Polen - Land im Ausnahmezustand

11.04.2010

Ausgerechnet beim Flug zur Gedenkstätte von Katyn stürzte die Maschine mit dem polnischen Präsidenten und Vertretern der politischen und militärischen Elite in Smolensk ab

Um 6.50 Uhr startete gestern das Flugzeug des polnischen Präsidenten mit insgesamt 88 Passagieren und sechs Besatzungsmitgliedern an Bord Richtung Smolensk. Am Vormittag sollte in der Gedenkstätte von Katyn, nur wenige Kilometer von Smolensk entfernt, eine Gedenkfeier für die im Frühjahr 1940 vom NKWD ermordeten polnischen Soldaten stattfinden, an der wie jedes Jahr Angehörige der Opfer sowie Vertreter des polnischen Staates teilnehmen sollten, darunter Staatspräsident Lech Kaczynski und seine Ehefrau Maria. Der Opfer von Katyn gedachten zwar schon am Mittwoch Wladimir Putin und sein polnischer Amtskollege Donald Tusk, da Kaczynski jedoch aus Moskau keine Einladung zu der Gedenkfeier erhielt und auch aus diplomatischen Gründen nicht auf eine Teilnehme drängte, konzentrierte er sich auf die für den gestrigen Samstag geplante Veranstaltung.

Doch die bereits in Katyn anwesenden Angehörigen der Opfer warteten vergeblich auf das Staatsoberhaupt. Um 8.56 Uhr Ortszeit stürzte die Maschine des Präsidenten beim Anflug auf den Smolensker Flughafen ab. Alle 96 Personen an Bord sind bei diesem Unglück ums Leben gekommen.

"Das ist eine große Tragödie. Man kann sie vergleichen mit dem Verlust unserer Elite in Katyn", sagte kurz darauf der ehemalige Staatspräsident Lech Walesa dem polnischen Nachrichtensender TVP Info. Und ähnlich wie Walesa äußerten sich andere Politiker des Landes, egal ob konservativ, liberal oder links. In allen Kommentaren hört man neben Bestürzung und Trauer diesen einen Grundtenor: "Verfluchtes Katyn."

Ein Vergleich, der nicht übertrieben ist. Denn die Liste der in Smolensk tödlich Verunglückten liest sich wie das Who is Who des politischen und gesellschaftlichen Lebens in Polen. Neben Präsident Kaczynski und seiner Ehefrau Maria starben unter anderem Ryszard Kaczorowski, der letzte polnische Exil-Präsident, die Vize-Parlamentspräsidenten Krzysztof Putra und Jerzy Szmajdzinski, der im Herbst als Kandidat der linken SLD bei den Präsidentschaftswahlen gegen Kaczynski antreten sollte, die Vize-Senatspräsidentin Krystyna Bochenek, Aleksander Szczyglo, Chef des Nationalen Büros für Sicherheit, Wladyslaw Stasiak und Pawel Wypych, die engsten Mitarbeiter von Kaczynski in der Präsidialkanzlei, die Staatsekretäre mehrer Ministerien, der Direktor der Nationalbank Slawomir Skrzypek, der Bürgerrechtsbeauftragte des polnischen Staates Janusz Kochanowski, 14 Parlamentsabgeordnete, der gesamte polnische Generalstab mit Franciszek Gagor an der Spitze, die Militärbischöfe aller Konfessionen, Piotr Nurowski, der Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Janusz Kurtyka, Direktor des Instituts für Nationales Gedenken, die Ikone der Solidarnosc-Bewegung Anna Walentynowicz, sowie die Vertreter der Opferverbände von Katyn.

So ist es nicht überraschend, dass seit gestern das gesellschaftliche Leben in Polen stillsteht. Noch am Samstagvormittag wurden alle Sportveranstaltungen und Konzerte abgesagt. Was in Polen nur noch regiert, ist die kollektive Trauer. Vor dem Präsidentenpalast in Warschau haben gestern Tausende von Menschen Blumen niedergelegt, Grablichter angezündet und gemeinsam gebetet. Viele Bürger haben landesweit polnische Fahnen mit einem Trauerflor an ihren Fenstern befestigt und in den Kirchen fanden gestern Trauergottesdienste statt.

Es trauert aber nicht nur die Bevölkerung, die laut aller Umfragen Lech Kaczynski bei den für Herbst anstehenden Präsidentschaftswahlen nicht wiedergewählt hätte. Auch Donald Tusk, der sich in den letzten drei Jahren einen ständigen Machtkampf mit Lech Kaczynski lieferte, zeigte seine Bestürzung. "So ein Drama hat die heutige Welt noch nicht gesehen", sagte der Premierminister nach einer außerordentlichen Regierungssitzung. Wenige Stunden darauf flog er nach Smolensk, wo bereits der russische Premierminister Wladimir Putin auf ihn wartete.

Schockiert über den Flugzeugabsturz von Smolensk zeigte sich das Ausland. So wie die Staatschefs aller westlichen Staaten, bekundeten Barack Obama und Angela Merkel ihr Beileid. Eine große Geste, die auch wegweisend sein kann für das zukünftige Verhältnis der beiden Staaten, zeigte der russische Präsident Dimitrij Medwedew. Für Montag, den 12. April, rief Medwedew in Russland die Staatstrauer aus.

Unterdessen versucht das politische Polen auch wieder die Weichen für die Zukunft zu stellen. Sejmmarschall Bronislaw Komorowski übernahm die Amtsgeschäfte Kaczynskis, so wie es die Verfassung vorschreibt. Eine der wichtigsten Amtshandlungen für Komorowski, der erst Ende März von der regierenden Bürgerplattform zum Präsidentschaftskandidaten gekürt wurde, wird die Ausrufung der Präsidentschaftswahlen sein. Laut Verfassung, müssen diese in den nächsten 74 Tagen stattfinden. Die erste Amtshandlung Komorowskis war jedoch die Ausrufung einer einwöchigen Staatstrauer.

Weshalb das Präsidentenflugzeug, eine veraltete russische Tu-154, abgestürzt ist, ist noch nicht geklärt. Vieles deutet jedoch daraufhin, dass es ein Fehler des Piloten war, der trotz russischer und weißrussischer Warnungen wegen starken Nebels auf dem Militärflughafen in Smolensk landen wollte.

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