Wollen Merkel und Sarrazin Europa ruinieren?

24.03.2010

Merkel will über ein Griechenland-Hilfspaket nicht einmal reden und das Problem dem IWF überlassen. Sarrazin wünscht sich sogar als Abschreckung, dass Griechenland Insolvenz anmeldet

Hört man Angela Merkel oder gar Buba-Vorstand Thilo Sarrazin sich zu Europas makroökonomischen Problemen äußern, muss einem angst und bange werden. Denn offenbar haben die beiden es darauf abgesehen, jetzt aber auch wirklich allen das Leben zu versauen.

Und da ist es kein Trost, dass selbst diese Beiden, die ja ein hohes und zudem sicheres Einkommen aus der Staatskasse beziehen, dann über Vermögensverluste auch ein wenig negativ betroffen sein würden. Einschränken werden sich dennoch jene müssen, die ihr Geld noch mühsam am freien Markt verdienen. Und das wird auch in Deutschland wesentlich schwieriger werden, nachdem eine Pleite Griechenlands das europäische Bankensystem ruiniert hat. Egal, wie viel Steuergeld dann in die Banken gepumpt wird.

Es ist undenkbar, dass der unvermeidliche Bankencrash ohne weitere Kreditrestriktionen sowie massive Einbrüche an den Aktien- und Immobilienmärkten abgehen könnte, von den unabsehbaren, aber sicherlich grausigen Folgen für die Realwirtschaft ganz zu schweigen. Dieser europäische Crash wäre jedenfalls unvermeidlich, denn immerhin sind von den mehr als 200 Mrd. Euro an Staatsschulden nur knapp ein Drittel in Griechenland selbst geblieben, 23 Prozent gingen nach Großbritannien/Irland, elf Prozent an Frankreich, neun Prozent in den deutschsprachigen Raum und immerhin noch sechs Prozent nach Italien, wo die an zweistellige Lira-Zinsen gewohnte Bevölkerung ihre Ersparnisse traditionell gerne in höher verzinste Staatsanleihen anlegt.

Griechische Papiere mit zehn Jahren Laufzeit zahlten nach Merkels Äußerungen dann sogar noch einmal um ein Zehntelprozent mehr an Zins und landeten bei einem Aufschlag von 3,38 Prozentpunkten gegenüber der deutschen Benchmarkanleihe. Das bedeutet schlicht, dass Griechenland allein für die innerhalb eines Monats zur Refinanzierung anstehenden 20 Mrd. 674 Millionen Euro im Jahr mehr an Zinsen zahlen wird, als Deutschland für die gleiche Summe aufbringen müsste. Vor zwei Jahren hatte diese Differenz noch kaum 50 Millionen ausgemacht.

Bleiben die Risikospreads für Griechenland also auf diesem Niveau, dann würden die überteuerten Finanzierungen Griechenland nächstes Jahr wohl um die zwei Milliarden Euro extra kosten, was ungefähr den optimistischsten Erwartungen an die von Griechenland angekündigten Steuererhöhungen entspricht. Würden die starken Euroländer hingegen einfach nur eine Garantie für die anstehenden griechischen Emissionen abgeben, könnte das bei der dann ausbleibenden Pleite sogar zum Nulltarif und nur auf Kosten der Finanzmärkte geschehen.

Immerhin kommt Griechenlands hohe Prämie bisher ohnehin kaum den braven europäischen Sparern zugute, sondern vor allem den großen europäischen Banken. Denn schon Ende 2008 zahlten griechische Anleihen um die fünf Prozent Jahreszins und konnten von den Geschäftsbanken bei der Notenbank als Sicherheiten für kurzfristige Kredite verwendet werden, die gerade einmal ein Prozent kosteten. Zu verdienen war also ein "Spread" von vier Prozent. Folglich haben die Banken ihre Griechenland-Portfolios seit Anfang 2008 um knapp die Hälfte erhöht und halten laut der griechischen Staatsschuldenagentur nun rund 45 Prozent der griechischen Staatsschulden. So hätte nach vom "Spiegel" veröffentlichten Informationen der deutschen Finanzmarktaufsicht allein die in der Finanzkrise verstaatlichte Hypo Real ein 9,1 Mrd. Euro schweres Griechenland-Portfolio in den Büchern, der teilverstaatlichten Commerzbank werden 4,6 Milliarden Euro zugeschrieben, bei der Landesbank von Baden-Württemberg sollen es 2,7 Milliarden und bei der BayernLB immerhin noch 1,5 Milliarden Euro sein. Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich halten französische Banken weitere 53,5 Milliarden und Schweizer Banken 45 Mrd. Euro in ihren Portfolios.

