Powell trifft Pressburger
In New York wurde The Edge of the World zu einer der besten ausländischen Produktionen des Jahres gewählt. Das machte Alexander Korda hellhörig. Der Ungar Korda kam nach Stationen in Wien, Berlin, Hollywood und Paris 1931 nach England und träumte davon, in seinen eigenen Ateliers den "internationalen Film" herzustellen, der weltweit konkurrenzfähig war. 1933 gelang ihm das, was niemand für möglich gehalten hätte: Private Life of Henry VIII war – als erste britische Produktion überhaupt – auch in den USA außerordentlich erfolgreich. Allerdings war es schwierig, diesen Erfolg zu wiederholen. Die Amerikaner verstanden sich gut darauf, fremde Märkte zu kontrollieren und den eigenen abzuschotten. Und Korda war selbst mehr wie eine Filmfigur als ein kühl kalkulierender Geschäftsmann, was zu einigen ruinösen Entscheidungen führte. Er darf aber für sich in Anspruch nehmen, die Idee nach Großbritannien gebracht zu haben, dass der Film ein Kulturgut von nationaler Bedeutung sein könnte.
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| The Edge of the World |
Powell unterschrieb für ein Jahr. Bei Korda unter Vertrag war auch Conrad Veidt. Hierzulande fast nur noch mit Major Strasser identifiziert (Humphrey Bogarts Gegenspieler in Casablanca), war Veidt einer der wenigen echten Weltstars, die Deutschland hervorgebracht hat. Als Nazigegner hatte er Deutschland verlassen und trotz lukrativer Goebbels-Angebote eine Rückkehr abgelehnt. Bei Korda langweilte er sich, weil es kein akzeptables Filmprojekt für ihn gab. Auch ein Nazigegner, auch ein Exilant und auch ein unterbeschäftigter Korda-Angestellter war der Ungar Emeric Pressburger.
Imre Pressburger, 1902 in Mikolc geboren, lernte in seiner Jugend eine doppelte Diskriminierung kennen: Er war Jude und lebte in dem Teil von Ungarn, der nach dem Ersten Weltkrieg Rumänien zugeschlagen wurde. Die neue Regierung ging bei der Zwangsassimilierung nicht zimperlich vor. Rumänisch wurde Amtssprache, ungarischsprachige Bildungseinrichtungen wurden geschlossen, rumänische Staatsbürger durften nicht in Ungarn studieren. Wer wie Imre eine höhere Bildung erwerben wollte, musste das in einer fremden Sprache tun. Er entschied sich für die deutsche, studierte zuerst an der Deutschen Universität von Prag und dann in Stuttgart (die einzige deutsche Uni, die ihn aufnahm).
Wahrscheinlich wäre er Bauingenieur geworden, wenn 1926 nicht sein Vater gestorben wäre. Imre musste zurück nach Rumänien, für seine Mutter sorgen und Geld verdienen. Als er aber zum Wehrdienst einberufen wurde, ging er nach Berlin (die Mutter holte er später nach). Dort lebte er als armer, unveröffentlichter Autor, bis die BZ am Mittag 1928 erstmals eine Geschichte von ihm annahm ("Auf Reisen"). Imre hatte drei große Leidenschaften: Essen, Fußball und Kino. Nach vielen Ablehnungen wurde er von der Drehbuchabteilung der Ufa angestellt. Dort legte man Wert auf eine solide Ausbildung. Pressburger lernte, wie man Drehbücher mit Blick auf deren visuelle Umsetzung schreibt. Weil er sehr musikalisch war (er hatte schon als Kinogeiger gearbeitet), schrieb er seine Bücher in einem bestimmten Rhythmus, den auch der Film annehmen sollte. Sein Beitrag zu den Powell/Pressburger-Werken wird meistens unterschätzt, weil er im Hintergrund blieb und nicht selbst Regie führte.
Der Durchbruch kam, als Imre (jetzt Emmerich) Robert Siodmak kennenlernte. Für ihn schrieb er das Drehbuch zu Abschied. Pressburger war ein enger Freund von Erich Kästner. Gemeinsam mit Max Ophüls verfassten sie das Buch zu dessen erstem, leider verschollenen Film: Dann schon lieber Lebertran. Pressburger war an Emil und die Detektive beteiligt, obwohl im Vorspann nur Billy Wilder genannt wird und schrieb drei Verwechslungskomödien für Reinhold Schünzel, den man auch mal wiederentdecken könnte. Schünzel teilt das Schicksal vieler Emigranten, die vergessen sind, weil nach der großen Reinwaschung der Mitmacher keine Zeit mehr für sie bleibt.
