Der Schriftsteller als Feldherr
Amerikanische Phantastikautoren rüsten sich für die Zeit nach dem Buch
Neal Stephenson, einer der begabtesten lebenden Science-Fiction-Autoren, hat mal wieder Hummeln im Hintern. Neuerdings beschäftigt er sich mit der Frage, wie man für mobile Endgeräte Text verfasst, statt für gedruckte Seiten. Und er nimmt sich Dschingis Khan als Thema und Beispiel.
Subutai (1176 - 1248) wird gemeinhin als der erfolgreichste Militär im Tross von Dschingis und Ögedei Khan angesehen. Wo er hinlangte, wuchs kein Gras mehr, besiegt wurde er so gut wie nie. "Subutai" heißt auch das neue Unternehmen Neal Stephensons, und das ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen, denn es geht dabei nicht nur um ein neues Buch, sondern zusätzlich um die passende Infrastruktur.
![]() |
Ziel des Unternehmens, dessen Webpräsenz passenderweise unter der mongolischen Top-Level-Domain ("mn") registriert ist: die Herstellung und Vermarktung einer neuen Art Text. "The Mongoliad" soll von verschiedenen Autoren geschrieben werden, Seriencharakter haben, und von jeder Menge multimedialem Schnickschnack begleitet werden. Der Text, oder eher das Gewebe, hat die Eroberungszüge der Mongolen im Europa des Mittelalters zum Thema, bzw. die gesellschaftlichen Verwerfungen, die diese Bedrohung in den mittelalterlichen Gesellschaften Europas hervorrief.
Das Ganze soll im Jahr 1241 in einer quasihistorischen Welt namens "Foreworld" spielen, die in den Grundzügen von Neal Stephenson selbst stammt und von den Lesern um eigene Beiträge ergänzt werden soll - wobei keine Leserbeteiligung am Kerngeschehen der "Mongoliad" vorgesehen ist. Der zweitbekannteste Autor im Tross des Feldherrn Stephenson ist Greg Bear, "Blutmusik" mag sein in Deutschland bekanntester Titel sein.
![]() |
Außerdem hätten wir da noch Nicole Galland und Mark Teppo. Es handelt sich bei "Subutai" also um die zeitgenössische Form eines Autorenverlags, mit dem man auf dem iPad-Hype mitsurfen will. Das ist an sich ein lobenswertes Unternehmen, denn die neuen Lesegeräte sollen ja auch mit Inhalt befüllt werden, der ihre Möglichkeiten wirklich nutzt. Dennoch ist Skepsis angebracht.
"cool tech"-Leserbeteiligung
Neal Stephenson ist ein hervorragender Autor, aber seine Science-Fiction war immer besser als seine (quasi-)historischen Romane (siehe Die Mönche der Wissenschaft). Er ist ein fanatischer Recherchierer und kann es bisweilen nicht lassen, den Leser mit Fakten totzuquatschen - eine Unart, die schon Cryptonomicon beschädigt hat, und die sich in "The Mondoliad" erst recht austoben könnte. Schon bei der Vorstellung des Projekts auf der SF App Show wurde da eine Konfliktlinie zu dem Geschäftsführer der "Subutai Corporation" deutlich: Jeremy Bornstein meinte süffisant, man könne Stephen nicht dazu bringen, "kürzer" zu schreiben, aber "leichter lesbar".
Da kann man ihm nur viel Glück wünschen. Der Rollout des Projekts auf der besagten Veranstaltung hatte noch mehr Fragwürdigkeiten zu bieten. Der ganze Aspekt der Leserbeteiligung blieb vage. Wie weit die gehen soll, scheint bis jetzt nicht wirklich definiert, die Rede ist nur von "cool tech", die entwickelt würde, um den interaktiven Charakter sicherzustellen.
|
|
Manchmal hat man den Eindruck, bei der ganzen Sache handele es sich bisher um Vaporware - so wirken auch die launigen Mitarbeitervorstellungen bei der Subutai Corporation recht albern, die einiges Gewicht auf Kampfkunstfähigkeiten legen, genau wie die Behauptung, Stephenson sei die Idee zu dem Ganzen gekommen, als er Schwertkampfszenen für andere Romane geschrieben habe - das kann man nun glauben oder nicht, das kann ironisch gemeint sein oder ernst, es ist auf jeden Fall keine besonders vertrauenerweckende Grundlage für ein erzählerisches Gebäude.
Kollaborative Anstrengungen in der Phantastik sind keine Neuigkeit, aber mehr als zwei Autoren oder Autorinnen verträgt ein Roman selten. Ob sich hier nicht der alte Spruch von den vielen Köchen bewahrheitet, die den Brei verderben, muss sich erst noch zeigen. Was das interaktive, "nonlineare" Rahmenwerk und die neuen Vertriebsmöglichkeiten angeht, die hier genutzt werden sollen, so muss man festhalten, dass einem Erzählstoff solche Experimente bisher selten gut getan haben, wenn man einmal von bloßen E-Books und Hörbüchern absieht.
Nonlineares, interaktives Erzählen funktioniert bis heute ausschließlich bei Computerspielen
Schon mit bescheidenen Versuchen in dieser Hinsicht ist jemand mit der Marktmacht eines Stephen King gescheitert und obwohl seitdem einige Zeit vergangen ist, ist die eine, große Ausnahme im Online-Selbstvertrieb Cory Doctorow geblieben - aber auch nur deswegen, weil er seine Verlage jedes Mal neu davon überzeugen kann, dass kostenlose E-Books den Verkauf der gedruckten Bücher nicht behindern werden (siehe Aus dem Leben der Stämme). Als Charles Stross, im Print wahrlich erfolgreich, diese Strategie nachahmen wollte, ging er sang- und klanglos baden (siehe Beschleunigung ins Nichts?).
Wenn der Vertrieb über iPhone, iPad und Android-Systeme funktioniert, dann besteht immer noch ein großes Risiko, was die Qualität der Ware angeht, die hier vertrieben werden soll. Nonlineares, interaktives Erzählen funktioniert bis heute ausschließlich bei Computerspielen, und das längst nicht in einer Weise, die die Möglichkeiten des Mediums ausreizt. Und ein Roman ist auch nicht die Wikipedia, bei der die Intelligenz des Schwarms die Intelligenz des Contents verbürgen kann.
Das heißt, dass man auf jeden Fall Respekt vor Mut von Stephenson und seinen Mitstreitern haben muss. Ob er sich auszahlt, künstlerisch wie ökonomisch, wird sich weisen.
http://www.heise.de/tp/artikel/32/32734/1.html- Re: Geschichten spielen (Partizipation!) (21.6.2010 17:04)
- Die Zukeunft schon gestern (21.6.2010 17:00)
- Re: Geschichten spielen (Partizipation!) (21.6.2010 0:57)
Darstellungsbreite ändern
Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.


