Alternativer Klimagipfel

14.04.2010

Die Energie- und Klimawochenschau: In Lateinamerika formiert sich Widerstand gegen die klimapolitische Blockade der Industrieländer, China macht Nägel mit Köpfen, BASF trickst herum und mit dem März war auch der dritte Monat des neuen Jahres rekordverdächtig warm

Ein neuer Klimaschutzvertrag wird sicherlich nicht herauskommen, wenn sich nächste Woche im bolivianischen Cochabamba 15.000 Regierungschefs, Diplomaten, Wissenschaftler, Kulturschaffende und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen zur Weltkonferenz der Völker über Klimawandel und die Rechte der Mutter Erde treffen. Aber mit einiger Sicherheit wird das Treffen helfen, das Thema internationalen Klimaschutz aus dem Halbdunkel der Konferenzsäle und Diplomatenzirkel herauszuholen und zu einem wichtigen Thema der sozialen Bewegungen zu machen.

Eingeladen hatte Boliviens Präsident Evo Morales bereits im Dezember, nachdem er auf dem Klimagipfel in Kopenhagen mit der US-Delegation aneinander geraten war. Ihr Kommen zugesagt haben unter anderem Ecuadors Präsident Rafael Correa, sein nikaraguanischer Kollege Daniel Ortega und natürlich der Star der lateinamerikanischen Linken Hugo Chavez aus Venezuela.

Auch der in Frankreich und den frankophonen Ländern überaus populäre Bauernaktivist José Bové, der US-Klimaforscher Jim Hansen vom Goddard Institute for Space Studies, die kanadische Publizistin Naomi Klein sowie ihr Landsmann und kanadische Filmemacher James Cameron ("Avatar") geben sich die Ehre. Regierungsdelegationen werden vor allem aus Lateinamerika und der Karibik erwartet. "Die Welt erwartet von Cochabamba Initiativen zur Rettung der Menschheit, des Planeten und des Lebens", so Boliviens Präsident Evo Morales.

USA auf Konfrontationskurs

Nach den am vergangenen Wochenende in Bonn abgehaltenen Vorgesprächen für die nächste UN-Klimakonferenz, die im November im mexikanischen Cancún stattfinden wird (Zank um Klimaabkommen geht in die nächste Runde) sieht Boliviens UN-Botschafter Pablo Solon eine Gelegenheit für den Alternativ-Kongress, Gehör zu finden. In Bonn sei vereinbart worden, dass Vorschläge, die vor dem 26. April eingereicht werden, in den Verhandlungstext aufgenommen werden. Damit könnte das Treffen in Cochabamba noch Punkte einbringen. Solon spricht davon, dass sich 70 Regierungen angemeldet hätten.

Über die Bonner Ergebnisse zeigte er sich vorsichtig optimistisch: Die Länder des Südens hätten zusammen gehalten und "undemokratische Abkommen, die das das Überleben viele Menschen bedrohen" zurückgewiesen.

Trotz der anhaltenden Versuche der USA, die vollkommen unakzeptable Kopenhagen-Vereinbarung zur Grundlage der Verhandlungen zu machen, bin ich froh, dass sie damit gescheitert sind. Die Gruppe der 77 und China haben sich nicht spalten lassen und daher gibt es keine explizite Erwähnung des Kopenhagen-Accords in der angenommenen Resolution. Die Verhandlungen werden auf der Grundlage der zuvor vereinbarten Texte weitergehen.

Pablo Solon

Hintergrund ist der Streit um die Ergebnisse von Kopenhagen. Die USA versuchen mit der Unterstützung einiger Industriestaaten die in vielen Jahren erarbeiteten Vertragstexte der Klimarahmenkonvention zu kippen und ganz neue Verträge auszuhandeln. Unter anderem wollen sie auch das Kyoto-Protokoll begraben, das 2012 ausläuft. Die Entwicklungs- und Schwellenländer beharren jedoch darauf, dass das Kyoto-Protokoll und die vielen mit ihm verbundenen technischen Papiere fortgeschrieben und mit entsprechend neuen Zielen und Fristen versehen werden.

