Ritt in die Freiheit

16.05.2010

Das Dritte Reich im Selbstversuch - Teil 5

Heute auf dem Programm: Ein Fähnrich will nicht mehr singen. Willy Birgels Liebe zu einer schönen Russin endet tragisch. Die Ulanen retten Polen. Das alles ist bei uns verboten. Warum? Nichts Genaues weiß man nicht.

Teil 4: Nicht ohne die Gestapo, oder auch: Ich will meine Mutter wiederhaben!

Einer der witzigsten und originellsten Filme des Dritten Reiches (Meckerer werden einwenden, dass sich die Konkurrenz in Grenzen hielt) ist Der Mann, der Sherlock Holmes war (1937). Der Regisseur, Karl Hartl, zählt zu den erfreulicheren Exponenten des NS-Kinos. Vielleicht liegt das daran, dass der Wiener Hartl (geboren 1899) noch etwas von der Toleranz des habsburgischen Vielvölkerstaates mitbekommen hatte und es ihm nicht lag, den Hass auf die "Fremdrassigen" oder sonstige Feinde des Regimes zu schüren. 1938, nach dem Anschluss Österreichs, wurde er Produktionsleiter bei der Wien Film, einem staatlich angeordneten Konglomerat aus verschiedenen österreichischen Produktionsfirmen. Die unter seiner Leitung entstandenen Werke gelten als weitgehend propagandafreie Unterhaltung. Es überrascht deshalb, dass Hartl einen der noch heute verbotenen Propagandafilme gedreht hat. Möglicherweise haben sich auch die Mitarbeiter von filmportal.de gewundert, denn da wird Ritt in die Freiheit (Uraufführung: 14.1.1937) nicht als Vorbehaltsfilm geführt. Bei der Murnau-Stiftung dagegen schon. Und wenn die Stiftung als Rechteinhaberin einen Film unter Vorbehalt stellt, ist er praktisch verboten. Hartl hat also Pech gehabt.

Der Mann, der Sherlock Holmes war

Polnische Dörfer

Leider hält es die Stiftung nicht für erforderlich, die Aufnahme eines Films in die Giftliste zu begründen. Mir ist nur die sehr allgemein gehaltene Mitteilung bekannt, dass sich das zuständige Kuratorium der Stiftung die Entscheidung nicht leicht macht und ominöse "Sachverständige" zuzieht, bevor es ein Urteil fällt. Zu so einem Meinungsbildungsprozess, würde ich vermuten, gehört auch, dass man sich den fraglichen Film mal anschaut. Dem Kuratorium und seinen Sachverständigen würde ich nie unterstellen, dass sie das nicht gemacht haben. Daher nehme ich an, dass diese Damen und Herren bisher die auf der Website der Stiftung angebotene Inhaltsangabe nicht gelesen haben. Sie hätten sonst bestimmt ein paar Änderungen angeregt. Ich würde nämlich darauf wetten, dass die Person, die das geschrieben hat, Ritt in die Freiheit nie gesehen, sondern den Text auf Grundlage einer bereits bestehenden Inhaltsangabe verfasst hat. Man merkt das daran, dass der Autor/die Autorin aus den ihm/ihr zur Verfügung stehenden Informationen Schlüsse zieht, die so nicht stimmen. Mir ist das auch schon passiert. Darum gebe ich nur noch Inhaltsangaben von Filmen, die ich gesehen habe. Man blamiert sich sonst sehr leicht.

Ritt in die Freiheit

"Propagandistischer Geschichtsfilm. Polen im Jahre 1831:", teilt die Stiftung mit. Knapp vorbei ist auch daneben. Am Anfang des Films gibt es eine Texttafel: "Ort und Zeit der Handlung: Im Gouvernement Grodnow 1830". Ausgehend von der Nationalität der meisten Sympathieträger könnte man durchaus vermuten, dass der Film in Polen spielt. Grodnow ist aber ein Ort in Weißrussland (immerhin in der Nähe der polnischen Grenze). Das ist sogar sehr wichtig. Polen wurde im Laufe seiner Geschichte mehrfach geteilt, wobei sich die Nachbarn jeweils ein Stück einverleibten. Eines dieser Teile, das "Königreich Polen", wurde beim Wiener Kongress von 1814/15 dem russischen Zaren unterstellt, sollte aber weitgehend autonom bleiben. Durch die russische Verwaltung wurde diese Autonomie immer weiter ausgehöhlt, was schließlich zum gescheiterten Novemberaufstand von 1830 führte. Dieser Aufstand bildet den Hintergrund des Films. Darum 1830. Die Stiftung hat sich im Land und um ein Jahr geirrt.

Zur Propaganda im NS-Kino gehören auch die Filmprogramme. Sie sagten dem Zuschauer, wie er einen Film verstehen sollte. Das kann sehr wirkungsvoll sein. Oft fiel die schriftliche Zusammenfassung der Handlung viel martialischer aus als der Film selbst. Hier der Anfang der Inhaltsangabe zu Ritt in die Freiheit im Illustrierten Film-Kurier:

1831! - Noch ist Polen Königreich mit einer eigenen Armee! Aber der Zar aller Reußen ist König von Polen, und schwer liegt die russische Faust auf Polen seit der letzte polnische Aufstand in Blut erstickt wurde.

Ein Aufstand, in Blut erstickt. Sowas macht sich gut. Da weiß man gleich, wie schlimm die Russen sind. Auch die Murnau-Stiftung weiß von diesem Aufstand. So ein Zufall. Nur im Film selbst, da hat er gar nicht stattgefunden. Graf Julek Staniewski (Willy Birgel) und Jan Wolski (Viktor Staal), zwei Rittmeister bei den polnischen Ulanen, warten keineswegs "nur auf den Tag, an dem die Polen sich erneut zum Aufstand erheben werden" (Stiftung), weil es diesen Aufstand eben nicht gegeben hat. Bei den nationalen Erhebungsfilmen der NS-Zeit ist das immer so. Das unterdrückte Volk besteht nicht aus Revoluzzern, die heute einen Aufstand machen und morgen wieder. Es erduldet alle Zwangsmaßnahmen, bis die Lage unerträglich wird und die Gequälten nicht mehr anders können, als aus purer Not den Versuch zu wagen, die Fremdherrschaft abzuschütteln. Das entspricht dem Bild, das die Nazis gern von sich selbst zeichneten: friedliebende Leute, die durch ausländische Aggressoren gezwungen werden, sich zur Wehr zu setzen. Schuld waren stets die anderen.

