Weder Aufklärung noch Propaganda

Reinhard Jellen 01.04.2010

Interview mit dem Altphilologen Wilfried Stroh über Rhetorik

Wilfried Stroh hat mit seinem Buch "Die Macht der Rede. Eine kleine Geschichte der Rhetorik im alten Griechenland und Rom" nicht nur ein kurzweiliges Kompendium antiker Redekunst abgeliefert, sondern auch ein Plädoyer für den aktuellen Nutzen der Kenntnis von den Strukturen dieser Redekunst geschrieben. Im Windschatten der Rhetorik-Rezeption von Platon weitgehend geschmäht, ist nämlich die Lehre von der Beredsamkeit zumindest nach Aristoteles ein Mittel, welches beherrscht werden muss, um das Überzeugende, das jeder Sache innewohnt, herauszuschälen, um diese dem Publikum in plausibler Weise zu vermitteln. Darüber hinaus hilft der Einblick in die Beschaffenheit schlechter Argumente, um diese entkräften zu können. In einer Zeit, in welcher mehr denn je die Form der Worte im politischen Diskurs den jeweiligen Inhalt zu überlagern scheint, ist also die Lektüre der antiken Rhetorik geboten. Telepolis sprach mit dem Altphilologen.

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Herr Professor Stroh - können Sie uns kurz darlegen, was Rhetorik überhaupt ist?

Wilfried Stroh: Es gibt zwei Definitionen, einmal die klassische, die lautet, die Rhetorik sei die Meisterin der Persuasion, d.h. die Kunst, Menschen von einer Ansicht zu überzeugen oder zu einer Handlung zu überreden. Beides ist in dem Wort persuadere enthalten. Diese Definition wird in der erhaltenen Literatur zuerst bei Platon formuliert, sie ist aber wahrscheinlich viel älter. Die zweite Definition stammt von den Stoikern und wurde von Quintilian übernommen: Sie besagt, die Rhetorik sei die Wissenschaft vom guten Reden. Allerdings existieren darüber, worin dieses gute Reden bestehen soll, ganz verschiedene Auffassungen.

Meiner Ansicht nach ist die einzig vernünftige Definition die klassische, mit der auch fast alle außer Quintilian gearbeitet haben. Dieser verfährt interessanterweise in seiner Rhetorik selber auch nach der klassischen Vorstellung, so dass seine eigene Definition, die auf das Moralische abhebt, nur eine Art Attrappe vor einem ganz anders gearteten Lehrwerk darstellt.

Können Sie uns kurz darlegen, warum die Kenntnis der antiken Rhetorik heutzutage noch von Nutzen ist?

Wilfried Stroh: Rhetorikführer wie die von Dale Carnegie haben heutzutage eine Millionenauflage. Die Menschen sind also der Meinung, dass rhetorische Theorie ihnen grundsätzlich etwas bringt. Eine andere Frage wäre, ob speziell die antike Rhetorik uns etwas lehren kann, und hier bin ich der Meinung, dass dem unbedingt so ist. Das Wichtigste, was man von der antiken Rhetorik lernen kann ist, dass sich der Redner auf seine Hörer einstellen muss. Das klingt zwar ganz selbstverständlich, wird aber oft vernachlässigt. Viele Redner denken nur an sich und die Sache, aber nicht an das, was die Hörer denken, wie sie eingestellt sind, welche Empfindungen sie haben, das ist jedoch von zentraler Bedeutung. Denn man muss wissen, wo die Leute stehen, um sie dort hinzuführen, wo man sie haben will.

