US-Studenten in der Schuldenfalle

07.04.2010

Während Haushalte und Unternehmen ihre Kredite zurückfahren, steigen die Schulden der Studenten weiter an – allein im letzten Jahr um 55 Mrd. Dollar

Bisher galt die US-amerikanische Version der Hochschulfinanzierung als Erfolgsmodell: Die Studenten bzw. deren Eltern zahlen Lebenshaltung und die zumeist hohen Studiengebühren selbst und was davon nicht durch Ersparnisse und laufende Einkommen finanziert werden kann, wird durch staatlich geförderte "Studentenkredite" gedeckt. Darüber hinaus gibt es auch Programme für nichtrückzahlbare Stipendien, deren wichtigste die "Pell Grants" und die "Federal Supplemental Educational Opportunity Grants" sind, die vor allem nach Vermögen/Einkommen, aber auch aufgrund sozialer Aktivitäten oder wegen rassebedingter Benachteiligungen vergeben werden – dies insgesamt allerdings weit unter dem Niveau der meisten westeuropäischen Staaten.

Die Kredite wurden bislang über private Banken vergeben, sind staatlich garantiert und zumeist mit sehr niedrigen Zinsen und längeren Laufzeiten ausgestattet. Inzwischen schulden Studenten samt Kreditkartenschulden aber bereits rund 730 Milliarden Dollar, was immerhin fast dem Sozialprodukt Australiens entspricht. Angesichts der sonst überall schmerzhaft spürbaren Zurückhaltung der Banken bei privaten Kreditvergaben sind dann auch die "Student-Loans" die einzige private Kreditkategorie, die zuletzt substantielle Zuwächse verzeichnete.

Mit der am 30. März von Präsident Obama unterfertigten Student Aid and Fiscal Responsibility Act dürfte nun sichergestellt sein, dass wenigstens in diesem Segment keine Kreditrestriktionen auftreten.

Immerhin ist es auch in den USA längst nicht mehr selbstverständlich, sofort nach dem Abschluss die erhoffte Vollzeitstelle mit "Akademikergehalt" zu ergattern. Ebenso wie in Europa plagen sich die Jungakademiker mit schlecht bezahlten Praktika oder Hilfsarbeiten. Aber auf jeden Studenten entfallen im Schnitt mehr als 23.200 Dollar an Schulden, so dass zum Studienabschluss kaum ein Student mit weniger als 40.000 Dollar belastet sein dürfte. Bei vielen haften indes bereits sechsstellige Summen aus, und daran wird sich auch nicht viel ändern, da nun krisenbedingt vor allem die öffentlichen Universitäten ihre Gebühren anheben. So will beispielsweise die University of California nächstes Jahr um 30 Prozent mehr verlangen, während die University of Arizona die Preise bereits für 2009/2010 um 24 % erhöht und jene in Oregon und Florida die Studiengebühren um jeweils 15,4% angehoben haben.

Wie das Wall Street Journal schon im Herbst ausführte, droht nach dem Studium nun ein Leben, das sich dramatisch von dem unterscheidet, was sich die hoffnungsvollen Studenten vor ihrem Abschluss ausgemalt hatten. Angesichts ihrer Schulden müssten sie vielfach einige der "traditionellen Meilensteine" typischer Karrierewege, wie Heirat, Kinder und das erste Eigenheim, aufschieben oder ganz darauf verzichten und mit einem Schlafplatz auf einer Couch im Wohnzimmer von Freunden vorlieb nehmen.

Obama will mit einem Gesetz die Schulenlast mindern

Mit dem neuen Gesetz soll den laut dem Marktforschungsinstitut Equifax mit 562 Mrd. allein an geförderten Krediten belasteten Studenten nun geholfen werden, von diesen Schulden herunter zu kommen oder wenigstens damit leben zu können. Denn noch dazu sind diese Kredite dezidiert von einer Entschuldung über ein Privatkonkursverfahren ausgenommen, da die privaten Banken andernfalls trotz staatlicher Garantie keine Kredite an Studenten ohne Einkommen und Kredithistorie vergeben hätten, wie von ihnen behauptet wurde. Folglich konnten die Banken für alle Kredite an Studenten, also auch für solche ohne staatliche Garantie oder Förderung, eine Ausnahme vom Konkursverfahren durchsetzen – außer Studenten konnten eine unzumutbare Belastung ("undue hardship") nachweisen, um von den Schulden loszukommen, was nur sehr selten gelingt. Allerdings hat der Supreme Court die Regeln dahingehend zuletzt ein wenig gelockert.

