Die Pseudoformel von SETI

30.04.2010

Anmerkungen zur Drake-Formel – Teil 2

Ein „Kompositium voller Unsicherheiten“ hatte Frank Drake die von ihm entwickelte Greenbank-Gleichung selbst genannt (siehe Teil 1). Tatsächlich fällt es schwer, seiner Formel etwas wissenschaftlich Konkretes zuzuschreiben, lassen sich doch fast alle Werte ihrer Faktoren nach Belieben einsetzen. Darüber hinaus berücksichtigt Drakes Gleichung ironischerweise noch nicht einmal jenen Faktor, der das erste große SETI-Programm der Menschheit selbst zu Fall brachte.

Teil 1: Ein Kompositum von Unsicherheiten

Bild: NRAO/AUI

Was auch immer der Greenbank-Gleichung bis heute angedichtet wird – es ist mit Blick auf die Drake-Formel an der Zeit, die Rechenschieber beiseite zu legen und auf ergänzende Hochrechnungen im Computerexperiment oder PC-Simulationen zu verzichten.

N = R fp ne fl fi fc L
= Anzahl intelligenter Zivilisationen in der Galaxis, die im Moment auf Sendung bzw. kommunikationsbereit sind
R = Mittlere Geburtenrate von geeigneten langlebigen Sternen in der Galaxis pro Jahr
fp = Bruchteil der Sterne, die Planeten bilden, besitzen und halten
ne = Bruchteil der bewohnbaren erdähnlichen Planeten, die ihren Stern im richtigen Abstand (habitable Zone) umlaufen
fl = Bruchteil der Planeten, auf denen tatsächlich Leben entsteht
fi = Bruchteil der Planeten, auf denen intelligenten Lebensformen herangebildet werden
fc = Bruchteil der intelligenten Zivilisationen, die die Technologie und Motivation haben, eine interplanetare Kommunikation zu etablieren
L = Lebensdauer einer technologischen Zivilisation; die Zeitdauer, in der E.T. auf Sendung ist

Rätselhaft und mysteriös

Sich der Hoffnung hinzugeben, von ihr jemals eine zuverlässige, richtungweisende Antwort über die Häufigkeit des Vorhandenseins von Intelligenz im Universum zu erhalten, wäre einerseits naiv, andererseits höchst unwissenschaftlich. Denn keine Formel der Welt, kein irdisches Genie, kein Supercomputer, kein Alien und mit Sicherheit auch nicht die fortgeschrittenste Superzivilisation unserer Galaxis, die einen Großteil davon exploriert haben mag, kann die Anzahl der Hochkulturen in der Milchstraße und in anderen Galaxien mathematisch oder mithilfe von Raumfahrtmissionen auch nur annähernd ermitteln. Die Green-Bank-Formel steht zwar nicht für den Fortschritt in der Exobiologie, geriert sich aber so, als wäre sie zukunftsweisend und selbst dem Science-Fiction-Kosmos entsprungen. Sie wirkt rätselhaft und mysteriös und taugt keineswegs als mathematische Formel, weil man von solchen prinzipiell eine Lösung erwartet, womit das Drake'sche Buchstabengebilde eben nicht dienen kann. Für den bekannten Astrophysiker und SF-Autor David Brin ist dies ein Grund mehr, sie als Pseudoformel abzuwerten.

David Brin. Bild: sskennel. Lizenz: CC-BY-SA-2.0

Wer wissen will, wie viele hoch technisierte Zivilisationen einmal in der Vergangenheit im All gelebt, in der gegenwärtigen Vergangenheit leben oder in Zukunft noch leben werden, sollte die Realität besser verlassen und tunlichst den Spuren von Science-Fiction-Autoren folgen.

