"Die meisten Predigten gehen an der Lebensrealität der Muslime vorbei"

23.05.2010

Imame in Deutschland. Gespräch mit dem Religionswissenschaftler Rauf Ceylan

Rauf Ceylan, Religionswissenschaftler an der Universität Osnabrück, hat für sein neues Buch "Die Prediger des Islam" zahlreiche Interviews mit Imamen geführt. Er gibt in seinem Buch Einblick in das Alltagsleben der Imame, über die in der deutschen Öffentlichkeit kaum etwas bekannt ist. Telepolis sprach mit Ceylan.

In der Öffentlichkeit wird in den letzten Jahren sehr kontrovers über die Muslime in Deutschland diskutiert. Über die Imame in den Moscheen erfährt man aber relativ wenig. Wieso beteiligen sich die Imame nicht an den Diskussionen?

Rauf Ceylan: Die Imame bekommen diese gesellschaftlichen Diskussionen überhaupt nicht mit, weil sie die nicht verfolgen können. Das liegt vor allem daran, dass etwa 90 % der Imame die deutsche Sprache nicht beherrschen. Sie verfolgen die sozialen und politischen Entwicklungen in Deutschland nicht nicht, sondern orientieren sich stärker an den Entwicklungen im Herkunftsland.

Für Ihr neues Buch "Die Prediger des Islam" haben Sie zahlreiche Imame interviewt. Wie kann man sich den Alltag eines Imams in Deutschland vorstellen?

Rauf Ceylan: Es gibt dort zunächst einmal klassische Aufgabenfelder, die bei jedem Imam dieselben sind, wie etwa Gottesdienste leiten, Predigten halten oder die Seelsorge, wobei die Nachfrage zur letzteren Aufgabe seitens der Muslime zunimmt. Die Moscheen hier in Deutschland aber haben sich mittlerweile zu multifunktionalen Einrichtungen entwickelt. Hier sind die Moscheen nicht wie in den Herkunftsländern nur zum Gebet da, sondern heute übernehmen die Moscheen in Deutschland und in anderen europäischen Staaten vielfältige Funktionen. Deshalb sind auch die Anforderungen an die Imame gewachsen, d.h. der Imam ist nicht nur für religiösen Aufgaben zuständig, sondern man erwartet vom Imam auch sozialpädagogische Hilfeleistungen.

Brückenfunktion der Imame

Was für eine Rolle können Imame für eine erfolgreiche Eingliederung der Muslime in die deutsche Gesellschaft spielen?

Rauf Ceylan: Imame könnten eine sehr wichtige Funktion einnehmen. Die islamische Geschichte zeigt, dass die Imame eigentlich eine Brückenfunktion innehaben. In Deutschland sieht es so aus, dass viele Gemeindemitglieder mit unterschiedlichsten Problemen zum Imam gehen und zwar nicht nur wenn sie religiöse Fragen haben, sondern beispielsweise bei Scheidungskonflikten, Eheproblemen oder gar Schulden. Der Imam kann natürlich all diese Aufgaben nicht erfüllen, weil er schlicht nicht dafür qualifiziert ist. Er muss auch nicht unbedingt alle Aufgaben erfüllen. Vielmehr könnte er das Vertrauen dieser Gemeindemitglieder dazu nutzen, diese Menschen mit ihren Problemen an professionelle Stellen weiterzuleiten. Damit er diese Brückenfunktion auch innehaben kann, muss er allerdings auch die Institutionen kennen.

Viele Imame sind ja nur für ein paar Jahre in Deutschland und kehren dann in Ihre Heimatländer zurück. Können sich die Imame in dieser kurzen Zeit überhaupt in die deutsche Gesellschaft integrieren?

Rauf Ceylan: Die meisten Imame kommen in der Tat nur für ein paar Jahre nach Deutschland. Dieses Rotationsverfahren verhindert den persönlichen Integrationsprozess der Imame. Kaum hat man die Sprache etwas erlernt und in die Gesellschaft eingelebt, muss man wieder zurück. Wir bekommen immer wieder eine neue Generation von Imamen, und jedes Mal müssen diese denselben Prozess durchmachen. Das dient alles anderem als der Integration.

