Die Russen kommen! Aber wo?

24.05.2010

Das Dritte Reich im Selbstversuch, Teil 6

Heute kommen die Freunde der Bühne zu ihrem Recht. Wo verwandelt sich Bernhard Minetti, spätere Theaterlegende und Lieblingsschauspieler von Thomas Bernhard, in einen Chinesen, um den Boxeraufstand anzuführen? Antwort: In Alarm in Peking. Das weiß nur keiner, weil auch dieser Film verboten ist.

Teil 5: Ritt in die Freiheit

Zu den interessanteren Regisseuren der NS-Zeit gehört Herbert Selpin. Sein trauriges Ende gleich vorweg. Selpins letzter Film war einer von der Sorte, auf denen ein Fluch zu liegen scheint. Er hieß Titanic (1942/43) und war eine Produktion der Tobis. Wie meistens schrieb Selpin das Drehbuch zusammen mit Walter Zerlett-Olfenius. Der half gelegentlich auch als Regieassistent aus. Im April 1942 begannen die Außenaufnahmen auf der "Cap Arcona", einem früher leuchtend weiß gestrichenen Luxusschiff. Jetzt gehörte es der Kriegsmarine und lag unter einer grauen Farbschicht in Gotenhafen, dem heutigen Gdingen in der Danziger Bucht, vor Anker. Es diente der Marine als Wohn- und Ausbildungsschiff.

Der Untergang

Selpin schickte ein Team mit Zerlett-Olfenius voraus, um die Aufnahmen vorzubereiten. Als er nachkam, war nichts geschehen, oder zumindest nicht das Richtige. Einige Schauspieler, Komparsinnen, ein paar Damen aus dem technischen Stab und die Marineoffiziere sollen Orgien gefeiert haben wie sonst im NS-Film nur die Russen. Es half auch nicht, dass der Betrieb an Bord normal weiterging, während Selpin versuchte, seine Aufnahmen zu machen. Schließlich geriet er mit dem Kommandanten der "Cap Arcona" aneinander, einem Ritterkreuzträger, und verkrachte sich mit Zerlett-Olfenius. Dabei sagte er unvorteilhafte Dinge über die Wehrmacht, die NSDAP und gewisse Ordensträger. Zerlett-Olfenius, selbst Leutnant, war empört, kündigte seine Stelle bei der Tobis und denunzierte Selpin.

Titanic

Über Hans H. Zerlett - Regisseur, Produktionsleiter der Tobis und Bruder von Zerlett-Olfenius - landete die Sache bei SS-Obergruppenführer Hinkel, dem Chef der Reichskulturkammer, und dann bei Goebbels. Als Selpin sich weigerte, vor dafür einbestellten Filmfunktionären seine Aussagen zurückzunehmen und seine Zerknirschung zu bekunden, wurde er am 30. Juli 1942 verhaftet - wegen "niederträchtiger Verleumdungen und Beleidigungen deutscher Frontsoldaten und Frontoffiziere", wie es später hieß. Am Morgen des 1. August fand man ihn erhängt in seiner Zelle im Gestapogefängnis an der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin.

Der genaue Hergang ist unklar. Verbreitet wurde, dass er Selbstmord begangen habe - zum Beispiel deshalb, weil man ihm den Ausschluss aus der Reichskulturkammer angekündigt hatte, was einem Berufsverbot gleichkam. Eine von der Familie in Auftrag gegebene Obduktion soll die Selbstmord-These bestätigt haben, was aber umstritten ist. Ein Spiegel-Artikel von 1950 berichtet von Photos, die eindeutig beweisen sollen, dass er zuerst erwürgt und dann an seinen Hosenträgern aufgehängt wurde. Selpin wäre nicht der einzige gewesen, der im Dritten Reich an einem fingierten Selbstmord starb.

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Am Tag vor der Titanic-Premiere soll im dafür vorgesehenen Kino eine Bombe eingeschlagen und die Uraufführungskopie zerstört haben. Das könnte auch eine Propagandalüge gewesen sein, um den Film nicht offiziell verbieten zu müssen. Titanic wurde im November 1943 in Paris aufgeführt und danach auch in anderen besetzten Gebieten, für Deutschland erhielt er keine Freigabe. Möglicherweise kollidierte die Titanic nicht nur mit einem Eisberg, sondern auch mit neuen Propaganda-Richtlinien. Die konnten sich schnell ändern - zum Beispiel, wenn Goebbels wieder einmal wegen Unfähigkeit ein paar Führungskräfte in seinem Ministerium austauschte.

Die Geschichte ist nicht vollständig, wenn man nicht auch das weitere Schicksal des Titanic-Doubles in Herbert Selpins letztem Film erzählt, der "Cap Arcona". 1945 ließ Heinrich Himmler das Konzentrationslager Neuengamme räumen, um Spuren zu beseitigen. Mehr als 4000 Häftlinge wurden an Bord der "Cap Arcona" gebracht. Wie es dann weiterging, ist ebenfalls umstritten. Sicher ist, dass das Schiff am 3. Mai 1945 vor Neustadt (Holstein) von britischen Flugzeugen angegriffen wurde und sank. Das geschah in Folge einer Verkettung unglücklicher Umstände und durch Kommunikationsmängel zwischen verschiedenen Truppenteilen. Mit an Bord waren 400 Soldaten und 70 Mann Besatzung, aber offenbar keine hohen SS-Offiziere.

