Der Boom der urbanen Korridore

23.03.2010

Nach dem neuen UN-HABITAT-Bericht wachsen die Slums weiter, während die Mega- und Metacities urbane Megaregionen bilden

Mittlerweile lebt mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten. Doch von den 3,5 Milliarden Menschen, die dort leben, hausen fast 830 Millionen in Slums, fast 55 Millionen mehr als im Jahr 2000.

Trotzdem hätte es womöglich noch schlimmer kommen können. Anna Tibaijuka, die Direktorin des UN Human Settlements Programme (UN-HABITAT), weist bei der Vorstellung des alle zwei Jahre erscheinenden Berichts State of the World's Cities 2010/2011 darauf hin, dass nach Schätzungen im vergangenen Jahrzehnt 227 Millionen Menschen den Slums entkommen seien, meist durch Sanierung der Wohngebiete. Das sei zwar mehr, als man zur Erreichung der Millenniumsziele beschlossen hatte, aber die Entwicklung sei sehr unterschiedlich erfolgt und lasse sich auch nicht als zufriedenstellend begreifen. Würde nicht entschlossen gehandelt, steige die Slumbevölkerung weltweit in jedem Jahr um weitere 6 Millionen an, 2020 würden dann 900 Millionen in Slums leben müssen.

Informelle Siedlung in Ibbagwatte. Bild: UN-HABITAT

Zurückdrängen konnten die Schwellenländer in Asien (vor allem in China und Indien) und Lateinamerika den "Planet der Slums", in Afrika erzielten die besten Erfolge Marokko, Tunesien und Ägypten, am schlimmsten geht es den Menschen südlich der Sahara, wo fast 200 Millionen Menschen in Slums leben, 61,7 Prozent aller Stadtbewohner. 14 Millionen Menschen ziehen südlich der Sahara jedes Jahr in die Städte, 70 Prozent landen in Slums, aus denen nur 2 Prozent wieder entkommen können. In Südasien leben 190 Millionen (35% der Stadtbevölkerung) in Slums, in Ostasien 189 Millionen (28,2%), in Lateinamerika und der Karibik 110 Millionen (23,5%).

In den Städten werden die Reicher reicher, so eine Umfrage unter Stadtbewohnern in Asien, Afrika und Lateinamerika. Am meisten profitieren würden die Politiker und Bürokraten, sagen die Menschen. Als Hauptgrund wird Korruption angegeben. Die Folge der Vorherrschaft von Interessengruppen sind fehlende öffentliche Räume, deren Aneignung durch die jeweils mächtigen Gruppen oder die Vertreibung von ärmeren Bevölkerungsschichten aus Gebieten, die für die Erschließung interessant werden. Oft fehle es in den Entwicklungsländern auch an der institutionellen Stärke, an Geld oder Personal, um Stadtentwicklungsprojekte durchzusetzen.

Slum in Nairobi. Bild: UN-HABITAT

Große Ungleichheit in den Städten

Der Gini-Koeffizient, mit dem die Ungleichheit der Einkommensverteilung gemessen wird, ist mit 0,6 und mehr für die Städte in Afrika besonders hoch. Aber auch für die Städte in vielen lateinamerikanischen Ländern wie Argentinien, Brasilien oder Kolumbien liegt er mit über 0,5 neben den Städten in Nigeria, Kenia oder Sri Lanka sehr hoch. China wird wie etwa Polen, Georgien oder Tadschikistan mit 0,3-0,399 eine relativ geringe Ungleichheit bescheinigt. Eine niedrige Ungleichheit weisen Bulgarien, Rumänien, Ungarn, der Kosovo, Serbien oder Kasachstan auf. Das sagt allerdings nicht unbedingt aus, dass es den Menschen gut geht, sondern oft nur, dass die Masse der Menschen relativ arm ist.