Das neue Gesetz stellt nun zusätzlich 40 Milliarden Dollar für "Pell Grants" zur Verfügung, womit die Maximalbezüge um zehn Prozent auf $5.975 und ihre Zahl um 820.000 erhöht werden sollen. Darüber hinaus wird direkt Geld an Ausbildungsstätten ausgeschüttet. "Comunity colleges", Transfer-Programme, die es Studenten beispielsweise erlauben, nach nur zwei Jahren in das dritte Studienjahr einer staatlichen Hochschule einzusteigen, erhalten zwei Milliarden. Institutionen, die Minderheiten fördern, zusätzliche 2,2 Mrd. Dollar und so weiter.

Wer ab Juli 2014 neue Darlehen aufnimmt, kann die monatlichen Zahlungen dann zudem auf zehn Prozent seines verfügbaren Einkommens begrenzen, während dieses Limit bislang bei 15 Prozent lag. Wer zudem 20 Jahre lang pünktlich die Raten zahlt, dem werden nach 20 Jahren die Restschulden erlassen, was bei Angestellten etwa bei den Bundesbehörden, Militär oder im medizinischen Bereich bereits nach zehn Jahren erfolgen kann. Bei "schlecht bezahlten" Stellen im öffentlichen Dienst können unter bestimmten Bedingungen die Raten auch gänzlich entfallen, wofür insgesamt 1,5 Mrd. USD budgetiert sind.

Eine Besonderheit des neuen Gesetzes soll es freilich sein, dass dadurch nicht nur keine zusätzlichen Kosten anfallen, sondern in den nächsten elf Jahren annähernd 68 Milliarden Dollar für die öffentliche Defizitreduktion und die Verbesserung der Zugänglichkeit von Universitäten "freigemacht" werden. Denn beginnend mit 1. Juli werden zwar alle Studentenkredite weiterhin von privaten Unternehmen vergeben, dann aber als direkte Bundeskredite, wobei sich die vergebenden privaten Banken künftig "Wettbewerbsbedingungen" unterstellen müssten.

According to the non-partisan Congressional Budget Office, ending these wasteful subsidies will free up nearly $68 billion for college affordability and deficit reduction over the next 11 years.

Barack Obama

Obama kritisierte zudem direkt Sallie Mae, die als börsenotierte, aber staatlich gestützte Agentur den Markt für Studentenkredite ähnlich dominiert wie die im Sommer 2008 verstaatlichten Hypothekenagenturen Fannie Mae und Freddie Mac den Eigenheimhypothekenmarkt. Sallie Mae und die anderen privaten Kreditgeber hätten bisher "drei Millionen Dollar ausgegeben um eine Armee an Lobbyisten gegen den Gesetzesentwurf zu mobilisieren". Nach 20 Jahren werde laut Obama nun dennoch der "Sweetheart deal" eliminiert, mit dessen Hilfe sich die Banken auf Kosten der Studenten bereichert hätten. Immerhin hielt die Regierung die privaten Banken bislang nicht nur bei Kreditausfällen schadlos, sondern garantierte ihnen auch eine Mindestrendite.

Für den republikanischen Fraktionsführer im Senat, Mitch McConnell, bedeutet das neue Gesetz hingegen nur, dass die Regierung "ihre Tentakeln noch weiter in die Wirtschaft und die Leben der Menschen stecke". Sallie Mae kündigte indes an, deshalb jetzt rund ein Viertel seiner Beschäftigten abbauen zu müssen. Allerdings hatte das Unternehmen zuvor tausende Jobs an billigere Standorte im Ausland ausgelagert und erst zuletzt unter dem Druck der schwebenden Neuregelung, einige davon in die USA zurückgeholt.

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