Grotesker Höhepunkt dieser Propagandabemühungen war Hitlers im Radio übertragene Reichstagsrede vom 1. September 1939, in der er den Einmarsch der Wehrmacht in Polen damit begründete, dass Polen Deutschland angegriffen habe ("Seit 5:45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen!"). Wahrscheinlich glaubten viele von Hitlers Zuhörern 1939 diesen Unsinn, weil es im Land der gleichgeschalteten Medien sehr schwer war, an unabhängige Informationen zu kommen. Eine Rolle spielten sicher die vielen Filme, in denen immer wieder die Geschichte vom unterdrückten Volk erzählt wurde, das sich gegen die ausländische Aggression wehren muss. Auch Ritt in die Freiheit ist da nicht ganz unschuldig. Mich wundert nur, dass die Murnau-Stiftung den Film in den NS-Giftschrank sperrt, dann aber nicht in der Lage ist, den Inhalt so zusammenzufassen, dass die Propaganda-Strategie deutlich wird.

Was tue ich, wenn ich ein anderes Volk unterdrücken will? Zuerst mache ich es wehrlos. Die Russen verteilen die besten Einheiten der polnischen Armee auf eigene Regimenter, und natürlich sind die außerhalb von Polen stationiert, damit sie ihren Landsleuten nicht helfen können. Wenn Grodnow in Polen läge, wie die Stiftung glaubt, könnte der Film da gar nicht spielen. Während es bei der Stiftung eine Vorgeschichte mit polnischem Aufstand gibt, hat sich der Film selbst für eine Vorgeschichte entschieden, die von der friedlichen Absicht der Polen zeugt. Jan Wolski hat sich vor Beginn der Handlung, noch zuhause in Warschau, in die Polin Janka Koslowska (Hansi Knoteck) verliebt, die ihm nun nach Grodnow folgt. Julek Staniewski hat in Paris die russische Prinzessin Katerina Tschernikoff (Ursula Grabley) kennengelernt und sich ebenfalls verliebt. Katerina hat zwei Gründe, von Paris nach Grodnow zu reisen: weil da Julek stationiert ist und weil ihr Bruder dort Gouverneur ist. Bei der Murnau-Stiftung darf sich Julek erst in Grodnow in Katerina verlieben - wahrscheinlich, weil er vorher mit diesem Aufstand beschäftigt war, den es nicht gab, statt sich in Paris herumzutreiben. Zurück zum Film: Fürst Tschernikoff will, dass Katerina in Petersburg einen russischen Adeligen heiratet. Aber Katerina liebt schon Graf Staniewski. Das ist die Ausgangslage.

Der Film braucht ein paar Minuten für diese Exposition. Sie wird auch nicht so schlicht präsentiert, wie ich das hier gemacht habe, weil man sonst gleich merken würde, worum es geht. Ein Pole und eine Polin verlieben sich daheim in Polen. Ein Pole und eine Russin verlieben sich im Ausland. Eine der beiden Liebesbeziehungen ist vom Anfang an zum Scheitern verurteilt. So will es die Nazi-Ideologie. Welche wird das wohl sein? Genau. Die Frage ist nur noch, warum Julek und Katerina nicht zueinander kommen können. Wenn man Jans Beziehung zu Janka weglässt wie die Stiftung, hat man die dramaturgische Struktur zerstört und ein Stück von der Ideologie entfernt.

Freiheitskampf

Die polnischen Ulanen versuchen so gut wie möglich, sich in das russische Kosakenregiment, dem sie zugeteilt wurden, einzugliedern. Julek gelingt das besser als seinem Freund Jan. Der Film beginnt mit einem Pistolenduell zwischen Jan und dem russischen Rittmeister Saganoff. Jan könnte Saganoff töten, begnügt sich aber damit, ihn in die Hand zu schießen. Solche Duelle hat er öfter. Schuld sind immer die Russen, weil sie saufen und dann beleidigende Sachen über die Polen sagen. Aber weder Jan noch Julek warten ungeduldig auf das Signal zum (ersten) Aufstand. Sie wissen nämlich gar nicht, was zuhause in Polen vor sich geht, weil es in der Garnison von Grodnow (oder auch in Nazi-Deutschland) eine strenge Zensur gibt. Oberst Bobrikoff, der russische Regimentskommandant, lässt alle Briefe aus der Heimat verbrennen, in denen von Unterdrückung die Rede ist. Das ist das altbewährte Nazi-Verfahren: Man schiebt den anderen in die Schuhe, was man selber tut.

Ritt in die Freiheit

Der ganze Film ist in Oppositionen aufgebaut, ohne dabei so schematisch zu werden wie etwa Friesennot. Während der Draufgänger Jan früh am Morgen seine Duelle ausficht, reitet der bedächtigere Julek zu der Zeit mit Katerina aus. Das gefällt weder Katerinas Bruder noch Juleks Freund. Jan Wolski redet ihm ins Gewissen und warnt Julek davor, in eine russische Familie einzuheiraten. Ohne es selbst zu merken, werde er nach und nach vergessen, dass er ein Pole ist. Julek glaubt das nicht: "Auch wenn ich diese Russin heirate, werde ich immer zu euch gehören wie bisher. Auf mich könnt ihr immer rechnen." Recht hat natürlich Wolski. Das wird der weitere Fortgang der Geschichte beweisen.