Die Kopenhagen-Vereinbarung ist dagegen ein relativ kurzer und unverbindlicher Text, der in einer Aktion in letzter Minute in Kopenhagen von einigen Staatschefs unter Ausschluss des Plenums ausgehandelt wurde. Bolivien hatte mit Kuba und Venezuela der Vereinbarung im Plenum direkt widersprochen und wird nun offenbar von den USA bestraft, indem diese zugesagte Hilfegelder verweigern.

Erneuerbare holen auf

Unterdessen gibt es gemischte Nachrichten aus China: Zum einen gehen dort noch immer zwischen ein und zwei neuen Kohlekraftwerken pro Woche ans Netz, aber seit kurzem übertreffen die erneuerbaren Energieträger zumindest nominell die fossilen. Von den 178 Gigawatt (GW, Milliarden Watt), die 2009 neu ans Netz gingen, stellten Wasser, Wind und Sonne 96 GW, berichtet der Fachnachrichtendienst BusinessGreen. Der Rest ging auf das Konto thermischer Kraftwerke, wohinter sich ganz überwiegend neue Kohlekraftwerke verbergen.

Bei der Bewertung der Zahlen muss allerdings berücksichtigt werden, dass Wasser-, Wind- und Solarkraftwerke nicht rund um die Uhr Strom liefern können. Grob gerechnet lässt sich sagen, dass übers Jahr gerechnet für Wind und Sonne etwa die drei- bis vierfache Kapazität für die gleiche Menge an Strom gebraucht wird. Bei Wasserkraftwerken, gegen die es zudem aus Sicht des Klimaschutzes auch Vorbehalte geben kann, hängt die Verfügbarkeit sehr von den Wetterbedingungen ab. Die derzeitige Jahrhundertdürre in Südchina am Oberlauf des Mekongs führt zum Beispiel auch zu Problemen der Energieversorgung. Kleiner Trost ist hingegen, dass die chinesischen Kohlekraftwerke deutlich effizienter als jene Altanlagen sind, die in den USA und Europa die Energielandschaft beherrschen. Der durchschnittliche Wirkungsgrad des chinesischen Kraftwerksparks liegt inzwischen über dem seines US-Gegenstücks.

Werden die Atomkraftwerke mit gerechnet, wie das chinesische Statistiker und Politiker gerne machen, dann werden "low carbon energy sources" Ende des Jahres 250 GW an Kapazitäten zur Verfügung stellen. Der Anteil der Atomkraft ist daran mit 10 GW noch gering, auch wenn er in den nächsten zehn Jahren vervierfacht werden soll, wie die Nachrichtenagentur Xinhua berichtet. Rund 700 GW sind derzeit in Kohlekraftwerken installiert.

Interessant sind auch einige andere Details der chinesischen Statistiken: Während die Wirtschaft im vergangenen Jahr angesichts der Finanzkrise um beachtliche 8,7 Prozent wuchs, nahm der Primärenergieverbrauch nur um 5,8 und der Stromverbrauch um 6,6 Prozent zu. Die Energieintensität ging damit um 2,2 Prozent zurück. Im vergangenen Jahr ist nach einem Bericht von Energieanalysten die Volksrepublik, selbst weltweit größter Kohleproduzent, erstmalig zum Nettoimporteur geworden. Die heimische Förderung sei gegen Jahresende sogar etwas zurückgegangen. Daher rechnen die Autoren mit einem Anziehen der Kohlepreise.

