Die nuklearen Versuchskaninchen

21.03.2010

In der Wüste, da ist doch niemand? Frankreichs Atomtests in Algerien

Im Rahmen der französischen Nuklearversuche in der algerischen Sahara vor ziemlich genau 50 Jahren wurden Berufene mitten ins Herz einer Atomexplosion geschickt. Um, wie es so schön hieß, die physiologischen und psychologischen Effekte einer "nuklearen Umgebung" auf die Kampfmoral der Truppen zu ergründen. Und, ach ja, da waren doch auch noch ein paar Wüstenbewohner, oder?

Etwas krank oder etwas tot sind sie jetzt jedenfalls fast alle. Ob nun die Einheimischen oder die berufenen Versuchskaninchen, die bereits 20 Minuten nach der Kernexplosion zu Fuß Kampfübungen simulierend bis auf 650 Meter zum "point zéro", also dem Herz der Detonation, vorrücken mussten. Dieser "point zéro" ist übrigens 65 Kilometer vom Städtchen Reggane entfernt, einer noch immer bewohnten Oase - von 2.000 Einwohnern um genau zu sein.

Die französischen Atomtests in der algerischen Wüste sollen ca. 30.000 Opfer hinterlassen haben. Kein Wunder, hatten doch die atmosphärischen Tests die Sprengkraft von 3 bis 4 Hiroshimabomben, wie der Verband der Veteranen der nuklearen Versuche, AVEN, betont. Diese atmosphärischen Versuche fanden von Februar 1960 bis April 1961 statt. Also mitten im Kalten Krieg - und da wollte die Grande Nation eben um jeden Preis der Welt ihre brandneuen nuklearen Muskeln vorführen. Seht alle her, wir haben jetzt auch die Bombe!

Insgesamt 17 Atomversuche musste Algerien, das noch bis 1962 eine französische Kolonie war, über sich ergehen lassen. 4 davon waren atmosphärisch, die anderen 13 wurden unterirdisch ausgeführt. Der ganze nukleare Zirkus in der Sahara ging noch bis Februar 1966 vor sich. Also noch nach der algerischen Unabhängigkeit. Die Franzosen hatten im Gegenzug zur algerischen Unabhängigkeit u.a. das Recht erhalten, 5 Jahre länger zu bleiben, um weiterhin ihre "force de frappe", wie Präsident de Gaulle sie wünschte, entwickeln zu können.

Die Plutoniumbomben, die in der Wüste getestet wurden, und deren Strahlung eine Lebensdauer von 24.000 Jahren beträgt, wie der Präsident von AVEN, Michel Verger, betont, wurden mittels sogenannter "kalter Explosionen" getestet. Einem Test, der ohne nukleare Reaktion abläuft, aber dennoch in der Luft radioaktive Rückstände hinterlässt, wie M. Verger gegenüber Telepolis erklärt:

Für die Soldaten, die beim Versuch namens "Gerboise Verte" bewusst als Versuchskaninchen eingesetzt wurden, waren die Manöver knapp nach einer Nuklearexplosion natürlich, gelinde gesagt, riskant.

Eine Stunde lang taktische Manöver in der hoch radioaktiven Umgebung

291 Infanteristen und Panzerfahrer mussten eine Stunde lang taktische Manöver in dieser hoch radioaktiven Umgebung vollziehen, um die Widerstandsfähigkeit der Männer und des militärischen Materials zu ergründen, wie das politische Magazin "Le Point" zu berichten weiß.

Allerdings sollte man nicht vermeinen, dass die darauffolgenden unterirdischen Tests weniger zerstörerisch gewesen wären, wie der Veteran von AVEN ausführt:

Mehrere Hunderte Hektar Land wurden dabei radioaktiv kontaminiert, weil viele dieser Tests nicht wirklich sauber verlaufen sind. Man findet dort heute noch an der Oberfläche im zur Lava verschmolzenem Sand, eine deutlich erhöhte Radioaktivität.

