Ein Film wie ein Medusenhaupt

08.04.2010

Beim Zeus! - Louis Leterriers feister "Kampf der Titanen" verursacht nur olympisches Gelächter

Die Titanen, und damit geht es eigentlich schon los, gibt es in diesem Film nicht. Nein, auch mit Oliver Kahn hat das alles nichts zu tun. Muss man denn wirklich ein humanistisches Gymnasium besucht haben, um zu wissen, dass es sich bei den Titanen um jene Göttergeneration vor Zeus handelt, um die die uralten Hüter des Kosmos. Sie sind zwar unsterblich, aber besiegbar, darum hat ihnen Zeus ja den Garaus gemacht. Weil es die Titanen hier nicht gibt, gibt es auch keinen Kampf der Titanen, sondern einfach nur ein paar Götter, ein paar Halbgötter und, wie immer in Monumentalfilmen, viele Menschen, viel Gebrause und ganz viel Special Effects. Der Fehler verrät natürlich einiges über die schlampig-wurschtige Herangehensweise. Trotzdem sollte all das, ein hübscher Titel sowie der Besetzungscoup, Liam Neeson und Ralph Fiennes zum ersten Mal seit "Schindler's Liste" wieder zusammen auf der Leinwand, schon für einen interessanten Film ausreichen, oder? Tut es aber nicht.

Alle Bilder: Warner Bros.

Zur Zeit frisst das Kinopublikum trotzdem ohne draufzugucken alles, was ihm von den Verleihern vorgesetzt wird, vorausgesetzt, es steht fett "3 D" drauf, und es werden vor dem Kino Brillen verteilt. Daher überrascht es auch nur mäßig, wenn gemeldet wird, dass "Kampf der Titanen" einen neuen Kinorekord in 3-D aufgestellt hat. Am ersten Wochenende gab es 61,4 Millionen Dollar Einnahmen und den Spitzenplatz der US-Kinocharts. Noch nie, heißt es, habe ein Film an den zwei amerikanischen Osterfeiertagen mehr Geld in die Kassen eingespielt.

Es ist schon erstaunlich, wie leicht und schnell und mit welch plumpen Mitteln sich die gleichen Menschen, die immer über zu hohe Eintrittspreise klagen, für den 3-D-Schmarrn jetzt plötzlich ohne zu murren bis zu einem Drittel erhöhte Eintrittspreise zahlen. Es mag ja sein, dass 3-D dem Kino etwas hinzufügt. Bemerkenswert bleibt, dass das alle mit fassungslos offenem Mund konstatieren, aber keiner von den Verlusten spricht: Keine Magie, keine Erotik haben diese kalten aufgeblasenen Filme. Aber der Mensch ist, das wusste schon Kant, aus krummem Holz geschnitzt und hat schon Schlimmeres überstanden…

Bis zum Erbrechen

Trotzdem zu 3-D in diesem Fall noch gleich eine wichtige konkrete Anmerkung, verbunden mit der beliebten Spoilerwarnung: Wer sich die Enttäuschung nicht verderben lassen will, sollte diesen Absatz besser überspringen. Dieser Film ist nämlich, auch wenn er so beworben wird und alle ihre hoffentlich frisch geputzten und desinfizierten Brillen im Kino aufsetzen dürfen, kein 3-D-Film! Er ist nämlich nicht auf 3-D gedreht!! Na so etwas. Ist das überhaupt erlaubt? Offenbar schon. Der Film wurde erst nachträglich in das Format konvertiert. Tiefenschärfe fehlt daher, und die sogenannten "3-D-Effekte" sind schon technisch schlecht bis zur Lächerlichkeit.

Darum hat es seinen guten Grund, wenn die "Berliner Zeitung" dieser Tage Tips "zur Vermeidung von Unwohlsein" gibt. Denn viele Zuschauer klagen im Kino über schlimme Schwindelgefühle und Schweißausbrüche - das was man landläufig Seekrankheit nennt. "Das kann bis zum Erbrechen gehen", meldet die Zeitung besorgt. Und weiter: "Zur Vermeidung von Unwohlsein raten Experten beim Ansehen von 3-D-Filmen zeitweise ein Auge abzudecken oder beide Augen zu schließen, beziehungsweise den Blick auf statische Elemente zu richten, die Saaldecke zum Beispiel." Das klingt schon mal gut. Vielleicht sollte man einfach gar nicht erst in den Film gehen und stattdessen - zur Vermeidung von Unwohlsein - ein paar Bier trinken.

Natürlich werden trotzdem alle jetzt in "Kampf der Titanen" rennen. Aber es kann hinterher keiner behaupten, er sei nicht gewarnt worden.

Der Godzilla der Antike

Perseus und Andromeda - im Prinzip ist es dieses Märchen aus den uralten Zeiten der frühgriechischen Mythologie, um die es hier geht. Für uns Deutsche hat sie immer noch am schönsten Gustav Schwab in seinen "Sagen des klassischen Altertums" nacherzählt: Ein junger Halbgott, Frucht einer der unzähligen Liebesbeziehungen des Göttervaters Zeus, zieht aus, um Heldentaten zu vollbringen.

Bekämpft vom "neidischen Geschick" (Schwab) und vor allem den anderen Göttern, die mit Zeus irgendein Hühnchen zu rupfen haben, gelingt es ihm am Ende doch noch, sogar die schlimmsten, übermenschlichen Gegner zu besiegen: Jene Gorgone Medusa, deren direkter Blick jedes Wesen in Stein verwandelt, besiegt er mit Hilfe eines zum Spiegel umfunktionierten Kampfschildes. Und das abgeschlagene Medusenhaupt dient ihm dann dazu, das riesige Meeresungeheuer Ketos, eine Art Godzilla der Antike, ein für alle Mal auszuschalten, in einen Fels zu verwandeln und dadurch die bedrohte Schönheit Andromeda zu retten.

