Wir leben länger, weil die Folgen des Alterns durch Medizin und Wohlstand verzögert werden
Seit 170 Jahren ist die Lebenserwartung in einigen Ländern um jeweils 2,5 Jahre pro Jahrzehnt angestiegen – aber wie geht es weiter?
In den reichen Industrieländern leben die Menschen oft nicht nur länger, sie bleiben auch länger gesünder. Meist seien Demographen bislang davon ausgegangen, dass die Menschen bereits eine maximale Lebenserwartung erreicht hätten und die Menschen im Gros nicht mehr älter werden können. Überraschend sei es daher, dass die Lebenserwartung weiter gestiegen ist und die Zahl der Superalten steil angestiegen ist.
Zwar setzt wohl das Altern im Prinzip zu derselben Zeit wie früher ein, schreibt James Vaupel vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung und Leiter des Center on the Demography of Aging der Duke University, in einem Überblick über den Forschungsstand, der in der Zeitschrift Nature erschienen ist. Die gesundheitlichen Folgen mit seinen Folgen wie Demenz oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind aber durch die bessere medizinische Versorgung und bessere Lebensbedingungen immer weiter hinausgeschoben worden. Genetische Faktoren würden dabei vermutlich nur eine geringe Rolle spielen. Allerdings seien weitere Verbesserungen aus dem besseren Verständnis der Genetik und der genetischen Ursachen des Alterns zu erwarten.
Im Gegensatz zur Mortalität ist es aber nur schwer möglich festzustellen, ob die Menschen tatsächlich länger "gesünder" leben. Die Daten sind nicht einheitlich. So scheinen einige Krankheiten wie Diabetes, manche Krebsarten oder Herzerkrankungen im Alter zugenommen zu haben, es gibt aber auch Hinweise, dass die Zahl und Schwere der Behinderungen abgenommen hat. Nach Erhebungen ist die Zahl der Jahre, die Menschen in selbst beschriebener Gesundheit leben, angestiegen. Da schwere Erkrankungen aber zu einem früheren Tod führen, lasse sich aus der gestiegenen Lebenserwartung auch ableiten, dass der durchschnittliche Gesundheitszustand der Menschen in hohem Alter besser geworden ist.
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Es sei durchaus möglich, dass die Mortalität noch weiter zurückgeht, so dass die meisten Kinder, die seit Beginn des Jahrhunderts geboren wurden, noch den Beginn des 22. Jahrhunderts erleben werden. Wenn es so weitergeht, wie in den letzten zwei Jahrhunderten, sagt Vaupel, dann könne die Hälfte der jetzt lebenden Kinder 100 Jahre alt werden – falls keine größeren Katastrophen passieren, müsste man wohl hinzufügen, oder die sozialen Sicherungssysteme nicht zusammenbrechen. Vaupel verkündet auch, dass zwar die Mortalität bis ins hohe Alter weiterhin zunimmt, aber – so die "gute Nachricht" – dass sie nach dem Erreichen eines Alters von 110 Jahren nicht mehr anwächst, sondern bei 50 Prozent pro Jahr konstant zu liegen scheint. Bis vor 50 Jahren waren hundertjährige Menschen noch selten, seit den 1970er Jahren gab es aber einen steilen Anstieg der Hundertjährigen und noch älteren Menschen etwa in Japan und Schweden. Wer allerdings raucht, sich wenig bewegt und fett ist, hat nur geringe Aussichten, sehr alt zu werden. Persönliches Verhalten spiele also eine Rolle, entscheidend für das Hinausschieben der Mortalität seien aber Wohlstand der Gesellschaft und medizinische Versorgung.
Vaupel sagt, dass eine derart lange Lebenserwartung viele politische Fragen mit sich bringt, beispielsweise für die Gestaltung des Gesundheitssystems. Noch weiß man nicht, ob sich das Altern noch weiter hinauszögern lässt oder warum Frauen deutlich älter als Männer werden. Männer sind insgesamt gesünder, so das Paradox, aber sie sterben früher. Auch die Lebensgestaltung der jungen Menschen könnte sich mit der Aussicht auf langes Leben ändern: "Wenn junge Menschen erkennen, dass sie mehr als 100 Jahre alt werden und bis 90 oder 95 Jahre gut in Form sein können, dann macht es vermutlich mehr Sinn, Ausbildung, Arbeit und Kinder Aufziehen über mehr Lebensjahre zu vermischen, anstatt die ersten zwei Jahrzehnte ausschließlich der Ausbildung, die nächsten drei oder vier Jahrzehnte der beruflichen Karriere und dem Elterndasein und die letzten vier Jahrzehnten nur der Freizeit zu widmen."
Das alles wird freilich auch eine Frage des Geldes sein, weil in der alternden Gesellschaft weniger junge Menschen für mehr alte Menschen sorgen müssen. Vaupel könnte sich auch vorstellen, dass die jungen Menschen auch weniger arbeiten, während dies die alten Menschen länger machen. Seine These: "Das 20. Jahrhundert war das Jahrhunderte der Verteilung des Reichtums, das 21. Jahrhundert wird wahrscheinlich das der Verteilung der Arbeit werden." Allerdings räumt Vaupel ein, dass viele Menschen sich dieser Umkehrung bislang widersetzen. Wer sein Leben lang hart gearbeitet hat, will dies einfach nicht noch länger machen. Aber es gibt auch genügend andere, die gerne weiter gefordert und gefragt sein wollen – und vermutlich zunehmend Alte, die schlicht arbeiten müssen, um die schwindende Rente, sofern vorhanden, aufzustocken.
http://www.heise.de/tp/artikel/32/32332/1.html- Re: Warum Frauen deutlich älter als Männer werden. (29.3.2010 21:54)
- "Wenn es so weitergeht, wie in den letzten zwei Jahrhunderten" (29.3.2010 21:38)
- Na das ist halt... (27.3.2010 18:48)
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