Neben der Wasserkraft ist es vor allem die Windenergie, die bisher zur Erfolgsgeschichte der Erneuerbaren in der Volksrepublik beiträgt. Allein in der Inneren Mongolei, Chinas windreichster Region, waren Ende März bereits 7,3 GW an Kapazitäten installiert. 2005 gab es dort erst 0,17 GW. In der autonomen Provinz liegen auch wichtige Kohlebergwerke. Dennoch stammt bereits 20 Prozent des dort produzierten elektrischen Stroms von Windkraftanlagen. Die Region, die in der Nachbarschaft der großen nordchinesischen Metropolen liegt und daher für chinesische Verhältnisse den Vorteil kurzer Wege zum Verbraucher hat, könnte in Zukunft noch wesentlich mehr leisten. Zhang Fusheng, Generaldirektor der Inner Mongolia Electric Power Corporation, sieht ein Potenzial von 150 GW in Windstrom. Die Innere Mongolei könne etwa die Hälfte des Onshore-Windstroms in der Volksrepublik liefern.

Solarenergie ist in der Volksrepublik zwar als Wärmelieferant weit verbreitet, in der Stromproduktion hingegen fast unbekannt - sieht man davon ab, dass das Land die erste Geige auf dem Weltmarkt für Fotovoltaik spielt, seine Anlagenproduktion allerdings fast ausschließlich exportiert. Das beginnt sich gerade gewaltig zu ändern. In der Inneren Mongolei nahe der Stadt Ordos soll am 1. Juni mit dem Bau des weltgrößten Solarkraftwerks begonnen werden, schreibt Solar Energy. In der ersten Bauphase sollen 30 Megawatt errichtet werden. Phase 2 und 3 sollen 100 und 870 MW umfassen und schon bis 2014 abgeschlossen sein. In einer weiteren Stufe sollen schließlich bis 2019 weitere 1.000 MW (ein GW) hinzu kommen.

Gebaut wird das Mega-Projekt von der US-amerikanischen Firma First Solar. Insgesamt sollen um Ordos herum 11,95 GW an erneuerbaren Kapazitäten entstehen, darunter auch Wasserkraft und Biomassekraftwerke, die sich gegenseitig ergänzen und unter anderem auch Beijing (Peking) versorgen sollen.

Klimaforschung mal anders

Neben den fossilen Energieträgern Kohle, Erdöl und Erdgas ist auch die Zementproduktion eine wichtige Quelle des Treibhausgases CO2. Beim Bundesverband der deutschen Zementindustrie geht man davon aus, dass pro Tonne des Baustoffes 0,7 Tonnen CO2 anfallen.

Das ist nicht gerade wenig, insbesondere, wenn man in die rege Bautätigkeit in den Schwellenländern denkt. In China wurden 2008 1,45 Milliarden Tonnen Zement, etwa die Hälfte der weltweiten Produktion, hergestellt, sagt das Rohstoffhandbuch des US Geological Service. Das entspräche also Emissionen von rund einer Milliarde Tonnen CO2. Zum Vergleich: Eine Milliarde Tonnen ist ziemlich genau die Menge, die in Deutschland an CO2 und anderen Treibhausgasen in die Luft geblasen wird.

Die Zementindustrie gehört also nicht gerade in die Kategorie Kleinvieh und daher sind die Nachrichten aus Norwegen erfreulich, wonach dort ein Verfahren entwickelt wurde, mit dem die Emissionen deutlich reduziert werden können. CO2 fällt nicht nur durch den hohen Energieverbrauch beim Zementbrennen an, sondern auch durch chemische Prozesse. Zement wird aus Kalziumkarbonat gewonnen (CaCO3), wobei CO2 freigesetzt wird.

"Wir haben einen neuen Zement eingeführt", berichtet Knut O. Kjellsen, Chef-Ingenieur der Firma Norcem, "in dem 20 Prozent des Zementklinkers durch Flugasche ersetzt wird, die in Kohlekraftwerken anfällt." Klinker ist der gebrannte Anteil des Zements, bei dessen Herstellung Kalziumkarbonat eingesetzt und CO2 emittiert wird. Norcem ist eine Tochtergesellschaft des deutschen Konzerns HeidelbergerCement, aber die Entwicklung des neuen Produkts wurde vom norwegischen Concrete Innovation Centre (COIN) unterstützt. Neben der Substitution von Kalziumkarbonat verfolgt COIN auch Ansätze mit denen der Einsatz erneuerbarer Energieträger in den Zementöfen erforscht wird.

