Karriere mit Zukunft!?
Bundeswehr versucht, Jugendliche mit angeblich glänzenden Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten zu ködern
Im Rahmen eines ausgeklügelten Event- und Marketingkonzepts nutzt die Bundeswehr jede sich bietende Gelegenheit, der Bevölkerung den Krieg zu erklären – und ködert ganz nebenbei Jugendliche mit einem breiten Ausbildungsangebot als Kanonenfutter für gegenwärtige und zukünftige militärische Auseinandersetzungen. Dabei wird deren Technikbegeisterung genau so gnadenlos ausgenutzt wie die Perspektivlosigkeit vieler Jugendlicher: "Karriere mit Zukunft" wird ihnen versprochen – angeblich glänzende Ausbildungs- und Studienmöglichkeiten.
Doch hier wird eine Zukunft angepriesen, die durchaus ziemlich bald im Zinksarg enden kann. Dafür gibt's dann Staatstrauer, Staatsbegräbnis und neuerdings sogar eine Entschuldigung vom Verteidigungsminister. Der Werbefeldzug der Bundeswehr an Schulen, auf Messen, Berufs- und Bildungsinformationsveranstaltungen, an Unis, auf Arbeitsämtern oder auf Stadtfesten gerät indes zunehmend in die Kritik. Die Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte Kriegsgegnerinnen (DFG-VK), solid, die Jugendorganisation der Linkspartei, sowie die Internationalen Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs (IPPNW) fordern, die Jugendlichen stattdessen zu Frieden und Völkerverständigung zu erziehen, und ihnen eine berufliche Perspektive in der zivilen Gesellschaft zu bieten.
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Die jährlich in den Hamburger Messehallen stattfindenden Du und Deine Welt ist eigentlich "eine der bedeutendsten Verbraucherausstellungen in Deutschland", so die "Du und Deine Welt" auf ihrer Homepage. Seit 1955 sei die Messe ein attraktives Forum, ist dort zu lesen, mit unterdessen mehr als 25 Ausstellern aus 25 Nationen, die 2009 von mehr als 100.000 Menschen besucht wurde. In verschiedenen Themenwelten, z. B. Leben, Wohnen, Entdecken, gibt es wiederum verschiedene Themenbereiche: Gesundheit und Wellness, Energie und Umwelt, Bauen und Modernisieren, Wohnen und Dekorieren, Internationales und Spezialitäten, eine kulinarische Reise durch fünf Kontinente.
Außerdem erhalten "öffentliche und karitative Institutionen die Möglichkeit, der individuellen Information und Beratung". Dieses Forum nutzt die Bundeswehr seit mehreren Jahren, um für eine ganz besondere Reise durch die Kontinente zu werben: "Jugendoffiziere als Experten für Sicherheitspolitik informierten Besucher unter anderem über die Einsätze der Bundeswehr" und über Ausbildungsmöglichkeiten, z. B. "zum Luftfahrzeugführer", sprich als Pilot von Kampfjets oder -hubschraubern.
"Jugendliche in dem Alter halten sich für unverwundbar"
Ein solcher Messestand ist weitaus mehr als ein Klapptisch mit ein paar bunten Broschüren darauf und ein paar olivgrün gekleideten junge Männern dahinter. Die Bundeswehr unterhält das Zentrale Event- und Messemarketing, dessen Aufgabe es ist, der Bevölkerung den Krieg schmackhaft zu machen – und vor allem dafür zu sorgen, dass der Bundeswehr der Nachschub nicht ausgeht. Dafür arbeiten Werbefachleute ausklügelte Strategien aus, Informationsfeldwebel werden ausgebildet, und Wehrberater ins Rennen geschickt.
Außerdem wird das Ganze mit technischem Schnickschnack aufgepeppt. Bei der "Du und Deine Welt" wurde ein Modell des Helikopters "Tiger" ausgestellt, und "Hubschrauberpilot Leutnant Marcel Lehmann vom Transporthubschrauberregiment 10 aus Faßberg stand den Messebesuchern Rede und Antwort, war regelmäßig von interessierten jungen Leuten umringt" … Zudem berichtete "Hauptmann Stefan Unger, der kürzlich erst vom UNIFIL-Einsatz vor der Küste Libanons zurückkehrte, den Stand-Besuchern aus erster Hand".
