Von der heilsamen Kraft des Sonnenlichts

Tom Appleton 28.03.2010

Ansichten zur Sommerzeit

Nun beginnt sie also wieder, die Sommer-Zeit. Wo der Frühling noch nicht mal richtig angefangen hat. Und wo es doch gar keinen Unterschied macht, ob man die Zeit umstellt. Nur, dass die Uhren wieder alle falsch gehen.

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Dabei habe ich lange genug in einer sogenannten Wiener Hochparterre-Wohnung gelebt, um zu wissen, dass weder Sommer noch Winter einen Unterschied gebracht haben. Was meine Stromrechnung betraf. Oder meine Lebensqualität in Sachen Sonnenlicht. Im Sommer kam das Sonnenlicht pünktlich um 20 Minuten nach 10 (Sommerzeit, also eigentlich eine Stunde später) oben am Loft, das man aufs Dach der fünften Etage in der Stiege zwei draufgesetzt hatte, vorbei. Und schien dann 40 Minuten lang, bis 11, in mein Wohnzimmer. Plötzlich war alles taghell erleuchtet, man konnte jedes Detail im Zimmer erkennen, man konnte sogar ohne das elektrische Licht anzuschalten, den Weg in die Küche finden. Sogar dort war es noch fast hell genug, dass man ohne weiteres den Weg zum Spülbecken, zum Herd, zum Eisschrank finden konnte. Kam aber in dem Moment einmal eine Wolke vorbei, stand man natürlich im Dustern.

Dann, pünktlich um 11, verzog sich die Sonne, um erst 20 nach 2 Uhr nachmittags wieder für etwa 40 Minuten zu erscheinen. Wollte ich also an einem sonnigen Tag etwas Heiterkeit und goldene Stimmung zu Hause erleben, musste ich genau zu diesen beiden Zeitfenstern mich auf dem Sofa breitmachen und den Tee und die Kekserln parat haben. Und das Buch, das man auf einmal ohne Kunstlicht lesen konnte, oder den Comic, dessen Farben plötzlich voll erkennbar waren. Ah, welche Glückseligkeit in Wien.

Im Winter zog die Sonne natürlich eine flachere Bahn, ihre Strahlen erreichten auch zur Tagesmitte nur den dritten Stock, das Hochparterre lag also immer nur im tiefsten Schatten. Die Frage: "Sommer-Zeit oder Winter-Zeit?" stellte sich erst gar nicht. Es war immer nur die eine Zeit, die Zeit des elektrischen Lichts. Es war weder bei Tag noch bei Nacht, weder im Sommer noch im Winter, unter natürlichen Lichtverhältnissen irgendetwas in der Wohnung zu erkennen. So speiste ich eines Winters unter etwas einkommensschwächeren Verhältnissen drei Wochen lang jeden Tag eine Schüssel Reis mit Curry und schleppte dann, an einem zufällig sonnigen Wintertag mein Futter ans Fenster, um es dort zu genießen. Und bemerkte, zu meiner maßlosen Überraschung, dass dieser Reis mit Curry, den ich nun täglich im Halbdunkel genossen hatte, strahlend gelb war. Um diese unbeschreibliche Erkenntnis und dieses Erlebnis zu dokumentieren, photographierte ich die Reisschüssel mit Blitzlicht neben meinem Computer. Gelb. Farblich markiert. Zeitlich dokumentiert. Aber bei Kunst-Licht drei Wochen lang farblos genossen.

Stillleben mit gelbem Reis und iMac, fotografiert bei Tag, aber unter Strom

Immerhin, wie der astronomisch bewanderte Leser, die dito Leserin, mühelos aus meiner Beschreibung der Sonnenbahn erkennen können, lag meine Wohnung in Ost-West-Richtung ausgelegt. Die beliebten Fragen amerikanischer Touristen - "Wo ist hier eigentlich Osten?", "Wo geht es hier nach Norden?" etc. - hätte ich mit Leichtigkeit beantworten können. Die meisten Wiener, die in ihren steinernen Canyons das natürliche Sonnenlicht entweder gar nicht bzw. nur aus der Erinnerung von griechischen Urlaubstagen her kennen, sind mit solchen Erkundigungen nach der Himmelsrichtung üblicherweise etwas überfordert. Früge man gar: "Wann geht hier eigentlich die Sonne auf?" erntete man nur noch jenen Gesichtsausdruck, der unausgesprochen die Gegenfrage enthält: "Bist deppat oda wos?" Und die allerletzte Frage: "Wann ist denn der nächste Vollmond?" würde wahrscheinlich nur noch mit dem Griff zum Handy beantwortet werden.

