Großoffensiven könnten in Afghanistan zum Boomerang werden

07.05.2010

Große Teile der Bevölkerung wollen keine militärischen Einsätze, sondern Verhandlungen mit den Taliban, die ISAF-Truppen werden zunehmend abgelehnt

Die Operation Moshtarak ("Zusammen") war die erste von mehreren großen geplanten Operationen, die mit der Aufstockung der US-Truppen die Taliban aus den von ihr kontrollierten Gebieten vertreiben und die Provinzen sichern sollten, um die afghanische Regierung zu stärken und die Möglichkeit eines baldigen Abzug zu ermöglichen. Demnächst Die seit Februar laufende Operation, bei der zusammen 15.000 Soldaten der ISAF und der afghanischen Armee ANSF, ein Gebiet um die Stadt Mardscha in der südlich gelegenen Helmand-Provinz "säubern" sollten. Aufständische, die ihre Waffen nicht niederlegen, werden, so die Ankündigung, "mit überwältigender Macht" bekämpft, im Vordergrund stehe aber der Schutz der Zivilisten.

Für die Offensive in Helmand wurden 15.000 Soldaten eingesetzt, in Kandahar sollen es 25.000 werden. Karte: ICOS

Nach mehr als zwei Monaten sieht die Situation in Helmand nicht gut aus, allerdings soll nun diese Operation beendet und eine neue Großoffensive "Omeid" (Hoffnung) in der Provinz Kandahar gestartet werden, wo nicht nur mehr Widerstand erwartet wird, sondern auch die gleichnamige Hauptstadt mit um die 500.000 Bewohnern weitaus größer ist als Mardscha, das eher ein großflächiges Dorf ist. General McChrystal, der Oberkommandierende der ISAF-Truppen, der die Strategie ausgeheckt hat, erklärte vor kurzem, die Operation sei zwar ein Erfolg gewesen, aber die Lage habe noch nicht ganz stabilisiert werden können, zudem seien die Bewohner weiterhin frustriert, weil nicht genug für den Wiederaufbau und die Wiederherstellung der staatlichen Ordnung getan worden ist. Nach Berichten von Anfang April sollen die Taliban, die der Großoffensive weitgehend ausgewichen sind, schon wieder zurückgekehrt sein, während sich in der Region nur noch 2000 ISAF-Soldaten und zu wenige afghanische Soldaten und Zivilisten befinden, um die Lage kontrollieren zu können.

Ein symptomatisches Problem ist auch, dass der als Vertreter des Staats nach Mardscha mit Unterstützung der ISAF gesandte Distriktchef Abdul Zahir in Deutschland vier Jahre im Gefängnis wegen versuchtem Totschlag saß und daher nicht gerade ein geeigneter Repräsentant für Rechtstaatlichkeit und Ordnung ist.

Ein aktueller Bericht des Government Accountability Office (GAO) zeigt, dass die Taliban in letzter Zeit eher stärker geworden sind. So ist von 2008 bis 2009 die Zahl der Angriffe um 75 Prozent auf 21.000 gestiegen, die Zahl der getöteten Zivilisten stieg im Halbjahr von September 2009 bis zum März 2010 um 72 Prozent gegenüber derselben Periode ein Jahr zuvor und die der Angriffe auf Koalitionstruppen um 83 Prozent. Seit 2005 sind die Angriffe seitens der Taliban, die sich jeweils im Sommer mehren und in der Winterzeit zurückgehen, jedes Jahr gestiegen. Die Taliban hätten eine paramilitärische Schattenregierung in der Mehrheit der 34 Provinzen errichtet. Die Sicherheitslage habe sich verschlechtert und behindere die Stabilisierungsmaßnahmen.

Auf einem Dach in Madschaf wird im Rahmen der Operation Moshtarak eine afghanische Flagge gehisst. Bild: ISAF

Angry Young Men

Ein Bericht des International Council on Security and Development (ICOS), für den im März 400 Männer in Mardscha, Laschkar Gah, der Provinzhauptstadt von Helmand, und Kandahar befragt wurden, zeichnet noch ein düsteres Bild. Danach hat die angeblich erfolgreiche Großoffensive Moshtarak, der nun die in Kandahar folgen soll, die Einstellung von 61 Prozent der Befragten weiter verschlechtert. Das Ziel, durch die Vertreibung der Taliban und die Herstellung von Sicherheit die Menschen für sich einzunehmen, sei damit gescheitert, so der Bericht. Falls sich an solchen offensiven nichts grundlegend ändere, würden diese als "perfekte Propagandamittel" dienen.

