Mit Stöcken im Anus tot liegen gelassen

13.04.2010

Phoenix zeigt eine Dokumentation über Massenvernichtung von Armeniern

Heute um 20 Uhr 15 zeigt der Dokumentationsfernsehkanal Phoenix aus Anlass der vor 95 Jahren begonnenen Massenvernichtung von Armeniern während des Ersten Weltkrieges Eric Friedlers Film Aghet ("Katastrophe"). Die ohne Kunstnebel und Zeitlupen-Reenactment auskommende und gerade dadurch deutlich eindrucksvoller als eine ZDF-Geschichtsproduktion wirkende Dokumentation lässt über weite Strecken lediglich aus Akten oder Briefen vorlesen und zeigt dazu alte Fotografien. Was dabei geschildert wird, hat es allerdings derart in sich, dass es verwundert, dass die Sendung nicht - wie bereits am 9. April in der ARD - im "jugendgeschützten" Nachtprogramm versteckt wird.

Extrem beklemmend sind unter anderem die Beschreibungen der sowohl von Bewachern wie auch von Anwohnern der Lager und Züge offenbar weitgehend ungehindert durchgeführten Sexualverbrechen. Teilweise, so eine erschütternde Schilderung, wurden den tot liegen gelassenen Frauen noch Stöcke in den Anus geschoben, die aus den Leichen weithin sichtbar herausragten.

Armenische Bevölkerungsanteile in Ostanatolien und Transkaukasien vor der Massenvernichtung

Außerhalb der Türkei ist mittlerweile relativ unstrittig, dass während des Ersten Weltkrieges eine enorm große Zahl von Armeniern bei Deportationen ums Leben kam - sowohl durch direkte Gewaltausübung als auch durch Hunger, Durst und Erschöpfung. Historiker rechnen meist mit Zahlen zwischen 800.000 bis 1,5 Millionen Toten bei damals insgesamt 1,3 bis 2,1 Millionen auf osmanischem Gebiet lebenden Armeniern. Allerdings verweisen Kritiker des Völkermord-Begriffs wie Guenter Lewy darauf, dass das Osmanische Reich nicht einmal logistisch dazu in der Lage war, seine eigenen Soldaten ausreichend zu versorgen, sodass diese ebenfalls in großer Zahl verhungerten. Angezweifelt wird teilweise auch, inwieweit die Tötungen tatsächlich in Konstantinopel geplant und inwieweit sie die Eigeninitiative kurdischer Agas waren, die sich auf diese Weise Land, Eigentum und Frauen aneigneten.

In den in der Dokumentation vorgelesenen Briefen deutscher Diplomaten werden dagegen Teile der damaligen politischen Führung des Osmanischen Reiches zitiert, die im Gespräch offen zugaben, dass die "Verbannung" das Ziel habe, "die Armenier zu vernichten". Auch Ingenieure, Militärs und andere damals im Orient lebende Europäer und Amerikaner äußerten immer wieder die Überzeugung, dass das von der Regierung angeführte Argument, man würde die Armenier lediglich aus militärischen Gründen aus Anatolien deportieren, unter anderem deshalb ein Vorwand sei, weil es keinerlei Anzeichen dafür gab, dass man sich um so etwas wie eine Versorgung mit Lebensmitteln überhaupt Gedanken machte und die Deportationsziele teilweise deutlich näher an der Front lagen als die Herkunftsgebiete.

Vorhaben wie das des Gouverneurs von Aleppo, wenigstens provisorische Unterkünfte für die Deportierten zu errichten, lehnte das von Talaat Pascha geführte Innenministerium ebenso ab wie Hilfsleistungsangebote aus befreundeten und neutralen Ländern. Als dies Helfer schließlich doch einmal schafften, empfingen sie die armenischen Frauen mit den Worten, sie sollten ihnen lieber Gift statt Brot bringen, damit das Elend schneller ein Ende habe. Tatsächlich, so der angesichts solcher Erlebnisse geäußerte Verdacht vieler Zeitzeugen, handelte es sich bei den angeblichen Deportationen um absichtlich angeordnete Todesmärsche, bei denen die nicht nur von der Jungtürken-Bewegung als Fremde im Volkskörper empfundenen Armenier durch Hunger und Erschöpfung getötet werden sollten.

Tote Armenier am Rande der Deportationsstrecke

Eine Erzählung, welche diese These stützt, stammt vom damaligen amerikanischen Botschafter Henry Morgenthau, bei dem der osmanische Innenminister Talaat Pascha angeblich um eine Liste von Armeniern nachsuchte, die bei den amerikanischen Gesellschaften New York Lifeund Equitable Life versichert waren. Sie alle, so die Begründung, seien ohne Nachkommen verstorben, weshalb die Versicherungen jetzt der Staat ausgezahlt werden müssten.

Nach dem Krieg nahm Talaat Pascha einen falschen Namen an und flüchtete nach Berlin. 1921 spürte ihn dort der Armenier Soghomon Tehlirian auf und erschoss ihn. Als Tehlirian daraufhin der Prozess gemacht wurde, waren die Geschworenen von den ihnen vorgelegten Beweisen für Paschas Verantwortung an der Massenvernichtung so beeindruckt, dass sie den Attentäter vom Mordvorwurf freisprachen. Im Rahmen der so genannten "Unionistenprozesse", bei denen Talaat Pascha vorher in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden war, hatten auch osmanische Beamte und Offiziere wie Abdulahad Nuri ausgesagt, dass der Innenminister Landräte und Gouverneure, die seine Anordnungen in weniger tödlicher Weise umsetzen wollten, durch andere ersetzte und offen zugab, dass die Maßnahmen die Vernichtung der Armenier zum Ziel hatten.

Kaum weniger eindrucksvoll als die Schilderungen der Beobachter vor Ort sind die in den (nach dem Ersten Weltkrieg durch gezieltes Heraustrennen gesäuberten) Akten übrig gebliebenen Stellungnahmen deutscher Militärs und Politiker, die sich ein Einschreiten gegen das Treiben immer wieder mit dem Verweis darauf verbaten, dass man den Bündnispartner noch brauche und ihn deshalb nicht vor den Kopf stoßen dürfe. Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg fasste diese Haltung in dem bemerkenswert offenen Satz zusammen, es sei das "einzige Ziel" der Reichsregierung, "die Türkei bis zum Ende des Krieges an unserer Seite zu halten, gleichgültig, ob darüber Armenier zugrunde gehen oder nicht."

Möglicherweise nicht so ergreifend wie der Film, aber dafür lebhaft, könnte angesichts der Auswahl der Teilnehmer auch die anschließende Diskussionsrunde zum Thema werden. Neben dem Moderator Alexander Kähler nehmen an ihr der Theologe Hermann Goltz von der Universität Halle-Wittenberg, der Journalist Ahmet Külahci von der Zeitung Hürriyet, seine Kollegin Karen Krüger von der FAZ, Ischchan Tschiftdschjan vom Zentralrat der Armenier und Bahattin Kaya von der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD) teil.

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