Aber schön, ich habe auch den Loft erlebt. Genauer, die Dachwohnung einer Freundin in Kagran. Morgens, weit vor Sonnenaufgang, der Blick hinaus in die Landschaft, breughelsche Detailmengen, Lichtschlieren, Natur, minütlich wechselnd. Wiederum Ost-West ausgelegt, kurz darauf zieht die Sonne über's Dach davon. Die Wohnung, getreu den Prinzipien der Wiener Architektur, intern wärme- und kältegedämmt, rundum lichtgedämpft, liegt in kompletter Dunkelheit. Vermutlich hat man die Hundertwasserschen Prinzipien missverstanden oder sich auf irrtümliche Weise zu eigen gemacht, wonach Wohnungen in höheren Stockwerken immer kleinere Fenster brauchen.

Einzig in der Küche bietet das schräg ins Dach gesetzte Fenster den ganzen Tag über Licht, und verhilft mir zu einer einzigartigen Erkenntnis. Die Jalousie, ein billiger Plastikvorhang, der fest an der schrägen Innenseite befestigt ist, lässt sich rauf und runter ziehen, aber auch (im herunteren Zustand) senkrecht zur Y-Achse in der X-Achse kippen. Und damit ergibt sich die Möglichkeit, zu jeder beliebigen Tageszeit, mit Hilfe einer Jalousie das ganz spezielle "5-Uhr-Nachmittags-Licht" einzustellen. Das Zimmer ist plötzlich erfüllt von warmen, auch die Seele wärmenden, rötlichen Schrägstrahlen. Man betritt um 11 Uhr morgens die Küche zum verspäteten Frühstück. Ein Ruck an der Jalousie. Und man genießt einen five o' clock tea wie aus einem romantischen Zaubermärchen von P.G. Wodehouse oder Elizabeth von Arnim.

Dann wieder: der Mond. Ich wachte einst in der Nacht auf, unbekannte Uhrzeit. Helles Licht. Ich denke: Räuber in der Küche. Aber nein. Durch einen Schacht vorbei am Dach des Nebenhauses, vorbei am eigenen Dach, trat gebündelt viereckiges Licht, wie aus einem Kinoprojektor direkt vom Mond in die Küche ein. Vollmond. Taghell. Ungewöhnlich? Gewiss. Es war der erste Vollmond, den ich in zehn Jahren Wien überhaupt gesehen hatte. Was auch am Kunstlicht-Smog liegen mag, denn man wird in Wien wohl selbst in der Sternwarte der Urania einen Vollmond nur bei totalem und stadtweitem Stromausfall erkennen können. Im Burgenland hingegen erlebte ich die totale Sonnenfinsternis, ebenso eine totale Mondfinsternis - in eiskalter Winternacht, eine rötlich-braune Kartoffel am Himmel - und auch die Planetenrennbahn - alle Planeten wie die Rennautos irgendwo in Monza, hintereinanderweg aufgereiht, der Mond natürlich an der Ziellinie.

Vor Einführung der Sommerzeit gab es ein normales Bevölkerungswachstum, ein Wirtschaftswunder, normale Lese-und Schreibfähigkeit. Seitdem: Stagnation

Alles dies zeigt uns im Grunde nur eines, was wir eh schon wissen. Da immer mehr Menschen in Städten wohnen, erleben immer weniger Menschen natürliches Sonnenlicht, bzw. überhaupt irgendein natürliches Licht. Wozu müssen wir also im Sommer früher aufstehen? Angeblich, so hieß es ja mal, um das Tageslicht auszuschöpfen, und um Strom zu sparen. Wie gesagt, in meiner Wiener Wohnung, durchaus nicht Sub-Standard, sondern gehobener Innenstadtkomfort, gab es zu keiner Tages- oder Nachtzeit, zu keiner Jahreszeit, die Möglichkeit, irgendetwas ohne Strom zu tun, außer eben, dass man mit Kerzen umhergewandelt wäre. Mit Ausnahme jener 80 Minuten, jeweils verteilt auf Vor und Nachmittag, an sonnigen Sommertagen.

