenz der Verbände, die wenig über ihre Arbeit offenlegen und augenscheinlich wenig Absicht haben, an diesem Modus etwas zu ändern. Kein Wunder, wenn es angesichts der Verschlossenheit der Öffentlichkeit gegenüber Zweifel darüber gibt, ob muslimische Verbände den Status von "Körperschaften öffentlichen Rechts" wie Kirchen bekommen sollen. Man weiß zu wenig über sie. Möglicherweise wäre die Islamkonferenz ein Podium dafür. Kelek hat einen guten Anfang gemacht, Milli Görüş sollte sich dort auch äußern können, zu allen Vorwürfen – "Steuerhinterziehung und Betrug in Millionenhöhe" (Kelek) kommen in den besten Familien vor - und zu den Vorhaben. Thema: Wie sieht zeitgemäßer Islam in Deutschland aus?
http://www.heise.de/tp/artikel/32/32275/1.html- Re: Was ist eine "zeitgemässe" Religion? (22.3.2010 8:49)
- Schade, dass man Nazis wie dich nicht auf den Mond deportieren kann. (22.3.2010 1:35)
- Re: Zeitgemäßer Islam und der westlicher Blick "islamische Wissenschaft!?!" (20.3.2010 15:57)
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