Wie viele andere scheint Pressburger anfangs noch an eine vorübergehende Verirrung geglaubt zu haben, als die Ufa ihre jüdischen Mitarbeiter entließ. Das war ein Irrtum. Akut von der "Schutzhaft" bedroht, also von der Verschleppung in ein KZ, führte ihn die Flucht über Paris nach London und zu Alexander Korda, für den er – als Emeric Pressburger – das Drehbuch zu The Challenge (1938) schrieb, einen von Luis Trenker inszenierten Film über die Erstbesteigung des Matterhorns (die englische, mit dieser nicht identische Version von Der Berg ruft).
1936 hatte Korda die Denham Studios eröffnet, damals vielleicht die modernsten Ateliers Europas. 1938 musste er aus Finanznot Atelierraum an fremde Produktionen vermieten, und sein wichtigster Geldgeber, die Versicherungsfirma Prudential, war dabei, ihm die Kontrolle zu entziehen. Eine der Fremdproduktionen, The Spy in Black, war in Schwierigkeiten, weil das Drehbuch miserabel war und keine geeigneten Rollen für die Hauptdarsteller enthielt, Conrad Veidt und Valerie Hobson. Der Film sollte auf den Orkney-Inseln spielen, etwa 80 Meilen südlich von Foula. Korda dürfte deshalb Michael Powell eingefallen sein. Ihn und Emeric Pressburger zu einer Konferenz zu bitten, war eine der besten Ideen, die Korda je hatte. Damit schrieb er Filmgeschichte.
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| The Spy in Black |
Bei The Spy in Black fand sich das großartigste Kreativteam zusammen, das es im britischen Kino je gab. Der eine, Powell, ein kosmopolitischer, vom Amerikaner Rock und vom Ungarn Korda geförderter Engländer, war seinen Landsleuten immer unheimlich, weil er mit ganz unbritischer Flamboyanz zu Werke ging und den teilweise überholten Wertekanon des Landes einer kritischen Überprüfung unterzog. Der andere, Pressburger, ein ungarischer Exilant, der sein Handwerk in Deutschland gelernt hatte, liebte alles Britische. Gemeinsam schufen diese beiden Herren einige grandiose Filme, die heute vielfach als Inbegriff des "Britischen" gelten, während das meiste von dem, was zur Entstehungszeit gefeiert wurde, längst in der Versenkung verschwunden ist.
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| The Spy in Black |
Pressburger gab dem Drehbuch zu Spy eine völlig andere Struktur, schrieb einen sehr atmosphärischen neuen Anfang, in dem gleich ein Mord passiert, machte aus einem spionierenden Priester einen deutschen U-Boot-Kapitän (Veidt) und nahm an einer der Figuren eine Geschlechtsumwandlung vor, damit Valerie Hobson eine Doppelagentin spielen konnte. Powell war schon nach der ersten Begegnung mit Pressburger begeistert:
[Meine Augen] hatten ein Wunder gesehen: einen Drehbuchautor, der wirklich schreiben konnte. Ich würde ihn so bald nicht wieder entkommen lassen. Von diesem Phänomen hatte ich immer geträumt – von einem Drehbuchautor mit dem Herzen und dem Verstand eines Romanschriftstellers, der am Medium Film interessiert war und der wunderbare Ideen hatte, aus denen ich noch wunderbarere Bilder machen würde und der den Dialog nur dazu verwendete, einen Witz zu machen oder die Handlung zu verdeutlichen.
