Nicht stehenbleiben, nicht rennen, unauffällig bleiben!

Die Mailänder Stadtverwaltung will schrittweise alle Videodaten öffentlicher Kameras mittels Software auf "verdächtiges Verhalten" scannen

Als eine der ersten europäischen Städte hat Mailand eine Software eingeführt, die Daten aus öffentlichen Überwachungskameras automatisiert auf zuvor klassifiziertes, unerwünschtes Verhalten analysiert und gegebenenfalls einen Alarm ausgibt. Während herkömmliche Kameras permanente Panorama-Aufnahmen erzeugen, soll das auf biometrischen Verfahren basierende System genauer hinsehen, den Beamten die Arbeit erleichtern und Hinweise zum Eingreifen geben. Hierfür hatte die Polizei in den vergangenen Wochen eine neuerliche Testphase durchgeführt.

Die Abdeckung mit Kameras im öffentlichen Raum zählt laut der Mailänder Tageszeitung Corriere della Sera mit derzeit 1.326 städtischen Kameras zu einer der höchsten Europas. 2007 hatte die Stadt allein 60 Millionen Euro für 700 neue CCTV-Kameras investiert. Hinzu kommen 1.300 Geräte an den drei Metro-Linien sowie private Systeme in Banken und Shopping Malls. Die Polizei verfügt zudem über zwei Helikopter und Fahrzeuge mit mobiler Leitstellentechnik.

Das von der städtischen Gemeindepolizei betriebene Überwachungsnetz hatte zunächst hervorragende Dienste bei der Verfolgung von Verkehrssündern geleistet. Immerhin 3 Millionen Mal wurde 2008 zur Kasse gebeten – eine Million Strafzettel mehr als im Vorjahr. In einer zweiten Stufe steht nun der Ausbau automatisierter Kriminalitätsbekämpfungssysteme bevor.

Die kriminalpolizeiliche Tätigkeit der einst ausschließlich im Verkehrs- und Meldewesen sowie der Gewerbekontrolle tätigen Gemeindepolizisten nahm derart zu, dass hierfür eigens ein so genanntes "Zentralbüro für Verhaftungen" eingerichtet wurde. "Von Verordnung zu Verordnung werden wir Lokalpolizisten zu regelrechten Polizeibeamten gemacht", kommentiert der gewerkschaftliche Vertreter der Gemeindepolizisten Roberto Miglio. "Von wegen Straßenverkehrsordnung und Verkehrslage, mittlerweile müssen wir uns schon um Verhaftungen kümmern."

Die Berufung eines neuen Korpskommandanten im September 2009 hatte Miglio als Konkretisierung der Gefahr einer "Transformation" seiner Berufsgruppe kritisiert. Sein neuer Vorgesetzter ist Tullio Mastrangelo, einst Vorstandmitglied der privaten "Agentur für unkonventionelle Sicherheit" M&P. Der wahre Befehlshaber sei aber Riccardo De Corato, Vizebürgermeister und Sicherheitsbeauftragter der Stadt Mailand.

"Technologische Avantgarde"

Vor zwei Wochen hatte die Polizei eine neuerliche Testphase zur automatisierten Auswertung von Videodaten auf dem Piazzale Cadorna abgeschlossen, einem Knotenpunkt der Stadt. Laut Vizebürgermeister De Corato dient die bereits seit längerem eingesetzte kommerzielle Software der selektiven Erfassung strafbarer Vorgänge im Stadtbild.

Im Mittelpunkt stehen Raubdelikte, Schlägereien, Graffitimalereien sowie potenzielle Indizien für Anschläge wie verlassene Taschen und Pakete. Zur raschen Intervention bei Schlägereien soll bereits das Zustandekommen einer Menschenansammlung genügen, um einen entsprechenden Alarm in der Überwachungszentrale auszulösen. Als "verdächtiges Verhalten" gelten der Polizei zudem längere Zeit vor einer Wand verweilende oder rennende Personen.

Coratos' Stolz auf einen kürzlich abgeschlossenen neuen Test an der Piazzale Cadorna mündet in einer Einladung an den italienischen Innenminister Roberto Maroni, der sich von der "technologischen Avantgarde" Mailands überzeugen möge. Die eingesetzte Plattform soll aus Israel stammen und bereits seit Jahren sowohl in Tel Aviv als auch London eingesetzt werden. Ihrer Verwendung in Mailand steht nichts im Wege, es sei denn, der Datenschutzbeauftragte legt ein Veto ein.

Der Austausch von Daten und Informationen unter den Mailänder Behörden ist rege. Im Jahr 2009 bezogen Polizeien und Staatsanwaltschaften von der Überwachungszentrale der Stadt Mailand 2.025 Filmdokumente, im ersten Quartal diesen Jahres bereits 700. Bezugsquelle ist eine "control room" genannte zentrale Leitstelle der Gemeindepolizei, die mit 48 Bildschirmen ausgestattet ist. Perspektivisch sollen hier bald alle Kameras der Stadtverwaltung einer Bearbeitung durch die biometrische Software zugeführt werden.

Vizebürgermeister De Corato beabsichtigt zudem, die Zahl der Kameras von Sony, Bosch, Pelco und Siemens auf 4.000 zu erhöhen. Bis zum Sommer sollen zunächst 200 "intelligente Kameras" in den aktuellen Bestand integriert werden.

Der Mailänder Datenschutzbeauftragte reagierte auf die Entwicklungen erst im Jahr 2009 mit einer neuen Richtlinie, die unter anderem zur Kenntlichmachung von Videoüberwachung verpflichten soll. Kameras, die mit den Polizeiämtern vernetzt sind, sollen explizit als solche ausgewiesen werden.