Aber nicht nur, dass die Banken im Pleitefall ihre Griechenland-Bestände abwerten müssten, sie könnten diese auch nicht mehr über die Notenbank refinanzieren und wären zu Notverkäufen gezwungen. Kaum zu vermeiden wäre zudem ein Flächenbrand, bei dem auch die Anleihen anderer Wackelkandidaten wie Portugal, Spanien und Italien massiv einbrechen würden. Gezwungen von panischen Finanzmärkten müssten die Banken aber nicht nur diese Bestände abwerten, sondern wohl generell alle Kredite, die sie an griechische Banken vergeben haben, und darüber hinaus wohl auch die Kredite an weitere Staaten, die im selben makroökonomischen Boot sitzen, also etwa Irland, Großbritannien und die meisten CEE-Staaten. Sicherlich würden dann auch noch der europäische Aktienmarkt und der Interbanken-Geldmarkt kollabieren, und die öffentlichen Mittel, die dann erforderlich wären um Bankensystem und Konjunktur neuerlich zu retten, dürften um Größenordnungen höher ausfallen, als die gesamten Staatsschulden Griechenlands.

Die Zahl der Großbanken, die in diesem Szenario noch ein positives Eigenkapital darstellen könnten, dürfte sich jedenfalls in Grenzen halten. Und während fast sicher ist, dass der unbesicherte Interbanken-Kreditmarkt dann mindestens genau so tief einfieren würde, wie nach der Lehman-Pleite im September 2008, ergebe sich das noch größere Problem wohl am Repo-Markt, bei dem sich die Banken nur hundertprozentig mit Wertpapieren besicherte Kredite vergeben. Nur werden dort als Sicherheiten in erster Linie genau solche Staatsanleihen übereignet, wie sie nun im Zentrum der Krise stehen.

Chaos und Crash sind also programmiert, und da nunmehr die souveränen Staaten selbst im Fokus stehen, werden sie nicht über die Mittel verfügen, ihre regionalen Banken herauszuhauen.

Während aber Merkel vielleicht nur aus purem Populismus unvernünftig daher redet und hoffentlich hinter den Kulissen bereits ernsthaft an einer vernünftigen Lösung gearbeitet wird, ist Sarrazin im Anrichten ökonomischer Katastrophen sehr erfahren. So hatte er 1989–1990 das Referat "Innerdeutsche Beziehungen" geleitet, das die deutsch-deutsche Währungs- und Sozialunion vorbereitet hatte. Schon damals war der Volkswirt Sarrazin also mit Währungsfragen befasst, seiner Zeit aber wohl noch ein viel zu kleines Licht, um große Entscheidungen allein zu treffen. Aber klar ist, dass der massiv überhöhte Kurs, zu dem die Ostmark damals konvertiert wurde, den Hauptteil an der nach wie vor anhaltenden wirtschaftlichen Misere der Ostländer trägt.

Aus der Geschichte hätte Sarrazin indes lernen können, was heraus kam, als Adolf Hitler Österreich das Geschenk machte, den Schilling zu einem massiv überhöhten Kurs in Reichsmark zu konvertieren. Denn wie nach dem Geschenk Kohls an die Ex-DDR folgte damals der sofortige Niedergang der österreichischen Industrie, die sich nun der billigeren deutschen Konkurrenz nicht mehr erwehren konnte. Aber der Niedergang ganzer Nationen stört den Staatsdiener Sarrazin offenbar weder gestern noch heute.

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