Mehr Geld für Volksmusik, Sport und Degeto-Schmonzetten?

25.05.2010

Kulturstaatsminister Neumann will die Rundfunkgebühren nach Quote verteilen

Kulturstaatsminister Bernd Neumann sagte dem Bremer Weser-Kurier, dass die Verteilung der Rundfunkgebühren zwischen den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten stärker an die Einschaltquoten gekoppelt werden soll. Das, so Neumann, würde den Wettbewerb zwischen ihnen anregen.

Setzt sich der CDU-Bundesminister in dieser Frage durch, dann steht zu befürchten, dass es zukünftig mehr von den Quotenbringern Volksmusik, Sport und Degeto-Schmonzetten gibt, während Sender wie BR alpha um ihre Existenz fürchten müssten. Damit ginge das deutsche Fernsehen den exakt gegenteiligen Weg der BBC, die auf Druck der Tories hin einen erheblichen Teil ihrer Einnahmen von Sport und Unterhaltung hin zu anspruchsvollen Programmen umschichtet. Obwohl Neumann aufgrund der Kulturhoheit der Länder in dieser Frage nur indirekten Einfluss ausüben kann, ist sein Vorschlag keineswegs chancenlos, da in nächster Zeit der Komplettumbau der geräteabhängigen Gebühr in eine Art Kopfpauschale geplant ist, in deren Windschatten eine solche Änderung unauffälliger und damit leichter durchzusetzen wäre.

Bernd Neumann, Wolfgang Thierse, Klaus Wowereit. Foto: Paul David Doherty. Lizenz: CC-BY-SA.

Ein ganz anderer Vorschlag zur Finanzierung der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten wird derzeit in einer Arbeitsgruppe der Piratenpartei debattiert: Danach sollen nicht die Bürger oder die Zuschauer, sondern die Privatsender die öffentlich-rechtlichen mittels einer Abgabe finanzieren. Eine marktwirtschaftlichere Lösung, über die vielleicht noch höhere Einnahmen entstehen könnten, wäre die zeitlich begrenzte Versteigerung von Frequenzen an den Höchstbietenden.

Gerechtfertigt erscheinen solche Modelle unter anderem deshalb, weil Privatsender für verhältnismäßig symbolische Beträge einen Teil des öffentlichen Frequenzspektrums beanspruchen, der sonst für Nützlicheres verwendet werden könnte. Kabelnetzbetreiber müssen sogar umgekehrt an die VG Media zahlen, die das eingenommene Geld ganz überwiegend an das Privatsenderduopol aus Bertelsmann und ProSiebenSat.1 weiterleitet. Selbst die Landesmedienanstalten, die die Privatsender lizenzieren und beaufsichtigen sollen, werden nicht von diesen, sondern zum größten Teil über einen etwa zweiprozentigen Anteil aus der von der GEZ eingezogenen Rundfunkgebühr finanziert.

Hinzu kommt, dass ausgesprochen fraglich ist, inwieweit die relativ undurchschaubare Vergabepraxis der demokratisch nur sehr unzureichend kontrollierten Landesmedienanstalten eine optimale Ressourcenallokation leistet. Dass ein Sender wie 9Live knappe Frequenzen belegt, ist für viele Zuschauer in etwa so nachvollziehbar, als wenn man auf einer Autobahn eine Spur für Fluchtfahrzeuge von Hütchenspielern reservieren würde.

Nicht zuletzt wäre solch ein Finanzierungsmodell auch deshalb angemessen, weil Bertelsmann und ProSiebenSat.1 ohnehin im Verdacht stehen, ihr Angebot in Pay-TV umzuwandeln und sich so erhebliche neue Einnahmequellen zu öffnen. In der letzten Woche durchsuchte das Bundeskartellamt Büros der beiden Sendergruppen, weil diese heimlich nicht nur einen breitflächigen Einsatz von DRM gegen die Aufzeichnungen von Sendungen, sondern auch eine komplette Verschlüsselung der digitalen Versionen ihrer "Free-TV"-Programme vereinbart haben sollen.