Michel Verger

Monsieur Verger konnte selbst erst letzten Februar feststellen, wie der im Sand abgestellte Geigerzähler bis zu seinem Maximum anschlug. 50 Jahre danach ist die Strahlung noch immer so stark, dass sie vom Geigerzähler nicht mehr erfasst werden kann!

Verteidigungsminister Hervé Morin: Niedrige Strahlendosis!

Was das Wohlergehen der berufenen Soldaten angeht, die als Versuchskaninchen herhalten mussten, so braucht man sich laut dem Verteidigungsminister Hervé Morin keine Sorgen zu machen, denn sie seien während ihres einstündigen Manövers bloß einer niedrigen Strahlendosis ausgesetzt gewesen. Derselbe Hervé Morin hatte letztes Jahr ein Gesetz (Die Verstrahlten der Republik) geschaffen, das die militärischen wie zivilen Opfer der Atomversuche anerkennen und entschädigen wollte. Samt der algerischen wie polynesischen Einheimischen, bei denen die nuklearen Tests nach Algerien weitergegangen waren. Allerdings soll das Gesetz einiges zu wünschen übrig lassen.

So anerkennt Frankreich viel weniger Krankheiten als strahlenverursacht an, also wert einer finanziellen Entschädigung, als z.B. Großbritannien oder die Vereinigten Staaten. Viele verstrahlte Algerier und deren Nachkommen, die oftmals ebenfalls erkrankt sind, beklagen nun, dass sie vom komplexen Entschädigungsgesetz nicht als Opfer anerkannt werden. Weil sie die Bewohner einer ehemaligen französischen Kolonie sind? Nicht nur, denn auch den französischen Veteranen ergeht es oftmals nicht viel besser.

Kolonialpolitik und Verbrechen: Gras über die Sache wachsen lassen

Als Frankreich 2005 ein Gesetz schaffen wollte, das die Aufmerksamkeit auf die angebliche auch "positive Rolle " der Kolonisierung lenken wollte, hatte das Algerien und andere ehemaligen französischen Kolonien erwartungsgemäß nicht sonderlich gemundet. Präsident Chirac musste daraufhin das Gesetz zurückziehen. 5 Jahre danach haben 125 algerische Abgeordnete der regierenden Mehrheit einen Gesetzesvorschlag eingebracht, der Frankreich dazu veranlassen soll, die Verbrechen, die während der Kolonisierung begangen wurden, wie z.B. Folter, Massaker, Deportationen und die Atomversuche, auch als solche anzuerkennen: "Wir verlangen keine Sühne von Frankreich. Der Algerienkrieg hat proportional gesehen mehr Tote in Algerien gefordert, als der Krieg von 1914-1918 in Frankreich", wie die Politologin und Philosophin Seloua Luste Boulbina erklärt.

Ein Krieg, der lange keiner war, denn wurde doch jahrzehntelang verschämt von "Vorkommnissen", "les événements", gesprochen, wenn in Frankreich die Sprache auf den Algerienkrieg kam. Erst 1999 wurde von den Abgeordneten offiziell anerkannt, dass es sich sehr wohl um einen Krieg gehandelt hatte, und nicht bloß um "événements".

Wird dieses algerische Gesetzesprojekt tatsächlich umgesetzt, sollen die Verantwortlichen kolonialer Verbrechen vor ein algerisches oder internationales Tribunal gestellt werden. Der französische Minister für die "Immigration und nationale Identität" Eric Besson, ehemaliger Sozialist sei an dieser Stelle vermerkt, qualifiziert dieses Gesetzesprojekt der Ex-Kolonie als "zu sensibel", um darüber zu sprechen. Außenminister Bernard Kouchner hofft offenbar, dass mit der Zeit Gras über die Sache wächst:

Die Generation der algerischen Unabhängigkeit ist noch an der Macht. Nach ihr wird es vielleicht einfacher werden.

Eine Bemerkung, die bei den Algeriern nicht wirklich gut angekommen ist. Der Elyséepalast musste daraufhin zwei diplomatische Berater Sarkozys nach Algerien entsenden, um zu versuchen, die Lage zu entschärfen.

