Der 13. September 2003 - und nicht der 11. September 2001

Peter Mühlbauer 30.04.2010

Die deutsche Rezeption der beiden South Park Jubiläumsfolgen zeigt auf mehrerlei Weise, warum die Religion vom "Geistigen Eigentum" der schlimmere Zensor ist als die Angst vor dem Islamismus

Deutsche Printmedien entdeckten erst mit einer guten Woche Verspätung, dass Trey Parker und Matt Stone in der zweihundertsten South-Park-Folge die Mohammed-Karikaturendebatte behandelten. Das ist insoweit wenig verwunderlich, als Printmedien ihrer Natur nach den Geschehnissen immer ein bisschen stärker hinterherhinken als andere. Seltsam war allerdings, dass praktisch alle Zeitungen den Inhalt der Episoden 200 und 201 falsch wiedergaben und behaupteten, dort werde der Religionsstifter Mohammed in einem Bärenkostüm dargestellt, was Anlass für Drohungen von Islamisten sei.

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Die Feuilletonrundschau Perlentaucher fertigte nach Sichtung dieser Artikel einen Text, der in seiner ursprünglichen Fassung nur darum ging, welche Zeitung sich traut, "Mohammed im Bärenkostüm" darzustellen und welche nicht. Auf den (wie später noch zu sehen sein wird) mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit via Google gefundenen Bildern sah man dann zwar tatsächlich eine Figur in einem Bärenkostüm - allerdings wiesen Plot und Silhouette bereits im ersten Teil der Doppelfolge sehr deutlich darauf hin, dass nicht der "Unparodierbare" in diesem Kostüm steckt. Und Stan Marsh sagt seinem Vater Randy in Teil 2 noch einmal klar, warum man durchaus darauf kommen hätte müssen: "If we were gonna have someone in a bear costume, why would it actually be Muhammad, you fucking idiot!"

Doch selbst, wenn sich die deutschen Printmedien darauf berufen wollten, dass Teil 1 theoretisch auch anders fortgesetzt werden hätte können, erklärt dies nicht die Artikel mit den falschen Tatsachenbehauptungen (die Trey Parker und Matt Stone durchaus abmahnen könnten, wenn ihnen jemand steckt, wie einfach das mit dem weltweit einzigartigen deutschen Abmahnrecht geht und wie lukrativ das ist). Denn alle Artikel erschienen erst zu einem Zeitpunkt, als der zweite Teil bereits ausgestrahlt und damit unwiderlegbar klar war, dass nicht Mohammed, sondern der Weihnachtsmann in dem Bärenkostüm steckte.

Neben dem Mohammed im Bärenkostüm, der keiner ist, fällt an der Darstellung der beiden Folgen in den deutschen Medien noch etwas auf: Obwohl es darin eher um die Zensurdebatte über die Mohammed-Karrikaturen, als um die Figur des Religionsstifters geht, kommt in Teil 1 nämlich tatsächlich ein gezeichneter Mohammed vor - der aber offenbar niemanden gestört zu haben scheint. Randy Marsh meint dort nämlich, er hätte nach gründlichen Recherchen herausgefunden, wie Mohammed heute aussehen könnte - und präsentiert dann ein Strichmännchen in rudimentärster Form.

Woher kam die Fehlinformation über den angeblichen Mohammed im Bärenkostüm? Sie geht zurück auf das in den USA gehostete Islamistenforum RevolutionaryMuslim.com, in dem eine sehr fadenscheinig als "Warnung" getarnte Drohung gegen Parker und Stone ausgesprochen worden war, weil diese die Figur angeblich so darstellten würden. Ob die Islamisten den Ersten Teil der Doppelfolge gesehen und (weil popkulturelle Analphabeten) nicht verstanden hatten, oder ob ihnen jemand den Inhalt falsch erzählt hatte, lässt sich nicht feststellen, weil die Konvertiten, die hinter der Site stecken, nicht auf Medienanfragen reagieren.

Fest steht in jedem Fall, dass der amerikanische Nachrichtensender CNN in einer Meldung zu dieser Drohung den Plot der Doppelfolge ebenfalls so wiedergab, als stecke tatsächlich Mohammed im Bärenkostüm - und dieser Berichterstattung schlossen sich alle deutschen Medien an. Doch warum überprüfte nicht wenigstens ein Mainstreammedium diese Darstellung? War die Zeitnot unter deutschen Feuilletonautoren wirklich so groß, dass sie es sich nicht erlauben konnten, zwei Mal zwanzig Minuten dem zu widmen, über das sie schrieben? War es vielleicht schiere Faulheit? Oder steckte etwas anderes dahinter, das möglicherweise interessantere Einblicke über Zensur in Deutschland bieten kann als die wieder aufgewärmte Mohammed-Karikaturendebatte?

Verlorenes Wissen über Filesharing, Sharehoster und Streamingportale

Einen Hinweis gibt die auf einen Tadel hin gemachte Äußerung eines Autors bei einer größeren norddeutschen Tageszeitung, möglicherweise habe ja tatsächlich der Weihnachtsmann in dem Bärenkostüm gesteckt - aber das könne man ja nicht nachprüfen, weil die entsprechenden Folgen auf dem offiziellen Portal nicht verfügbar seien. Knappe sieben Jahre nach dem Zypries-Urheberrechtsgesetz vom 13. September 2003, seinen Verboten der Werbung für und der Anleitung zu "Umgehungstechnologie" und diversen (wenn auch noch nicht höchstrichterlich bestätigten) Gerichtsurteilen, scheint also zwar nicht beim Volk, aber doch bei den Zeitungsschreibern, das Wissen über Filesharing, Sharehoster und Streamingportale so weit verloren gegangen zu sein, dass man automatisch davon ausgeht, dass nicht existiert, was nicht auf einem offiziellen Portal abrufbar ist.

Man würde den armen Printredakteuren selbstverständlich nur allzu gerne helfen - doch so umfangreich, wie Monopolrechte derzeit geschützt sind, wäre sowohl ein Link auf MegaUpload ein rechtliches Risiko, als auch eine simple Anleitung, welche fünf Worte jemand bei Google eingeben muss, um sich die Folgen ansehen zu können. Das alles ist Zensur, die dafür sorgt, dass der deutsche Journalismus tendenziell schlechter wird.

Auch der vom Perlentaucher allein mit Angst vor islamistischen Halsabschneidern erklärte Verzicht auf Bilder könnte in dem einen oder anderen Fall von der Angst vor einer anderen Sorte Halsabschneider mit bestimmt gewesen sein. Immerhin musste der Bundesgerichtshof gestern tatsächlich über die Klage einer Rechteinhaberin entscheiden, die zwar ihre Bilder offen ins Web stellte, dann aber von Google Geld wollte, weil der Konzern diese bei Suchanfragen als Thumbnails präsentierte.

Was hier 2006 geschrieben wurde, das gilt deshalb heute noch stärker als damals: Die Zensur durch die Religion vom "Geistigen Eigentum" ist weniger sichtbar, aber umfassender als die Zensur durch traditionelle Religionen. Kaum jemand stößt bei seiner täglichen Arbeit so an die Beleidigungsgrenzen traditioneller Religionen, dass er Repressalien fürchten müsste. Wer jedoch eine Website betreibt, Software schreibt, Musik macht, sich einen Loginnamen bei eBay zulegt oder einfach nur in einem Forum postet, der ist potenziell jeden Tag den Zensurangriffen jener ausgesetzt, die in der Religion vom "Geistigen Eigentum" den Bassidschi in Iran entsprechen.

http://www.heise.de/tp/artikel/32/32546/1.html
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