Der Tiger ist der modernste Mehrzweck-Kampfhubschrauber der Bundeswehr. 32 Tiger sind bereits beim Kampfhubschrauberregiment 36 Kurhessen im nordhessischen Fritzlar stationiert, beim Kampfhubschrauberregiment 26 Franken in Roth sollen 32 weitere stationiert werden. Die Jugendlichen werden u. a. auf Messen wie "Du und Deine Welt" mit der Aussicht geködert, einmal zur Pilotenelite der Bundeswehr zu gehören und solche Helikopter fliegen zu dürfen. Über die Risiken, die mit jedem Einsatz dieses Hubschraubers verbunden sind, werden sie nicht aufgeklärt. Und die Tatsache, dass sie ihr Leben in Kampfgebieten wie Afghanistan einsetzen müssen, bevor sie überhaupt einmal die Ausbildung beginnen können, wird nur am Rande erwähnt.
"Jugendliche in dem Alter halten sich für unverwundbar", erklärt Detlef Mielke vom DFG-VK Oldesloe gegenüber Telepolis. "Und genau das, nämlich dass die Bundeswehr unverwundbar ist, wird ihnen bei solchen Werbeauftritten vermittelt. Darüber, dass Bundeswehr heute Krieg heißt, und das tatsächlich den Tod bedeuten kann, denken die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die damit angesprochen werden, nicht nach."
Außerdem präsentiere sich die Bundeswehr als "Gutmenschen in Uniform", so Mielke, als Hilfsorganisation im In- wie im Ausland. Mit Bildern von Sandsack schleppenden Uniformierten in heimischen Hochwassergebieten oder solchen, die Lebensmittel in internationalen Krisengebieten verteilen, werde die Akzeptanz der Bundeswehr bei der Bevölkerung hergestellt. "So sehen Mama, Papa, Oma, Opa, Onkel und Tante es gern, wenn ihre Angehörigen zur Bundeswehr gehen. So wird manche Entscheidung, zur Bundeswehr zu gehen, beeinflusst. Durch diese Bilder, und den Zuspruch durch die Verwandtschaft."
Aber die Wirklichkeit sei eine andere: "Die Bundeswehr führt Krieg", betont Mielke. "Im Februar dieses Jahres beschloss der Bundestag eine Obergrenze von 5.300 Soldaten bei der Stationierung der Soldaten in Afghanistan. Das bedeutet aber real 16.050 Soldaten im Kriegseinsatz in Afghanistan pro Jahr: 1/3 wird vorbereitet, 1/3 ist dort, 1/3 muss sich erholen."
Der Bedarf der Bundeswehr an Rekruten steigt
Aber wie passt der steigende Bedarf mit den Plänen von Verteidigungsminister Theodor zu Guttenberg (CSU) zusammen, die Wehrpflicht auf sechs Monate zu kürzen?
"Diese Pläne sind keine Abrüstungsmaßnahme, sondern im Gegenteil, sie tragen erheblich zur Militarisierung bei", erläutert Mielke. "Statt bisher alle neun Monate werden alle halbe Jahr neue Rekruten eingezogen. Das heißt im Klartext, dass pro Jahr etwa 25.000 Jugendliche mehr eingezogen werden. 25.000 Jugendliche, denen, wenn sie erst einmal in die Fänge der Bundeswehr geraten sind, ein halbes Jahr lang eine glorreiche Zukunft als Zeit- oder Berufssoldat angepriesen werden kann."
Laut Mielke wird bei dem Werbefeldzug der Bundeswehr die technische Begeisterung der Jugendlichen genau so ausgenutzt, wie deren Perspektivlosigkeit. "Arbeitslosigkeit ist der beste Rekrutierungshelfer", so Mielke. "In Regionen mit hoher Arbeitslosigkeit verpflichten sich nachweislich mehr Menschen bei der Bundeswehr."
DFG-VK und solid fordern daher die Schaffung ziviler Ausbildungs- und Arbeitsplätze. Schon Darnell Summers, Ex-GI und Aktivist bei den Iraq Veterans against the War, sagt von sich, er sei seinerzeit nur zur Armee gegangen, weil er als junger Schwarzer in den USA keine Perspektive gehabt habe. Über einen möglichen Einsatz in einem Kriegsgebiet habe er nicht nachgedacht: "Doch ehe ich es mich versah, war ich in Vietnam stationiert."