Da die Kabelnetzbetreiber die analogen Versionen nur noch in Bestandsverträgen anbieten und auslaufen lassen wollen, würde dies mittelfristig eine mehr oder weniger allgemeine Zahlungspflicht für Programme wie ProSieben, RTL, RTL2, Sat.1, Vox und Kabel Eins bedeuten. Mit HD+, das unter dem irreführenden Namen "verschlüsseltes Free-TV" vermarktet wird, sind die Voraussetzungen dafür bereits geschaffen: Die Smartcart zum Entschlüsseln gibt es nur gegen eine jährliche Gebühr und HD+-zertifizierte Recorder erlauben weder eine Weitergabe der Aufnahme noch ein Vorspulen während der Werbung. Bei Geräten mit CI-Plus-Slot sind sogar nur noch Timeshift-Verzögerungen von höchstens 90 Minuten und keine dauerhaften Aufzeichnungen mehr möglich.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige

Unterschiedliche Wege

Während die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in Deutschland nach dem Kirchhof-Gutachten mit 800 Millionen Euro an zusätzlichen Einnahmen rechnen, will die BBC sparen und Gelder statt in den Sportrechtekauf und die Unterhaltung in die Produktion anspruchsvoller Programminhalte stecken

Rechtsfreier Raum Fernsehen

9Live klagt gegen die vom Sender selbst mitgestalteten Minimalregeln

Ewige volkstümliche Wahrheiten

Ein Sittengemälde vom innen- und kommunalpolitischen Forum der CDU in Brandenburg

Big Brother is ignoring you

Call-In Sendungen im Zeitverzug?

"Feindliche Übernahme" der Aufsichtsbehörde

Zwei Jahre nachdem sie die Übernahme von ProSiebenSat1 durch Springer verhinderte, soll die KEK entmachtet werden

Bastard aus GEZ und Kopfpauschale

Der Heidelberger Professor Paul Kirchhof will ARD und ZDF zu einem leistungslosen Einkommen verhelfen

Noch ungerechter als vorher?

Die Rundfunkgerätegebühr soll in eine "Haushaltsabgabe" umgewandelt werden

Dokusoaps und Rosamunde Pilcher bis 2014

Das ZDF startet einen neuen Kanal und will inhaltlich weitermachen wie gehabt

Zensynchronisation

Eine Unterschriftenaktion will mehr Untertitel und Zweikanalton im Fernsehen

Volksinitiative gegen die Schweizer GEZ

Rundfunkgebühr soll auf mit der Steuer verrechenbare 100 Franken sinken

Dafür zahl' ich nicht

Anti-GEZ-Kampagne kämpft gegen doofes Fernsehen

"Falsch, schlecht und übel!"

Marcel Reich-Ranicki, Thomas Gottschalk und die Debatte über Qualität im Fernsehen

Lawine der Langeweile

Olympia verdirbt das Fernsehprogramm. 1972 fiel das allerdings weit stärker auf als 2008

Staatsferne und Tabubereiche

Interview mit dem SWR-Intendanten Peter Boudgoust zu den Internet-Plänen der öffentlich-rechtlichen Sender

Phantomdebatte um Meinungsvielfalt

Wie Regulierungsbehörden die "Meinungsmacht" von Medien ermitteln wollen

Den Arsch nicht aufgerissen

Die "Lauenstein-Affäre" bei Neun Live offenbart die Abwesenheit einer wirksamen Kontrolle von Privatsendern durch die Landesmedienanstalten

Hyperexhibitionismus und Hyperangepasstheit

Sind Castingshows und MySpace verwandte Phänomene?

Fußballgehälter und Gebühren

Wie der Sportrechtehandel, das öffentlich-rechtliche Fernsehen und die Informationsfreiheit zusammenhängen

Neolabourale Fantasy

Das ZDF lässt die Romane von Ken Follett verfilmen

Panorama, "Killerspiele" und die Filter-Firma

Für den in die Kritik geratenen Panorama-Beitrag des NDR wurde als "Experte" der Vorstand einer "Internetsicherheitsfirma" präsentiert, der schon häufiger wegen seiner umstrittenen Behauptungen aufgefallen ist

Nur nicht nachhaken

Datenschutz, Vergewaltigungen und der "Report München"

Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Nicaragua in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

Anzeige

Der, der dem Vogelflug folgte

Otto Lilienthals Unfalltod hatte keine technischen Ursachen

Cover

Der halbe Hegemon

Rückkehr der "deutschen Frage" und die Lage der EU

Die Neurogesellschaft 9/11 - Der Kampf um die Wahrheit Dein Staat gehört Dir!
bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.