The Spy in Black spielt im Ersten Weltkrieg. Kapitän Hardt soll den Marinestützpunkt Scapa Flow auskundschaften. Der Grundkonflikt ist einfach: Die Deutschen ermorden eine junge Schullehrerin, damit ihre Agentin deren Platz einnehmen und Hardt dabei helfen kann, die Informationen zu sammeln, die nötig sind, um wehrlose Schiffe zu torpedieren. Ein britisches Liebespaar vereitelt den Plan. Powell und Pressburger wollten aber keinen Film machen, in dem die Guten gut und die Bösen böse sind. Conrad Veidt spielt keinen deutschen Militaristen mit Killermentalität, sondern einen sehr menschlichen und sympathischen Kapitän, der viel charismatischer ist als sein Kontrahent. Alles wird spätestens in dem Moment sehr kompliziert, in dem sich herausstellt, dass Valerie Hobson doch keine deutsche, sondern eine britische Agentin ist. Durch das so in Gang gesetzte Spiel mit Loyalität und Identifikation hat sich der Film bis heute seine Frische bewahrt.
Wie macht man Propaganda?
Die neue Großproduktion, mit der Korda den Weltmarkt erobern wollte, hieß The Thief of Bagdad. Korda hatte ein Technicolor- und Spezialeffekt-Spektakel für große und kleine Kinder im Sinn. Dr. Ludwig Berger, der deutsche Regisseur, wollte etwas viel Intimeres. Vincent Korda lieferte die entsprechende Ausstattung, was zu einer berühmten Anweisung seines Bruders Alexander führte: "Baut es viermal so groß und streicht es purpurrot an! So ist das Mist." Dr. Berger, der laut Vertrag die absolute künstlerische Kontrolle hatte, dachte noch über zarte Schwarzweiß-Bilder nach, als Powell bereits mit dem Hauptdarsteller Sabu nach Cornwall gefahren war, um da die ersten Farbaufnahmen für die Begegnung des Diebs Abu mit dem Dschinn zu machen. Als der Film fertig war, hatten mindestens sechs Regisseure mitgewirkt.
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| The Thief of Bagdad |
Powell inszenierte vor allem Szenen mit Sabu und mit dem von Conrad Veidt gespielten Bösewicht. Er hatte auch die Idee, auf den Rumpf von Jaffars Schiff ein großes Auge zu malen. Der Film deutet bereits vieles von dem an, was Powell in Peeping Tom vertiefen würde. Es geht um die Macht des Blicks, um die Gefährlichkeit des Sehens und um die damit verbundene sexuelle Komponente.
The Spy in Black wurde im August 1939 gestartet und lief weiter mit großem Erfolg in den britischen Kinos, als Hitler im September den Zweiten Weltkrieg vom Zaum brach. Noch aktueller wurde die Geschichte durch Berichte über ein deutsches U-Boot, das in Scapa Flow ein britisches Kampfschiff torpediert hatte. Umso bemerkenswerter ist es, dass die Briten für einen Film Schlange standen, in dessen Mittelpunkt ein aufrechter und sympathischer deutscher Kapitän steht. Das Vereinigte Königreich war auch sonst ganz anders als Nazi-Deutschland. Für Goebbels war der Film die wichtigste Waffe im Propagandakampf. In der britischen Filmindustrie ging in den ersten Kriegswochen die Angst um, dass die Regierung alle Kinos schließen würde, um nicht große Menschenmengen der Gefahr eines Luftangriffs auszusetzen. Alexander Korda war da schon dabei, solchen Überlegungen den Boden zu entziehen.
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| The Spy in Black |
Korda hatte Winston Churchill versprochen, am Tag, an dem die Briten Deutschland den Krieg erklären würden, mit einem Propagandafilm zu beginnen und ihn vier Wochen später abzuliefern. Es scheint dann eher sechs Wochen gedauert zu haben, aber im gerade erst geschaffenen Informationsministerium war das Erstaunen trotzdem groß, als Korda zur Vorführung des Films einlud, an dem Powell als einer von drei Regisseuren mitgewirkt hatte. The Lion Has Wings ist ein rasch gebasteltes Konglomerat aus Archivmaterial und sehr steif inszenierten Spielszenen, das dem Publikum den Eindruck vermitteln sollte, dass die Royal Air Force und die Rüstungsindustrie bestens auf den Krieg vorbereitet waren. Das war stark übertrieben, und die Briten glaubten es auch nicht. Bald ging das Gerücht um, der Film werde in Deutschland als Lustspiel gezeigt.