Weiterhin sind überzeitlich gültig die drei bzw. vier Hauptaufgaben des Redners: docere, conciliare bzw. delectare und permovere. Docere heißt, die Rede muss einen klaren Inhalt haben. Sie muss den Leuten etwas Neues bieten, sie muss "belehren". Der Mensch ist ein gerne lernendes Wesen, sagt Aristoteles. Das Zweite ist das conciliare. Das heißt, der Redner muss die Leute "für sich gewinnen", indem er ihnen als ein sympathischer Mensch mit Autorität erscheint, dem man trauen kann. Cicero in einer späteren Schrift ersetzt dieses conciliare durch das delectare, "erfreuen", d.h. die Rede muss ästhetisch einen gefälligen Eindruck machen. Die Hörer haben es gern, wenn der Redner schön spricht. Es müssen auch gut zugespitzte Formulierungen und schöne Satzperioden in der Rede sein, die Tonlagen müssen wechseln, dann hören die Leute gerne zu. Das Dritte ist das permovere, d.h. die Rede muss die Emotionen, die Affekte des Hörers ansprechen, ihn "erschüttern". Ich kann niemanden voll überzeugen, wenn ich nur auf seinen Verstand einwirke. Die Emotionen sind nichts Verwerfliches, sie gehören zum menschlichen Leben dazu und müssen vom Redner aktiviert werden. Das sind die drei Hauptmethoden der Rhetorik.

"Nie mit einem schwachen Argument beginnen"

Im Einzelnen kann man sich verschiedene Teilgebiete der antiken Rhetorik aneignen. Dazu gehört zunächst die Auffindung der Argumente, ein riesiges, detailliert ausgearbeitetes Gebiet. Man kann dann auch die Kunst erlernen, eine Rede aufzubauen: z.B. immer mit einem starken Argument, nie mit einem schwachen zu beginnen und immer mit einem besonders starken aufzuhören, die schwachen Argumente dagegen in die Mitte zu legen, wo die Leute eher etwas schläfrig sind. Auch gibt es eine ausgefeilte Mnemotechnik für den Redner, die heute noch von Gedächtniskünstlern angewandt wird. Und als Letztes kann man Einiges auch aus der Vortragskunst der Antike lernen, was allerdings z.T. zeitbedingt und in die Gegenwart nicht unmittelbar übertragbar ist. Z.B. hat Quintilian mehr als zwanzig Stellungen der rechten Hand unterschieden; so etwas beachtet heutzutage kein Mensch mehr. Aber ein Werk wie Quintilians zwölf Bücher über die Institutio oratoria bietet eine Fülle von Belehrung für jeden, der sich für Rede interessiert, auch wenn das eine oder andere zeitbedingt und nicht mehr anwendbar ist.

Wenn man die Menschen heutzutage in diesen Talkshows sieht, kann man im Umkehrschluss feststellen, dass sie sich nicht sehr viel mit antiker Rhetorik befasst haben. Kennen sie jemand auf nationaler oder internationaler Bühne, der rhetorisch gewandt ist?

Wilfried Stroh: Ein Statement in einer Talkshow ist keine Rede. Wenn ein der Steuerhinterziehung bezichtigter Herr Zumwinkel in einer Fernsehdiskussion aufstehen und eine Verteidigungsrede nach antiken Mustern halten würde, wäre das Publikum zurecht ein wenig überrascht. Die antike Rede lässt sich nicht einfach in diese Form der Auseinandersetzung übertragen. Eine Talkshow hat eben ihre eigenen Gesetze. Andererseits halten sich solche Leute oft auch ihren Medien-Coach, der ihnen genau zeigt, wie sie auf bestimmte Argumente zu reagieren, die Hände zu halten, entspannt zu bleiben haben usw.. Aber eine längere Rede wäre in einer solchen Diskussion gar nicht mehr zulässig. Nach einer Minute würde Frau Will jedem Talkgast ins Wort fallen. Jedoch gibt ja auch heute noch echte Reden: Was hier ein Einzelner leisten kann, hat Barack Obama schon mit seinem Sieg über Hillary Clinton vor zwei Jahren gezeigt.

Kommt der Kenntnis der antiken Rhetorik ihrer Ansicht nach eine Art ideologiekritische Funktion zu?