Der wahrscheinlichsten Theorie nach war von Anfang an geplant gewesen, das Schiff mit den Häftlingen zu versenken. Beim Angriff soll es im Inneren der "Cap Arcona" eine Explosion gegeben haben, durch die das Schiff unterging. Etwa 400 Menschen überlebten, die wenigsten davon Häftlinge. Die Ermittlungen der Briten ergaben Hinweise auf eigene Nachlässigkeit (die Flugzeuge hätten wissen müssen, wer an Bord des Schiffes war), und sie hätten die Grundlage für Strafverfahren gegen hochrangige SS-Angehörige sein können. Aber als die Akten an westdeutsche Behörden übergeben wurden geschah das, was in solchen Fällen fast immer geschah: so gut wie nichts. Himmler hatte angeordnet, die Opfer auf die "Cap Arcona" zu bringen, die Herren Offiziere von der SS beriefen sich auf einen Befehlsnotstand. Bei deutschen Staatsanwälten und Richtern stießen sie damit auf viel Verständnis.

Dem Denunzianten, Walter Zerlett-Olfenius, wurde dagegen der Prozess gemacht. 1947 verurteilte man ihn zu vier Jahren Arbeitslager; außerdem wurde die Hälfte seines Vermögens eingezogen. Mitleid muss man keines mit ihm haben. Wenn man aber bedenkt, wie nachsichtig die Justiz mit den SS-Mördern von der "Cap Arcona" umging, stellt sich doch die Frage nach der Verhältnismäßigkeit. 1950 lief Titanic endlich auch in Deutschland (West) an. Aus dem Vorspann hatte man den Namen des Drehbuchautors entfernt. Das war damals ein bewährtes Mittel zur Entnazifizierung von Filmen dubioser Provenienz, mit denen man noch Geld verdienen wollte. Es folgte entweder der Logik, dass nur da, wo ein Nazi drauf steht, auch einer drin ist, oder es war überhaupt nur Kosmetik. Praktisch war es allemal.

Im Sumpf

Wie es auch immer gewesen sein mag: Selpins Ende lässt jedenfalls vermuten, dass er kein willfähriger Propagandist des Dritten Reiches war. Andererseits soll er 1933 die deutsche Fassung von Camicia nera (Schwarzhemden) hergestellt haben, einem Dokumentarfilm über die italienischen Faschisten. Den Film habe ich nie gesehen. Selpin, nehme ich an, konnte dem Machismo der Faschisten durchaus etwas abgewinnen. Zu einigen Helden seiner Spielfilme nimmt er allerdings eine ironische, für Nazis ganz unübliche Distanz ein. Sein Lieblingsschauspieler war Hans Albers, der sich und sein Image gern selber auf die Schippe nahm. "Ich bin der Maharadscha von Whisky-Pur", sagt Albers in Selpins Wasser für Canitoga (für den Zerlett-Olfenius mit Selpin das Buch geschrieben hatte) und, auf die Ermahnung, endlich ein regelmäßiges Leben zu führen: "Jeden Tag besoffen ist auch regelmäßig gelebt." Dann kämpft er (Ironie!) für den Bau einer Wasserleitung.

Wasser für Canitoga

Es wird nicht nur Opportunismus gewesen sein, aus dem Selpin 1934 in die NSDAP eintrat. Aus Sicht der Alliierten lag damit bereits ein Grund vor, alle seine Filme zu verbieten (von Parteimitgliedern geschaffene Werke, Punkt 10 des Kriterienkatalogs). Aber umgebracht wurde er von den Nazis eben auch, direkt oder indirekt. Selpin war also eine widersprüchliche Figur. Am Beginn seiner Karriere arbeitete er in verschiedenen Funktionen beim europäischen Ableger der Fox, und es verschlug ihn auch zum von Berlin nach London übersiedelten Ungarn Alexander Korda (einer von Kordas Mitarbeitern in Berlin war Karl Hartl gewesen). Aus London kehrte Selpin als Anglophiler nach Deutschland zurück. Das ist derselbe Herbert Selpin, der 1940 den Film Carl Peters drehte (mit Hans Albers), in dem die deutsche Kolonialgeschichte beschönigt wird und der heute als besonders finsterer Vertreter des antibritischen Traktats im NS-Kino gilt.

Carl Peters

1965 schrieb Reimar Hollmann in der Zeitschrift Film, Titanic gehöre "zu jener großen Zahl drittklassiger Filme, die zweitklassige Regisseure im dritten Reich zustande gebracht haben". Das war auf Herbert Selpin gemünzt. Titanic hatte aber nach Selpins Verhaftung Werner Klingler fertiggestellt, der später, als Fritz Lang keine Lust mehr auf Atze Brauner und das weitere Ausschlachten der Mabuse-Figur hatte, für Brauners "CCC Filmkunst" das traurige Remake von Das Testament des Dr. Mabuse (1962) herunterkurbelte. Kommissar Lohmann, einst in der Gestalt von Otto Wernicke Inbegriff des honorigen deutschen Beamten, macht bei Brauner/Klingler, jetzt verkörpert von Gert Fröbe, Schleichwerbung für eine Rechtsschutzversicherung. Am Schluss versinkt der Bösewicht im Moor, ganz wie in alten Nazizeiten. Wenn das auch Ironie ist, dann höchstens unfreiwillig. Oft weiß man eben weniger, als man so denkt.

