Sind wir ins Zeitalter des Cyberwar und der Schwärme eingetreten?

30.04.2010

Der bekannte Militärstratege John Arquilla hält trotz der Erfahrungen in Afghanistan und im Irak am Blitzkrieg-Modell des Cyberwar und der informationstechnischen Revolution der Kriegsführung fest

1993 schon hatte John Arquilla den Anbruch des Zeitalters der Cyberwars in einem Artikel mit David Ronfeldt angekündigt. Der Cyberwar werde ziemlich alle Militärdoktrinen umwerfen, weil man nun in und auf der Grundlage von Netzwerken denken und kämpfen müsse und irreguläre Kriege mit nicht-militärischen Gegnern führe. Was der Blitzkrieg im 20. Jahrhundert gewesen sei, werde im 21. Jahrhundert der Cyberwar, prophezeite er 1993 in Cyberwar is coming an.

Netzwerke haben nicht nur die Eigenschaft, zugleich global und dezentral zu sein, plötzlich können auch einzelne und kleine Gruppen Staaten und ihren Militärmaschinen gefährlich werden. Mächtig ist nun, wer über die besseren Informationen verfügt und sich schnell bewegen kann (siehe auch in Telepolis das Interview mit Arquilla: Be Prepared: Cyberwar is Coming - Or Maybe Not). Die Terrorangriffe vom 11.9. 2001 waren für den Militärstrategen daher eine Bestätigung seiner Thesen.

Arquilla war Berater von RAND, wo er die These vom künftigen Informationskrieg entwickelte, und ist Direktor des Zentrums für Informationsoperationen an der US Naval Postgraduate School. Er steht hinter der Idee der informationstechnischen Revolution, die den ehemaligen US-Verteidigungsminister Rumsfeld in Form der "Revolution in Military Affairs" umtrieb. Um sich dem neuen Zeitalter anzupassen, muss das Militär umgebaut werden und auf der Grundlage der digitalen Netze mit kleinen Gruppen in einer flachen Organisation schnell und präventiv zu handeln. Auf diesem Hintergrund wurde auch der Beginn des Afghanistankriegs mit der Bombardierung aus der Luft und wenigen Spezialeinheiten auf dem Boden geplant. Das lief gut und schien überzeugend, Rumsfeld jubelte (Rechtzeitiger Angriff ist manchmal die beste Verteidigung), bis dann das Nation Building anstand, was ein ganz anderes Konzept und viele Soldaten auf dem Boden vor Ort bedeutete.

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In Afghanistan hat sich das Konzept des Cyberwar und der informationstechnischen Revolution nicht bewährt, im Irak zieht man sich zurück. Allerdings hat sich bestätigt, dass die Aufständischen und Terroristen in den asymmetrischen Kriegen in den Infowar eingetreten sind und die digitale Kommunikation oft besser nutzen können als das mächtige US-Militär mitsamt den zahlreichen Geheimdiensten. Rumsfeld hatte sich darüber öfter bitter beklagt und immer wieder versucht, die strategische Kommunikation auszubauen (Niederlage im Medienkrieg.

Man hätte denken können, dass Arquilla angesichts der misslichen Lage des militärisch geführten Antiterrorkampfes in Afghanistan und im Irak sein Konzept hinterfragt oder zumindest einengt. Weit gefehlt. Für ihn hat sich nur das Pentagon nicht schnell genug gemäß der informationstechnischen Revolution transformiert. In einem Beitrag mit dem programmatischen Titel The New Rules o War in Foreign Policy wiederholt er nun seine alte Kritik am Pentagon, das auf große Waffensysteme und große Armeen setzt, auch wenn die Waffen kleiner und präziser werden. Die "Shock and Awe"-Strategie des überwältigenden Einsatzes militärischer Macht wird von ihm kritisiert, die aber hat tatsächlich erst einmal zu einer schnellen Eroberung des Irak geführt. Allerdings setzt das Pentagon bzw. der militärisch-politisch-industrielle Filz, früher genannt Militärisch-Industrieller Komplex, weiterhin und trotz vieler Einsparungen auf große und teure Schiffe, Flugzeuge, Panzer und das "Future Combat System". Arquilla aber meint, dass die neuen Kriege gegen Aufständische und "smart states" billiger und weniger destruktiv geführt werden könnten, wenn man auch die "kollektive Intelligenz" einsetzt, die durch Vernetzung gefördert wird.

Der Feind muss erst gefunden werden, bevor man ihn bekämpfen kann

In den neuen Kriegen siegen nach Arquilla die Vielen und Kleinen über die Starken. Die Zeit der großen Schlachten ist zu Ende. Nun muss der Gegner erst einmal gefunden werden, bevor man bekämpfen kann. Das Militär müsse daher von einer "schießenden Organisation" zu einer "wahrnehmenden Organisation" werden. Und natürlich geht es um die Schwarmbildung, das Netzwerkkonzept schlechthin, in den Netzen und auf dem Boden. Man müsse selber Schwärme bilden, um Schwärme zu besiegen:

Now, swarming is making a comeback, but at a time when few organized militaries are willing or able to recognize its return. For the implications of this development -- most notably, that fighting units in very small numbers can do amazing things if used to swarm -- are profoundly destabilizing. The most radical change is this: Standing armies can be sharply reduced in size, if properly reconfigured and trained to fight in this manner. Instead of continually "surging" large numbers of troops to trouble spots, the basic response of a swarm force would be to go swiftly, in small numbers, and strike the attackers at many points. In the future, it will take a swarm to defeat a swarm. …

A networked U.S. military that knows how to swarm would have much smaller active manpower -- easily two-thirds less than the more than 2 million serving today -- but would be organized in hundreds more little units of mixed forces. The model for military intervention would be the 200 Special Forces "horse soldiers" who beat the Taliban and al Qaeda in Afghanistan late in 2001. Such teams would deploy quickly and lethally, with ample reserves for relieving "first waves" and dealing with other crises.

John Arquilla

Mag sein, dass gut vernetzte Soldatenschwärme nicht nur gegen Guerillagruppen, sondern auch gegen unbewegliche, schlecht ausgerüstete Armeen erfolgreicher sind, zudem weniger kosten und weniger Zerstörung mit sich bringen, aber Arquilla zeigt keine Lösung des eigentlichen Problems der militärischen Interventionen im Stil des amerikanischen "War of Terror": Was macht man, wenn man in das Land einmarschiert ist und die Gegner einen Guerillakrieg führen?

Das war das Problem, das die Bush-Regierung schon zu Beginn der Präsidentschaft beiseite geschoben und sich über Nation Building amüsiert hatte (Friedenssichernde Mission Made-in-USA). So hatte Bush im Wahlkampf 1999 gegenüber seinem Konkurrenten Al Gore klar gemacht: "Er glaubt an nation building. Ich denke, die Rolle des Militärs besteht im Kämpfen und im Gewinnen von Kriegen und daher primär darin zu verhindern, dass Kriege überhaupt entstehen." Jetzt müsste man, anstatt mit Schwärmen oder dem Prompt Global Strike zu kommen, aus dem Scheitern der Doktrin eigentlich zu lernen beginnen.

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