Kein "Amazonasgate" beim IPCC

Wolfgang Pomrehn 17.03.2010

Die Energie- und Klimawochenschau: Ein orwellscher Umweltminister will die Atommüllendlagerung in Gorleben privatisieren und die "denial industry" wird immer wirrer in ihren Angriffen auf die Klimawissenschaft

Inzwischen ist vollends klar, dass das unionsinterne Gerangel um die AKW-Laufzeiten nichts anderes als ein Ablenkungsmanöver war. Umweltminister Norbert Röttgen lässt mit seinen jüngsten Ankündigungen kaum noch Zweifel, dass ihm vor allem am Wohl der Atomwirtschaft gelegen ist.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Röttgen will nach mehr als zehnjähriger Pause die Erkundung des Salzstocks in Gorleben fortsetzen und dafür weitere 1,5 Milliarden Euro locker machen. Gleichzeitig lehnt er trotz der erheblichen Bedenken bezüglich der Eignung des Salzstocks die Suche nach alternativen Standorten ab. Ganz so, als hätten sich die Endlager Morsleben und Asse II, die ebenfalls in Salzstöcken angelegt wurden, nicht zu kostspieligen Desastern entwickelt. Und während er wortreich Transparenz und Bürgerbeteiligung beschwört, wird kompetente Kritik einfach übergangen: Nach Informationen aus dem Umweltministerium soll dem Bundesamt für Strahlenschutz die Zuständigkeit für die Erkundung in Gorleben entzogen werden (Röttgen: Ein Umweltminister auf der Seite der Atomlobby?). Eventuell könnte sogar eine Privatisierung herauskommen. Zum Glück ist dafür eine Gesetzesänderung notwendig, so dass in dieser Sache noch nicht das letzte Wort gefallen sein dürfte.

Im schönsten Neusprech erwähnt der Minister in seiner Ankündigung, dass sich die Erwartungen an die anfallenden Abfallmengen geändert hätten. Er biete den Bürgerinnen und Bürgern an, "vor Ort und gemeinsam mit ihnen zu überlegen, wie dieser Prozess am sinnvollsten zu organisieren ist". Fragt sich nur, worüber diese denn mit entscheiden sollen, wenn ohnehin feststeht, dass Gorleben zum Endlager wird und wegen der Verlängerungen der Laufzeiten auch noch mit mehr hochradioaktiven Abfällen befüllt werden soll, als bisher geplant. Vielleicht über die Bepflanzung der Rabatten?

Eine Studie im Auftrag von 150 deutschen Stadtwerken hatte kürzlich, wie berichtet, nicht nur gezeigt, dass die AKW-Betreiber E.on, Vattenfall, EnBW und RWE mit 60 bis 230 Milliarden Euro zusätzlichem Gewinn rechnen können, wenn das Ausstiegsgesetz gekippt wird, sondern dass dadurch auch die Erneuerung der Infrastruktur verzögert werden würde. Den Konkurrenten der großen vier würde es erschwert, neue Kraftwerke ans Netz zu bringen.

Eines lässt sich an all dem ablesen: Die Auseinandersetzung um die künftige Energiepolitik wird in den kommenden Jahren sicherlich erheblich an Schärfe gewinnen. AKW-Gegner haben bereits angekündigt, dass sie Röttgens Pläne nicht widerstandslos hinnehmen werden. Für den 24. April ist eine Menschenkette geplant, die vom AKW-Brunsbüttel quer durch Hamburg zu Vattenfalls Pannenmeiler Krümmel führen soll. In den Tagen zuvor wird es einen Antiatomtreck von Gorleben nach Krümmel geben, und bereits am 21. März wird am AKW Neckarwestheim in Baden-Württemberg unter dem Motto "Endlich abschalten" demonstriert.

Tendenziöser Journalismus

Wenn so viel Geld im Spiel ist - und die Gewinne der deutschen Stromkonzerne sind ja im Vergleich zu dem, was sich mit Erdöl und Erdgas verdienen lässt (ExxonMobil hat zum Beispiel 2007 und 2008 je einen Gewinn von rund 45 Milliarden US-Dollar ausgewiesen), noch fast bescheiden -, wundert es eigentlich nicht, dass das Trommelfeuer auf die Klimawissenschaft, die eine möglichst zügigen Übergang zu einer CO2-freien Wirtschaft anmahnt, weiter anhält.