Viel besser ist Contraband (1940), die nächste Zusammenarbeit von Powell und Pressburger. Conrad Veidt spielt diesmal den Kapitän eines dänischen Schiffs, das von der britischen Marine festgehalten wird, weil es für Deutschland bestimmte Kontrabande transportieren könnte. Mit an Bord ist eine britische Agentin (Valerie Hobson), die Kapitän Andersen in eine nach London führende Intrige verwickelt. Wie vorher schon The Spy in Black, zeigt auch Contraband starke deutsche Einflüsse. Der Film ist von Fritz Lang inspiriert (Dr. Mabuse, Spione), und Alfred Junge, der Architekt aus der Ufa-Schule, war für die eindrucksvolle Ausstattung zuständig.
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| Contraband |
Pressburgers spritziges Drehbuch verlangte Powell einiges an Virtuosität ab, weil es großteils im verdunkelten London spielt, und er ging mit sichtbarer Freude an die Arbeit. Die deutschen Spione haben ihr Hauptquartier unter einem Kino, und weil in dem Gebäude auch eine Tanzkapelle spielt, müssen Andersen und seine Verbündeten, die Belegschaft eines dänischen Spezialitätenrestaurants, eine Tour durch das Londoner Nachtleben unternehmen, um die schöne Agentin zu retten. Der Kampf gegen die Nazis führt den Kapitän auch in ein Lagerhaus, in dem nun unverkäufliche Chamberlain-Büsten aufbewahrt werden (Chamberlain war der britische Premier, der 1938 das Münchner Abkommen unterschrieb, um den Krieg zu verhindern). Contraband ist wirklich witzig.
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| Contraband |
Im neu geschaffenen Informationsministerium wusste man anfangs nicht genau, was man da tun sollte. Als Churchill Ende 1940 Brendan Bracken installierte, war das schon der vierte Führungswechsel in nur einem Jahr. Der erste Chef der Filmabteilung war Kenneth Clark. Er galt als qualifiziert, weil er vorher die Nationalgalerie geleitet hatte, sich demnach mit Bildern auskannte. Powell bot ihm an, einen privat finanzierten Propagandafilm zu drehen, wenn das Ministerium das Geld für die Drehbuchentwicklung zur Verfügung stellte. Clark scheint die Akten gelesen und entdeckt zu haben, dass die Regierung im letzten Krieg einen Film über Minenräumschiffe in Auftrag gegeben hatte. Also wollte er einen Film über Minenräumschiffe. Powell wollte gern mit Pressburger nach Kanada, um da für das Drehbuch zu einem Film zu recherchieren, der die USA von der Nazigefahr überzeugen und dazu bringen sollte, in den Krieg einzutreten. Schließlich bekam er 5000 Pfund. Dann entstand einer von vier Propagandafilmen, die mehr Originalität, Einfallsreichtum und Menschlichkeit enthalten als das ganze Propagandakino der Nazis zusammen.
Robin Hood und die Barbaren
Kanada, als Mitglied des Commonwealth bereits im Krieg mit Deutschland, hat eine entlang des 49. Breitengrads verlaufende, kaum bewachte Grenze zu den USA. Das gab dem Film den Titel: 49th Parallel. Eingedenk der Tatsache, dass gute Propaganda auch gute Unterhaltung sein muss, um zu funktionieren, versuchten Powell und Pressburger, einen möglichst spannenden Film zu machen, gedreht im Studio und an vielen Originalschauplätzen. 49th Parallel ist ein episodischer, als Kriegsfilm beginnender Abenteuer- und Reisefilm. Kampfflugzeuge bombardieren ein deutsches U-Boot, das vor der kanadischen Küste einige Zerstörung angerichtet hat. Sechs Männer überleben und versuchen, in die neutralen USA zu entkommen. Wie die zehn kleinen Negerlein werden sie immer weniger. Auf ihrem Weg durch die USA trifft die kleiner werdende Gruppe auf Inuit und Native Americans, auf eine Hutterer-Gemeinde, auf einen englischen Exzentriker und auf einen kanadischen Deserteur. Die dabei ausgetragenen Konflikte machen die unterschiedlichen Wertesysteme deutlich.