Ob ich nun um sechs oder um sieben in kompletter Dunkelheit aufstehe - was für einen Unterschied macht es? Ich debattierte über dieses Thema mit einem Internisten - einem Herzchirurgen noch dazu, der meine Ansichten zum Thema für völligen Blödsinn hielt. Ich hoffe, er sprach nicht nur aus professionellem Interesse, denn ich glaube nicht, dass Gefahr bestünde, dass ihm die Patienten ausgehen könnten. Ich sagte: Genau umgekehrt! Das ganze System muss genau umgekehrt laufen. Im Sommer müssen wir nicht eine Stunde früher aufstehen, sondern genau zu der Zeit, die es korrekterweise ist. Also lassen wir 8 Uhr morgens 8 Uhr morgens bleiben. Und im Winter schalten wir um auf eine Stunde SPÄTER. Da nennen wir 9 Uhr morgens 8 Uhr morgens. Auf die Weise sparen wir zwar nur ganz wenig Strom, aber immerhin. Vor allem aber: wir bekommen das Licht vielleicht nicht zu sehen, aber wir spüren es. Wir schlafen vielleicht besser. Wir sind vielleicht gesünder. Wir haben mehr Sex. Unsere innere Uhr läuft "ruhiger." Und: im Öl-Land Venezuela hat man es so gemacht: Die Uhren laufen eine halbe Stunde später, um den Menschen Gelegenheit zu geben, mehr Sonnenlicht zu "tanken".

Mein Gegenüber wurde ganz unruhig bei diesen Ansichten. Vielleicht, dachte ich, erregt ihn der Gedanke an Hugo Chavez so. Jedenfalls plapperte ich munter weiter. "Denken Sie nur, vor Einführung der Sommerzeit gab es ein normales Bevölkerungswachstum, ein Wirtschaftswunder, normale Lese-und Schreibfähigkeit. Seitdem: Stagnation. Das natürliche Licht macht die Leute schlau. Das Kunstlicht macht sie dumm und unfruchtbar. Denken Sie nur an die PISA-Studien. An die rückläufigen Bevölkerungszahlen." Ich wollte gerade zu meinem ultimativen Beispiel kommen. Zum Fernsehen. "Sehen Sie," wollte ich sagen, "versuchen Sie mal eine Stunde lang in einem dunklen Zimmer bei Kerzenlicht etwas zu lesen. Das halten Sie nicht durch. Aber ein Fernseher ist genauso dunkel wie eine Kerze. Und die meisten Leute verbringen 6 bis 10 Stunden pro Tag vor dem Bildschirm. Sie bekommen also von beidem zu wenig. Zu wenig Schlaf und zu wenig Licht."

Ich wusste nicht, dass das Thema "Licht" eine ausführliche esoterische Komponente, einen esoterischen Kometenschweif, hinter sich herzieht, der jeden naturwissenschaftlich gebildeten Menschen aufregen muss. Also meinte auch mein Internist, das sei alles Mist. Licht-Therapien bewirkten gar nichts. Trotzdem aber, merkte ich an, grassiere die Depression, die Selbstmordzahlen stiegen an, weltweit. Das müsse einem doch zu denken geben. Und warum sollte ein Rudolph Steiner nicht Recht haben können? Mit seinen Ansichten zur Elektrizität (er hielt sie für schädlich, no na) steht er ja bis heute nicht alleine da. Wer weiß, sagte ich, ob der Tinnitus, von dem man allerorten hört, nicht auch nur eine Art sub-aurales Knistern der Elektrizität ist, die uns überall umschwirrt? Etwas, was die Leute tatsächlich hören können? Und sich nicht nur einbilden? Aber gut, lassen wir das, es lässt sich hier und jetzt in der Kürze sowieso nicht klären.

Nur das noch. Was mich an der Einführung der Sommerzeit immer gestört hat, ist dieser Gedanke. Dass man die Freude am genüsslichen Frühaufstehen, am Beobachten des Sonnenaufgangs, an der stillen Zigarette auf dem Balkon, am Lesen eines Buches, an der ersten Tasse Tee, am gemeinsamen Frühstück vor dem Weg zur Arbeit, ach, und auch am Sex, verliert, weil man eine ganze Stunde früher aufstehen muss. Oh, den Verstand kann man betrügen, wenn man ihm lange genug einredet es sei jetzt 8 Uhr morgens. Aber der Körper, in dem wir stecken, sagt dazu bloß: "Seufz! Ich weiß es besser."

http://www.heise.de/tp/artikel/32/32324/1.html
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