Ritt in die Freiheit

Wie in Friesennot spitzt sich die Lage bei einem gemeinsamen Fest der beiden Parteien zu. Während aber das Fest in Friesennot zu einem Fall von dumpfer Haudrauf-Propaganda wird, macht Karl Hartl ein Glanzstück seines Films daraus. Im Palast des Gouverneurs wird ein prächtiger Ball gefeiert. Graf Staniewski ist bereits auf dem Weg dahin, als ein reitender Bote das Quartier der Polen erreicht. Er trifft nur Wolski an. Polen, so der Bote, sei in Aufruhr. Der dem Zaren geleistete Eid sei hinfällig. Er überbringe den Befehl der polnischen Regierung, sofort nach Warschau zurückzukehren. Und dann zählt er die russischen Schandtaten auf, die man bisher nur geahnt hat (und in einem anderen Film zu sehen bekäme, bei Hartl dagegen nicht, wodurch die Schlechtigkeit der Russen seltsam theoretisch bleibt):

In diesem Augenblick sterben in den Straßen von Warschau wehrlose Menschen. In diesem Augenblick schießen russische Soldaten auf unsere Männer, Frauen und Kinder. In diesem Augenblick kämpft unsere Heimat um die Freiheit, Herr Rittmeister. Seit unsere Soldaten fort sind, ist es unerträglich geworden zuhaus. Sie haben angefangen, uns ihre Macht spüren zu lassen. Sie haben uns schikaniert, wie sie nur konnten, sie haben uns gequält, getreten wie das liebe Vieh. Und wir haben uns gefügt, haben gekuscht um des lieben Friedens willen, haben uns nicht gerührt, bis es nicht mehr zu ertragen war, bis sie Kinder - Kinder, Herr Rittmeister! -, 14-jährige Buben nach Sibirien verbannt haben, wegen Hochverrats, weil sie polnische Lieder gesungen haben, auf zehn Jahre nach Sibirien verbannt, Herr Rittmeister. Da waren wir fertig mit unserer Geduld, da sahen wir Rot vor Augen und haben zurückgeschlagen, und Schufte wären wir gewesen, wenn wir’s nicht getan hätten.

So ähnlich hätte das auch der Drehbuchautor von Friesennot schreiben können. Es gibt nur Schwarz oder Weiß: entweder, man kämpft gegen die Feinde, oder man ist ein Schuft. Das ist Propaganda; in der Realität ist das nämlich meistens nicht so einfach. Ich kenne aber keinen Kriterienkatalog irgendwelcher Zensoren, der sich für so etwas interessieren würde.

Exkurs: Ideologie mit und ohne Uniform

Wolski eilt zum Gouverneurspalast, um seine dort versammelten Offizierskollegen zu informieren. Staniewski hat inzwischen den Mut gefunden, Katerina endlich seine Liebe zu gestehen. Sie liebt ihn auch. In der Inhaltsangabe der Stiftung gibt sie ihm ihr Ja-Wort. Das wäre vielleicht heute so, oder in einem Film aus einem anderen Land. Wir sind hier aber im NS-Kino. Da geht es patriarchalisch und hierarchisch zu. Der Film bringt beides unter, indem er den Gouverneur zu Katerinas Bruder macht. Also will Julek am nächsten Tag zum Gouverneur gehen und ihn um sein Ja-Wort bitten. Wer nach NS-Ideologie sucht, kann außerdem noch feststellen, dass der Bruder/Gouverneur Katerina gegenüber die Vaterrolle ausfüllt. Leibliche Eltern gibt es nicht. An ihre Stelle tritt in diesem Fall die Regierung. In Hitlerjunge Quex ist es die NSDAP.

Ich glaube nicht, dass diese Beziehungen unter den Figuren ein Grund für das Verbot von Ritt in die Freiheit waren. Auch Hitlerjunge Quex wäre nicht verboten, wenn man die NSDAP durch den Kleingartenverein oder die Heilsarmee ersetzen würde. An der Ideologie würde das aber rein gar nichts ändern (gemeint ist die vom Film transportierte Ideologie, nicht unbedingt die der Kleingärtner). Gegen einen verantwortungsbewussten Umgang mit dem NS-Filmerbe ist nichts einzuwenden. Sogar Verbote mögen angemessen sein, wenn sie gut begründet sind. Doch statt einer Begründung gibt es falsche Inhaltsangaben. Mein bisheriger Eindruck ist der, dass sich die ganze Verbieterei an der gut sichtbaren Oberfläche orientiert, an Uniformen und Parteiabzeichen. Das ist Kosmetik. Mit Verantwortungsbewusstsein hat es nichts zu tun.

Friesennot, Feuerzangenbowle, Hitlerjunge Quex, Die Entlassung

In einer früheren Folge dieser Reihe habe ich geschrieben, dass in der Rühmann-Komödie Die Feuerzangenbowle NS-Gedankengut enthalten ist. Diesen Film habe ich damals gewählt, weil er mir symptomatisch für unseren Umgang mit dem NS-Kino zu sein scheint. Hitlerjunge Quex preist ein Ideal von jungen Menschen an, die im deutschen Wald strammstehen und vom Opfertod des Soldaten träumen. Das ist verboten, weil es sich um die eine Nazifahne anhimmelnde Hitlerjugend handelt. In Ewiger Wald werden strammstehende Rekruten mit den Bäumen in einer Baumschule gleichgesetzt. Dieser "Dokumentarfilm" gilt allgemein als Propaganda, weil der Kommentar mit typischem Nazi-Pathos vorgetragen wird, weil sehr deutlich das Preußentum verherrlicht wird (Uniformen!) und weil es - in der ungekürzten Fassung - Hakenkreuze gibt.

In Wolfgang Liebeneiners Die Entlassung wird Bismarck als ein Vordenker von Adolf Hitler präsentiert, der - so die Botschaft - dessen Vermächtnis erfüllt. Einmal geht Bismarck mit seinem Stellvertreter im Wald spazieren. Das Gespräch dreht sich um Maßnahmen des Kaisers gegen die SPD, die Verbesserung der Lage der Arbeiter und die Lösung der "sozialen Frage". Wenn die Parteien keine Lösung wollen, sagt der Kanzler, muss man es eben ohne sie machen. Sein Pendant im Dritten Reich hatte das längst umgesetzt, als Die Entlassung (1942) im Kino lief. Er hatte alle Parteien außer seiner eigenen kurzerhand verboten. In dem Gespräch geht es auch um Bismarcks "Baumschule", eine Kaderschmiede für "gerade Bäume":

Sehen Sie sich das mal an. Ein Staat, der wächst nach denselben strengen Gesetzen wie die Natur. Wär’ doch schön, wenn man die Menschen auch so heranziehen könnte wie die Bäume.