Das Testament des Dr. Mabuse

In The American Cinema, Andrew Sarris' Bestandsaufnahme zu den Regisseuren Hollywoods, gibt es das Kapitel "Subjects for Further Research". Würde man ein vergleichbares Buch über den NS-Film schreiben, müsste man Selpin fairerweise in diese Kategorie aufnehmen, statt ihn gleich unter "Propagandafilm" abzulegen: "Weitere Recherche erforderlich." Beim Nachforschen habe ich mehrfach die Information gefunden, dass sich Selpin als Propagandist des Dritten Reiches so richtig warmlief, als er für die Minerva-Tonfilm GmbH den am 20. August 1937 uraufgeführten Alarm in Peking drehte (das Drehbuch schrieb er mit Zerlett-Olfenius). Auf der Vorbehaltsfilmliste von Wikipedia wird er unter "antirussisch, antidemokratisch" eingeordnet. Demnach scheinen die besoffenen Kosaken diesmal Chinesinnen zu vergewaltigen. Das klingt nach einer neuen Wendung. Schauen wir uns den Film, den wieder keiner kennt, weil er verboten ist (Murnau-Stiftung: unter Vorbehalt), also näher an.

Aufstand der Unterdrückten

Noch ein nationaler Erhebungsfilm. Diesmal wollen die Chinesen das Joch der Fremdherrschaft durch die Europäer abschütteln (ich bin schon gespannt, wo da die Russen bleiben). Hintergrund ist der "Boxeraufstand" von 1900. Seinen Namen verdankt dieser Krieg gegen die Kolonialherrscher aus Europa und Japan einer an ihm beteiligten Gruppe von chinesischen Faustkämpfern. Das ist interessant, weil Herbert Selpin in einem früheren Leben Boxmeister (Federgewicht) von Brandenburg war (als Berufstänzer im Varieté verdiente er auch mal sein Geld). Als Zyniker könnte man sagen: Ideale Voraussetzungen für einen fiesen Propagandafilm. Wenn der anglophile Selpin ein Spezialist für Englandfeindliches werden konnte, war er als Freund des Boxsports dafür prädestiniert, gegen chinesische Revolutionäre mit Faustkampfhintergrund zu hetzen. Aber gegen die Russen? Man wird sehen.

Alarm in Peking beginnt als Eastern. In einer Hütte unterhalten sich zwei Deutsche (einer singt "Ach du lieber Augustin") über die politische Lage. Einer meint, dass es so schlimm nicht kommen wird, wie viele sagen. Aber die Hütte ist bereits von Chinesen umzingelt. Die schießen zum Fenster herein, töten die zwei Deutschen, und schon ist alles hin. Von den Schüssen alarmiert, erscheint die Kavallerie. Das sind nicht John Wayne und Victor McLaglen (She Wore a Yellow Ribbon), sondern Oberleutnant Brock (Gustav Fröhlich) und Sergeant Mück (Paul Westermeier) mit einigen Männern vom Deutschen Seebataillon. Was machen die in China, und hoch zu Ross? Sie schützen die chinesische Eisenbahn. Selpin mochte es, wenn in seinen Filmen geritten wurde (einer heißt Die Reiter von Deutsch-Ostafrika). Weil die Deutschen schnell nach Tientsin müssen, schlägt Mück vor, den Expresszug anzuhalten. Mit der Fortbewegungsart wechseln wir auch das Genre. In einem Western würden die Indianer den Zug überfallen. Selpins Chinesen gehören zu den Passagieren. Tu-Hang (Bernhard Minetti) lässt von der Eisenbahn als landwirtschaftliche Maschinen deklarierte Granaten befördern.

She Wore a Yellow Ribbon

Mit im Zug ist auch Mary Valena (Leny Marenbach), von der Oberleutnant Brock gleich sehr angetan ist. Tu-Hang, ein Angestellter in der Firma ihres Bruders, ist der Anführer der Boxer, wovon Mary aber nichts weiß. Übrigens scheint man bei der Murnau-Stiftung ungeduldig darauf zu warten, dass die Unterdrückten endlich aufbegehren. Den Polen wurde eine Revolte genehmigt, die es nie gab (Ritt in die Freiheit). Jetzt heißt es (Inhaltsangabe auf der Website): "im ganzen Land toben Aufstände. [...] In einem Zug, der ausländische Flüchtlinge transportiert, schmuggelt Tu-Hang, der chinesische Angestellte eines deutschen Fabrikanten, Granaten." Die Passagiere machen gar nicht den Eindruck, als ob sie fliehen würden. Bald wird ein europäischer Botschafter sagen, dass er auf eine diplomatische Lösung der Unstimmigkeiten hofft. Das könnte er sich sparen, wenn schon überall im Land Aufstände toben würden. Die Boxer wären auch ziemlich lächerlich, wenn dem so wäre. Sie treffen geheime Vorbereitungen, um überraschend losschlagen zu können. Wenn schon gekämpft würde, hätten die das bestimmt gemerkt.

Alarm in Peking

Die Lage ist allerdings sehr angespannt. Deshalb sind Soldaten verschiedener Nationen nach Peking unterwegs, um dort im Notfall das Gesandtschaftsviertel zu schützen. Brock und seine Leute verstärken das deutsche Kontingent. Weil man in schwierigen Zeiten enger zusammenrücken muss, hat man sich in Wiesbaden entschlossen, die Heldin einzubürgern. Mary Valena heißt bei der Murnau-Stiftung Maria und ist die Schwester eines deutschen Fabrikanten. Aus dem Film erfährt man das aber nicht. Wäre eine Maria gewünscht gewesen, hätte man sie gleich so nennen können. Mary hat auch nichts mit der Maria aus Metropolis zu tun, obwohl Gustav Fröhlich, jetzt Oberleutnant, da der Sohn des Unternehmers ist.