Wilfried Stroh: Ideologiekritik als Aufdeckung "falschen Bewusstseins", wie wir Achtundsechziger einst gelernt haben, setzt immer eine bestimmte Theorie der Gesellschaft voraus. Über eine solche Theorie verfügt die Rhetorik nicht. Dagegen kann sie sehr wohl die Menschen gegenüber den Reden aller Redner kritisch machen. Wer einmal Rhetorik studiert hat, wird jede Rede viel bewusster wahrnehmen und z.B. genauer darauf achten können, was der Redner vertuscht und weglässt. Er ist also besser in der Lage, einen Redner zu durchschauen. Damit wird man nicht gleich zur Wahrheit durchstoßen, man kommt ihr aber näher, indem man sieht, wo die Stärken und Schwächen einer Rede liegen.

Was sind ihre favorisierten antiken Rhetoriker und warum?

Wilfried Stroh: Meinen Sie Redner oder Rhetoriker (Menschen, die eine Theorie der Rede verfasst haben, RJ)?

Beide.

Wilfried Stroh: Fangen wir mit den Rednern an. Hier gibt es zwei ganz große Redner: Bei den Griechen Demosthenes und bei den Römern Cicero. An diesen beiden führt überhaupt kein Weg vorbei. Außer Demosthenes schätze ich auch Lysias bei den Griechen sehr hoch ein, bei den Römern gibt es eigentlich nur Cicero (weil von anderen Rednern, mit Ausnahme der christlichen Prediger, kaum etwas erhalten ist). Von den Rhetorikern ist der scharfsinnigste und tiefstdringende sicherlich Aristoteles. Der ist aber leider etwas praxisfern. Der praxisnächste war Hermagoras von Temnos, der uns zwar verloren gegangen ist, dessen System wir aber rekonstruieren können. Bei den Redner sind die rhetorischen Schriften Ciceros ganz bedeutend, aber ihm fehlt die große Systematik. Das meiner Meinung nach Beste, was es an antiker Rhetorik gibt, bietet Quintilian. Dieser hatte auch eine ganz große Lehrerfahrung, die Cicero nicht und nicht einmal Aristoteles hatte.

"Warenhaus für interessantes Wissen"

Man kann sagen, dass mit dem Aufkommen der Sophisten im antiken Griechenland die Rhetorik - , wo die Rhetorik als Teil der Allgemeinbildung hoch in der Gunst stand - ihren Höhepunkt erlebte. Anders als ihr Klischee waren die Sophisten nicht ausschließlich präpostmoderne Irrationalisten und Propagandisten der Macht wie z.B. Kallikles, sondern z. T. Aufklärer, insofern sie die Menschen zu rational denkenden, urteilsfähigen und redegewandten Staatsbürgern erziehen wollten, welche fähig waren, gesellschaftliche Hierarchien, religiöser Traditionen sowie kulturelle Mythen und soziale Dogmen kritisch zu untersuchen. Man kann also die Rhetorik mit einigem Recht als eine Frühform des Humanismus und der Aufklärung bezeichnen. Warum aber hat die Rhetorik seit der Moderne - im Gegensatz zur antiken Auffassung - einen so schlechten Ruf?

Wilfried Stroh: Wenn Sie unter Rhetorik jetzt die Sophistik verstehen, lässt sich die Frage sehr schnell beantworten. Der schlechte Ruf der Sophistik stammt von Platon. Dessen Lehrer Sokrates hatte sich mit den Sophisten angelegt, er galt aber in der Öffentlichkeit weithin selbst als Sophist (woran auch eine berühmte Komödie von Aristophanes ihren Anteil hatte) und wurde deswegen hingerichtet. Jetzt aber zu dem Vorspann ihrer Frage: Sie haben ein Sophistenbild gegeben, wie es heute von vielen Philosophen vertreten wird. Hier wird die griechische Geschichte als eine Entwicklung von einem prärationalen mythischen Denken zum logisch-rationalen Denken geschildert, und in dieser Entwicklung nehmen die Sophisten dann eine zentrale Stellung ein. Das haben Sie sehr schön geschildert. Als die Quellen prüfender Altphilologe muss ich aber sagen, dass ich dies für falsch halte.