Was wäre daran schön? Die strengen Gesetze der Natur: Nach dem Verbot der politischen Parteien sind wir damit beim Thema Sozialdarwinismus und "Rassenhygiene" gelandet. "Ein stark dem nationalsozialistischen Gedankengut verpflichteter Film", steht dazu bei filmportal.de. Das sehen nicht alle so. Die Entlassung war früher mal verboten, gilt inzwischen aber allgemein als eher nicht so propagandistisch, weil Bismarck schließlich von Kaiser Wilhelm II., dem Symbol des preußischen Militarismus, entlassen wurde. Außerdem war er ein Freund des Friedens. So wie Hitler, der 1942 schon seit drei Jahren Krieg führen musste, weil die anderen (keine "geraden Bäume") angefangen hatten und der gern Sachen sagte wie die Bismarck-Figur im Film. Die Entlassung ist von der FSK ab 12 Jahren freigegeben.

Hitlerjunge Quex - Ewiger Wald - Die Entlassung: In der Reihe dieser Baumschul-Filme des Dritten Reichs (es gibt noch andere, die Baumschul-Metapher legte bei den Nazis eine beachtliche Karriere hin) steht auch Die Feuerzangenbowle. Das dort präsentierte Ideal: "Disziplin muss das Band sein, das [junge Menschen] bindet - zu schönem geraden Wachstum!" Wenn das ein Bannführer der Hitlerjugend sagen würde, wäre es NS-Gedankengut. Es sagt aber ein junger, sympathisch wirkender Lehrer, der angeblich moderne Erziehungsmethoden vertritt (was ist daran modern?). Also ist Die Feuerzangenbowle - harmlose Unterhaltung. Weil ich das nicht glaube, gab es böse Kommentare.

Mir wäre es auch lieber, wenn Kinder nicht zum Volkssturm eingezogen worden wären, als der nette Dr. Brett in der Feuerzangenbowle ihre Altersgenossen zu "geraden Bäumen" erzog. Von mir aus können Heinz Rühmann und sein Lehrer aber ihre FSK-Freigabe (ab 6) behalten. Ein Leser wollte wissen, ob die Version der Feuerzangenbowle, die man auf DVD kaufen kann, eine "entnazifizierte" Fassung sei. Das finde ich gar nicht so wichtig. Die Praxis zeigt, dass es sich bei den meisten "Entnazifizierungen" um kosmetische, an der Oberfläche bleibende Operationen handelt. Menschen als "gerade Bäume" sind eine Lieblingsidee der Nazis, ob in der Schule eine Hakenkreuzfahne hängt oder nicht. Wir tendieren aber dazu, solches NS-Gedankengut zu übersehen, wenn die primären Erkennungsmerkmale (Fahnen, Uniformen, Führerbilder) fehlen.

Eine Figur mit Nazi-Dialogen ergibt noch keinen NS-Propagandafilm. Vielleicht ist Die Feuerzangenbowle insgesamt unpolitisch oder sogar subversiv (obwohl: die Familienverhältnisse sind auch sehr interessant, wenn man sie mit Hitlerjunge Quex vergleicht). Man kann aber nur darüber nachdenken, wie und zu welchem Zweck die NS-Propaganda in einen Film integriert ist, wenn man weiß, wo sie steckt. In Vorbehaltsfilmen sprechen Leute in Uniform oder in eindeutig propagandistischen Zusammenhängen Dialoge, die ganz ähnlich klingen wie das, was an sich sympathische Figuren in so mancher Komödie sagen. In der Komödie rutscht das schnell mal durch, weil Dr. Brett kein Parteiabzeichen am Revers trägt (dafür bringt er schöne neue Landkarten in den Erdkundeunterricht mit). Ist das dann (besser getarnte) Propaganda oder etwas anderes? Diese Frage sollten wir uns stellen. Das wird sehr schwer, wenn der Vergleich fehlt, weil das Offensichtliche verboten ist. Umso wichtiger ist es, solche - durchaus folgenreichen - Verbote gut zu begründen. Kehren wir also nach diesem Exkurs in die deutsche Baumschule zum Polen Julek zurück, der seine Katerina nicht heiraten kann, weil sie eine Russin ist. Emil Jannings’ Film-Bismarck in Die Entlassung wüsste gleich, dass das mit den "strengen Gesetzen der Natur" zu tun hat. Karl Hartl, dem Regisseur von Ritt in die Freiheit, scheint das weniger wichtig gewesen zu sein. Sein Film ist verboten, Die Entlassung nicht.

Lust am Untergang

Julek und Katerina haben sich also auf dem Ball ihre Liebe gestanden und vereinbart, dass der Graf tags darauf beim Gouverneur um die Hand seiner Angebeteten anhalten wird. Dann kommt Wolski. Er ist entschlossen, noch in dieser Nacht nach Polen zu reiten. Er und die anderen Offiziere wollen sich in einem Pavillon versammeln. Staniewski soll so bald wie möglich nachkommen. Aber der weiß nicht, was er tun soll, ist wie paralysiert und bleibt erst mal auf dem Ball, weil Katerina ihm den nächsten Tanz versprochen hat (schon ist er ein Schuft). Inzwischen erhält auch der Gouverneur die Nachricht vom Aufstand in Warschau und trifft geheime Vorkehrungen. Nun folgen einige furiose Filmminuten.

Ritt in die Freiheit

Während Staniewski mit Katerina die versprochene Mazurka tanzt, warten seine Kameraden im Pavillon auf ihn. Schließlich brechen sie ohne ihn auf. Zu spät. Auf einer Brücke werden sie von Saganoff und den Kosaken abgefangen. In Parallelmontagen würden wir, wenn wir es dürften, abwechselnd den Kampf zwischen Ulanen und Kosaken und den ausgelassenen Tanz im Gouverneurspalast sehen. Dieser Tanz ist mit der gleichen Verve in Szene gesetzt wie die Fechtszenen. Das ist ziemlich gut gemacht, und ich beschreibe hier auch einen ziemlich guten Film. Darf ich das sagen, wo er doch verboten ist? Ich mag auch den Frauenversteher Willy Birgel als Graf Staniewski, der lieber mit Katerina ausreitet und mit einer Blume im Zaumzeug seines Pferdes wiederkommt, statt sich mit anderen zu prügeln. Wahrscheinlich bin ich ein Weichei. Viktor Staal, der meistens irgendwie germanisch wirkende Männer spielte, mag ich nämlich weniger, und seinen Jan Wolski, den schneidigen Offizier mit dem selbstgefälligen Heroismus, im Grunde auch nicht. Bemerkenswert daran finde ich, dass das Drehbuch eindeutig auf Wolskis Seite ist, Hartls Inszenierung aber nicht. Sie bleibt den beiden Rittmeistern gegenüber bestenfalls neutral. Man muss sich also selber überlegen, wen man lieber hat, wenn überhaupt.