Proxmires und Bryans Vorstoß

Bei alledem fehlt fraglicher Gleichung ein entscheidender Parameter. Einer, der in der Vergangenheit dem staatlich geförderten Suchprogramm tatsächlich den Todesstoß versetzte. Wir wollen ihn mit PB umschreiben, wobei P für Politician (Politiker) und klein b für Bigotry (Engstirnigkeit/blinder Eifer) steht. Nicht ganz unzufällig repräsentieren beide Lettern auch die jeweils ersten Buchstaben der Nachnamen zweier US-Senatoren, die sich in der SETI-Szene einen berühmt-berüchtigten Namen erworben haben: Richard Bryan aus Nevada und William Proxmire aus Wisconsin. Beide demokratischen Politiker versuchten ehemals mit großer Verve, den Geldhahn für das staatlich geförderte SETI-Programm zuzudrehen. Während Proxmires Vorstoß 1982 noch im letzten Moment abgeblockt werden konnte, brachte Senator Bryan das NASA-SETI-Projekt elf Jahre später gänzlich zu Fall. Nach einer Vorbereitungszeit von 15 Jahren und investierten 60 Millionen Dollar strich der amerikanische Kongress 501 Jahre nach der Wiederentdeckung Amerikas durch Christoph Columbus alle angedachten finanziellen Zuschüsse – irreversibel und kompromisslos. Das auf zehn Jahre angelegte Suchprogramm segnete bereits nach einjähriger Observationsphase wieder das Zeitliche. Damals glaubte man noch, die Steuergelder besser in Kampfflugzeuge und Nuklearwaffen investieren zu müssen.

Kurz vor der Abstimmung im Kongress frohlockte Richard Bryan noch voller Häme, dass die große Jagd nach Marsmenschen aus gutem Grund endlich zu einem Ende kommen werde:

Bis heute wurden dafür Millionen ausgegeben, und wir haben immer noch nicht einen einzigen kleinen grünen Kerl eingefangen. Nicht ein einziger Marsmensch hat gesagt: Bringt mich zu Eurem Präsidenten […].

Nicht alle leistungsstarken Radioteleskope standen der SETI-Forschung für längere Zeit zur freien Verfügung. Immerhin fand mit dem weltweit zweitgrößten beweglichen Radioteleskop in Bad Münstereifel-Effelsberg vor mehr als 30 Jahren eine zweistündige Observation statt. Es war bislang das einzige SETI-Projekt mit einem professionellen Teleskop, das in Deutschland durchgeführt wurde. Bild: Max-Planck-Institut für Radioastronomie, Bonn

Jahre zuvor, Anno Domini 1978, hatte Senator Proxmire, immerhin der mächtigste Mann im Bewilligungsausschuss des Senats, ähnlich niveauvoll gegen SETI gewettert und das Forschungsprojekt sogar bewusst ins Lächerliche gezogen. Er denunzierte Drakes Arbeit sogar öffentlich, ohne dessen Namen direkt zu erwähnen. Anstatt mit blitzgescheiten Argumenten zu überzeugen, polemisierte Proxmire auf höchst billige Weise gegen das NASA-SETI-Suchprogramm. In Verkennung der physikalischen Tatsache, dass ein Lichtjahr eigentlich kein Zeitmaß ist, forderte der exaltierte Senator, das Projekt „für einige Millionen Lichtjahre“ zurückzustellen. Tatsächlich reduzierte sich infolge seiner Intervention die staatliche Unterstützung für SETI eine Zeitlang spürbar, brachte laut Drake das NASA-SETI-Projekt sogar an den „Rand des Untergangs“.

Schicksalhafte Bedeutung von PB

Wenn wir einmal die genaueren Hintergründe und Nebenschauplätze dieser beiden wenig erquicklichen politischen Possen außer Acht lassen und uns deren gemeinsamen Kern näher anschauen, wird schnell deutlich, dass dem Faktor PB ebenso eine schicksalhafte Bedeutung zukommt wie dem L-Multiplikator. Wir haben uns auf Mutter Erde längst daran gewöhnt, dass in Politik, Wirtschaft und Industrie, aber auch im Bankenwesen, eben dort, wo die vermeintlichen Herrn der Macht schalten und walten, mathematisch gesprochen der Faktor Kurzsichtigkeit die größte Bekannte und der Faktor Weitsicht die größte Unbekannte ist. Wo eigentlich Weitblick gefragt ist – nur mit einem solchen lassen sich erfahrungsgemäß neue Horizonte erblicken –, steht das Denken und Handeln der Mächtigen vielmehr im Sternzeichen Pecunia.

Auf den von unserem Heimatstern aus gesehen dritten Planeten des Sonnensystems scheitert die Suche nach außerirdischer Intelligenz nicht an fehlendem technischen Know-how, sondern eher an vorhandenen finanziellen Engpässen. Was sich in Dagobert Ducks Augen so gerne widerspiegelt, trübt vor allem den Blick der irdischen Verantwortungsträger. Die Dollarscheine im Gesichtsfeld, bringen diese für Grundlagenforschung keine Geduld auf, weil eine solche in deren Augen keine schnellen Ergebnisse und folglich keinen lukrativen Gewinn garantiert. Im Besonderen gilt dies für die SETI-Programme, mit denen im Grunde genommen auch Grundlagenforschung betrieben wird.