Auch die Refusenix, die israelischen Kriegsdienstverweigerer, sprechen von einer Armenarmee. Immer mehr Jugendliche, vor allem arabische Jüdinnen und Juden, ohne Berufsperspektive, verpflichteten sich bei der Armee, weil ihnen der Staat keine andere Möglichkeit biete.
35% der Bundeswehrsoldaten kommen aus den so genannten neuen Bundesländern, deren Anteil bei Auslandseinsätzen beträgt sogar 50%. Dabei machen "die Ossis" nur ein Fünftel der Gesamtbevölkerung aus. Für Mielke scheint sich dadurch die These der "Armenarmee" zu bestätigen. Ob indes das traditionell positivere Verhältnis zum Militär in der Ex-DDR dabei eine Rolle spielt, und der oben genannte Zuspruch durch Eltern und Großeltern dort wesentlich höher ist, als bei der durch Friedensbewegung geprägten gleichaltrigen Elterngeneration im Westen, ist indes bis dato nicht erforscht.
Wie dem auch sei, die Bundeswehr ist mit ihrem Latein noch lange nicht am Ende, und Militär-Marketing-Fachmann Hein offensichtlich hoch motiviert: "Auf Grund der hohen Nachfrage von Jugendlichen wird im kommenden Jahr zur 'Du und Deine Welt' der Messeauftritt 'Karriere mit Zukunft' vorgestellt". Solche Messeauftritte sind unterdessen gang und gäbe, egal, ob auf der "Du und Deine Welt", Veranstaltungen wie dem Europamarkt auf dem Hamburger Gänsemarkt, oder der jährlichen Bildungsmesse "didacta" in Köln.
Vor allem aber wird ganz direkt in den Schulen geworben. Derzeit sind dort laut IPPNW 394 an der Bundeswehrakademie ausgebildete Jugendoffiziere im Einsatz, um Nachwuchs für die Bundeswehr zu rekrutieren. 290.000 Schülerinnen und Schüler seien 2009 davon betroffen gewesen. IPPNW verabschiedete einen Appell an die Kultusministerkonferenz (KMK), "die Unterrichtung von Schulklassen in und außerhalb von Schulen durch Angehörige der Bundeswehr, sog. Jugendoffiziere, für unvereinbar mit dem Bildungsauftrag zu erklären".
IPPNW beruft sich dabei auf den Pazifisten Kurt Tucholsky, der schrieb: "Man hat ja noch niemals versucht, den Krieg ernsthaft zu bekämpfen. Man hat ja noch niemals alle Schulen und alle Kirchen, alle Kinos und alle Zeitungen für die Propaganda des Krieges gesperrt. Man weiß also gar nicht, wie eine Generation aussähe, die in der Luft eines gesunden und kampfesfreudigen, aber kriegsablehnenden Pazifismus aufgewachsen ist. Das weiß man nicht. Man kennt nur staatlich verhetzte Jugend."
Auf eine Anfrage der Linkspartei zu den "Militäraufmärschen in der Öffentlichkeit und Reklameeinsätzen der Bundeswehr im Jahr 2010" antwortete die Bundesregierung im Februar:
Die durch die Fragesteller vorgenommene Einordnung des Events "Bw-Beachen" und anderer Veranstaltungen des Jugendmarketings unter der Überschrift dieser Kleinen Anfrage "[…] Reklameeinsätze der Bundeswehr […]" verkennt die sachliche Trennung der personalwerblichen Kommunikation von der Jugendarbeit der Bundeswehr und wird daher durch die Bundesregierung zurückgewiesen. Ebenso wird die Unterstellung zurückgewiesen, die Bundeswehr setze weniger auf sachliche Information und Aufklärung als vielmehr auf den Einsatz sogenannter Eventmodule, um Jugendliche mit Technik, Spaß, Sport und Musik zu "ködern".
- Vorteil: man kann "Minderwertige" töten. Nachteil. man kann getötet werden [kt] (9.5.2010 20:41)
- Re: nö, sie enteignet das deutsche Volk bis Blut kommt (9.5.2010 20:14)
- Re: Im Grunde nix neues? (9.5.2010 17:28)
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