Mit dem Blick auf einzelne Städte hebt der Bericht Buffalo City (Ost-London) und Johannesburg sowie Ekurhuleni in der Region East Rand, Südafrike, mit einem Gini-Koeffizienten von 0,71 als extrem ungleich heraus. Die brailianischen Städte Goiana, Fortaleza, Belo Horizonte und Brasilia folgen mit Gini-Werten über 0,6. Hohe Ungleichheit mit einem Wert von über 0,5 haben etwa noch Bogota, Barranquilla und Cali (Kolumbien), Lagos (Nigeria), Chiangmai und Udonthani (Thailand). Ein bisschen geringer ist die Situation in Catamarca und Buenos Aires (Argentinien), Santiago und Chillan (Chile) und in Quito (Ecuador). Eine weltweit besonders geringe Einkommensungleichheit liegt in Chittagong mit 0,29 und Dhakar mit 0,31 vor, aber dies, wie gesagt, nur deswegen, weil die beiden Städte in Bangladesch besonders arm sind. Aber es gibt auch andere Beispiele wie Peking, die 2003 den weltweit niedrigsten Gini-Wert von 0,22 hatte.

Städte sind die Wirtschaftsmotoren

Städte dominieren die Wirtschaft. Die 25 Top-Städte erzeugten 2005 alleine 15 Prozent des weltweiten BIP, einzelne Städte wie Seoul, Brüssel oder Budapest fast die Hälfte des BIP ihres Landes. Tokio oder New York haben etwa das BIP von Kanada oder Spanien.

Der Bericht geht davon aus, dass die Zahl und Größe nicht nur der Mega- und Metacities, sondern urbanen Korridore oder Megaregionen weiter zunehmen werden. Hier würden die neuen regionalen Wachstumsmaschinen entstehen, die aber auch für neue Ungleichgewichte sorgen werden. Als Beispiele werden die Megaregion Hongkong-Shenzen-Guangzhou mit 120 Millionen Bewohnern, die Region Osaka-Kyoto-Kobe, in der bald 600 Millionen Menschen leben werden, oder der Korridor von São Paulo bis Rio de Janeiro mit 43 Millionen Bewohnern.

In den 40 größten Megaregionen leben 18 Prozent der Weltbevölkerung, aber sie stellen 66 Prozent der Wirtschaftsleistung und erzeugen 85 Prozent der technischen und wissenschaftlichen Innovationen. Zwar würde sich in diesen urbanen Regionen die Wirtschaftskraft eines Landes verdichten und vergrößern, aber die Konzentration auf eine Megaregion (urban primacy) könne für das gesamte Land auch Probleme mit sich, weil diese sich vom Rest des Landes ablöst und sich dichter mit anderen urbanen Regionen vernetzt.

Neue urbane Korridore werden sich beispielsweise über 1.600 km zwischen Mumbai und Delhi erstrecken oder in Südostasien von Peking bis Tokio über Pjöngjang (Nordkorea) und Seoul (Südkorea). Hier leben 97 Millionen Menschen, der Korridor, so der Bericht, verbinde 77 Städte mit mehr als 200.000 Einwohnern und verschmelze vier Großstädte in vier Ländern zu einer einzigen Megalopolis.

Zu den Problemen kommt das weiter voranschreitende Sprawling, also das räumliche Wachstum der Städte und die damit einhergehende Versiegelung der Böden sowie die Zerstörung von Land. In vielen Städten wachse die von der Bebauung bedeckte Fläche schneller als die Bevölkerung, da Slums und informelle Siedlungen, aber auch die Vororte der Reichen und der Mittelschicht sich unkontrolöliert ausbreiten. Sprawling weise auf eine Teilung der Stadt in reiche und arme Gegenden hin, "Sprawl ist das Symptom einer geteilten Stadt", konstatiert der Bericht. Zudem werde die Umweltbelastung erhöht, verschwindet landwirtschaftlich nutzbare Fläche und steigen die Kosten für Infrastruktur, sofern diese überhaupt weiter ausgebaut wird.

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