Wahrscheinlich sind die Valenas Engländer. Das schließe ich daraus, dass Mary vor zwei Jahren den englischen Offizier Captain Cunningham kennengelernt hat. Dieses Treffen hätte sich am besten (zuhause?) in England bewerkstelligen lassen. Interessant ist, dass ihre Nationalität nicht eindeutig genannt wird. Das gilt auch für viele andere Figuren im Film. Womöglich ist es gar nicht so wichtig, welchen Pass jemand hat, kommt es mehr auf das Gemeinsame als auf das Trennende an. Alle, auch Tu-Hang, sprechen Deutsch ohne nachgemachten "ausländischen" Akzent. Wenn einer nicht gerade Torelli heißt und Chianti trinkt, weiß ich meistens nicht genau, aus welchem Land er kommt. An den Uniformen kann ich das nicht ablesen.

In Tientsin erfahren die Reisenden, dass der Zugverkehr aufgrund der angespannten Sicherheitslage vorläufig eingestellt wird. Das ist schlecht für Tu-Hang, weil die "landwirtschaftlichen Maschinenteile" der Firma Valena weder weitertransportiert noch rasch freigegeben werden. Mary wollte eigentlich nach Shanghai reisen, um das Schiff nach Europa zu nehmen. Unter dem Vorwand, dass ihrem Bruder sonst ein großer finanzieller Verlust entstehen würde, bringt Tu-Hang sie dazu, nach Peking zu fahren, um beim Generalkonsul die Freigabe der falsch deklarierten Fracht zu erwirken. Mary vertraut Tu-Hang. Sie weiß nicht, dass er ein falsches Spiel spielt.

Remember The Alamo

Das Gesandtschaftsviertel wird inzwischen von 417 Soldaten aus verschiedenen europäischen Nationen geschützt. Dazu gehören auch die Engländer Captain Cunningham und Sergeant Micky. Die beiden sind alte Freunde von Brock und Mück. Alle vier waren früher in Afrika stationiert. Das Wiedersehen zwischen Mück und Micky ist besonders herzlich. "Dann ist ja die traute Familie wieder mal festlich versammelt", meint Mück. "Festlich" ist wörtlich zu nehmen, denn im Gesandtschaftsviertel wird ein feierlicher Ball veranstaltet. Das Orchester ist international besetzt. "Das reinste europäische Konzert", sagt Cunningham.

Als Mary eintrifft, erreicht sie, dass der Generalkonsul ihr zuliebe die falsch deklarierte Fracht freigibt, ohne sie erst kontrollieren zu lassen. Tu-Hang kann die Granaten in Empfang nehmen. Das Verhältnis zwischen Cunningham und Brock kühlt sich stark ab. Cunningham liebt Mary und merkt schnell, dass auch Brock interessiert ist. In der Vergangenheit hat man sich schon mal gegenseitig die Frauen ausgespannt. Aber diesmal ist es ernst. Die Rivalen würden sich gleich prügeln, wenn der Ballsaal nicht plötzlich von draußen beschossen würde. Das ist der Beginn des Boxeraufstandes. Einige hundert Europäer stehen gegen 10 000 Chinesen. Allerdings sind sie besser bewaffnet. Aus der geplanten Eroberung des Gesandtschaftsviertels wird eine Belagerung. Sie dauert bereits eine Weile an, als Tu-Hang die Nachricht erhält, dass europäische Landungstruppen unaufhaltsam nach Peking vorrücken.

Alarm in Peking

Tu-Hang will unbedingt das Gesandtschaftsviertel mit den dort lebenden Europäern vernichten, bevor die Hilfstruppen Peking erreichen. Die belgische Botschaft liegt jenseits der Verteidigungslinie. Sie geht als erste in Flammen auf. Hat das eine propagandistische Bedeutung? Schon möglich. Das müsste man recherchieren. Andererseits: Wenn ich als heutiger Zuschauer vor der Indoktrination erst einen Grundkurs in belgischer Geschichte belegen muss, relativiert das die aktuelle Bedrohung ganz erheblich. Entsprechende Nachforschungen halte ich darum für verzichtbar. Irgendwie symbolisch scheint es gemeint zu sein, weil jetzt die am Rand liegenden Botschaften von Italien und Österreich aufgegeben werden. So erhöht man die Überlebenschancen, weil der zu verteidigende Raum kleiner wird. Das finden alle gut. Bisher dachte ich, das Volk ohne Raum hätte mehr Platz gebraucht. Die propagandistische Stoßrichtung dieser Verteidigungsstrategie ist mir nicht ganz klar.

Vielversprechender ist eine Jeremiade von Sergeant Mück. Er bekennt gegenüber Sergeant Micky, dass er sich fast schämt, ein Europäer zu sein. Der Grund:

Sieh mal, da is janz Europa beisammen. Alle sitzen se in da Klemme und alle wissen se janz genau, wo der Feind steht. Und was tun se? Sie quatschen dämlich, statt zusammenzuhalten, zusammenzugehen ...