Vier von den polnischen Offizieren werden beim Kampf mit den Kosaken getötet. Oberleutnant Malinowski und Fähnrich Milewski geraten in Gefangenschaft. Wolski kann fliehen und sich in Staniewskis Quartier verstecken. Dort erfährt er die bittere Wahrheit. Sein Freund wurde nicht von den Russen festgehalten, er blieb freiwillig auf dem Ball: "Wegen dieses Frauenzimmers hast du uns in die Säbel der Kosaken laufen lassen. Feige bist du gewesen. Angst haben Sie gehabt, Herr Graf!" Ob feige oder nicht: Staniewski ist jetzt schuld am Tod der vier Polen, die zu lange auf ihn gewartet haben. Wolski ergibt sich (warum eigentlich?), wird zusammen mit Malinowski und Milewski von einem Standgericht zum Tod durch den Strang verurteilt. "Ein ehrloses Verhalten verdient einen ehrlosen Tod", sagt der Oberst.

Staniewski soll besser nicht erfahren, dass der Strick auf seine Kameraden wartet. Er weiß auch nicht, dass das wegen der Meuterei als entehrt geltende Regiment bald nach Warschau abrücken wird, um sich durch die Niederschlagung des Aufstandes zu rehabilitieren (sicher werden sie da ganz schlimme Sachen machen, nur irgendwie traut man es diesen Russen nicht zu - dafür müssten sie wenigstens mal eine Kostprobe ihrer sadistischen Grausamkeit geben). Staniewski selbst soll mit den beiden polnischen Schwadronen nach Kiew verlegt und da - noch weiter weg von seinen hilfsbedürftigen Landsleuten - befördert werden, weil er nicht mitgemacht hat.

Nicht jeder ist so ein Held wie Rittmeister Wolski. In der Todeszelle meint Oberleutnant Milewski, dass sie besser erst mal nachgedacht und einen Plan gemacht hätten, statt gleich losreiten zu wollen. Fähnreich Milewski findet, dass alles sinnlos war: "Was haben wir erreicht? Nichts. Wem haben wir genützt? Niemand." Wolski gibt das die Gelegenheit zu einer Hauruck-Rede:

Ein Gedanke wird weiterleben. Der Gedanke an Polen. Der Wille, frei zu werden. Es wird vielleicht noch lange dauern. Jahre. Jahrzehnte. Und wer weiß, wie viele Unzählige noch daran glauben müssen. Aber wenn nur einer von diesen durch unser Beispiel, durch unsere Entschlossenheit, durch unseren Mut den Ansporn bekommt, dasselbe zu tun, auch sein Leben aufs Spiel zu setzen, dann ist unser Tod, der schimpfliche Tod am Galgen, nicht sinnlos gewesen, Fähnrich. Dann haben wir auch unser Teil dazu beigetragen, wenn eines Tages der letzte Russe über die Grenze gejagt wird und Polen frei ist.

Da ist sie wieder, die Lust am Untergang. Jetzt wissen wir auch, warum sich Wolski zur Überraschung der Russen ergeben hat. Normalerweise müsste man sagen: Er lässt sich gefangennehmen, obwohl das seinen Tod bedeutet. In der Nazi-Welt ergibt man sich, weil es den Tod bedeutet. Wenn das ein amerikanischer Film wäre, würde Wolski etwas sagen wie: "Wir werden sterben, aber andere werden unseren Freiheitskampf fortsetzen und da Erfolg haben, wo wir gescheitert sind." Die Freiheit Polens kommt hier auch vor, allerdings erst ganz zum Schluss, als ein Versprechen in ferner Zukunft. Bis dahin geht es um etwas anderes. Durch den (imaginierten) Tod Wolskis und seiner Kameraden soll "einer von diesen" - also einer von den vielen Unzähligen, die noch daran glauben müssen - dazu animiert werden, sich auch umbringen zu lassen. Das in diesen etwas verschachtelten Dialogsätzen ausgegebene Ziel ist nicht der Freiheitskampf, sondern das Sterben. Nun muss man mit dem Rittmeister nicht einer Meinung sein. Karl Hartl scheint sich das auch gedacht zu haben. Malinowski und Milewski bekunden zwar, dass sie - aufgerüttelt von der tollen Rede - tapfer sterben wollen, weil das so im Drehbuch steht; die Zustimmung jedoch hätte sich ein bisschen euphorischer inszenieren lassen. "Das hast du sehr schön gesagt, Jan", lobt Malinowski, und man weiß nicht genau, ob er sich über Wolski lustig macht oder nicht.

Liebe zum Vaterland

In antirussischen und/oder antikommunistischen Propagandafilmen der NS-Zeit gibt es üblicherweise die eine Person aus dem Lager der Bösen, die irgendwann vom Verhalten der eigenen Leute so angeekelt ist, dass sie sich von diesen abwendet. Das ist Teil der Überzeugungsstrategie. Wenn es sogar einem aus dem eigenen Lager zuviel wird, soll der Zuschauer denken, dann müssen die Russen wirklich schlimm sein. In Ritt in die Freiheit fällt diese Rolle dem russischen Fähnrich Smirnoff zu. Bei einem Gelage soll er singen und weigert sich:

Ich kann nicht singen und grölen und saufen wie ihr. Es schnürt mir die Kehle zu, wenn ich daran denke, was diesen Polen noch heute bevorsteht. Eine Schande ist das. Eine Schande für uns alle, sage ich euch. Sie sind doch keine gemeinen Verbrecher. […] Anständige Kerle, die nichts anderes getan haben, als wir in ihrer Lage auch getan hätten. Und dafür sollen sie an den Galgen? Eine Schmach ist das.

