Die Folterklinik für die Verhaltensprogrammierung von Kindern

05.05.2010

Eine US-Klinik praktiziert "aversive Therapie" mit eigens entwickelten Elektroschockgeräten und anderen Strafmaßnahmen, ein Bericht bezichtigt diese nun der Folter

Unglaubliche "Erziehungsmethoden" hat die internationale Behindertenhilfsorganisation Mental Disability Rights International (MDRI) in einer Klinik für schwer verhaltensgestörte Patienten aufgedeckt. Nach dem Bericht werden die Insassen von den Angestellten des Judge Rotenberg Center in Massachusetts so behandelt, dass die Organisation sich an den UN-Sonderbotschafter für Folter gewandt hat. Nicht behandelt, sondern buchstäblich der Folter unterzogen würden die Kinder und Erwachsenen, so der Vorwurf.

Ein Kind, das bäuchlings auf einem Bett fixiert und an ein Elektroschockgerät angeschlossen wurde. Bild: MDRI

Die Organisation erklärt, in dem Zentrum würden Kinder und Erwachsene nicht nur an Stühlen festgebunden und angekettet, sondern auch isoliert und mit Elektroschocks traktiert, um eine Verhaltensänderung zu erzwingen, was man auch Behavioral Research Lessons nennt. Der Gründer und Direktor Matthew L. Israel hat noch bei dem Behavioristen Skinner gelernt und die Methode des Konditionierens bei Menschen offenbar "verfeinert", um sein Zentrum zu einer Version von "Walden Two" zu machen, eher aber zu einer Art Abu Ghraib. Etwa 190 "Patienten", so kann man hier wirklich sagen, werden hier behandelt, es gibt etwa 800 Angestellte. Ein Jahr Aufenthalt kostet 220.000 US-Dollar.

Früher hat man unruhige, aggressive oder sich selbst gefährdende Patienten fixiert, im Rotenberg Center werden sie auch angekettet, um sie mit Elektroschocks zu "behandeln". Bild: MDRI

Kinder würden so Elektroschocks an vielen Stellen des Körpers manchmal über Jahre hinweg erhalten, wobei keine gewöhnlichen Elektroschockwaffen benutzt würden (Taser etwa haben eine Stromstärke von 2 bis 4 Milliampere), sondern perfide, am Rücken oder anderen Körperstellen angebrachte, mit einer Fernsteuerung versehene Graduated Electronic Decelerators (GED), die mit einer Stromstärke von 45 Milliampere arbeiten und 2 Sekunden lang Schocks ausgeben. Die Geräte hat Israel selbst erfunden, sie werden auch im Zentrum produziert.

Der Stimulator des GED, der ferngesteuert Hautelektroschocks zur Verhaltensoptimierung abgibt. Bild: Rotenberg Center

Giving the parent the option to supplement the reward treatment with physical aversives when rewards and educational procedures alone prove to be insufficiently effective. If treatment with the use of rewards, loss of privileges, fines, other non-physical aversives, and educational procedures, prove insufficiently effective by themselves, then the parent should be given the option of supplementing the student’s program with carefully administered physical aversives. In the 1970s and 1980’s, JRC employed physical aversives such as the pinch, spank, muscle squeeze, water spray, vapor spray (mixture of compressed air and water), ammonia capsule, unpleasant taste, and white noise. During the 1991-1993 period, JRC substituted a 2-second remote-controlled shock to the surface of the skin for all of these procedures. This procedure is called the GED (Graduated Electronic Decelerator).

Matthew Israel
Batterie und Schockgerät des GED können unauffällig in Form eines Rucksacks am Patienten angebracht, der Schock dann ferngesteuert ausgelöst werden. Bild: Rotenberg Center

Die sogenannten Hautschockgeräte werden vom Zentrum auch als effektive Behandlungsmethoden für verhaltensgestörte oder autistische Kinder betrachtet und seit 1989 zur "positiven Programmierung" oder "aversiven Therpaie" verwendet. Die Kinder tragen sie oft Tag und Nacht, manchmal sogar unter der Dusche, für besondere Behandlungen werden sie beim wiederholten Strafschocken festgebunden. Manche kriegen nicht nur einen GED, sondern mehrere umgebunden, um gleichzeitig oder abwechselnd an mehreren Körperteilen Schocks ausgeben zu können. Angeblich sei dies gut, wie das Zentrum auch in Entgegnung des MDRI-Berichts schreibt, weil man so auf riskante Medikamente und auf Fixierung verzichten könne.

Da in der Klinik alles unter permanenter Überwachung stattfindet, soll Missbrauch nicht vorkommen. Bild: Rotenberg Center

Der Bericht zitiert einen früheren Angestellten, der sagte, dass das Zentrum denjenigen, die zu arbeiten beginnen, erst einmal ein Video zeigen. In dem werden die Schocks so dargestellt, als würden sie Bienenstichen gleichen und nicht wirklich wehtun: "Bei einem Kind konnte man das Verbrennen von Fleisch riechen, er bekam so viele Schocks. Diese Kinder leben unter permanenter Angst, 24/7."

Der Patient im Rotenberg Center. Bild: MDRI

Die Organisation verlangt ein Ende der Elektroschockbehandlung und ein Verbot, aus angeblich therapeutischen Zwecken Schmerzen zuzufügen. Folter müsse nach den Strafrecht verboten und geahndet werden. Bekannt sind die rüden Missbrauchstherapien schon lange. Nach einem Beschwerdebrief von 31 Behindertenorganisationen hat das US-Justizministerium im letzten Jahr eine Routineuntersuchung des Zentrums eingeleitet. 2007 hatte bereits das Magazin Mother Jones über die School of Shock berichtet und sarkastisch gefragt: "How many times do you have to zap a child before it's torture?"

Schon kleinste "Vergehen" werden mit Isolation, Essensentzug und Elektroschocks bestraft. Das Rotenberg Zentrum sei, so die Organisation, die einzige Einrichtung in den USA, vielleicht aber auch in der Welt, die Kindern mit Elektroschocks und anderen Bestrafungen Schmerzen zufügt und diese dann als Therapie bezeichnet. Der eigentliche Skandal ist, dass die Praktiken des Zentrums schon lange bekannt sind und oft thematisiert wurden, aber bislang nichts geschehen ist. MDRI habe eigentlich nur zusammengefasst, was in öffentlich zugänglichen Dokumenten vorhanden ist. Jetzt haben also nicht nur die Kirchen und Pädagogen, sondern auch die Psychologen ihren Missbrauchsskandal. Exekutiert wird nur reine behavioristische Wissenschaft.

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