Ist das die Propaganda? Wer ist der Feind und wo steht er? Die Angaben sind so allgemein, dass das sehr zeitabhängig ist. Da es um ein aktuelles Verbot unserer Tage geht, muss man nach heute fragen. Ist Alarm in Peking weiter so gefährlich, weil das Publikum des Jahres 2010 an gierige Banker denken könnte, an pädophile Priester, an schummelnde Griechen oder eine unfähige Bundesregierung? Würden wir uns auf europäischer Ebene gegen Horst Seehofer und Dr. Guido Westerwelle verbünden, wenn wir Alarm in Peking sehen dürften? Der Bundeskanzlerin würde ich den Film übrigens wärmstens empfehlen. Sie erzählt "den Leuten draußen im Lande" für ihr Leben gern von der "Arbeit in guter, kameradschaftlicher Atmosphäre", wenn es wieder Zoff gab. Nach dem Studium von Alarm in Peking könnte sie ihrer Phrasensammlung einige schöne Wendungen hinzufügen, in denen "Kameradschaft" vorkommt, eines ihrer Lieblingswörter.

Gut, wir sprechen hier von Verboten, einem Eingriff in die Bürgerrechte und dem verantwortungsbewussten Umgang mit dem Filmerbe der NS-Zeit nach Befragung von Experten. Sarkasmus ist da fehl am Platze. Ich gebe mir also Mühe, den Feind zu entdecken, an den ein Zuschauer des Jahres 1937 möglicherweise denken sollte. Es bieten sich an: Der Russe bzw. der von Moskau gesteuerte Kommunist. Die gab es jetzt schon öfter. Franzosen und Briten würde ich vernachlässigen. Der Franzose regt eigentlich nur an, eine gemeinsame Verteidigung zu organisieren (gegen die Chinesen). Das Engländerfeindlichste, das mir aufgefallen ist, besteht darin, dass Cunninghams Name öfter als "Cönninghäm" ausgesprochen wird (so wie der Butler früher der "Bötler" war).

Ich kann mir durchaus vorstellen, dass das dauernde Vorführen von bösen Russen zu einem pavlowschen Reflex führte. Vielleicht dachte ein Teil des Kinopublikums beim Wort "Feind" wirklich sofort an Moskau. Das Anti-Russische gab es aber nicht umsonst. Wer ein antirussisches Traktat sehen wollte, musste eine gedankliche Transferleistung erbringen. Denn die Russen sind mit im Botschaftsviertel, gehören zu den Verteidigern. Man muss sie also nach außen projizieren, wenn sie der Feind sein sollen. Mir persönlich fällt das schwer, weil ich meistens gar nicht weiß, wo sie sich aufhalten. Es wird dezidiert gesagt, dass auch die Russen Soldaten abstellen. Auf der Besetzungsliste steht ein gewisser Horst Breitkopf als "Ein russischer Offizier". Da mir alles Militärische sehr fremd ist, kann ich ihn aber unter den vielen Uniformträgern nicht identifizieren. Die Russen in Alarm in Peking verweigern auf eine fast schon provozierende Weise alle Orientierungshilfen: keine Kosakentänze, keine Saufgelage, keine Vergewaltigungen, nichts. Wahrscheinlich ist gerade das so gefährlich.

Cherchez la femme

Inzwischen sind die Landungstruppen nur noch drei Tagesmärsche entfernt. Die Streitereien zwischen Brock und Cunningham werden heftiger. Die Europäer haben Korvettenkapitän von Radain zu ihrem Kommandanten gewählt. Von Radain bittet Mary, zwischen den eifersüchtigen Streithähnen zu schlichten, bevor die Animositäten zwischen den beiden Offizieren auf Mück und Micky und von da auf andere übergreifen: "In dieser gefährlichen Lage dürfen wir das Beste, das wir haben, unseren Kameradschaftsgeist, durch nichts gefährden." Mary verspricht, ihr Möglichstes zu tun, wird aber durch die Entwicklungen alsbald ausgebremst.

Alarm in Peking

Tu-Hang lässt moderne Geschütze in Stellung bringen. Die Europäer beruhigen sich mit dem Gedanken, dass die Chinesen wahrscheinlich keine Munition haben. Den Europäern hat sich auch die Prostituierte Yung-Li angeschlossen. Sie hilft ihnen, die leere Vorratskammer aufzufüllen. Leutnant Torelli und der Gefreite Lüdecke schleichen sich, als Chinesen verkleidet, mit Yung-Li in die Stadt, um bei einem Händler Lebensmittel einzukaufen - darunter eine Kiste, die der Mann aus dem Lager der Boxer gestohlen hat (ein, wenn ich das sagen darf, ziemlich billiger Drehbuchtrick, um die Handlung voranzutreiben). Lüdecke wird schwer verwundet, als die Boxer kommen, Yung-Li wird verhaftet. Tu-Hang lässt sie am Leben, verlangt aber, dass sie zu Mary geht und diese zu ihm bringt.

