Das Ende der Kampfpiloten

Roboter auf dem Weg zur Lufthoheit: Deutsche Luftwaffe nimmt ihr erstes unbemanntes Flugsystem in Betrieb

Bei der Landung kam es zu einem Missgeschick: Die Heron-1 hatte bereits sicher auf dem Flugplatz Masar-e-Scharif aufgesetzt und war auf dem Weg zur Abstellposition, als sie mit einem anderen Flugzeug kollidierte. An beiden Geräten entstand Sachschaden. Ansonsten sei der erste Einsatz ihres ersten unbemannten Aufklärers "erfolgreich" verlaufen, meldet die Deutsche Luftwaffe .

Im Verteidigungsministerium hätte man sich aber gewiss einen eleganteren Start in das neue Zeitalter des unbemannten Fliegens gewünscht. Schließlich war es schon im Zusammenhang der Entscheidung für das israelische System zu Turbulenzen gekommen.

Die Rüstungsfachleute bei der Luftwaffe hatten eigentlich die MQ-9 Reaper der US-Firma General Atomics favorisiert. Dass es dann doch die Heron-1 von Israeli Aerospace Industries (IAI) wurde, hat weniger mit technischen Vorzügen des Systems zu tun als mit Machtkämpfen im Haushaltsausschuss, bei denen sich laut Handelsblatt der Hamburger SPD-Abgeordnete Johannes Kahrs besonders hervorgetan haben soll. Strategische Überlegungen spielen wohl ebenfalls eine Rolle: Letztlich wünscht sich die Politik eine europäische Eigenentwicklung. Die Europäer hinken aber der Konkurrenz aus USA und Israel um etliche Jahre hinterher. Heron-1 wird denn auch nicht gekauft, sondern über den deutschen Konzern Rheinmetall geleast, um die Zeit bis zur Einsatzreife des europäischen Systems zu überbrücken.

Manch einem mögen die US-Drohnen vielleicht auch gerade zu sehr im Rampenlicht stehen. Praktisch jede Woche werden tödliche Angriffe mit Raketen gemeldet, abgefeuert von Reaper-Drohnen oder dem Vorgängermodell Predator. Insbesondere in der pakistanischen Bergregion Wasiristan im Grenzgebiet zu Afghanistan scheint sich der US-Geheimdienst CIA stark auf die in 8 bis 15 Kilometer Höhe kreisenden Roboterraubvögel zu stützen.

Von der US Air Force werden die Predators bereits seit Mitte der neunziger Jahre eingesetzt. Damals flogen sie zunächst noch unbewaffnet über dem Balkan ihre Aufklärungsmissionen. Zu ihren Aufgaben gehörte die Übermittlung genauer Zielkoordinaten für die Artillerie oder Luftangriffe. Für Angriffe auf bewegliche Ziele mussten die unbemannten Flugzeuge aber selbst Raketen abschießen können. Das wurde im Februar 2001 auf der Nellis Air Force Base in Nevada erstmals erfolgreich getestet und bald darauf auch im Ernstfall eingesetzt: Am 7. Februar 2002 beschoss eine Predator-Drohne einen Autokonvoi in Afghanistan (Ferngesteuerte Waffensysteme senken die Angriffsschwelle), am 3. November 2002 griff die CIA mit einer Predator ein Auto im Jemen an und tötete die Insassen (Lizenz zum Töten auf dem globalen Schlachtfeld).

Die Predator- und Reaper-Drohnen gelten nicht als Kampfflugzeuge, sondern als bewaffnete Aufklärer. Wer über die Anschaffung von unbemannten Flugsystemen nachdenkt, fragt auch nicht als Erstes nach der Feuerkraft, sondern nach der Stehzeit, also der Zeit, die das Flugzeug ununterbrochen in der Luft bleiben kann. Sie beträgt bei den Predators je nach Beladung bis zu 40 Stunden, der Ausdauer der Heron-1 durchaus vergleichbar. Mit ihren Kameras und Radarsensoren ermöglichen die fliegenden Roboter den Streitkräften dadurch eine lückenlose Überwachung aus der Luft.

Dabei geht es nicht nur um Zielaufklärung und die Vorbereitung von Angriffen, sondern auch um den Schutz der eigenen Bodentruppen. So kann das Radar am Boden Details in der Größenordnung von zehn Zentimetern erkennen. Damit lassen sich Veränderungen in der Bodenstruktur feststellen, die auf versteckte Sprengfallen hindeuten können.

Bei Luftkämpfen kommt die Fernsteuerung an ihre Grenzen

Eine immer stärkere Bewaffnung der Flugroboter wird gleichwohl unausweichlich sein. Unbemannte Kampfflugzeuge nehmen in den Entwicklungsabteilungen der Rüstungs- und Luftfahrtkonzerne bereits Gestalt an. Die französische Firma Dassault etwa entwickelt im Auftrag von Frankreich, Griechenland, Italien, Spanien, Schweden und der Schweiz den fliegenden Roboterkrieger Neuron. Er verfügt über Tarnkappentechnologie, die die Entdeckung durch Radar und Infrarotsensoren erschwert, und kann eine Geschwindigkeit von Mach 0,7 bis 0,8 (Mach 1,0 = Schallgeschwindigkeit) erreichen. Seine Bewaffnung soll aus zwei lasergesteuerten 250-kg-Bomben bestehen, die im Innern des Flugzeugs montiert werden. Gesteuert werden kann Neuron sowohl von Bodenstationen als auch von bemannten Kampfflugzeugen aus. Der Erstflug ist für 2011 vorgesehen.

Aufgabe solcher unbemannten Kampfflugzeuge wird zunächst die Bekämpfung der gegnerischen Flugabwehr sein. Auch elektronische Attacken stehen auf der Wunschliste der Militärplaner weit oben. Eines Tages sollen die Roboter aber auch in der Lage sein, andere Flugzeuge zu bekämpfen.

Gegenüber bemannten Kampfflugzeugen hätten sie dabei den Vorteil, bei ihren Flugmanövern keine Rücksicht auf die Belastungsgrenzen des menschlichen Körpers nehmen zu müssen. Mit hoher Geschwindigkeit können sie enge Kurven fliegen, bei denen ein Pilot an Bord aufgrund der hohen Beschleunigungskräfte ohnmächtig werden würde. Es ist daher absehbar, dass die Roboter langfristig den Luftraum für sich erobern werden.

Das passiert allerdings nicht morgen oder übermorgen. Eine aktuelle Studie des US-Verteidigungsministeriums erwartet die Finanzierung der Erforschung luftkampffähiger unbemannter Flugsysteme nicht vor 2025, ihre Einsatzbereitschaft ab 2033. Es könnte auch noch länger dauern, denn auf dem Weg dorthin müssen die Roboterkrieger noch erheblich an Intelligenz zulegen: Bei Luftkämpfen kommt die Fernsteuerung an ihre Grenzen. Eine Satellitenverbindung mit zwei Sekunden Signallaufzeit ist zu träge, um die in solchen Situationen notwendigen raschen Entscheidungen durch einen weit entfernten menschlichen Piloten treffen zu lassen. Das müssen die fliegenden Kampfroboter selber können.

Die Heron-1 mag von solchen Visionen autonomer Kampfmaschinen noch weit entfernt scheinen. Aber mit ihrer Indienstnahme hat die Luftwaffe den ersten Schritt in diese Richtung getan. Dass dabei offenbar jemand ins Stolpern kam, lässt sich durchaus als gutes Zeichen deuten.

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