Im Ratgeber "Wie schreibe ich das Drehbuch für einen Propagandafilm?" müsste eine Szene wie diese unbedingt enthalten sein. Ein einzelner entdeckt sein Gewissen, und im Kontrast dazu wird die moralische Verkommenheit der ganzen Gruppe umso deutlicher. In Hitlerjunge Quex, in Hans Westmar und in Friesennot funktioniert das so, in Ritt in die Freiheit aber nur sehr bedingt. Die anderen Kosaken haben ein Alkoholproblem wie Boris Jelzin, doch blutrünstige Mörder sind sie nicht. Vom harten Vorgehen der Regimentsleitung wirken auch sie peinlich berührt. Smirnoff spricht aus, was die anderen denken. Der vom Drehbuch gewünschte Kontrast wird deshalb höchstens angedeutet.

Staniewski hört, was Smirnoff sagt. Er weiß jetzt, welcher Tod seinen Kameraden bevorsteht. Gleich hat er eine Audienz beim Gouverneur, der gegen eine Ehe Katerinas mit dem offenbar russlandtreuen Grafen nichts mehr einzuwenden hätte. Statt aber um die Hand der Prinzessin anzuhalten, bittet Staniewski um das Leben seiner Kameraden. Der Gouverneur lehnt ab. Staniewski verlässt den Palast, ohne Katerina erwähnt zu haben. Vorher hat er noch von den "Pflichten gegen sich selbst" gesprochen, von den "Pflichten gegen die Menschen, die man liebt". Jetzt ist ihm klar, dass er durch diese (schlechte) Liebe seine Kameraden und damit das Vaterland im Stich gelassen hat. Oder, anders formuliert: Er ist mit seinem Land verheiratet, für die Russin Katerina ist da kein Platz mehr. Gegen dieses Denken wehrte sich Gustav Heinemann, von 1969 bis 1974 Bundespräsident (und kein schlechter), als er gefragt wurde, ob er sein Vaterland liebe? Heinemanns Antwort: "Ich liebe meine Frau." Das war damals Wasser auf die Mühlen derer, die immer schon gewusst hatten, dass Heinemann ein "vaterlandsloser Geselle" war. Ein kleines Beispiel für das Weiterleben von nationalsozialistischem Gedankengut in der BRD.

Während die letzten Vorbereitungen für die Hinrichtung laufen, alarmiert Staniewski die polnischen Schwadronen und organisiert die Befreiung der Verurteilten. Wolski und die anderen werden gerettet und reiten mit einem Teil der Soldaten in Richtung Polen. Staniewski bleibt mit einigen Männern zurück und blockiert das Kasernentor, um die Kosaken an der Verfolgung zu hindern. Als die Munition zur Neige geht, schickt er den Rest der Leute hinterher. Er selbst bleibt zurück, opfert sich und stirbt im Kugelhagel der Russen. So sühnt er den Verrat an den Kameraden.

Ritt in die Freiheit

Am Schluss sehen wir in Doppelbelichtung den Kopf des erschossenen Staniewski und die darunter nach Polen reitenden Ulanen. Das ist von Luis Trenkers Der Rebell und von Hans Westmar inspiriert. Allerdings marschieren da fahnenschwenkende, unsterblich gewordene Heroen über den Himmel. Karl Hartl hat sie durch das im Tod erstarrte Gesicht Juleks ersetzt, der eine Russin heiraten und kein Held sein wollte. Ich finde das eher bedrückend als erhebend. Und was ist eigentlich mit Wolski? Der reitet mit seinen Ulanen unter einer Totenmaske hindurch nach Warschau. Wer heute, im Jahr 2010, über rudimentäre Kenntnisse der polnischen Geschichte verfügt, wird den Titel, Ritt in die Freiheit, bestenfalls ironisch verstehen können.

Self-fulfilling prophecy

Im Deutschland der Nachkriegszeit, dessen Ostteil von der Sowjetarmee besetzt war, hatten die Alliierten gute Gründe, Filme nicht freizugeben, in denen die Russen andere Völker unterdrücken. Ritt in die Freiheit hätte es selbst dann getroffen, wenn die Kosaken Chinesen oder Marsmenschen wären. Vermutlich hätte das Duell am Anfang für ein Verbot bereits ausgereicht. Solche Duelle galten als ein Ausdruck überkommener feudalistischer Wertvorstellungen, die auf die eine oder andere Weise zu zwei Weltkriegen geführt hatten. Nach dem Duell sehen wir den Ulanen dabei zu, wie sie den Schwertkampf zu Pferde trainieren. Die Schwertphobie amerikanischer Zensoren im besetzten Japan habe ich an anderer Stelle schon beschrieben. In Deutschland wird das nicht viel anders gewesen sein. Fast alle Männer tragen Uniformen; in Verbindung mit Kampfhandlungen war auch das ein Grund für ein Verbot.

Als nachteilig für Ritt in die Freiheit könnte sich außerdem ein Vorfall ausgewirkt haben, von dem David Stewart Hull in seinem Buch Film in the Third Reich erzählt. Karl Hartl ist der Regisseur der beiden einzigen sehenswerten Science-Fiction-Filme, die in den 1930ern in Deutschland entstanden: F.P.1 antwortet nicht (1932) und Gold (1934). In Letzterem macht Hans Albers mit Hilfe der elektrischen Atomzertrümmerung aus Blei Gold. Hull zufolge kam den alliierten Zensoren bei Ansicht des Films der Verdacht, dass die Deutschen schon damals einen Atomreaktor gebaut haben könnten. Der Film wurde daraufhin verboten. Alle Kopien wurden konfisziert und unter Verschluss gehalten. Ein Exemplar soll zur Auswertung durch Atomphysiker in die USA geschafft worden sein. Vielleicht landete Gold auch beim FBI, das gerade Alfred Hitchcock überwachte, weil die Nazis in Notorious (1946) Uran schmuggeln. Da die Alliierten bei ihren Verbotsentscheidungen eher assoziativ vorgingen, könnten Hans Albers’ Atomzertrümmerungen auch Willy Birgel angelastet worden sein. Das ist gar nicht so unwahrscheinlich.