Sollten nun auf fernen Planeten ähnliche Zustände wie auf unserer materialistischen Welt herrschen und kurzsichtige, in Legislaturperioden denkende Verantwortungsträger à la Proxmire und Bryan ihre Suchprogramme nach „Aliens“ absägen, dann lautet die Rechnung: PB = 0 woraus wiederum folgt, dass N=0 ist. Dadurch bedingt gäbe es also keine entdeckbaren Fremdlinge im Weltraum, da die Erfahrung uns lehrt, dass man nur einen einzigen Bryan oder Proxmire benötigt, um eine Kultur von der Kommunikation mit kosmischen Nachbarn abzuschneiden.

Sombrero-Galaxie – eine der schönsten Galaxien in der Metagalaxis, den für uns beobachtbaren Teil des Universum. Keine Frage, dass in ihr auch sehr viele Zivilisationen gelebt haben oder noch leben werden. Bild: ESO/IDA/Danish 1.5 m/R. Gendler and J.-E. Ovaldsen

Wir wissen nicht, auf wie vielen fernen Planeten ähnlich intellektuell beschränkte Lebewesen wie unsere beiden US-Senatoren exobiologische Suchprogramme zu Fall bringen. Zu wünschen wäre dies keiner Welt, keinem Alien-Geschlecht, von denen im Universum mit Sicherheit mehr existieren, als wir es uns in unseren kühnsten Träumen ausmalen können.

Oh my God, it's full of stars

Nein, die Wahrscheinlichkeit, dass außerirdische Intelligenz kein seltenes kosmisches Phänomen ist, muss sehr hoch sein, weil unser Universum uns tagtäglich vor Augen führt, wie kreativ, ideenreich und fantastisch es ist. Wer es nicht glaubt, betrachte nur die aussagekräftigen Astro-Fotos der zahlreichen Weltraumteleskope und versuche zugleich zu visualisieren, dass neben unserer Milchstraße noch 200 bis 500 Milliarden andere Galaxien als Materieoasen durchs Weltall driften. Er möge dabei auch bedenken, dass die von Carl Sagan mithilfe der Drake-Formel berechneten eine Million Zivilisationen und die von dem deutschen Astrophysiker Peter Ulmschneider extrapolierten zwei Millionen Kulturen, die in allein in der Galaxis in den letzten fünf Milliarden Jahren aufgekommen sein könnten, Zahlenwerte sind, die nur für die Milchstraße gelten. Schließlich beziehen sich alle Faktoren der Green-Bank-Gleichung auf unsere Galaxis, auf unsere Welteninsel (obwohl die Drake-Formel natürlich auch auf andere Galaxien anwendbar ist; nur besitzen wir von diesen weitaus weniger Informationen als von der Milchstraße!).

Arthur C. Clarke (1917-2008). Bild: NASA

Aber schließen wir doch zum Abschluss den Kreis und lassen wenigstens einen der eingangs erwähnten Science-Fiction-Autoren zu Wort kommen, der zu den bekanntesten seines Genres zählt und der eine klare Meinung zu intelligenten Lebensformen im All hat – Arthur C. Clarke (1917–2008):

Vielleicht sind die Extraterrestrischen auch schon unterwegs, wer will das schon genau sagen? Wir haben ja unsere Anwesenheit auf der Erde ziemlich deutlich gemacht, durch unsere Radioprogramme, durch Radarstrahlen und unsere Atomexplosionen. Sie müssten längst von unserer Existenz wissen. [...] Die unwahrscheinlichste Hypothese von allen ist, dass wir der einzige bewohnte Planet in diesem gigantischen Universum sind. Das ist angesichts der immensen Räume im Kosmos zweifelsfrei nicht so.

Wir mögen auf der Jagd nach unseren Brüdern und Schwestern im All noch so viele Formeln erfinden, anwenden, damit spekulieren, hochrechnen und extrapolieren – all dies führt letzten Endes in eine Sackgasse. Wollen wir uns ET nähern, müssen wir aktiv forschen, hinhören, hinsehen und vielleicht eines Tages sogar hinfliegen, so wie einst Astronaut Dave Bowman, jener Hauptfigur im Science-Fiction-Universum des großen Arthur C. Clarke, der in dem legendären Film 2001: Odyssee im Weltraum mit dem Ausspruch „Oh my God, it's full of stars!“ auf höchst elegante Art und Weise die Anwesenheit extraterrestrischer Intelligenz versinnbildlichte.

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