Überwachung von Roma-Siedlungen und der Expo 2015

Begonnen wurde mit der 469.000 Euro teuren Platzierung von 20 kabellosen Kameras in vier von der Stadt kontrollierten Roma-Siedlungen bereits im April. Die Bewohner der städtisch kontrollierten Siedlungen unterliegen strengsten Regeln, bei Nichteinhaltung ist ein weiterer Aufenthalt untersagt. Spontane Roma-Siedlungen werden systematisch geräumt – seit 2007 wurden allein 275 solcher Einsätze gezählt.

Auch hier kommen zunehmend Gemeindepolizisten zum Einsatz, die seit kurzem mit Ausrüstung zur Aufstandsbekämpfung ausgestattet wurden, was zu harscher Kritik und hitzigen Debatten geführt hat. In den letzten Jahren hatte es auch in Mailand pogromartige Übergriffe gegen Roma gegeben, die von den Innenpolitikern geschürt wurden. Im Mai 2008 hetzte Innenminister Maroni, alle Camps würden sofort abgerissen und die Bewohner entweder ausgewiesen oder eingesperrt, De Corato schlug eine "Quote" für Roma vor.

Der Vizebürgermeister hat sich allerdings noch ehrgeizigere Ziele gestellt. Bereits im Februar 2009 kündigte er an, dass auch die rund 12.000 privaten Überwachungskameras in das städtische System integriert werden sollen. Die Aufrüstung der Kontrollsysteme soll nach seinen Vorstellungen auch die Sicherheit des "Major Event" Expo 2015 in Mailand gewährleisten. Hierzu unterhält De Corato engen Kontakt mit britischen IT-Spezialisten, die an der Errichtung der Sicherheitsarchitektur für die Olympischen Spiele 2012 in London arbeiten.

"Intelligente Überwachung" seit 2006

Die softwaregestützte Risikoanalyse von Videodaten wird in Italien bereits seit 2006 getestet. Der Stadtrat von Verbania am Lago Maggiore folgte einem Vorschlag des selbsternannten "Sicherheitsexperten" Mario Grippa, der ein auf Netzwerkkameras beruhendes Sicherheitskonzept ausgearbeitet hatte. Grippa, der auch die Stadt Mailand berät, schlug vor, eine Alternative zu herkömmlichen Kabelsystemen zu installieren.

Zum Zuge kamen in Verbania zehn Sony-Netzwerkkameras des Typ SNC-RX550, die Fußgängerzonen, Anleger für Fähren und den Hafenbereich überwachen. Die Kameras verfügen laut Sony über "intelligente Funktionen zur Bildanalyse", die im Ereignisfall einen Alarm ausgeben. Sie zeichneten sich durch eine hohe Empfindlichkeit aus, um auch bei wenig Licht scharfe Bilder zu liefern. Die Daten werden in zwei Kontrollzentren übertragen. Die Netzwerkkameras "gehören zur neuesten Generation von Überwachungstechnologie", sekundiert Berater Grippa, "man könnte sie auch als intelligente, lernfähige Kameras bezeichnen".

2008 führte Grippa eine Reihe von Journalisten durch die Kommandozentrale der Mailänder Polizei, die ebenfalls Sony-Kameras getestet hatte. "Hauptsächlich bekämpfen wir terroristische Bedrohung", erklärt er. Auch in Mailand kam damals Software zum Einsatz, die etwa ab einer bestimmten Anzahl von Personen vor dem Mailänder Dom oder auch längere Zeit verweilenden Besuchern Meldungen generierte.

Die automatisierte Auswertung von Videodaten wird im Rahmen zahlreicher EU-Projekte beforscht und finanziert ("Schon heute wissen, was morgen sein wird"). Die "Intelligente Überwachung" ist als eigener Schwerpunkt des gegenwärtigen Europäischen Sicherheitsforschungsprogramms (ESRP) ausgewiesen. Als dessen Querschnittsaufgabe gilt die "Integration, Zusammenschaltung und Interoperabilität von Sicherheitssystemen".

Um die immer größer werdende Informationsdichte polizeilicher Datensammlungen sinnvoll zu analysieren, fordern europäische Innenminister im Einklang mit der Industrie die zunehmende Einführung von auf biometrischen Verfahren basierender Software. Zahlreiche Rüstungs- und Softwareunternehmen konkurrieren auf dem wachsenden Markt für "Predictive Analytics", laut den Anbietern sind die Plattformen bereits an etliche Polizeien und Geheimdienste in Europa verkauft worden.

In die im Hintergrund arbeitende IT-Struktur können auch fliegende Kameras eingebunden werden (Fliegende Kameras für Europas Polizeien). Das EU-Forschungsprojekt INDECT will bis 2013 eine Plattform entwickeln, innerhalb derer mit Kameras ausgerüstete Mikrodrohnen "verdächtiges Verhalten" sowohl erkennen als auch die betreffenden Personen eigenständig verfolgen sollen. Auch in Mailand werden seit mindestens 2007 mit Kameras ausgerüstete Flug-Roboter der deutschen Firma AirRobot unter anderem zur Überwachung von Stadtteilen eingesetzt. Zu ihrer Anschaffung hatte der Vizebürgermeister stolz erklärt, die neue Technologie gehe "über traditionelle Ermittlungstechniken" hinaus. Mailand sei in dieser Hinsicht führend.

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