Gold

Im Rückblick ist es leicht, sich über gewisse Fehleinschätzungen der Gefährdungslage durch alliierte Zensoren lustig zu machen. Die Frage ist aber: Warum muss ein Film wie Ritt in die Freiheit in Deutschland heute noch verboten sein? Das ist ganz allein die Entscheidung der Murnau-Stiftung. Viele Zutaten zum Drehbuch kenne ich aus Filmen wie Hans Westmar, Friesennot und Weiße Sklaven. Ritt in die Freiheit unterscheidet sich von diesen Propagandafilmen aber dadurch, dass die Russen keine Monster sind. Der Gouverneur und der Oberst sind sogar sehr korrekt (allerdings nicht im Illustrierten Film-Kurier). Hartl fehlt merklich die Lust, die Russen irgendwelche Schweinereien begehen zu lassen, wie sie für das NS-Kino typisch sind. Der Begriff "Kameradschaftsfrühstück" ist bei den Kosaken ein Euphemismus für "Saufgelage"; aber keiner von diesen gar nicht asiatisch aussehenden Männern denkt auch nur im Ansatz daran, blonde Frauen vergewaltigen zu wollen. Das ist doch sehr ungewöhnlich.

Viele vom NS-Kino erfundene Bilder sind, von heute aus gesehen, so unheimlich, weil sie wirken wie sich selbst erfüllende Prophezeiungen. Am Ende von Friesennot verlassen die deutschen Bauern den Wald und ziehen mit ihren Planwagen nach Westen. Mit solchen Filmen wurde gedanklich der dann folgende Eroberungs- und Vernichtungskrieg vorbereitet. Als der Krieg verloren war, sah man die Bilder wieder - diesmal in Form von realen deutschen Flüchtlingstrecks, die von Ost nach West zogen. Wenn jetzt über die angemessene Form des Erinnerns gestritten wird, sollte man Filme wie Friesennot oder auch Heimkehr (1941) von Gustav Ucicky nicht vergessen. Ich glaube, dass die Bilder aus solchen Filmen und die damit geschürten Ressentiments noch immer in den Köpfen herumspuken - in den Köpfen alter Leute, aber auch in denen der folgenden Generationen, denen etwas tradiert wurde, deren Ursprung sie nicht kennen, weil die Filme bei uns verboten sind.

Als die Sowjetarmee 1945 nach Berlin kam, wurden tatsächlich viele deutsche Frauen vergewaltigt. Darüber war schon sehr lange geschwiegen worden, als Helke Sander den Dokumentarfilm BeFreier und BeFreite (1992) drehte. Hildegard Knef und viele andere Frauen erzählen da, meistens zum ersten Mal, was ihnen 1945 widerfahren war. In der Folge gab es den üblichen Relativismus (die anderen waren mindestens genauso schlimm, was scheinbar die eigenen Verbrechen besser macht) und die unvermeidlichen Verschwörungstheorien (wir dürfen nicht sagen, was passiert ist, weil wir immer noch von fremden Mächten regiert werden). Wenn aber etwas unterdrückt wird, machen wir das ganz allein. Zur Diskussion rund um BeFreier und BeFreite hätten auch die NS-Propagandafilme gehört. Das ging wieder nicht, weil sie verboten sind. Für den Umgang mit dem Dritten Reich haben wir extra einen Begriff erfunden: "Vergangenheitsbewältigung". "Bewältigen" werden wir das, was gewesen ist, sowieso nicht. Doch wir könnten uns ihm stellen, in all seinen Facetten. Ich frage mich, was schädlicher ist: 70 Jahre alte Propagandafilme oder diese Verbots- und Wegsperrmentalität, die hierzulande so verbreitet ist?

Flexibler Umgang mit dem NS-Filmerbe

Nun leben wir zum Glück in einer Zeit, in der man keine Pluspunkte mehr dafür vergeben muss, dass die Nicht-Arier im deutschen Film weder Frauen zum Sex zwingen noch Kirchen schänden oder - wie in Jud Süß - das Finanzamt erfinden (in Friesennot machen das die Kommunisten). Wer in Ritt in die Freiheit nach NS-Gedankengut sucht, wird einiges entdecken (genauso wie im Großteil der Komödien, Revuefilme und Melos, gegen die wir keine Bedenken haben, weil sie "harmlose Unterhaltung" sind). Wenn man allerdings davon ausgeht, dass der mordende und vergewaltigende Russe, Jude oder Pole (die gab’s dann später auch) im Propagandakino der Nazis die Norm war, wird der Verzicht auf solche Ungeheuer zu einem beredten Kommentar. Ritt in die Freiheit mit Jud Süß, Heimkehr und manch anderem, das auf der Vorbehaltsliste steht, in einen Topf zu werfen, ist nicht gerecht.

Bleiben wir noch einen Moment beim NS-Gedankengut. Viktor Staal als Rittmeister Wolski sagt mehrfach Sätze auf, die aus dem Mund eines jeden Nazihelden kommen könnten. Die Botschaft des Films ist das aber noch nicht. Auch in Ritt in die Freiheit müssen die Frauen zurückstehen, wenn sich die Männer unbedingt für das Vaterland opfern wollen, doch Hartls Inszenierung macht daraus eher die Tragödie einer unmöglichen Liebe als eine Verherrlichung des Untergangs (ironischerweise reitet am Schluss Wolski, der gar nicht früh genug sterben kann, unbeschadet davon - die "Märtyrer der Bewegung" wie Heini Völker oder Hans Westmar hätten sich das, zumindest als Filmfigur, nie bieten lassen). Ich kann mir gut vorstellen, dass Willy Birgels Opfergang in den 1930ern trotzdem eine von den Nazis gewünschte Wirkung hatte, weil es noch andere solche Filme gab (der Gedanke an den Opfertod wurde dem Publikum durch dauernde Wiederholung, nicht nur im Kino, eingebläut).

Heute ist das nicht mehr so. Wir wissen, wie Hitlers 12-jähriges Reich endete. Wenn einer wollüstig den Untergang herbeisehnt, können wir es einordnen. In der NS-Zeit wirkte das vielleicht normal, weil dauernd irgendwo einer sterben wollte. Heute erkennen wir darin eine Eigenart der Nazis (wer sich nicht ganz sicher ist, sollte Joachim Fests Der Untergang lesen - viel besser als der Film). Deshalb könnte man Ritt in die Freiheit, wenn er denn laufen dürfte, für sich allein und als ein historisches Dokument betrachten. Die Wirkung wäre eine völlig andere. Außerdem ist weder das eindeutig propagandistische Drehbuch noch die Inhaltsangabe im Illustrierten Film-Kurier verboten, sondern der von Karl Hartl inszenierte Film. Das ist unfair.