Perseus ist also keineswegs ein zweiter Herkules, ein Schlagetot, der einfach stärker ist als seine Gegner, sondern vielmehr ein trickreicher, findiger Techniker, der Werkzeuge benutzt und Vorhandenes umfunktioniert - ganz eindeutig eine Figur der Aufklärung, wie sie Francis Bacon gefallen müsste.

Zahllos sind in 2000 Jahren Kulturgeschichte die Erzählungen und Gemälde zur Motivik des Perseus, aber auch der Andromeda und der Medusa. Auch eine Verfilmung gibt es: Ray Harryhausens "Clash of the Titans" von 1981, in dem immerhin Lawrence Olivier als Zeus und Ursula Andress als Aphrodite zu sehen sind - schon ob dieser Besetzung ist der Film Kult; aber auch die seinerzeit großartigen, heute rührend absurd wirkenden Stop-Motion-Tricks (Plastik- und Pappmachefiguren wurden Bild für Bild aufgenommen und dabei bewegt) tragen dazu bei, dass der Film unvergessen ist.

Hausvater Zeus

Optimisten können nun hoffen, dass Louis Leterrier's Harryhausen-Remake, das 3-D-Spektakel "Kampf der Titanen", in der Lage ist, diesen Stoff nun auch der Computerspielgeneration näher zu bringen und ein wenig erzieherische Basisarbeit zu leisten. Genaugenommen ist die Abstraktionsleistung hier nämlich hoch: Man muss akzeptieren, dass es zahllose Götter, Halbgötter und Mischwesen wie Gorgonen und Ungeheuer gibt, dass deren Charakter nicht weniger launisch und menschlich-allzumenschlich ist, wie unser eigener.

Sie lügen und betrügen, führen Krieg gegeneinander. Da sieht man's mal. Nun hatte das alles immer noch Sinn und Verstand, wenn einer wie Lawrence Olivier den Zeus spielt, ihm eine intellektuelle Überlegenheit gibt, nicht nur das Hausvatertum eines x-belieben Papas, das dieser Zeus in Gestalt von Liam Neeson erhält, was sicher manch einer als besonders "menschlich" auslegen wird, aber eigentlich nur blöd und bieder ist.

Regimechange im Olymp

Andererseits nimmt sich "Kampf der Titanen" nicht einfach nur legitime erzählerische Freiheiten, sondern macht einfach, was er will. Er macht aus interessanten, widersprüchlichen Figuren durchschnittliche amerikanische Superhelden mit 08/15-Problemchen, eine Art antiker Liga der außerordentlichen Gentlemen mit Männerbundumgangsformen, denen sich auch die Frauen anzupassen haben - etwa Io, die darum in ihrer schwarzgrünen Neue-Werte-Ernsthaftigkeit weniger modern ist als die hedonistisch wild fremdknutschenden und -gehenden Göttinnen im Olymp.

Unter den guten Menschen ist man wie in einem Werbefilm der US-Marines ein freundschaftliches Team ohne ernsthafte Konflikte, man kämpft nicht für sich, sondern will - wie langweilig - für alle Menschen im Himmel einen Regimechange einführen, den bösen Diktator Hades verhindern und dafür einen guten Diktator namens Zeus stützen. Und klar, wo gehobelt wird, da fallen Späne. Sam Worthington als Perseus sieht sowieso in allen seinen Filmen aus, als sei er einem Rekrutierungsclip entsprungen: Ein Muskelpaket mit naiven Gesichtsausdruck, dem bereits mit Anfang 30 die Haare ausfallen.

Sterbliche Macher, sterblicher Film

Obwohl dieser Film völlig unabhängig von "Avatar" gedreht wurde, gibt es einige bemerkenswerte Ähnlichkeiten zu Camerons 3-D-Spektakel: Wieder spielt Sam Worthington (als Perseus) ein Wesen, das halb menschlich, halb etwas anderes ist und sich in eine Vertreterin der anderen Seite verliebt: Die Halbgöttin Io (Gemma Arterton), die in der Story eigentlich nichts zu suchen hat, hier aber hineingeschrieben wurde, um das Ganze offenbar ein wenig aufzupeppen, erscheint Andromeda doch eher am Rand.

Nur ist der Film an alldem denkbar desinteressiert und spult seine Geschichte eher chaotisch als mit irgendeinem spürbaren Interesse herunter – ja, er ist sogar bildungsfeindlich, denn während in jedem X-beliebigen andern Fantasy-Spektakel die Figuren zumindest knapp eingeführt und benannt werden, erfährt man hier nicht einmal die Namen der Götter. Eine Frau mit einer Eule in der Hand - wer erkennt sie wirklich als Athene?

Medusa sieht aus wie das Calvin-Klein-Model Natalia Vodianova - dafür ohne den alten Charme von Harryhausens ohne Computer entstandenen 2-D-Tricks. Weil das keiner glaubt, werden trotzdem viele ins Kino gehen, und es erst dann weitererzählen. Darum dürfte der Film Anfangs ein leidlicher Erfolg werden, um dann in Vergessenheit zu versinken wie das Ungeheuer im Meer.

Dem Zuschauer bleibt olympisches Gelächter. Denn gute Kino ist unsterblich wie die griechischen Heldensagen - "Kampf der Titanen" dagegen ist so sterblich wie seine Macher und Akteure.

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