Einwanderer sorgen für weniger Gewaltkriminalität in größeren Städten

18.05.2010

Eine amerikanische Studie legt nahe, dass der Anstieg der Einwanderung mit dem Rückgang der Kriminalität in den USA in den Jahren zwischen 1990 und 2000 in enger Beziehung steht

Doch, doch, es gibt sie: Ergebnisse der empirischen Sozialforschung, die hartnäckige Vorurteile wenn nicht ausräumen, so doch mit beindruckenden Zahlen dagegen argumentieren. Ein aktuelles Beispiel dafür findet man in der Juni-Ausgabe der amerikanischen Fachzeitschrift Social Science Quarterly. Der Soziologie-Professor Tim Wadsworth von der University of Colorado legt darin Zahlenmaterial vor, das einen Zusammenhang zwischen Immigration und Kriminalität nahelegt, der quer zu Vorurteilen verläuft, aus denen Politiker und Pamphletisten seit Jahren enormes populistisches Kapital schlagen. "Der Anstieg der Einwanderung könnte für einen Teil der stark abfallenden Kriminalität in den 1990er Jahren verantwortlich sein", lautet der Schluss, den Wadsworth aus statitischen Untersuchungen von FBI- und Zensusdaten aus diesem Zeitraum zieht.

Schon vor vier Jahren sorgte ein Harvard Soziologieprofessor namens Robert J. Sampson mit einer Untersuchung für Aufmerksamkeit, die zeigte, dass der in den neunziger Jahren in den USA beobachtete deutliche Rückgang der Kriminalität in Korrelation steht mit dem gleichzeitigen Anstieg der Zahlen von Einwanderern. Sein damals in der New York Times veröffentlichter Kommentar behauptete, dass "in unserer Zeit die Annahme nicht mehr haltbar ist, wonach Einwanderung zwangsläufig zu Chaos und Kriminalität führt."

Dieser Spur ist Wadsworth gefolgt. Um die Schlüsse Sampsons statistisch zu überprüfen, untersuchte er Daten aus 459 amerikanischen Städten, die über 50 000 Einwohner haben. Als Grundlage dienten ihm die Uniform Crime Reports des FBI und U.S. Census-Daten über Einwanderungswellen. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass Wadswort für seine Studie nicht zwischen legalen und illegaler Einwanderung unterscheiden konnte, da der U.S. Census diese Angaben nicht liefern kann – illegale Einwanderung gilt manchem Patrioten als "große Bedrohung" für die Sicherheit der USA.

Mit derem gewichtigsten Argument, dem Anstieg der Gewaltkriminalität ist, begründet Wadsworth die Auswahl der mittleren und großen Städte für seine Untersuchung: Dort fänden 80 Prozent der Gewaltkriminalität statt. Zum anderen sei Gewaltkriminalität, Mord und Raub, am leichtesten für statistische Untersuchungen heranzuziehen, weil darüber regelmäßiger und beständiger berichtet würde als über andere Verbrechen: "Robberies are usually committed by strangers -- which increases the reporting rate -- and homicides are difficult to hide".

Bei seinen Auswertungen der Kriminalstatistik hatte es Wadsworth nach eigenen Angaben mit dem Phänomen zu tun, dass "Schnappschüsse", der Blick auf die Statistiken zu einem bestimmten ausgewählten Zeitpunkt, tatsächlich bestätigten, was verbreitete Ansichten behaupten: höhere Verbrechensraten in Städten mit einem hohen Anteil von Einwohnern, die in einem fremden Land geboren sind und neuen Einwanderern. Allerdings seien hier auch andere Faktoren im Spiel, etwa ökonomische. Wenn nun der Zusammenhang zwischen hoher Kriminalitätsrate und einem hohen Anteil an Einwanderern stringent wäre, müsste er sich aber auch langfristig zeigen, die entsprechenden Muster, das Auf-und Ab der beiden korrelierenden Wellen, müsste sich in Untersuchungen über einen längeren Zeitraum bestätigen. Dem ist aber nicht so.

In Analysen, die sich über einen längeren Zeitraum erstrecken, zeigt sich geradezu das Gegenteil: Städte, die den größten Anstieg beim Anteil der in anderen Ländern Geborenen und Neuangekommenen haben, wiesen in den Jahren zwischen 1990 und 2000 den größten Rückgang bei den Gewaltverbrechen aus. Nach Ausschaltung anderer Faktoren blieb ein statistischer Zusammenhang übrig, der den Anstieg der Einwanderer mit dem Rückgang von Mord und Raubverbrechen deutlich korrelierte:

Growth in the new immigrant population was responsible, on average, for 9.3 percent of the decline in homicide rates, and that growth in total immigration was, on average, responsible for 22.2 percent of the decrease in robbery rates.

Eine schlüssige Erklärung für dieses Phänomen bietet Wadsworth nicht an. Er verweist lediglich auf den engen sozialen Zusammenhalt, oft familiären Charakters, der Einwanderer-Gemeinschaften, auf niedrigere Scheidungsraten, kulturelle und religiöse Überzeugungen, die die Integration in die Community erleichtern. Das wäre ein etwas anderer Blick auf "Parallelgesellschaften", die sich allerdings eben nicht abschotten. Dass Homogenität wertvolles "soziales Kapital" ist und damit Voraussetzungen für friedliches Zusammenleben schafft, ist ein zentrales Argument des Soziologen Putnam (siehe Sie ziehen sich zurück wie Schnecken). Der hatte mit seinen Studien zur Diversität im Jahr 2007 für Diskussionen gesorgt, weil Zuwanderungsgegner sich in seinem Argument bestätigt fühlten, wonach Menschen mehr zu Misstrauen und Rückzug neigen, wenn die Gemeinschaften unterschiedlich zusammengesetzt sind. Wadsworths Untersuchung bestärkt nun eher das optimistische Fazit, das Putnam damals hintangesetzt hatte:

Erfolgreiche Zuwanderergesellschaften erfinden neue Formen der sozialen Solidarität und mindern die negativen Aspekte der Diversität, in dem sie neue Identitäten mit wesentlich mehr Mitgefühl aufbauen.

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