Ausbildung der Imame in Deutschland

Wie kann man die Integration der Imame verbessern? Was muss von staatlicher Seite passieren, und was können die Moscheegemeinden dafür machen?

Rauf Ceylan: Es gibt bereits Ansätze. Die Konrad-Adenauer-Stiftung etwa schult Imame in der Türkei und bereitet sie auf ihren Deutschland-Dienst vor. Zunächst vermittelt das Goethe-Institut den Imamen Grundkenntnisse der deutschen Sprache. Die Konrad-Adenauer-Stiftung bietet anschließen einen landeskundlichen Unterricht an. Allerdings ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein, denn um wirklich dauerhaft dafür zu sorgen, dass die Imame hier heimisch sind, müsste man die Imame in Deutschland fortbilden, und wir müssen auch mittelfristig – wie beispielsweise an der Universität Osnabrück – ein Studium der islamischen Theologie anbieten.

In Osnabrück beginnen wir mit dem Studium ab 2012, damit in Zukunft Imame in Deutschland tätig sind, die nicht nur deutschsprachig sind und sich hier heimisch fühlen, sondern die sich auch bei öffentlichen Diskussionen, wenn es um den Islam geht, positionieren können. Sie werden auch eine positive Vorbildfunktion für die muslimischen Jugendlichen in Deutschland einnehmen.

Sie lehren an der Universität Osnabrück Religionswissenschaft. Bald sollen Imame an deutschen Universitäten ausgebildet werden. Wie wird dies von der muslimischen Basis aufgenommen? Gibt es Vorbehalte dagegen, dass in Zukunft der deutsche Staat die Imame ausbilden wird?

Rauf Ceylan: Das wird viel davon abhängen, wie die Verbände das Vorhaben der Universität Osnabrück zur Basis kommunizieren werden. Es ist wichtig, dass wir die muslimischen Verbände davon überzeugen und wir im Dialog diesen Prozess vorantreiben. Meine Einschätzung ist, dass das Projekt überwiegend von der Basis getragen wird, vor allem von den jungen Gemeindemitglieder der Moscheevereine. Die meisten Muslime befürworten, dass wir in Deutschland religiöse Autoritäten haben, die hier heimisch und der deutschen Sprache mächtig sind.

Extremistischen Imame: gefährlich, weil sie oft jung sind und über Mobilisierungspotential verfügen

Sie haben für Ihr Buch auch einige Imame interviewt, die man als Hassprediger bezeichnen würde. Wo kommen diese Imame überhaupt her? Agieren diese in den Moscheegemeinden?

Rauf Ceylan: In der Regel formieren sich diese Extremisten außerhalb des organisierten Islams, weil sie die Moscheevereine und die Verbände in Deutschland nicht als Muslime betrachten. Für diese Extremisten sind es Apostaten. Die Extremisten vertreten ein polarisierendes Weltbild. Sie haben den Anspruch das Interpretationsmonopol über die islamischen Quellen zu verfügen und nach ihren Regeln erfüllen viele Muslime ihre Kriterien nicht. Diese extremistischen Imame sind gefährlich, weil sie in der Regel jung sind und über Mobilisierungspotential verfügen. Die Hassprediger, die ich interviewt habe, haben interessanterweise alle kein Theologiestudium gemacht. Das sind nicht Menschen, die sich wirklich mit der islamischen Lehre wissenschaftlich-fundiert auseinadergesetzt haben.

Haben diese Leute in den Moscheevereinen Möglichkeiten Leute zu rekrutieren? Was können Moscheevereine dagegen unternehmen?