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| 49th Parallel |
Am Anfang tritt ein bärtiger, frankokanadischer Trapper auf. Als er sich rasiert hat, erkennt man Laurence Olivier. Von da an wartet man gespannt, wer sonst noch kommen wird. Da es um die gute Sache ging, konnte Powell für jede Episode einen großen Star engagieren. Für eine geringe Gage machten auch Leslie Howard (der Exzentriker) und Raymond Massey (der Deserteur) mit. Elisabeth Bergner (noch ein deutscher Weltstar, den wir vergessen haben) ist nur in Totalen zu sehen, weil sie nach den Dreharbeiten bei den Hutterern in die USA fuhr, statt wie versprochen zu Atelieraufnahmen mit zurück nach England zu kommen (wegen der deutschen U-Boote war die Überfahrt nicht ungefährlich). Ihre Rolle übernahm Glynis Johns.
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| 49th Parallel |
Diesen und die drei folgenden Propagandafilme zeichnet aus, dass Powell und Pressburger zeigen, wie mörderisch und menschenverachtend die Nazis sind, ohne sie mit allen Deutschen gleichzusetzen. In NS-Filmen steht immer einer stellvertretend für die ganze Gruppe. In 49th Parallel besteht die Gruppe aus ganz unterschiedlichen Individuen. Einer von den Deutschen liest begeistert aus Mein Kampf vor, ein anderer würde lieber Brot backen. Drehbuch und Regie sorgen dafür, dass daraus kein öder politischer Traktat wird. Jede Episode hat nicht nur eine ideologische, sondern auch eine dramaturgische Funktion. Den Führer der Deutschen spielt Eric Porter. Bei den Hutterern hält er eine Rede, in der er die Landsleute auffordert, sich der Sache der Nazis anzuschließen. Ein anderer wunderbarer Schauspieler, Adolf Wohlbrück (im englischen Exil nannte er sich Anton Walbrook), hält die Gegenrede. Er muss nicht einmal aufstehen, um den Nazi, der den Anbruch einer neuen Zeit verkündet, ganz alt aussehen zu lassen. So wird hinter der modernen Fassade das Barbarentum erkennbar.
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| 49th Parallel |
Am Anfang, zur sehr emotionalen Musik von Ralph Vaughan Williams, fliegt die Kamera durch die Wolken. Dahinter tut sich die spektakuläre kanadische Landschaft auf. Das kündigt die Neugier an, mit der sich der Film auf das Fremde und das Unbekannte einlassen wird, statt es unterdrücken zu wollen. Dieser Anfang ist die Antwort auf Leni Riefenstahls Triumph des Willens. Da fliegt Hitler durch die Wolken, zum Treffen seiner Einheitspartei in Nürnberg. Unten jubeln ihm die Untertanen zu. Dann gehen die Menschen in der Marschformation auf. Ich weiß da gleich, wofür ich mich entscheiden würde. Beim Sehen von Propagandafilmen der Marke Powell/Pressburger habe ich immer das Bedürfnis, nach England zu ziehen, weil da solche Bilder im Kino zu sehen waren, während bei uns die geballte Negativität über die Leinwand flimmerte. Das ist dann wohl gelungene Propaganda.
"… one of our aircraft is missing" (so meldete die BBC den Verlust eines Flugzeugs) dreht das Muster um: sechs britische Soldaten kämpfen sich durch das besetzte Holland zurück nach England. Der Anfang scheint Orson Welles so gut gefallen zu haben, dass er ihn sich für Mr. Arkadin ausborgte (wenn man aufzählen wollte, wer alles von Powell und Pressburger beeinflusst wurde, hätte man viel zu tun). Durch die Luft fliegt ein unbemanntes Flugzeug, dann stürzt es ab. Anschließend wird erzählt, was vorher geschah. Nach einem Treffer durch die deutsche Luftabwehr muss die Crew mit dem Fallschirm abspringen. Bei den Nazis wäre alles klar geregelt. Die Briten müssen nach der Landung erst beratschlagen, ob einer das Kommando übernehmen sollte oder ob man darauf verzichten kann. Keiner fühlt sich aufgerufen, den Führer zu geben. Bei der ersten Begegnung mit den Holländern, ein paar Kindern, sitzen die britischen Helden in einem Baum. Ihre Rettung verdanken sie zwei tapferen Frauen. In einem NS-Kriegsfilm wäre das unmöglich.
