Goodbye, EMI!

Peter Mühlbauer 18.03.2010

Der Musikriese soll filetiert werden

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In gewisser Weise war EMI die Avantgarde der Musikindustrie: Man hasste und verachtete die Firma schon, als die Branche ihre Kundschaft noch gar nicht kriminalisierte und über Abmahnungen und Klagen schröpfte. Dafür verantwortlich war ein Stück eines eigenen Geschöpfs der Firma: Im Oktober 1976 ließ der spätsituationistische Designbudenbesitzer Malcom McLaren die Protagonisten seines Kunstprojekts The Sex Pistols einen Zweijahresvertrag bei der damals weltgrößten Plattenfirma unterschreiben und 40.000 Pfund Vorschuss kassieren - zu dieser Zeit eine stattliche Summe. Im Dezember sprangen sie auf Geheiß des Unternehmens in einer Fernsehtalkshow als Ersatz für Queen ein und lieferten sich ein Fäkalwortgefecht mit dem Moderator Bill Grundy, über das man heute nur müde gähnen würde, das aber damals nicht nur die Titelblätter der Boulevardzeitungen füllte, sondern auch zur Folge hatte, dass die Firma, den Vertrag am 6. Januar 1977 löste und die Band nach nur einer veröffentlichten Single samt verjubeltem Vorschuss freigab.

Dazu bei trug offenbar nicht nur eine Weigerung der Verpackungsarbeiterinnen, Sex-Pistols-Platten anzufassen, sondern auch auch ein Brief des Tory-Abgeordneten Robert Adley, der dem damaligen EMI-Manager Sir John Read geschrieben hatte:

Surely a group of your size and reputation could forgo the doubtful privilege of sponsoring trash like the Sex Pistols.

Dass der Coup von McLaren geplant war, ist zwar eher unwahrscheinlich - aber trotzdem schrieben die Sex Pistols, die kurz darauf beim Konkurrenten A&M unterkamen, einen vor Häme strotzenden Song über ihre Ex-Firma, dessen Text mit Sätzen wie "There's unlimited supply - and there is no reason why" oder "I can't stand those useless fools" ab Ende der 1990er fast prophetisch klang: Warum sollte es noch eine EMI geben, wenn Musiker und Musikhörer den Vertrieb durch die technischen Entwicklungen auch alleine erledigen konnten?

Nun soll der in Zahlungsschwierigkeiten geratene Konzern, der sich damals über die Konsumentenwünsche hinwegsetzte, Medienberichten zufolge zerschlagen werden. Angeblich verhandelten zwei Interessenten in den letzen Monaten bereits eifrig über die Aufteilungsmodalitäten der EMI Group Limited, zu der das Tonträgerunternehmen EMI Music mit einer Vielzahl von Labels und der Musikverlag EMI Music Publishing gehören.

Das Tonträgergeschäft will offenbar der Warner-Konzern übernehmen. Er arbeitet bereits jetzt eng mit EMI zusammen. In den Nuller Jahren machten sich die beiden Konzerne gegenseitig Übernahmeangebote, die sie jedoch in Erwartung negativer kartellrechtlicher Entscheidungen immer wieder zu den Akten legten.

Seitdem verlor EMI unter anderem deshalb stark an Wert, weil der Konzern 2007 vom Private-Equity-Fonds Terra Firma gekauft wurde. In bewährter Heuschreckenmethode hatte sich Terra Firma den Kaufpreis in Höhe von etwa vier Milliarden Pfund zu drei Vierteln von der Citigroup geliehen und diese Schulden nach dem Geschäft der gekauften Firma aufgebürdet. Um sie zurückzuzahlen, fuhr EMI daraufhin ein Sparprogramm, in dessen Rahmen auch die Ausgabenposten für "Früchte und Blumen" gestrichen wurden, die nach Informationen der Berliner Zeitung für "Koks und Nutten" standen. Beim Musikkonzern fand sich niemand, der zu den Vorwürfen Stellung nehmen wollte. In jedem Fall führten die Umbauten aber dazu, dass viele "Künstler" die EMI-Labels verließen und sich teilweise anderen Vertriebswegen wie etwa Starbucks zuwandten, was die Geschäftszahlen nicht verbesserte, sondern verschlechterte. Anfang Februar 2010 meldete EMI für das Geschäftsjahr bis zum März 2009 einen Nettoverlust von 1,8 Milliarden Euro.

Der nach dem selbst verschuldeten Aderlass potenziell profitablere Unternehmensteil der EMI Group, das Musikverlagsarchiv, das unter anderem Rechte an ständig gespielten Stücken wie "Santa Claus is Coming to Town" enthält, soll den Berichten nach an die Firma BMG Rights Management gehen - eine Tochter des Bertelsmannkonzerns und des Finanzinvestors KKR. Die gemeinsame Firma, die Rechte nur noch hält und durchsetzt, aber nichts mehr produziert, entstand, nachdem Bertelsmann 2008 seinen Anteil am Tonträgergeschäft von Sony BMG abstieß, aber Teile des Musikkatalogs behielt, der nun mit dem EMI-Katalog zusammengelegt werden könnte.

Die Londoner Times zitierte Banker, die den Wert dieses Teils der Quasi-Konkursmasse auf 1,3 Milliarden Euro schätzen. Der ProSieben.Sat.1-Eigner KKR will dem Manager Magazin nach aber nur knapp 150 Millionen Euro aufbringen. Etwa 200 bis 350 Millionen Euro sollen von Banken kommen. Um diese Kaufpreisgrundlage dem geschätzten Wert anzunähern zu können, plant der Bertelsmannkonzern dem Bericht nach, bei seinen anderen Geschäften wesentlich mehr Geld als bisher vorgesehen einzusparen.

http://www.heise.de/tp/artikel/32/32281/1.html
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