Torelli und Lüdecke haben es zurück ins Botschaftsviertel geschafft. Beim Öffnen der Kiste stellt sich heraus, dass sie Granaten enthält. Die Kiste gehört zu der Fracht, die ungeprüft freigegeben wurde, weil Mary den Generalkonsul darum bat. Cunningham hat ihr zwar soeben versprochen, das Private bis zum Ende der Gefahr beiseite zu lassen, ist aber so verliebt, dass seine Urteilsfähigkeit getrübt ist. Er verdächtigt Mary und ihren Bruder, die Aufständischen mit Waffen versorgt zu haben. Brock ist empört. Cunningham beschuldigt ihn, den Ritterlichen zu spielen, um bei Mary Punkte zu sammeln. Brock würde seinem ehemaligen Freund gleich ins Gesicht schlagen, wenn nicht der schwer verwundete von Radain hereingetragen würde. Er findet noch die Kraft für eine letzte Ermahnung: "Ihr seid Kameraden, trotz eurer verschiedenen Uniformen. Bleibt Kameraden. Es stehen euch schwere Stunden bevor." Cunningham, bisher von Radains Stellvertreter, wird neuer Kommandant.

Die Lage spitzt sich zu. Yung-Li bringt Mary die Nachricht von Tu-Hang. Mary schreibt auf einen Zettel, dass sie ins Lager der Boxer will, um alles aufzuklären. Dann schleichen sich die beiden Frauen zu Tu-Hang. Da jetzt bekannt ist, dass die Chinesen Granaten für die Kanonen haben, will Brock als letzten Ausweg deren Munitionslager in die Luft sprengen. Obwohl (oder: weil) er weiß, dass das ein Selbstmordkommando ist, hat Cunningham nichts dagegen. Marys Zettel wird gefunden. Der Chinese, sagt Brock, wird sie nicht wieder gehen lassen. Da, denkt sich der propagandabereite Zuschauer, tut sich eine neue Gelegenheit auf. Ist doch der Chinese das Monster? Wird er Mary vergewaltigen und zu seiner Konkubine machen? Ist er schon besoffen?

Alarm in Peking

Mary ist bei Tu-Hang (völlig nüchtern) und wirft ihm vor, sie hintergangen zu haben. "Was ich tat", erwidert er, "das tat ich für China." Mary und der Film halten das offenbar für eine akzeptable Begründung. Nachdem er ihr versichert hat, dass ihr Bruder nichts von den Granaten wusste, zeigt ihr Tu-Hang die Kanonen, mit denen er am nächsten Morgen das Botschaftsviertel in Schutt und Asche schießen will (die Landungstruppen sind noch einen Tagesmarsch entfernt). Tu-Hang wollte Mary von dort herausholen, damit sie nicht mit den anderen sterben muss, und deshalb will er sie jetzt auch nicht gehen lassen. Sie soll gerettet und nicht vergewaltigt werden. Daraufhin entspinnt sich folgender Dialog:

Mary: Würden Sie Ihre Leute in einem solchen Augenblick im Stich lassen?
Tu-Hang: Nein.
Mary: So, wie Sie hierher gehören, gehöre ich nach drüben. Wollen Sie mich nun immer noch hier festhalten?
Tu-Hang: Ich verstehe und achte ihren Standpunkt. Sie können gehen.

Als Mary zurück ins Gesandtschaftsviertel kommt, ist Brock zu seiner selbstmörderischen Mission aufgebrochen. Sie berichtet Cunningham, dass ihr Bruder nichts von den Granaten wusste. Auch sie sei unschuldig. Er möge ihr doch vertrauen. Cunningham ist wieder er selbst. Er sagt, dass er sich schlecht benommen habe und bittet um Verzeihung. Dann stellt er einen von ihm angeführten Trupp mit Freiwilligen zusammen (darunter Mück und Micky), um Brock herauszuhauen. Brock gelingt es, nach einer halsbrecherischen Kletterei an der Stadtmauer das Munitionslager der Boxer in die Luft zu sprengen. Bei der Rettungsaktion für Brock wird Cunningham tödlich verwundet. Der Engländer stirbt in den Armen seines deutschen Freundes.

Phrasendrescherei

Am nächsten Tag marschieren die Truppen der Europäer mit einer feierlichen Parade in Peking ein. Im Gesandtschaftsviertel hält ein uniformierter Würdenträger eine pompöse Rede:

Meine Damen, meine Herren. Kameraden! Ein gütiges Geschick hat es gewollt, dass wir noch rechtzeitig kamen und dass Sie aushielten bis zum allerletzten Augenblick. Möglich aber war euer Aushalten nur dadurch, dass ihr zusammenhieltet und dass ihr einig und fest und treu zueinander standet. Nation neben Nation! Kameraden! Der Tod riss manchen aus unseren Reihen, nicht aber aus unsern Herzen. Nie wollen wir sie vergessen. Und wir wollen sie dadurch ehren, dass wir ihnen feierlichst geloben: Kameradschaft soll uns für immer verbinden!

Vielleicht ist das die eigentliche Propaganda (allmählich werden die Gelegenheiten knapp). Das gütige Geschick und der Sprechduktus des Redners ("bisss zum allerrrrletzten Augenblick") erinnern mich an Adolf Hitler. Der Führer marschiert als Verkünder des Kameradentums in das Botschaftsviertel (das "europäische Haus"?) ein und rettet die Europäer vor den Feinden ringsherum - soll das die Botschaft sein? Ich weiß es nicht. Sollte Selpin den Schluss in der Erwartung inszeniert haben, dass das Publikum diesen schnarrenden Uniformträger zu seinem Helden macht, kann ich damit nicht dienen. Falls der Herr mit dem militärischen Gehabe, der kommt, wenn alles vorbei ist und eine Rede voller Plattitüden hält, als positive Verkörperung von Adolf Hitler gemeint gewesen sein, ist das längst in eine unfreiwillige Parodie umgeschlagen.