Zunächst etwas Einfaches: Kritik an den Mythen spielt bei den Sophisten des späten 5. Jahrhunderts kaum eine Rolle. Sie beginnt vielmehr im 6. Jahrhundert, wo Xenophanes von Kolophon gegen die Unsittlichkeit der Göttermythen protestiert und Theagenes von Rhegion sie mit Hilfe allegorischer Deutung wegdisputiert. Aber schon von den Menschen Homers können Sie nicht sagen, dass diese noch in einem mythisch gebundenen Weltbild leben - auch wenn die Götter dort eine große Rolle spielen.

Was waren nun die Sophisten? Diese waren natürlich wichtig für die griechische Geistesgeschichte, aber ich glaube nicht, dass sie eigentlich Aufklärer waren. Sie waren Lehrer und boten als solche eine Art Warenhaus für interessantes Wissen, wobei sie je verschieden spezialisiert waren. Eines war ihnen aber gemeinsam: Sie haben den jungen Leuten vor allem in Athen, wo es die vielen demokratischen Institutionen gab, die Rhetorik vermittelt. Darüber hinaus hat es eine gemeinsame Weltanschauung bei ihnen nicht gegeben. Wenn sie alle echte Rhetoriker waren, dann nicht aufgrund einer gemeinsamen Art von Philosophie, wonach sie z.B. alle an der Erkennbarkeit der Wahrheit oder dergleichen gezweifelt hätten. Das gilt ein Stück weit nur gerade von Protagoras: Sein berühmter Satz, nachdem der Mensch das Maß aller Dinge sei, ist ja nicht humanistisch, sondern erkenntnistheoretisch gemeint: Es gebe kein absolut sicheres Wissen, sondern nur ein Erkennen relativ zum jeweiligen Individuum. Aber das sagt Protagoras, kein anderer. Natürlich kann man bei einzelnen Sophisten manches Aufklärerische entdecken, dies gilt aber nicht generell.

Warum haben also die Sophisten Rhetorik gelehrt? Weil Rhetorik in Athen gefragt war. Man hatte die demokratischen Institutionen, das Volksgericht, die Volksversammlung, und wer in der Gesellschaft tonangebend sein wollte, musste sich dort durchsetzen. In Athen selber gab es dafür keine Lehrer, also sind alle zu den Sophisten gegangen, die versprachen, ihre Schüler für den gesellschaftlichen und politischen Erfolg tüchtig zu machen. Das haben sie wohl auch hingebracht.

Welche Rolle spielt Kallikles bei unserem heutigen Bild der Sophisten?

Wilfried Stroh: Platon macht alle Sophisten schlecht. In seinem Dialog Gorgias zollt er dem Kallikles mit seinen radikalen Ansichten sogar relativ viel Respekt, insofern er ihn wenigstens als intelligent darstellt: Er ist ja auch gar kein Sophist, sondern nur Schüler des Gorgias, den man zu den Sophisten rechnen konnte. Die eigentlichen Sophisten stellt Platon meist als etwas beschränkt hin, da sie sich kaum zu verteidigen wissen, wenn Sokrates ein bisschen an ihrem Lack kratzt. An Kallikles stellt Platon die Gefährlichkeit der Rhetorik dar: Man geht davon aus, die Rhetorik wäre wertfrei, ein guter Redner würde sich für das Gute einsetzen usw., aber diese Position wird durch den Gedanken, dass was nützlich wäre, deswegen noch längst nicht sittlich sein müsse, konterkariert, und schließlich wird durch Kallikles nach logischer Konsequenz das Sittliche total verworfen und eine brutale Philosophie der Macht vorgestellt. (Hier hat ja Nietzsche ganz bewusst und bis ins Detail an Kallikles angeknüpft.) Wobei ich nicht mal weiß, ob überhaupt ein Sophist die Lehre des Kallikles, der, wie gesagt, kein Sophist war, vertreten hat.

Immerhin sagt dann Thrasymachos im ersten Buch von Platons Politeia Ähnliches. Der war in der Tat ein Sophist, er hat jedenfalls Rhetorik unterrichtet und war ein anerkannter Redner, aber sogar bei ihm zweifle ich sehr, dass er in seinem Unterricht so etwas wie das Recht des Stärkeren vertreten hätte. Das sind Gedanken, die so stark von der üblichen Meinung der Menschen in Athen abweichen, dass man sich kaum vorstellen kann, wie sie jemand jungen Leuten im Ernst als Wahrheit vermittelt haben soll, wenn er von ihnen bezahlt wurde, um ihnen das Reden beizubringen.