Jüngster Einfall tendenziöser Journalisten konservativer Blätter wie des britischen Telegraph: Der IPCC habe mit seiner Aussage Unrecht gehabt, 40 Prozent des Amazonas-Regenwaldes sei gefährdet, wenn die Niederschläge in der Region abnehmen würden. Im Bericht der IPCC-Arbeitsgruppe II (Auswirkungen, Anpassungen und Gefahren) heißt es:

Up to 40% of the Amazonian forests could react drastically to even a slight reduction in precipitation; this means that the tropical vegetation, hydrology and climate system in South America could change very rapidly to another steady state, not necessarily producing gradual changes between the current and the future situation (Rowell and Moore, 2000). It is more probable that forests will be replaced by ecosystems that have more resistance to multiple stresses caused by temperature increase, droughts and fires, such as tropical savannas.

Das könnte man, wenn man wollte, auf den östlichen Teil des Amazonasbecken beziehen, für den die Mehrzahl der Klimamodelle, aber nicht alle, vorhersagen, dass es dort in einem deutlich wärmeren globalen Klima einen Rückgang der Niederschläge geben wird. Er könnte sich also dieser Aussage zu Folge in eine Savanne verwandeln, und zwar innerhalb relativ kurzer Zeit. Der Bericht stellt an dieser Stelle diesen Zusammenhang allerdings nicht her. Passend dazu hatten allerdings 2005 US-amerikanische Forscher vom Woods Hole Research Center die Ergebnisse eines zwischen 2000 und 2004 unternommenen Feldversuch veröffentlicht, wonach schon zwei Jahre Totalausfall des Niederschlags reichen, um den Wald nachhaltig zu schädigen.

Sie hatten gemeinsam mit brasilianischen Kollegen ein kleines Waldstück überdacht und von allen Zuflüssen am Boden abgeschnitten, um zu sehen, wie die Vegetation mit der Trockenheit zurecht kommt. Im ersten Jahr ging das noch ganz gut, denn die Bäume hatten noch genug Grundwasser. Im zweiten Jahr mussten sie schon die Wurzel tiefer treiben und konnten sich noch immer leidlich versorgen, aber im dritten Jahr begannen vor allem die großen Urwaldriesen abzusterben (siehe: Der Amazonas trocknet aus).

Diese nicht 2007 im Teilbericht der Arbeitsgruppe II zitierte Arbeit bestätigt also die ältere Einschätzung von 2000. Doch die britische Sunday Times hatte schon Ende Januar im Rahmen der insbesondere in der britischen Presse betriebenen Treibjagd gegen den IPCC viel Aufhebens um das obige Zitat gemacht, das angeblich haltlos sei. Der Grund: Die angegeben Quelle ist so genannte graue Literatur, keine wissenschaftliche Publikation sondern ein Bericht der Umweltschutzorganisation WWF.

Der stützte sich allerdings auf eine Arbeit von 1999, die Daniel Nepstad in der Fachzeitschrift Nature veröffentlicht hatte. Nepstad war auch einer der Leiter des oben beschriebenen Feldversuchs. In einer Stellungnahme verteidigt er die oben wiedergegeben Einschätzung des IPCC und zitiert den Abschnitt aus dem WWF-Report, auf dem sie fußt:

Up to 40% of the Brazilian forest is extremely sensitive to small reductions in the amount of rainfall. In the 1998 dry season, some 270,000 sq. km of forest became vulnerable to fire, due to completely depleted plant-available water stored in the upper five metres of soil. A further 360,000 sq. km of forest had only 250 mm of plant-available soil water left.[Nepstad et al. 1999]

Das sei nur insofern nicht ganz richtig, als er in der Arbeit von 1999 noch einen geringeren Prozentsatz (15 Prozent) als gefährdet angesehen habe, schreibt Nespsted. Brasilianische Kollegen vom Instituto de Pesquisas Ambiental da Amazônia, mit denen Rowell und Moore ebenfalls gesprochen hatten, ohne sie jedoch korrekt zu zitieren, seien hingegen auch damals schon von "30 bis 40 Prozent" ausgegangen. Inzwischen wisse man, dass in schweren Dürren - eine besonders extreme trat 2005 auf - etwa in der Hälfte des Amazonasbeckens der Wassergehalt des Bodens sich dem kritischen Niveau nähere, unter dem Bäume anfangen abzusterben.