Rauf Ceylan: In den Moscheevereinen können sie in der Regel nicht offen agieren. Sie sind eher an informellen Treffpunkten aktiv. Sie haben ihre eigene Methodik entwickelt, wie man junge Menschen anspricht. Natürlich kann man nicht verhindern, dass der eine oder andere auch Moscheevereine besucht, um zu schauen, ob man dort nicht Jugendliche abwerben kann. Deshalb rate ich, dass die Behörden mit Moscheevereinen kooperieren sollte. Vor allem die Imame müssen sehr aufmerksam seien, wer in die Gemeinde kommt und welches Gedankengut mitbringt. Aber die Erfahrung zeigt, dass die Extremisten auch gelernt haben. Sie wollen so wenig wie möglich auffallen. Daher sind sie eher außerhalb der Moscheevereine aktiv.

Freitagspredigten

Eine wichtige Aufgabe der Imame ist die Freitagspredigt. Was für eine Rolle spielen die Freitagspredigten der Imame für die Gemeindemitglieder?

Rauf Ceylan: Die Freitagspredigten sind sehr wichtig, weil das Freitagsgebet von sehr vielen Muslimen frequentiert wird. Da kommen auch viele Muslime, die vielleicht nicht praktizierend sind, die vielleicht einen anderen Lebensstil führen, aber dennoch ihr spirituelles Bedürfnis an den Freitagen befriedigen wollen. Die Tradition sieht es eigentlich vor, dass in der Freitagspredigt vor allem lokale Probleme der Gemeinde angesprochen werden. Allerdings ist festzustellen, dass die meisten Predigten an der Lebensrealität der Muslime vorbeigehen. Mit den lokalen Fragen setzen sich die Imame überhaupt nicht auseinander. Ihr starker Fokus auf die Entwicklungen im Herkunftskontext spiegelt sich auch in den Predigten wider.

Sie schreiben in Ihrem Buch auch, dass immer mehr Akademiker sich enttäuscht von den Moscheen abwenden und ihre eigenen Gruppen gründen. Was ist der Grund für diese Entwicklung?

Rauf Ceylan: Junge Menschen, die sehr gebildet sind, haben jahrelang versucht einen Transformationsprozess innerhalb der Moscheen zu forcieren. Allerdings haben ein Teil dieser jungen Menschen entschlossen Parallelstrukturen aufzubauen, weil sie der Meinung sind, dass man in den bestehenden Strukturen keine schnellen Änderungen einleiten kann. Diesen Brain-Drain-Prozess kann man zum Beispiel im Ruhrgebiet sehr gut beobachten. Ich bewerte diesen Prozess sehr ambivalent. Zum einen haben wir Strukturen mit Menschen, die hochgebildet und die auf gleicher Augenhöhe mit der Mehrheitsgesellschaft sind. Sie haben viele Probleme erkannt und leisten ihren Beitrag zur Integration. Doch die Kehrseite dieses Prozesses ist, dass sie zugleich den Kontakt zur muslimischen Basis verlieren. Ich glaube, das ist ein Problem, denn wir müssen in diesem Prozess die muslimische Basis mitnehmen.

Die Ditib-Imame

Die Ditib wird an der Islamkonferenz weiter teilnehmen. Die Ditib-Imame sind allerdings türkische Staatsbeamte. Steht das nicht im Widerspruch zum Vorhaben des deutschen Staates, zukünftig die Imame hier auszubilden?

Rauf Ceylan: Ditib repräsentiert nur einen Teil der Muslime nämlich die türkischsprachigen Muslime. Der Islam in Deutschland ist allerdings sehr bunt. Zwar sind die türkeistämmigen Muslime in der Mehrheit, aber sie werden nicht alle durch die Ditib repräsentiert. Wenn man aber nur eine Organisation als Ansprechpartner am Tisch sitzen hat, dann muss man davon ausgehen, dass man alle anderen nicht berücksichtigt. Des Weiteren wollen wir in Deutschland – und deshalb setze ich mich auch sehr für die islamische Theologie in Deutschland ein – den Einfluss der Herkunftsländer, vor allem wenn es um staatlichen Einfluss geht, drosseln. Die Muslime müssen hier eine eigenständige Identität in Deutschland entwickeln.

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