Die zwei dümmsten Sätze des Films muss Willy Birgel sagen. Einmal trifft er Janka gemeinsam mit Wolski in dessen Quartier an. Mit einem untertänigen "Herr Graf hat mit dir zu reden" geht sie aus dem Zimmer. Darauf Graf Staniewski zu Jan Wolski: "Ein famoser Kerl. Halt sie nur fest." Solche "famosen Kerle" gibt es viele im NS-Kino. Weil die Armee Kanonenfutter braucht, dürfen sie dem Führer ein paar Kinder schenken; ansonsten warten sie brav auf ihre Männer und sind froh, wenn die gerade keinen Krieg führen müssen. Noch unangenehmer finde ich, dass die Liebe zwischen der Russin Katerina und dem Polen Julek so chancenlos ist, die zwischen Janka und Jan (zwei Polen) aber nicht. Im Land der Baumschulen und des Rassenwahns musste das wohl so sein, mussten "Mischehen" aller Art verhindert werden oder wenigstens ohne Kinder bleiben. Wir wissen, was daraus wurde. Ich bin mir sicher, dass Ritt in die Freiheit nicht deshalb verboten ist, weil Katerina und Julek kein Paar werden können. Der Teufel steckt aber gerade in solchen Drehbucherfindungen.

Ritt in die Freiheit

Andererseits frage ich mich, was genau die propagandistische Wirkung war, als der Film in deutschen Kinos lief (die heutige Gefahr kann ich sowieso nicht erkennen)? Und wie flexibel musste man als Zuschauer sein, um sich im Sinne der Nazis manipulieren zu lassen? Sollte Ritt in die Freiheit typisch sein, war aktive Mitwirkung verlangt. Denn etwas guten Willen brauchte man vermutlich schon, um die Russen als böse Unterdrücker wahrzunehmen, obwohl sich die Schauspieler so wenig Mühe geben, den Behauptungen des Drehbuchs gerecht zu werden. Und was dachte so ein Zuschauer, der 1937, in Ritt in die Freiheit, die Polen als edle Freiheitskämpfer kennengelernt hatte, als die Wehrmacht zwei Jahre später in das Land der angeblichen "Untermenschen" einmarschierte (immer noch Polen), um endlich zurückzuschießen? Musste man sich als manipulationsbereiter Zuschauer dazudenken, dass die Polen, die 1830 noch edelmütige Patrioten waren, dann, nachdem das mit dem Ritt in die Freiheit doch nicht geklappt hatte, unter dem Einfluss der Russen (nicht der in Hartls Film zu sehenden Russen, sondern der Russen, von denen man im Dialog hört, dass sie in Warschaus Straßen wüten) bis 1939 so degenerierten, dass sie über die Grenze nach Deutschland schossen, was sich Hitler nicht gefallen lassen konnte? Mir ist das rätselhaft. Gern würde ich es mir von den Sachverständigen der Murnau-Stiftung erklären lassen.

Bleibt noch anzumerken, dass Ritt in die Freiheit von den bisher gesehenen Vorbehaltsfilmen die beste Musik hat. Für sie ist Wolfgang Zeller verantwortlich. Nach dem Krieg engagierte ihn der Produzent Artur Brauner für Morituri, den ersten seiner Holocaust-Filme. Brauner hat in Interviews mehrfach betont, wie wichtig es ihm gewesen sei, bei seinen Filmen nur Leute zu beschäftigen, die in der NS-Zeit eine halbwegs weiße Weste behalten hatten. Aber Zeller hatte auch die Musik zu Veit Harlans Jud Süß geschrieben (und zu Ewiger Wald). Weil man sich nicht dauernd etwas Neues einfallen lassen kann, macht die Morituri-Komposition bei Jud Süß einige Anleihen. Wenn ich richtig informiert bin, ist Morituri eine der 21 Produktionen, die jetzt in der "Artur Brauner Mediathek" der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem aufbewahrt werden.

Einfache Schwarz-Weiß-Muster sind so verlockend, weil sie eine Klarheit und Trennschärfe vortäuschen, die es meist nicht gibt. In der Realität bewegen wir uns für gewöhnlich in einem Graubereich. Das gilt auch für die Filme, die wir in einen Giftschrank sperren - oder eben nicht. Vielleicht findet man bei der Murnau-Stiftung Zeit, sich Ritt in die Freiheit mal anzuschauen. Ein gut begründetes Verbot für 2010, das fände ich sehr interessant. Übrigens besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen den indizierten und den Vorbehaltsfilmen. Ein Titel wird nach 25 Jahren vom Index gestrichen, wenn die BPjM keine (irgendwie begründete) Folgeindizierung beschließt. Bei den verbotenen Filmen aus der NS-Zeit gibt es keine Frist und keine dadurch erzwungene Überprüfung alter Entscheidungen. Die polnischen Ulanen werden noch sehr lange nur unter Vorbehalt in die Freiheit reiten dürfen, falls unsere Stiftung es so will. Willy Birgels Opfer war umsonst.

Weitere bereits erschiene Folgen der Serie "Das Dritte Reich im Selbstversuch":

Teil 1: Hitlerjunge Quex
Teil 2: Hans Westmar - Ein deutsches Schicksal
Teil 3: Braune Volkstänzer im russischen Wald
Teil 4: Nicht ohne die Gestapo, oder auch: Ich will meine Mutter wiederhaben!
Teil 6: Die Russen kommen! Aber wo?
Teil 7: Verräter und Unternehmen Michael
Teil 8: Robert und Bertram und Die Rothschilds
Teil 9: Fälschung und Entartung im NS-Kino
Teil 10: Gefahr aus dem Bierkeller
Teil 11: "Es wird ein Signal, ein Weckruf sein!"
Teil 12: "Feinde" und "Heimkehr"
Teil 13: "… reitet für Deutschland"

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Braune Volkstänzer im russischen Wald

Das Dritte Reich im Selbstversuch, Teil 3: Friesennot

Ein deutsches Schicksal

Das Dritte Reich im Selbstversuch, Teil 2: Hans Westmar

Das Dritte Reich im Selbstversuch

Teil 1: Hitlerjunge Quex

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