ICOS-Umfrage

Gescheitert sei man weniger militärisch, sondern daran, dass die Rekrutierung neuer Kämpfer durch die Taliban nicht verhindert wurde, dass den Flüchtlingen nicht ausreichend Hilfe zukam und dass die lokalen politischen Prozesse bei den Menschen nicht beachtet wurden. Gerade in Mardscha hätten die Taliban die von den Menschen berechtigt beklagten Missstände ausbeuten und verärgerte junge Männer für sich gewinnen können. Als Ursache dafür wird vor allem Arbeitslosigkeit und Armut genannt. Auch 78 Prozent der Befragten sagten, sie seien verärgert, 45 Prozent meinten, sie wären wütend über die Nato-Besetzung, Opfer unter den Zivilisten und nächtliche Razzien. 59 Prozent gehen sowieso davon aus, dass die Taliban nach Abzug der Truppen wieder zurückkehren, 67 Prozent würden aber eine ISAF-Truppenpräsenz in ihrer Provinz nicht unterstützen, ebenso viele glauben nicht, dass ISAF die Taliban besiegen wird, 71 Prozent sagen, dass die Nato-Soldaten das Land ganz verlassen sollen,

Many of these angry young men join insurgent groups for a regular income and a sense of empowerment and identity they cannot find elsewhere, rather than for ideological reasons. In Afghanistan these young men have a number of serious, legitimate grievances - corruption, civilian casualties, a lack of jobs and services, and a failure to establish the rule of law – which have created high levels of anger among civilian populations.

ICOS

Tausende von Menschen seien vor den Kämpfen geflohen, ohne dass es ausreichend Flüchtlingslager gab. Noch dazu fehlt die Versorgung mit Lebensmitteln und Medikamenten. Gescheitert sei auch der Versuch, den Opiumanbau zu bekämpfen, indem man den Bauern Geld für die Vernichtung der Felder zahlt. Das würde letztlich nur die lokale Wirtschaft zerstören, ohne eine Alternative anbieten zu können. 66 Prozent der Befragten sind gegen die Bekämpfung des Opiumanbaus.

ICOS-Umfrage

Nach Berichten fürchten viele der Bewohner Kandahars die anstehende Großoffensive. Mit Blick auf Helmand wird etwa gesagt, dass die Lasten die normalen Menschen zu tragen haben, beispielsweise die Tausenden, die vor den Kämpfen unter anderem nach Kandahar geflohen sind. Und manche haben nun auch Angst, wieder nach Madschar zurückzugehen, weil sich dann die Taliban an ihnen rächen könnten.

Eine vom Pentagon in Auftrag gegebene Umfrage in Afghanistan (Afghanistan: "Die Taliban sind unsere Brüder") machte deutlich, dass 94 Prozent der Menschen keine militärische Offensive wünschen, sondern Verhandlungen mit den Taliban. 85 Prozent betrachten die Taliban als "unsere afghanischen Brüder". Und eine überwältigende Mehrheit ist auch der Meinung, dass die Menschen sich den Aufständischen nicht anschließen würden, wenn es genügend Jobs gäbe. Das Problem können ausländische Soldaten und Großoffensiven nicht lösen. Die sind zwar teuer und gefährlich, aber schnell durchführbar, selbst wenn sie Monate dauern, weswegen man trotz aller Versprechungen und neuen Strategien primär an der militärischen Lösung festhält. Das zeigt sich schon alleine daran, dass die US-Regierung seit Dezember 2009 die Zahl der Soldaten um 16.000 auf nun 84.000 erhöht hat, die Zahl der zivilen Mitarbeiter ist aber in derselben Zeit gerade einmal um 200 auf nun etwa 1.000 gestiegen.

Möglicherweise also ist die Situation in Afghanistan gerade im Kippen. Das wird auch die deutschen Soldaten betreffen, die im Norden Afghanistans mit den amerikanischen und afghanischen Soldaten vermehrt die Taliban direkt bekämpfen sollen. Anstatt Soldaten wäre ein Marshall-Plan wohl die bessere Lösung, das große Problem aber ist der Filz an Stämmen, lokalen Machtsystemen und Korruption. Schon allein wegen der Größe des Landes können militärische Offensiven keine Lösung sein. Die Taliban müssen diese nur aussitzen.

Wie es heißt, ist der umstrittene und schwache afghanische Präsident Karsai, der von den Nato-Ländern trotz großer Kritik und Skepsis als alternativenlos gilt, sauer wegen der Großoffensiven und wegen der mangelnden Unterstützung aus dem Westen, in Gespräche mit den Taliban einzutreten. Ob er selbst dies wirklich will, ist fraglich. Sein letzter Vorschlag scheint eher darauf zu zielen, den Taliban-Führern Amnestie zu gewähren, wenn sie ins Ausland ins Exil gehen, während die Kämpfer reintegriert und mit Arbeit versorgt werden sollen. Da dürfte das Interesse seitens der Taliban-Führung nicht sehr groß sein.

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