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| "… one of our aircraft is missing" |
Inzwischen hatten Powell und Pressburger ihre eigene Produktionsgesellschaft gegründet, The Archers. Bei Bogenschützen fällt einem gleich Robin Hood ein, der Sieg von List und Geschicklichkeit über die Mächtigen. Als Engländer denkt man auch an die Schlacht von Azincourt, die 1415 mit Hilfe der Langbogenschützen gegen ein Ritterheer gewonnen wurde (in The Lion Has Wings wird Azincourt mit dem Kampf gegen die Nazis verglichen). Bogen wurden meistens aus dem biegsamen Holz der Eibe gemacht, dem heiligen Baum der Druiden (Powells Form der Spiritualität hat selbst dann keltische Wurzeln, wenn sie in einer christlichen Kirche erlebt wird). Und auf eine versteckte Art ist auch die Erotik mit dabei. Aus dem Absud der Eibenblätter wurde ein Pfeilgift gewonnen, und er wurde als Abtreibungsmittel verwendet (darum gab es häufig Eibenwälder in der Nähe von Nonnenklöstern). Mit solch listig verpackten Botschaften darf man bei Powell und Pressburger immer rechnen.
Heilsame Wunde
Von nun an war etwas Ungewöhnliches zu erwarten, wenn auf der Leinwand eine Zielscheibe erschien, auf die ein Pfeil abgeschossen wurde. Das ist der Pfeil, der unser Auge trifft – nicht um uns blind zu machen, sondern um eine heilsame, ein anderes Sehen befördernde Wunde zu verursachen. Ungewöhnlich, um nicht zu sagen in der Filmgeschichte einmalig, sind schon die Anfangstitel der Archers-Produktionen. In Powells Autobiographie ist nachzulesen, wie er sie seinem Agenten erklärte:
"Wir wollen unsere Talente zusammenlegen und der Filmindustrie zeigen, wo die Prioritäten sind. Wir werden uns den letzten der Anfangstitel teilen, am Ende des Vorspanns wird stehen: "Geschrieben, produziert und inszeniert von Michael Powell und Emeric Pressburger"."
"Was meinen Sie mit Prioritäten?" fragte er mich.
"Die Antwort steckt in den Titeln", erwiderte ich. "Die Geschichte und das Drehbuch sind am wichtigsten. Dann müssen wir das Geld auftreiben und bei der ganzen Sache den Boss spielen – das ist der ‚produziert von’-Teil –, und dann muss ich noch Regie führen."
So wurde es gemacht. Pressburger dachte sich die Geschichte aus, schrieb ein Exposé, das wurde diskutiert, dann schrieb Pressburger das Drehbuch, Powell nahm Änderungen vor, dann sprachen sie es wieder durch. Das lief nicht immer harmonisch ab. Zwischen den beiden herrschte ein kreatives Spannungsverhältnis. Der eine wusste meistens schon, was der andere wollte, bevor es ganz gesagt war. Powell inszenierte, wichtige Entscheidungen trafen sie gemeinsam. Und weil beide ziemlich unerschrocken waren, gingen sie ein Projekt an, vor dem sie gewarnt wurden, weil Churchill und sein Kriegsminister dagegen waren: The Life and Death of Colonel Blimp. Von Pressburger war das besonders mutig, weil er noch kein britischer Staatsbürger war und jederzeit als feindlicher Ausländer zur Internierung nach Australien gebracht werden konnte.
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| The Life and Death of Colonel Blimp |
Der glatzköpfige, oft im Türkischen Bad anzutreffende Colonel Blimp war eine Cartoonfigur, mit der ihr Erfinder David Low den Typus des reaktionären, sich wie ein Elefant im Porzellanladen aufführenden Berufssoldaten satirisch aufs Korn nahm. Bei Powell/Pressburger heißt er Clive Candy. Genial gespielt von Roger Livesey, ist er ebenso liebenswert wie enervierend – weniger die Karikatur eines anachronistischen Trampeltiers in Uniform, als vielmehr ein aufrechter Mann, der sich nicht aus den überkommenen Traditionen seiner Klasse befreien kann; einer, der nicht mehr in die Zeit passt und den man doch vermissen wird, wenn er nicht mehr da ist. Am Anfang, im Jahr 1942, sitzt er als Chef des Heimatschutzes im Türkischen Bad und entspannt sich, bevor um Mitternacht eine Übung mit einem simulierten Angriff beginnen soll. Dann kommt ein junger, als Feind eingeteilter Soldat und nimmt ihn fest, weil die Nazis auch nicht erst formell den Krieg erklären, bevor sie angreifen. Candy ist empört, weil das den Regeln des Fair Play widerspricht, muss sich aber der jungen Generation und der neuen Zeit geschlagen geben. Dann wird die Vorgeschichte erzählt. Das Drehbuch ist wahrscheinlich das komplexeste, das Pressburger je geschrieben hat.
