Der Auszug aus dem Irak..
..und der Umzug der amerikanischen Militärmaschine nach Afghanistan: "Größer als Hannibal"
Der Irakkrieg begann vor sieben Jahren mit Lügen, er endet mit gigantischen Kosten, unübersichtlichen innerpolitischen Verhältnissen, in denen der Griff zu Bomben nach wie vor üblich ist, einem ungewollten Profiteur, Iran, und einem Auszugsmanöver, das mit Superlativen beschrieben und mit Feldzügen von Alexander dem Großen und der elefantesken Alpenüberquerung Hannibals verglichen wird, nicht untypisch für das Land der unendlichen Möglichkeiten, das derzeit wie vielleicht niemals zuvor seine Beschränktheit erfahren muss. Das gilt auch für den "Auszug" aus dem Irak, der gleichzeitig in erheblichen Teilen ein Umzug von Truppen und Material nach Afghanistan ist. So gigantisch das Unternehmen ist, so sehr zeigt es auch die Grenzen der Supermacht auf. Auch der Abzug, "in seiner Größe und in seinem Umfang ohne Vorläufer" ( Lt. Gen. James Pillsbury) ist relativ: Auch nach 2011 wird die USA noch eine gewichtige Präsenz im Irak zeigen. Der Auszug ist also kein echtes Ende, sondern nur ein Einschnitt, ein Umrandungsproblem für Historiker. Für gegenwärtige Leser ohne Periodisierungsprobleme bietet der Schnitt Anschauungsmaterial in Hülle und Fülle darüber, was aus der Neo-Con-Konzeption des schlanken Krieges sieben Jahre später geworden ist.
![]() |
|
| Bild:www.defense.gov |
Nach Beschluss des US-Präsidenten Obama sollen bis Ende August dieses Jahres 50 000 Soldaten, etwa die Hälfte der im Irak stationierten amerikanischen Soldaten, abgezogen sein. Bis Ende 2011 soll die gesamte amerikanische Streitmacht ("all American forces") das Land verlassen haben – selbstverständlich muss man hier mit erheblichen interpretatorischen Freiräumen rechnen. Zum Abzug aus dem Irak kommt die Truppenaufstockung in Afghanistan, der Umzug von Truppen und Material nach Afghanistan. Ein Mehraufgebot von 30 000 Soldaten soll die US-Truppen in Afghanistan auf etwa 100 000 (ungefähr die jetzige Stärke der US-Streitkräfte im Irak) aufstocken. Viel Mannschaft und Gerät dafür kommt aus dem Irak.
Die Umzugsrouten
Schon die Routen, die man für diesen Umzug ins Auge fasst, veranschaulichen den logistischen Aufwand des Unternehmens, dem man in amerikanischer Lockerheit ein entsprechendes Etikett schon auf den lastenbeschwerten Rücken geklebt :hat: "March Madness". Die Standardroute für den irren Treck verläuft über den Süden Iraks nach Kuweit, von dort per Schiff durch den persischen Golf und die Straße von Hormuz zur pakistanischen Hafenstadt Karachi und dann über Land nach Afghanistan.
Taliban und Straßenräuberguerilla aller Art dürften ihre Freude an diesen Karawanen haben. Möglicherweise ist auch ein weiteres gutes Geschäft für afghanische Sicherheits-Unternehmer mit besten Kontakten zu den Taliban drin (so gibt es ein ehemaliges afghanisches Kabinettsmitglied mit guten Verbindungen zur amerikanischen Regierung und zu den eigentlichen Herrschern in Afghanistan, den Taliban, was den Mann, der über keinen einzigen Lastwagen verfügt, einen 360 Millionen Dollar-Vertrag für den Transport von militärischen Gütern eingetragen hat). Ob das GPS-Betaggen jedes US-Militärtrucks und die geplante 24 Stunden Video-Überwachung gegen Verluste schützt, wird sich zeigen.
Da sich diese Route in der Vergangenheit schon mehrmals als riskant und verlustreich (und auch in den letzten Tagen) erwies, gibt es eine Alternativroute, die den deutschen Verteidigungsminister, und vor allem die deutschen Soldaten, in eine Situation bringen könnte, für die die Umgangssprache ein Wort hat, das wie "Krieg" mit "K" anfängt - oder mit "Sch": Der Weg über die Türkei, durch Georgien und Aserbaidschan, per Schiff über das kaspische Meer nach Kasachstan, Usbekistan und schließlich Nordafghanistan.
|
|
Die Ladung
Die Dimension der Ladung ist hollywoodoid: Etwa eine Million Ausrüstungsgegenstände, "Pieces of Equipment", größeres Gerät wie Panzer und Panzerfahrzeuge, aber auch Kaffeemaschinen und anderes Kleinzeug, sollen vom Irak nach Afghanistan transportiert werden. Ein beeindruckendes Großformat, das an epische Austattungsfilme denken läßt, an Comics oder hochkulturell an historische Ikonen:
Als Hannibal versuchte, die Alpen zu überqueren, musste er eine gewaltige logistische Bürde bewältigen, aber es war nichts im Vergleich zur Komplexität, mit der wir es nun zu tun haben
![]() |
|
| Bild: www.defense.gov |
Insgesamt sollen - je nach Informationsquelle - 3,1 Millionen, 2,8 Millionen oder doch nur 1,5 Millionen Ausrüstungsteile ("88,000 containers and 41,000 vehicles") aus dem Irak abgezogen werden.