Währenddessen besteht der algerische Professor Ammar Mansouri vom Zentrum für nukleare Forschung darauf, dass Frankreich endlich alles über die Atomversuche zwischen 1960 und 1968 im Süden seines Landes preisgibt. Denn die Radioaktivität in diesem Areal sei laut dem Professor noch 22 Mal über dem Normalwert, und ein Teil der lokalen Bevölkerung leide an körperlichen Missbildungen, Krebs und anderen vermutlich durch die Strahlung verursachten Krankheiten. Viele Algerier verlangen von Frankreich, dass die verstrahlte Zone dekontaminiert wird, und natürlich auch die vielzitierte Entschädigung.

In der Wüste, da ist doch niemand?

Die französischen Autoritäten gingen bei den Vorbereitungen ihrer Atomversuche offenbar davon aus, dass die Sahara unbewohnt sei. Außer von Skorpionen und anderen niedlichen Tierchen. Doch lauscht man den Aussagen eines algerischen Lehrers auf dem engagierten Online-Medium "Bakchich" so sieht die Sache gleich ein wenig anders aus: Der Mann, der im Jahr 2000 einen Verein zur Anerkennung der französischen nuklearen Aktivitäten und vor allem deren Folgen gegründet hat, erklärt, dass eine breite Zone, rund um die Oase von Reggane, unweit vom "point zéro" also, von 20.000 Menschen bewohnt war und noch ist. Der Mann sieht die französischen Atomversuche in der Wüste als "Verbrechen gegen die Menschheit" an.

Die algerische Tageszeitung Elwatan spricht von 40.000 Menschen, die von 1960-1966 radioaktiver Strahlung ausgesetzt waren. 10.000 Arbeiter waren auf der nuklearen Basis beschäftigt. 6.500 Franzosen und 3.500 Algerier, die zur Mitarbeit gezwungen worden waren, wie die Zeitung ausführt. Viele dieser Arbeiter sind heute tot. Und deren Familien ebenfalls, falls sie sich in der Nähe der Explosion aufgehalten hatten. In den 1960er Jahren wussten die Einheimischen natürlich nicht, was bei ihnen gerade vor sich ging. Ein leiser Verdacht kam bei den Arbeitern und Einheimischen auf, als die französischen Militärs begannen, seltsame Anweisungen zu erteilen: Vor der Explosion hatten die Franzosen die Einheimischen darum gebeten, ihre Häuser zu verlassen, da diese zusammenstürzen könnten, und man hatte sie angewiesen, sich bäuchlings mit den Armen vor den Augen am Boden auszustrecken.

Dann sei ein der Sonne gleiches grelles Licht erschienen, berichtet ein Zeuge der algerischen Zeitung. Eine Viertel Stunde darauf kam ein ohrenbetäubender Lärm auf und anschließend die Druckwelle, die sich wie ein Erdbeben ausbreitete. Die Folgen waren dramatisch: Frauen verloren ihre Kinder, Ziegen und Dromedare erkrankten und starben. Auf den Palmen wachsen keine Datteln mehr und das Gemüse muss man nun aus dem Norden kommen lassen. Nicht einmal Moskitos gibt es mehr. Einer der positiven Effekte der radioaktiven Kolonisierung?

Jahrelanges Schweigen in Algerien

In Algerien selbst wurde jahrzehntelang ebenfalls wenig oder gar nicht von den Nuklearversuchen gesprochen. Man hatte sogar die hoch verstrahlten ehemaligen französischen Kasernen als Gefangenenhäuser weiterverwendet. Mit den Folgen, die man sich denken kann. Wirklich offiziell wurden die französischen Atombombentests erst 1996, nachdem die Medien spät, aber doch begonnen hatten, von den Versuchen zu berichten.

Die Bombe scheint auf beiden Seiten des Mittelmeeres den politischen Verantwortlichen die Sprache verschlagen zu haben. Oder viel eher die gegenseitigen finanziellen Interessen? Aber was soll’s, es sind ja wieder einmal bloß "Vorkommnisse". Die Abschlusssequenz möchte ich den verstrahlten Veteranen von AVEN überlassen. Vive la France, vive la bombe!

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