Weiterer Suizid beim taiwanesischen Apple-Zulieferer Foxconn

27.05.2010

Während die Firmenleitung auf Abfangnetze und Psychologie setzt, berichten Mitarbeiter von inhumanen Arbeitsbedingungen

"Ich verspreche, mich oder andere niemals in einer extremen Form zu verletzen" – Berichten zufolge wurden Mitarbeiter des taiwanesischen Elektrokonzerns Foxconn dazu aufgefordert, diesen "Selbstmord-Verzicht" zu unterzeichnen. Das in der chinesischen Sonderwirtschaftszone Shenzhen tätige Unternehmen, Zulieferer von Apple, Dell, Hewlett Packard und Acer, war in den letzten Tagen wegen einer Selbstmordwelle auch in die Schlagzeilen der westlichen Medien geraten. Die Aufmerksamkeit fällt umso höher aus, als Foxconn auch an der Produktion des iPad beteiligt ist, auf dessen Auslieferung aktuell Europa wartet. Für Apple könnte das zum Wurm werden, sollte die eingangs zitierte Erklärung auf die Arbeitsbedingungen des Zulieferbetriebes angewandt werden.

Mit der Unterschrift unter das erwähnte Schreiben willigen die Beschäftigten angeblich ein, dass sie das Unternehmen "zum eigenen Schutz und dem anderer" in eine psychiatrische Klinik schicken dürfen, sollten sie in einer "anormalen geistigen oder körperlichen Verfassung sein".

Ungeachtet dieser etwas irren Drohungen meldet die Zeitung Shanghai Daily einen neuen Selbstmordfall. Gestern abend stürzte sich abermals ein Angestellter aus dem Schlafraum zu Tode. Der zehnte Freitod, der zwölfte Sturz, trotz des weitgespannten Netzes um Firmengebäude, das solche Fälle verhindern sollte.

Der Chef, Chairman Terry Gou, gibt sich laut Bericht "traumatisiert". Er könne nicht mehr schlafen, er habe nächtens Angst vor jedem Telefonanruf, klagt er gegenüber Journalisten. Dass eine Angestellten offensichtlich auch so wenig zur Erholung kommen, dass sie in den spärlichen Auszeiten während ihres 12-oder mehrstündigen Arbeitstages am Arbeitsplatz einschlafen, davon ist nicht die Rede. Zwar kündigte Terry Gou an, dass man daran denke, die Löhne in den nächsten beiden Wochen "anzupassen", doch wird diese Aussage an anderer Stelle in einem kleinen Detail korrigiert.

Die Mutterfirma von Foxconn, Hon Hai Precision Industry Co., erwäge zwar die Möglichkeit von Lohnerhöhungen für ihre Mitarbeiter in China, das stehe aber in keinerlei Zusammenhang mit den Selbstmorden in den Niederlassungen in Shenzhen, ließ ein Konzern-Sprecher heute verlautbaren. Das Ansehen der Firma zählt vor allem. In dieser Maxime ist wahrscheinlich auch die Begründung dafür zu suchen, warum weder der Foxconn-Chef Terry Gou noch der Hon Hai Precision Industry-Sprecher mit einem Wort auf die Arbeitsbedingungen in den chinesischen Werken einging.

Darüber berichten vor allem westliche Medien, wie beispielsweise der Independent, der dabei auf Informationen von NGOs zurückgreift. Die spärlichen Löhne, umgerechnet etwa zwischen 200 und 300 Dollar im Monat, schlecht bezahlte Überstunden, nicht bezahllte Arbeitszeiten machen dabei nur einen kleinen Teil der für westliche Verhältnisse unerhörten Ungerechtigkeiten und Härten aus, denen die Mitarbeiter ausgesetzt sind. Einzelheiten, die im Independent-Bericht und anderswo nachzulesen sind, lassen an Arbeitsbedingungen denken, wie sie vielleicht auf Sträflingsgaleeren üblich waren. Mindestens zehn-Stunden-Schichten, monotone Arbeitsabläufe, militärisch geschulte Aufsicht, die Schläge mit Stock und Peitschenhiebe verteilt, Gespräche zwischen den Angestellten sind während der Arbeit verboten, primitive Unterbringung der Arbeiter.

Da auffallend viele Selbstmörder sehr jung waren und weit weg von ihren Familien, Bekannten und Freunden, erklärt man sich – ähnlich wie bei der Selbstmordwelle von Angestellten der französischen Telekom – die Suizide lieber mit der psychischen Disposition als mit eher objektiven Bedingungen. Entsprechend fallen die Gegenmaßnahmen aus, die durchaus Double-Use-Qualitäten haben, weil sie auf Überwachung der Labileren setzen: Psychologie-Tests, die Aufteilung der Gesamtbelegschaft von Foxconn-China in 4000 Gruppen zu 50 Mitgliedern. Dazu Der Einsatz von Psychiatern, die Mitarbeiter zu freiwiligen Beratern umschulen, Sport- und Entspannungsgruppen. Ob das zusammen mit den Selbstmörder-Abfangnetzen, die 1,5 Millionen Quadratmeter(!) umspannen, gegen weitere Suizidversuche hilft?

Chinesische Regierungsbeamte, berichtet Shanghai Daily, beobachten das weitere Vorgehen der taiwanesischen Firm genau. Auch Apple tut dies. Gut möglich, dass das Unternehmen in den nächsten Tagen etwa durch Boykottaufrufe in PR-Bedrängnis gerät. Schon Anfang Februar soll eine Untersuchung über die Arbeitsbedingungen bei Zulieferern gezeigt haben, dass der Großteil der 102 Fabriken deutlich gegen die Vorgaben des amerikanischen Unternehmens verstoßen.

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