The "magnitude and scope of the Iraq drawdown is unprecedented," Pillsbury said, noting that there are more than 341 facilities; 263,000 soldiers, Defense Department civilians and contractor employees; 83,000 containers; 42,000 vehicles; 3 million equipment items
Die Zahlen mögen differieren, das Ausmaß des Auszugs, der 60 Prozent des Equipments im Irak betreffen soll, wird, wie so oft schon bei der Irak-Mission, in historischen Großbuchstaben geschrieben, die die Sicht auf kleine Ungereimtheiten zur Erbsenzählerei degradieren:
This is the largest operation, that we've been able to determine, since the build-up for World War II.
Wasser, Hamburger, Minigolf, Schutzmauern, Bestechungsgelder und anstrengungsloser Wohlstand
Doch stellen manche kleinere Zahlen größere Fragen. Zwar kann auch der spitze, konditionstarke und unbestechliche Kritiker der US-Kriege, Tom Engelhardt, in seiner Zwischenbilanz nicht von gigantomanischen Chiffren absehen, weil sie von einer Besatzung erzählen, deren Bizarrheit größer ist als man sich "Life in Eirak" ohnehin schon vorstellte: "The numbers from Iraq are simply out of this world". Aber er rückt neben den Unsummen, die für große Mengen importierten Sands aus den Vereinigten Emiraten, nötig für den Bau von teueren Schutzmauern ("blast walls") und Straßen, ausgegeben wurden, für Wasser, Hamburger und Komfortin den Militärbasen, für Mini-Golf-Anlagen, für Bestechungsgelder (eine Milliarde Dollar sollen US-Kommandeuren dafür in den Kriegszonen, also Irak und Afghanistan, jährlich in Cash zur Verfügung stehen) und den Unterhalt der immens teuren Botschaft (1,8 Milliarden Dollar Kosten für 2010 und 2011), auch jene Posten und Fragen in den Vordergrund, über die die großen Abzugsgesten hinwegwischen: Was bleibt an Militärbasen stehen?
Die offizielle Rede ist von 350 "Forward operating facilities", die im Irak aufgelöst werden sollen. Doch was geschieht mit den den großen Militärbasen, den zehn "Mega-Bases"? Sie werden, so Engelhardt, im Umzugsplan nicht erwähnt. Größere Unklarheit herrscht auch über den Abzug der privaten Vertragspartner, die im Irak nach wie vor mit mehr als 100 000 Mann Angestellten vertreten sind und anscheinend mitunter "anstrengungslos" zu einigem Wohlstand kommen, wie der der Bericht eines Pentagon-Inspekteurs notiert:
KBR, of Houston, has the largest service contract, $38 billion, for logistic services including equipment maintenance, feeding troops, and other work.
A recent Pentagon inspector general report found that KBR contractors were billing the government for 12 hours in doing truck maintenance, but in reality were working an average of 1.3 hours — a waste of $21 million. The report also found that KBR could save $193 million if it drew down its workforce faster, according to an audit by the Defense Contract Audit Agency.
![]() |
|
| Bild: www.defense.gov |
Frappierendes Spiegelbild
Welchen Schluss man auch immer aus diesem Zahlenkomplex zieht, sicher ist, dass die siebenjährige amerikanische Besatzung wesentlichen Voraussagen und Konzeptionen der neokonservativen Kriegsplaner widerspricht. Diese Art der aufwendigen Kriegsführung – "die ein frappierendes Spiegelbild zur Gesellschaft abgibt, aus der sie kommt" - wird nun in Afghanistan fortgeführt. Trotz Schuldenlasten und Wirtschaftskrise und kärglichen Ergebnissen, was die vorgegebenen militärischen Ziele anbelangt.
Vast piles of money and vast quantities of materiel have been squandered; equipment by the boatload has been used up; lives have been wasted in profusion; and yet the winners of our wars might turn out to be Iran and China. The American way of war, unfortunately, has the numbers to die for, just not to live by.
- Link - Sonst is es nicht passiert (27.4.2010 1:17)
- Re: Jaja, rein schon... (9.4.2010 21:47)
- Jaja, rein schon... (9.4.2010 9:38)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.
Aktive und passive Alien-Artefakte im Sonnensystem
SETA - Spurensuche nach dem extrasolaren Monolithen - Teil 2