"Populäres Misstrauen gegen rednerische Kunst"

Ist das schlechte Image der Rhetorik ein deutsches Phänomen, insofern z.B. Hitler und Goebbels ausgezeichnete Rhetoriker waren?

Wilfried Stroh: Die Verachtung der Rhetorik geht, wie gezeigt, auf Platon zurück. Unter etwas anderen Vorzeichen wurde sie in Deutschland besonders von Kant und Goethe (im Faust) vertreten. Der Verachtung speziell der Sophisten wurde zuerst vor allem von Hegel, dann noch eindrucksvoller von George Grote in seiner History of Greece widersprochen. Die Vokabel "Rhetorik" ist dann trotz Hitler und Goebbels in Deutschland seit den Sechzigerjahren durch Philosophen wie Georg Gadamer und Jürgen Habermas sowie durch Philologen wie Heinrich Lausberg und Walter Jens im akademischen Raum rehabilitiert worden. Dennoch bleibt ein populäres Misstrauen gegen rednerische Kunst, an dem in der Tat Hitler und Goebbels mit ihren demagogischen Propagandareden großen Anteil haben. Zwar wäre heute ein Redner, der mit Hitlers Technik agieren würde, zur Lächerlichkeit verurteilt; trotzdem bleibt das einschlägige Kapitel von Mein Kampf eine der besten Schriften über Rhetorik. Allen, die sich mit Rhetorik beschäftigen wollen, sei es ans Herz gelegt. Es ist wohl das einzige Kapitel in dem ganzen Buch, aus dem echte Sachkenntnis spricht.

Gemeinhin wird heutzutage die Rhetorik gegen die "Wahrheit" ausgespielt. Was ist ihre Position?

Wilfried Stroh: Die Rhetorik hat als Ziel, wie man seit dem 5.Jahrhundert vor Christus weiß, nicht die Wahrheit, sondern das Wahrscheinliche. Das deckt sich zum Glück zu 75 Prozent mit der Wahrheit, aber zu 25 Prozent eben nicht. Die Rhetorik ist also keine Methode, um die Wahrheit zu finden. Manche wollen die Rhetorik so interpretieren, dass sie in Bereichen, in denen man die Wahrheit nicht sicher erkennen kann, helfe, sich der Wahrheit zu nähern. Diese Positionen von Gadamer, Habermas und anderen sind m.E. verkehrt und verharmlosen die Rhetorik. Die Rhetorik forscht nicht nach der Wahrheit, sie will sich auch der Wahrheit nicht annähern, aber sie benutzt die Wahrheit sehr gerne, weil diese die Eigenschaft hat, dass sie meistens auch wahrscheinlich ist. Aber leider nicht immer. Und der Redner muss nach den Regeln der Rhetorik darauf gehen, dass das, was er sagt, auch wahrscheinlich wirkt, sonst kann er nicht überzeugen.

Die Rhetorik wird nur noch vereinzelt gelehrt, somit geht ja auch das Wissen um rhetorische Finten und Schlichen verloren. Haben es Politiker heutzutage besonders leicht, ihre Positionen an ein Volk von rhetorischen Analphabeten zu bringen?

Wilfried Stroh: Ich würde sagen, dass wenn Politiker und Volk gleichermaßen nichts von Rhetorik verstehen, eine ganz vernünftige Chancengleichheit herrscht. Eher bekümmert mich, dass die Rhetorik kaum mehr in den Schulen gelehrt wird und sich somit Kenntnisse der Rhetorik vermittelt von Privatlehrern nur noch die oberste Schicht leisten kann.

Wo befindet sich die Rhetorik innerhalb des Spannungsfeldes Aufklärung und Propaganda?

Wilfried Stroh: Rhetorik ist weder Aufklärung noch Propaganda. Aber sowohl die Aufklärung als auch die Propaganda setzen rhetorische Mittel ein. Der Aufklärung geht es um die Wahrheit, und die Verkündigung der Wahrheit kann sich selbstverständlich auch der Rhetorik bedienen. Propaganda ist hingegen die Kunst, einem anderen mit allen Mitteln die eigene Meinung einzutrichtern und keine andere Meinung mehr aufkommen zu lassen. Das ist nicht moralisch und auch keine echte Rhetorik. Die Rhetorik zieht ihr moralisches Recht daraus, dass sie einen Sieg in einem agon, einem Wettstreit, erzielt. Dazu muss aber der Gegenredner ebenfalls die Möglichkeit haben, sich zu artikulieren. Rhetorik und Propaganda sind also sehr weit voneinander entfernt, dennoch benützt, wie gesagt, der Propagandist Mittel der Rhetorik.

Darf man die Lüge als ein rhetorisches Mittel einsetzen?

Wilfried Stroh: Das ist eine berühmte Frage. Die Antike hatte ein sehr entspanntes Verhältnis zur Lüge. Selbst Platon lässt die Lüge zu, sofern sie zum allgemeinen Staatswohl und zum Wohl des Einzelnen eingesetzt wird. Das Gute ist dem Wahren im Denken der Antike übergeordnet. Sogar Quintilian, der sagt, der Redner müsse notwendig ein moralisch hochstehender Mensch sein, lässt zu, dass man für eine gute Sache auch lügen darf. Heutzutage sehen wir das etwas anders, weil zumal seit Kant die Lüge als etwas absolut Verwerfliches und Inhumanes gilt. Andererseits hat einer der größten Kantianer, Arthur Schopenhauer, dies strikt abgelehnt. Die Frage nach der Lüge ist jedenfalls eine moralische und keine rhetorische Frage. Von der Rhetorik aus lässt sie sich nicht beantworten. Die Rhetorik stellt selbstverständlich die Mittel zur Lüge bereit: Man lernt die Dinge im eigenen Interesse so darzustellen, wie sie geschehen sein könnten. Ob man diese Mittel dann benützt, ist eine außerrhetorische, eine moralische Frage, welche einem die Rhetorik nicht abnehmen kann. Rhetorik ist keine Weltanschauung. Sie ist eine Kunst, die man erlernt, um Erfolg haben zu können, aber sie gibt uns keine moralischen Ziele. Das kann sie nicht, und das sollte sie auch nicht.

Nun hat ja Joschka Fischer bei seiner Rede während des Grünen Sonderparteitags zum Kosovo-Krieg, die seinerzeit auch vom Institut für allgemeine Rhetorik an der Universität Tübingen ausgezeichnet wurde, angeführt, dass während der Konferenz in Rambouillet alles unternommen worden sei, um einen Krieg zu verhindern. Tatsache ist aber, dass auf dieser den Serben ein später unter dem Namen Appendix B berühmt gewordenes Papier unterbreitet wurde, in welchem den NATO-Truppen volle Immunität und Bewegungsfreiheit erteilt worden war und welches kein souveräner Staat der Welt unterschreiben würde. - Dies hat Fischer bei seiner Rede den Hörern wissentlich verschwiegen. Stellt dieses Verschweigen nun ein rhetorisches Mittel dar?

Wilfried Stroh: Wenn dies richtig ist, was Sie sagen, hätte jemand da sein müssen, der dies zum Gegenstand einer Gegenrede gemacht hätte. Fischer sah es nicht als seine Aufgabe an, den Leuten Fakten zu bieten, aufgrund derer sie sich selbst eine Meinung bilden sollten, sondern er wollte denen entgegentreten, die ihn als "Kriegshetzer" beschimpften. So hat er die Dinge hervorgehoben, die für seine Sache wichtig waren. Fischer hat dieses Anliegen mit seiner Rede durchgesetzt, und somit ist diese rhetorisch gut gemacht. Wenn er aber von sich aus etwas verschwiegen hat, was die Allgemeinheit nicht wissen konnte, aber hätte wissen sollen, ist das in der Tat ein moralisches Manko.

http://www.heise.de/tp/artikel/32/32348/1.html
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