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| The Life and Death of Colonel Blimp |
Nach dem Burenkrieg mit einem Orden dekoriert, erfährt ein junger Clive Candy, dass in Berlin afrikanische Lügengeschichten erzählt werden, um Stimmung gegen Großbritannien zu machen (eine Anspielung auf den 1941 uraufgeführten, antibritischen Propagandafilm Ohm Krüger, für den Goebbels eigens ein neues Prädikat erfunden hatte: "Film der Nation"). Obwohl es ihm seine Vorgesetzten verboten haben, fährt er nach Berlin, um den Urheber der Lügen zur Rede zu stellen. Zum Entsetzen der britischen Diplomaten provoziert er einen Zwischenfall, der nur durch ein Duell aus der Welt geschafft werden kann. Candys Gegner wird ausgelost. Es trifft einen freundlichen, eher unmilitaristischen preußischen Offizier namens Theo Kretschmar-Schuldorff (Adolf Wohlbrück).
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| The Life and Death of Colonel Blimp |
Das von Clive und Theo ausgefochtene Duell ist eines der wunderbarsten der Filmgeschichte. Dabei sieht man nur das sehr komplizierte Vorspiel, bei dem ein Offizier namens von Ritter als Sekundant fungiert (gemeint ist Karl Ritter, im Dritten Reich der Spezialist für stramm militaristische Kriegsfilme). Nach minutenlangen Vorbereitungen passiert wieder einmal das, was Powell/Pressburger-Filme so besonders macht: das völlig Unerwartete. Als das Duell in der Turnhalle endlich beginnt, fliegt die Kamera durch die Decke davon, hinaus in die Nacht. Draußen fällt Schnee. Die Turnhalle ist jetzt ganz klein, nur noch ein Miniaturgebäude in einer Schneekugel. Dieses Duell, dem die Preußen so große Bedeutung beimessen, ist eigentlich ganz unwichtig. Mit filmästhetischer Eleganz wird das Ritual einer an soldatischen Werten ausgerichteten Gesellschaft in den richtigen Maßstab gebracht.
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| The Life and Death of Colonel Blimp |
Nach dem Duell werden Clive und Theo, beide verwundet, im selben Krankenhaus behandelt. Dort entwickelt sich eine Freundschaft, die trotz zweier Weltkriege die Jahrzehnte überdauert. Clive Candy liebt drei Frauen. Die eine verliert er, die andere findet er, um sie wieder zu verlieren, die dritte wird er an einen Jüngeren verlieren. Alle drei Frauen werden von Deborah Kerr gespielt. Britische Kritiker, die einer eher schlichten Vorstellung von "Realismus" anhingen, fanden das genauso ärgerlich wie die Struktur der nicht strikt linear erzählten Geschichte. Die Besetzung aller wichtigen Frauenrollen mit derselben Schauspielerin ist gut überlegt. Obwohl er älter wird und sich die Zeiten ändern, bleibt Candy immer derselbe. Deshalb verliebt er sich dreimal in dieselbe Frau. In den Filmen von Powell und Pressburger geht es um innere Wahrheiten, nicht um einen an Äußerlichkeiten orientierten Realismus. Darum sind sie selbst so wenig gealtert. Statt im Museum für in Ehren ergraute Meisterwerke aufbewahrt und turnusmäßig abgestaubt werden zu müssen, wirken sie so frisch wie am ersten Tag. Sie werden sogar immer besser.
Teil 2: Das Königreich in Gefahr: Spione, Horror-Comics und der Klebstoffmann
Ende einer Karriere: Michael Powell und Peeping Tom
Powell trifft Pressburger
http://www.heise.de/tp/artikel/32/32722/1.html- Danke an den Autor! (15.6.2010 17:58)
- Peter Ustinov, (14.6.2010 12:57)
- Continuity at its best (13.6.2010 21:28)
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