Am Ende fährt die Kamera an den Zuhörern vorbei. Da stehen wieder Leute aus vielen verschiedenen Nationen. Man erkennt Mück und Micky, Mary und Brock. Für den schmerzlich vermissten Captain Cunningham haben sie einen Platz freigelassen. Das ist doch eigentlich recht schön, auch wenn es für meinen Geschmack zu viele Uniformen gibt. Im Jahr 2010, mit der EU im Rücken, muss man aber keine Angst haben, dass sich ein anachronistisch anmutender Fatzke in einer von diesen Uniformen an die Spitze der Europäer stellt, um irgendwelche Feinde zu bekämpfen.

Alarm in Peking

Die Kolonialmächte schlagen einen Aufstand der Chinesen nieder, was als Erfolg gefeiert wird. Politisch korrekt ist das natürlich nicht, obwohl die Boxer in Gestalt von Bernhard Minetti nicht zu dem rassistischen Zerrbild werden, das man vielleicht erwarten würde (er spricht von allen das gepflegteste Deutsch). Aber kann das der Grund für ein Verbot sein? Auffallend ist, dass sich der Film mit moralischen Bewertungen der kriegführenden Parteien stark zurückhält. Am Anfang gibt es eine einleitende Schrift, aus der man erfährt, dass "die Europäer in China durch den Boxeraufstand an Leben und Gut bedroht" wurden. Das hätte man parteiischer formulieren können. Heute würde man einen solchen Film ganz anders drehen. Aber 1937 hätte es viel schlimmer kommen können.

Trotz einiger Schauwerte und einer abwechslungsreichen Handlung ist Alarm in Peking nicht wirklich ein guter Film. Selpins Inszenierung ist über weite Strecken arg hölzern geraten, und man wird in regelmäßigen Abständen mit einer "chinesischen" Musik von der Art beschallt, zu der heute das Fernsehballett im "Großen Frühlingsfest der Volksmusik" tanzt. Mir ging das schon nach 15 Minuten ziemlich auf die Nerven. Für einen ehemaligen Varietétänzer hat Selpin erstaunlich wenig Gespür für den dramaturgischen Einsatz der Musik, oder hatte er damit nichts zu tun? Karl Hartls Ritt in die Freiheit ist der bessere Film. Alarm in Peking hat dafür die bessere Heldin.

Nach der Szene, in der Kommandant von Radain zu Mary sagt, dass ihretwegen die Kameradschaft zwischen Cunningham und Brock zerbrochen ist, hatte ich Befürchtungen, dass sie sich jetzt opfern oder sonstwie aus dem Film hinausexpediert würde, damit die Männer ungestört Krieg führen können. Nichts davon passiert. Brock wird durch die Liebe zu Mary nicht zum Verräter am Vaterland, und Mary ist nicht die passive, schutzbedürftige Frau, die geduldig darauf wartet, dass der Held Zeit für sie hat, wenn er gerade mal nicht kämpfen muss. Statt brav auf ihr Zimmer zu gehen, wie die Männer es von ihr haben wollen, wird sie selbst aktiv. Mutig ist sie obendrein. Und ohne sie wüssten die Herren Offiziere gar nicht, wer der Anführer der Boxer ist. Diese Mary Valena hat einiges von ihrer Darstellerin Leny Marenbach mitbekommen, einer sehr temperamentvollen Person (ihre Liaison mit dem äußerst disziplinierten und vielleicht auch ein wenig zwanghaften Heinz Rühmann endete, als sie ihm einen Gegenstand an den Kopf warf). Unter den vielen Frauen, die im NS-Kino der "gute Kamerad" sein müssen, ist das mal eine schöne Abwechslung.

Honi soit qui mal y pense

Und der aktuelle Stand des Selbstversuchs? Ich glaube nicht, dass ich am Nazi-Virus erkrankt bin. Es kann natürlich sein, dass ich es nicht bemerkt habe. Wenn ich es nicht besser wüsste, würde ich folgende Vermutung wagen: Nach dem Krieg entschieden die alliierten Zensoren, Ritt in die Freiheit und Alarm in Peking zu verbieten. Das ist logisch, wenn man ungefähr weiß, nach welchen Kriterien Filme damals bewertet wurden. Doch wie ging es dann weiter? Klaus Kanzog hat das Problem in seinem Buch "Staatspolitisch besonders wertvoll" sehr gut benannt (unter der schönen Überschrift "Die Überwindung der Zeit"):

Die Wahrnehmung eines Films unterliegt jedoch nicht allein dem Willen der Produzenten, Propagandisten und Zensoren. [...] Gehen Kenntnisse verloren, die das Verständnis eines Werkes erleichtern, sind Affekte zusammengebrochen, Kontexte nicht mehr gegenwärtig, und tragen Zuschauer eigene Interessen und Empfindungen an das Werk heran, dann ist die intendierte Wirkung nicht mehr garantiert.