Neuer Anlauf

War also nichts mit "Amazonasgate" und den "ernsten Zweifeln an den Schlussfolgerungen des IPCC über den Klimawandel", die die Sunday Times ausgemacht zu haben glaubte. Aber der Telegraph hat es, wie eingangs erwähnt, vor wenigen Tagen noch einmal versucht, ermutigt wahrscheinlich durch eine ziemlich irreführende Pressemitteilung der Universität von Boston, USA. Arindam Samanta, Geologe und Umweltgeograf in Boston, hatte gemeinsam mit Kollegen Satellitendaten der Vegetation des Amazonasbeckens vom Dürrejahr 2005 und den Vorjahren ausgewertet. In ihrer kürzlich in der US-Fachzeitschrift Geophysical Research Letters veröffentlichten Arbeit kommen sie zu dem Schluss, dass eine 2007 in Science publizierte Studie falsch gewesen sein muss.

Diese hatte allerdings nicht die Katastrophe an die Wand gemalt, sondern war im Gegenteil - durch die Auswertung anderer Satellitendaten - zu der Ansicht gekommen, dass während der schweren Dürre 2005 der Amazonas ergrünt sei. Blattverlust der großen Bäume habe dazu geführt, dass sich kleinere und jüngere Pflanzen besser entfalten können, so ihre These, die auf Satellitendaten basierte, während Beobachtungen vor Ort etwas ganz anderes ergeben hatten. Wie vor ziemlich genau einem Jahr an dieser Stelle berichtet (Zeitbombe RegenwaldI), hatte ein größeres Team von Wissenschaftlern durch Messungen und Beobachtungen an diversen Orten im Amazonasbecken während der Dürrezeit festgestellt, dass die Sterblichkeit der Bäume von ein auf zwei Prozent zugenommen hatte und der Wald zeitweise zu einer Kohlendioxidquelle von beachtlichen Ausmaßen geworden war (Amazon's Carbon Sink under Threat und Drought Sensitivity of the Amazon Rainforest).

Zu diesen Untersuchungen passen die nun von Samanta und Kollegen veröffentlichten Beobachtungen auch viel besser, als das ominöse Ergrünen, das ihre Vorgänger in den Satellitendaten gefunden haben wollten. Diese Ergebnisse, das "Ergrünen", seien mit den Daten nicht reproduzierbar. Sie hätten stattdessen gefunden, dass in 2005 während der großen Trockenheit "etwa 11 bis 12 Prozent der von der Dürre betroffenen Wälder grüner geworden sind, 28 bis 29 Prozent Bräunung oder keine Veränderungen zeigen und für den Rest die Daten keine eindeutigen Aussagen zulassen." Die Veränderungen seien außerdem nicht einzigartig und würden auch in Nicht-Dürrejahren beobachtet. Und:

There was no co-relation between drought severity and greenness changes, which is contrary to the idea of drought-induced greening. Thus, we conclude that Amazon forests did not green-up during the 2005 drought.

Wie daraus der "Gegenbeweis zu Behauptungen des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) (wird), dass bis zu 40 Prozent Amazonas-Regenwaldes drastisch auf selbst kleine Reduktionen im Niederschlag reagieren könnte", bleibt das Geheimnis des Telegraph. Der Verdacht liegt mehr als nahe, dass es nicht mehr darum geht, die Leser zu informieren, sondern zu manipulieren.

http://www.heise.de/tp/artikel/32/32277/1.html
Kommentare lesen (124 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS