Schnell ein Endlager her ...

30.03.2010

Die Energie- und Klimawochenschau: Nur noch der Salzstock Gorleben soll weiter als Endlagerstandort erkundet werden. Die Gegenseite kontert mit einem Untersuchungsausschuss

Am Anfang der energetischen Nutzung der Kernenergie - in den 1950ern - sollte "das Atom" noch unser "Freund" sein, ab den 1960ern die Zentralisierung der Energieversorgung beschleunigen, in den 1970ern als Vergeltungswaffe" der innerdeutschen Ost-West-Politik eingesetzt werden und seitdem vor allem zur Profilierung der jeweiligen Parteipolitik dienen. Als Gegenleistung für diese Staatsdienste wurden die milliardenschweren Nebenkosten für die Endlagererkundung und auch das technologische Risiko sozialisiert. Die gleiche Verquickung von Politik und Energieindustrie hat bis heute verhindert, dass es eine greifbare Lösung für das Wohin mit den giftigen Abfällen gibt. Für eine Energietechnik, deren Stromerzeugung nur rund ~1/5 des Strombedarfs deckt und nur ~1/40 des Primärenergieverbrauchs im Land entspricht, verursacht die Nutzung der Kernenergie, tatsächlich überproportional viel Unmut und Probleme.

Norbert Röttgen bestimmte, dass die Endlagersuche in Deutschland wieder aufgenommen werden soll und zwar nur im Salzstock Gorleben und, wie der sagt, "ergebnissoffen". Wäre das schon bei den ersten Untersuchungen vor 35 Jahren erfolgt, gäbe es heute gar keinen "designierten Endlagerstandort Gorleben". Dass aber heute, nachdem nach Angaben der Bundesregierung bereits 1,5 Mrd. Euro in Gorleben investiert worden sind, eine von politischer Einflussnahme freiere Entscheidung möglich sein soll ist wenig plausibel. Der Untersuchungsauftrag ähnelt so mehr einem Auftrag zur Inbetriebnahme.

Die Opposition versucht mit einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss gegenzuhalten. Seit letztem Freitag soll er sich mit der Historie des geplanten Atommüll-Endlagers im Wendland beschäftigen. Es dürfte interessant werden, wenn alte Protagonisten zum öffentlichen Interview vor den Ausschuss gebeten werden. Leider wird die entscheidende Hauptperson, der damalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht (CDU) wegen seiner Erkrankung wohl nicht mehr aussagen können. Er war es, der Gorleben, gegen alle Gutachten, ins Spiel brachte.

Fatale Weichenstellung

Die bis heute fatale Weichenstellung in Richtung Endlagerung in einem Salzstock stammt von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR), das 1975 davon ausging, "die Ablaugungsvorgänge in Salzstöcken" seien zu vernachlässigen, da das eingedrungene Wasser in tieferen Schichten des Gipshutes ja bereits annähernd salzgesättigt sei. Wie Asse II zeigt beträgt der Schutz angebohrter Salzstöcke aber nicht einmal Jahrzehnte. Die BGR stellte eigentlich ganz andere Anforderungen an ein Endlager:

Ziel einer sicheren Endlagerung radioaktiver Abfallstoffe muß es sein, die von ihnen ausgehende schädigende Strahlung ... vollkommen von der Biosphäre abzuschirmen. Je nach Zusammensetzung der Abfallstoffe beträgt die notwendige Isolierungszeit wenige Jahrzehnte bis einige 100.000 Jahre. Die geologische Abschirmung muß auch dann noch zuverlässig wirksam sein, wenn sich im Laufe dieser Zeit die geologischen und klimatischen Umweltbedingungen ändern. Geologische Formationen in großer Tiefe ohne Kontakt zum Grundwasserkreislauf bieten sich als Lagerungsmöglichkeit an.

BGR

Die Entscheidung für Gorleben ist jedoch anscheinend eine rein politische. Das BGR hatte die Salzstöcke Wahn (Emsland), Lichtenhorst (Nienburg) und Weesen-Lutterloh (Celle) als mögliche Endlagerstandorte favorisiert. Im Februar 1977 schlug dann der damalige niedersächsische CDU-Ministerpräsident Albrecht den Salzstock Gorleben vor. Der wahrscheinliche Grund: Nur drei Jahre zuvor hatte die DDR-Regierung das ehemalige Kalibergwerk Morsleben zum Endlager des Landes erklärt - nur 5 Kilometer von Helmstedt und damit der Grenze zu Niedersachsen entfernt. In der damaligen Vergeltungslogik des kalten Krieges schien der Salzstock bei Gorleben wohl ideal - denn er ragt unterirdisch auf das Territorium der damaligen DDR.

Alles auf Anfang?

Die Bedenken der Gutachter gegen eine Eignung des Salzstocks für die Endlagerung wurden dagegen verworfen. Kurt Herzog, Sprecher der Linksfraktion im niedersächsischen Landtag, zitiert aus einem Vermerk von 1981, das den Gorlebener Salzstock aufgrund

  • intensiver Verfaltung
  • hineinreichender Schmelzwasserrinnen
  • vieler Kalisalzflöze
  • und leicht löslicher Carnalliteinschlüsse

als geologisch kompliziert eingestuft hat und die bereits bekannten Zweifel an der Eignung des Salzstocks für die Endlagerung wärmeentwickelnder nuklearer Abfälle bestätigte. Trotz der geologischen Mängel sei Gorleben aber von politischer Seite weiter verfolgt worden. Herzog geht davon aus, dass diese rein politisch begründete Entscheidung den zu erwartenden Anfechtungen nicht standhalten wird und deshalb ganz neu mit einer wissenschaftlich fundierten Endlagersuche begonnen werden muß.

Auch der Kieler Geologe Ulrich Schneider bestreitet die Langzeitsicherheit für das geplante atomare Endlager im Salzstock Gorleben. Er arbeitete von 1979 bis 1981 für die Physikalisch-Technische Bundesanstalt (PTB) an einem Gutachten über den Salzstock in Gorleben. Seiner Meinung wird an Schwachstellen im Deckgebirge Wasser eintreten und auf dem Weg nach unten Salz bis zur Löslichkeitsgrenze aufnehmen. Die konzentrierte Salzlösung sei hochkorrosiv und werde die Stahlbehälter, in die das radioaktive Materialien eingelagert werden soll, auflösen und damit den Weg der Radionukleide in die Biospäre freimachen.

Klaus-Jürgen Röhlig vom Institut für Endlagerforschung der TU Clausthal ist überzeugt, dass für die bislang ungeklärte Frage nach einem Endlager für hochradioaktive Abfälle vor allem die Politik verantwortlich ist. Länder wie Finnland, Frankreich oder Schweden zeigten, dass man in einem Zeitrahmen von zehn Jahren ein Endlager bauen könne, wenn der politische Wille vorhanden sei. Er hält Standorte mit den folgenden Eigenschaften für geeignet:

  • mit geringer seismischer Aktivitäten
  • möglichst wasserundurchlässigen Gesteinsformation
  • die die entstehende Wärme der Abfälle aufnehmen können
  • um die Einlagerung technisch möglich zu machen, müsse die Formation den Bau eines Bergwerks ermöglichen

Und eine Entscheidung muss fallen. Die bestehenden Zwischenlager sind nur für 40 Jahre ausgelegt. Röhling geht davon aus, dass schon beim jetzigen Ausstiegsszenario bis 2040 etwa 17.500 Tonnen radioaktiver Abfälle anfallen werden und bei einer Laufzeitverlängerung um zehn Jahre 25% mehr Atommüll. Für die Abfallmenge werde ein Endlager "im Quadratkilometer-Bereich" benötigt. Zur Zeit lagert der strahlende Müll (größtenteils) noch oberirdisch.

Aufruf zum Protest

Um die Alternativen Stilllegung, Ausstieg oder Laufzeitverlängerung bahne sich im Herbst eine Machtprobe an, sagt Peter Dickel vom Sprecherkreis der im Norden geplanten Anti-Atom-Kette. Mit Demonstrationen will die Anti-Atom-Bewegung zum Tschernobyl-Jahrestag Druck für den Ausstieg machen.

Für den 24. April werden eine "Umzingelung" des AKW Biblis, eine Kundgebung zum Zwischenlager Ahaus und eine 120 Kilometer lange Menschenkette zwischen den Kernkraftwerken Krümmel und Brunsbüttel stattfinden. Drei Tage zuvor wird ein Anti-Atom-Treck vom Zwischenlager Gorleben nach Krümmel starten.

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