Ich fürchte fast, für solche Feinheiten hat man sich bei uns nicht wirklich interessiert. Was auf der Verbotsliste bleibt und was davon gestrichen wird, wäre dann stark dem Zufall unterworfen. Ritt in die Freiheit und Alarm in Peking hätten einfach Pech gehabt. Sie stünden demnach unter Vorbehalt, weil sich die Verantwortlichen denken, dass sie schon irgendwie propagandistisch und gefährlich sein werden (nur Letzteres ist wichtig, weil es um ein Verbot geht), wenn sie nach dem Krieg nicht aufgeführt werden durften. Das lässt sich auch noch drastischer formulieren: Ein gewisses Maß an Verboten muss einfach sein, weil das dann so wirkt, als würde man sich kümmern. In Deutschland ist das oft so. Beim großen Publikum kommt das gut an. Das faschistische Gedankengut mussten die Nazis nicht erfinden. Es war vor ihnen da, und nachher auch. Indem man einer Einrichtung wie der Murnau-Stiftung die Verantwortung überträgt und 40 Filme von ihr wegsperren lässt, kann man so tun, als ließe es sich isolieren. Man muss dann auch nicht mehr darüber nachdenken, ob dieses Gedankengut nur in Filmen steckt, wo einer dazu auffordert, alle Juden aufzuhängen, den Endsieg anzustreben oder gemeinsam unterzugehen. Verbote sind bequem.

So, wie von mir hier forsch vermutet, kann es aber nicht gewesen sein. Wir wissen nämlich von der Murnau-Stiftung und ihrem Kuratorium, dass man dort sehr verantwortungsbewusst zu Werke geht (Urteilsbildung mit Sachverständigen usw.). Leider teilt man uns nicht mit, warum Ritt in die Freiheit und Alarm in Peking weiter gefährlich sind und verboten bleiben müssen, andere Filme dagegen nicht. Wäre sogar eine Begründung schon gefährlich? (Damit rechtfertigt die "Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien", auch eine von diesen sehr deutschen Einrichtungen, ihre Heimlichtuerei.)

Wer in Deutschland Vorbehaltsfilme legal sehen will, ist auf von den Rechteinhabern genehmigte Veranstaltungen mit Referent angewiesen. Solche Veranstaltungen sind gar nicht billig. Das hat sehr praktische Konsequenzen. Man braucht Leute, die Eintritt bezahlen. Alle wollen aber immer nur Jud Süß sehen, oder vielleicht Hitlerjunge Quex und Der ewige Jude. Was sonst noch auf der Liste steht, ist so gut wie unbekannt. Ob beabsichtigt oder nicht: So behält die Murnau-Stiftung die Deutungshoheit. Über die meisten der anderen Filme sind kaum Informationen zu finden. Wir gehen also davon aus, dass frühere Generationen (auch) durch Filme dazu gebracht wurden, einem kriminellen Diktator mit Charlie-Chaplin-Bärtchen zuzujubeln, Andersdenkende in Konzentrationslager zu sperren, einen Weltkrieg anzufangen und Millionen Juden in Vernichtungslagern zu vergasen, haben aber im Grunde keine Ahnung, wie das geschehen sein soll, weil wir diese so wirkmächtigen Filme gar nicht mehr kennen.

Dank Wikipedia kann der Internetnutzer wenigstens auf einen Blick erfahren, welche Titel auf der dubiosen Liste stehen. Mehr aber auch nicht. Über Alarm in Peking wird bei Wikipedia spekuliert, dass er verboten sein könnte, weil er "antirussisch, antidemokratisch" sei. Zur Demokratie gehören Transparenz, Öffentlichkeit, Austausch von Meinungen. Am Beispiel der Vorbehaltsfilme lässt sich viel darüber lernen, welche Folgen Zensur und Verbote durch die Hintertür (über das Urheberrecht) haben. Von der Website der Murnau-Stiftung kann man ablesen, auf welchem Niveau hier bei uns die Diskussion stattfindet. Die Inhaltsangaben zu Ritt in die Freiheit und Alarm in Peking beginnen jeweils mit der Feststellung, dass es sich da um Propaganda handelt. Man muss sich aber selber dazudenken, worin die Propaganda genau besteht, wie sie dem Publikum vermittelt wird und warum das heute noch gefährlich ist. Wie hätten die Verfasser dieser Texte auch mehr leisten sollen? Allem Anschein nach haben sie die Filme selbst gar nicht gesehen. Für das Kuratorium gilt das natürlich nicht. Ein Schuft, wer etwas anderes dabei denkt.

Weitere bereits erschiene Folgen der Serie "Das Dritte Reich im Selbstversuch":

Teil 1: Hitlerjunge Quex
Teil 2: Hans Westmar - Ein deutsches Schicksal
Teil 3: Braune Volkstänzer im russischen Wald
Teil 4: Nicht ohne die Gestapo, oder auch: Ich will meine Mutter wiederhaben!
Teil 5: Ritt in die Freiheit
Teil 7: Verräter und Unternehmen Michael
Teil 8: Robert und Bertram und Die Rothschilds
Teil 9: Fälschung und Entartung im NS-Kino
Teil 10: Gefahr aus dem Bierkeller
Teil 11: "Es wird ein Signal, ein Weckruf sein!"
Teil 12: "Feinde" und "Heimkehr"
Teil 13: "… reitet für Deutschland"

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Das Dritte Reich im Selbstversuch

Teil 1: Hitlerjunge Quex

Meister der Elastizität

Wie mich Telepolis zum Nazi machte (Teil 2)

Ich klage an!

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Telepolis Gespräch

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Sparen, Geld drucken oder Wettbewerbsfähigkeit steigern? Mit Heiner Flassbeck, Professor für Ökonomie.

Am Montag, den 5. Mai, im Amerika Haus in München.

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