Taschenspielertricks

Alles in allem also eine löbliche Initiative. Bei einer anderen Nachricht über industrielle Forschung, ist das Urteil hingegen weniger eindeutig. In einer blumigen Pressemitteilung beschreibt BASF, wie ein Forschungsverbund der Ludwigshafener mit dem dortigen Energiekonzern EnBW, der Heidelberger Universität und dem Karlsruher Institut für Technologie aus CO2 mit Hilfe der Sonnenenergie klimafreundlichen Treibstoff machen will. Methanol, um genau zu sein. Wie genau das passieren soll, bleibt unklar. Von "Halbleiterteilchen in Nano-Größe" und "organischen Farbstoffen", die das Sonnenlicht optimal absorbieren, ist die Rede. Unterm Strich soll die Energie der Sonneneinstrahlung die Energie liefern, um aus Kohlendioxid und Wasser Methanol zu machen, das dann zum Beispiel als Benzinersatz eingesetzt werden kann.

Erster Haken: Methanol muss immer mit Benzin oder Diesel versetzt werden. Ein Rest an Benzin bleibt also notwendig. Zweiter Haken: Auch der Verbrauch sogenannter Biokraftstoffe wie Methanol haben fast alle negativen Eigenschaften ihrer fossilen Vettern. Verbrennungsmotoren sind eine der wichtigsten Ursachen für Herzinfarkte in Deutschland und sicherlich auch vielen anderen Industriestaaten, sie emittieren Stickoxide, Vorläufersubstanzen des Treibhausgas Ozons, das zudem reichlich gesundheitsschädlich ist und, sofern es sich um Öle handelt, rußen sie auch noch.

Das Projekt hat noch einen dritten Haken, bei dem auch von Irreführung gesprochen werden könnte, die mit dem "Sol2fuel" betrieben werden soll: In der BASF-Pressemitteilung ist davon die Rede, dass es sich um einen klimaneutralen Treibstoff handeln werde. Das ist jedoch mitnichten der Fall, denn das eingesetzte CO2 soll aus der Abscheidung in Kohlekraftwerken stammen. Es würde also aus der Kohle gewonnen. Wenn also das Methanol verbrannt wird, dann würde das dabei freigesetzte CO2 sehr wohl zur Anreicherung dieses Treibhausgases in der Atmosphäre beitragen. Mit anderen Worten, die mehr als eine Million Euro, die in den nächsten zwei Jahren aus den Mitteln des Bundesministerium für Bildung und Forschung in dieses Projekt fließen, werden vermutlich für einen Taschenspielertrick ausgegeben, mit dem BASF in den Kraftstoffmarkt einsteigen will.

Globale Mittelwerte der Temperatur für den Monat März von 1880 bis 2010, dargestellt relativ zum Mittel der Jahre 1951 bis 1980. Die Angaben sind in Hundertstel Grad Celsius. Der Referenzwert liegt bei 14 Grad Celsius, im März 2010 war es also auf dem ganzen Globus im Mittel 14,84 Grad Celsius warm. Grafik: Wolfgang Pomrehn, Datenquelle: GISS

März überdurchschnittlich warm

Und zum Schluss ein kleiner Ausblick auf das globale Klima: Mit 0,84 Grad Celsius über dem Mittel der Jahre 1951 bis 1980 war der März 2010 der zweitwärmste je gemessene. Nur der März 2002 war noch um ein Hundertstel Grad wärmer.

Das zeigen die Daten des Goddard Institutes for Space Studies der NASA. Der letzte März, der unter dem Referenzwert gelegen hat, war übrigens der von 1982. Nach dem auch schon Januar und Februar im globalen Mittel extrem warm ausgefallen waren, darf man gespannt sein, wie es weiter geht.

Sollten die mit El Niño verbundenen überdurchschnittlich warmen Bedingungen im tropischen Pazifik noch ein paar Monate anhalten, so hat 2010 gute Aussichten, einen neuen Wärmerekord aufzustellen.

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