Facebook liebt die Öffentlichkeit: Die User auch?
Thomas Richter 07.06.2010
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Die Social Plugins

Unter dem Namen Social Plugins hat Facebook eine Reihe von einfach in Webseiten einzubettenden Funktionen in Form von Code-Schnipseln eingeführt. Nach Angaben von Facebook haben drei Wochen nach Start schon rund 100.00 Webseiten diese implementiert (unter anderem so große Sites wie CNN, die Internet Movie Database und Bild). Für Facebook ist das ein enormer Werbeeffekt: jeder "gefällt mir" Button auf einer dieser Websites verweist auf Facebook, jedes der komplexeren Plugins zeigt über Facebook laufende Aktivitäten auf diesen Webseiten, von denen Nicht-Facebook User ausgeschlossen sind. Aktiv sind die personalisierten Funktionen immer dann, wenn Facebook über das Plugin und per Cookie erkennt, das man ein eingeloggter Facebook User ist. Und dies ist man meist auch noch, nachdem man die Facebook-Seite im Browser geschlossen hat. Denn nur ein explizites Ausloggen wird als solches anerkannt.

"Gefällt mir" universal

Die wohl sichtbarste der neu eingeführten Facebook Funktionen ist die neue Gefällt mir-Schaltfläche ("Like-Button"), die extrem einfach auf externen Webseiten einzubetten ist: auf Facebook angemeldete und eingeloggte User sehen auf so einer Seite dann die Schaltfläche plus die Anzahl von Facebook Usern, denen diese Seite schon gefallen hat - und falls sie schon Freunden "gefallen" hat, deren Profilbilder - je nach Konfiguration. Diese Funktion ersetzt und erweitert die bisherigen (Fan-)Pages auf Facebook - statt einer extra erstellten, speziellen Facebook-Seite kann man jetzt eine Site bzw. Seite auf dieser selbst "liken" und wird damit automatisch das, was früher von Facebook als "Fan" definiert wurde: auf dem eigenen Profil wird die Meldung "... gefällt das" veröffentlicht und man abonniert automatisch den News Feed dieser Seite, sofern sie für Facebook per API Nachrichten ausspielt. Außerdem ist diese Vorliebe dann auch öffentlich einsehbar: jeder kann einsehen, dass man diese Seite mag. Womöglich kann diese Sichtbarkeit durch das demnächst erfolgende Update der Privacy-Einstellungen vom User eingeschränkt werden - ganz sicher jedoch ist es nicht. Davon abgesehen: ein uneingeweihter User, der nicht weiß, wie die Verknüpfung mit Facebook erfolgt, könnte sich durchaus darüber wundern, von so vielen Webseiten beim ersten Besuch gleich mit dem eigenen Namen angesprochen zu werden und eine Auswahl seiner Freunden dort gelistet zu sehen.

Implementiert ist dieser LIKE Button per in die Seite eingebettetem iFrame - eine Besonderheit dieser verwendeten Technologie: beim Abruf einer Seite mit eingebettetem "Like" ruft dieser in jedem Fall per iFrame ein Script bei Facebook.com auf - d.h. Facebook kann für nicht ausgeloggte Facebookuser jeden Aufruf einer Seite mit eingebettetem Facebook Code per Cookie loggen. Bei zunehmender Implementierung (auf schon über 100.000 Webseiten) entsteht eine immer vollständigere Datensammlung über die Webbewegungen der Facebook-Nutzer. Das wird in Zukunft eine Bewegungsdatenbasis von Internetusern schaffen, wie sie nur noch Google (per Adsense und Analytics - allerdings nicht so eindeutig echten Personen zuordenbar wie Facebooks Daten) besitzt - ein wertvoller Datenschatz, der ebenso zu personalisierteren Webseiten und Werbung führen wird, wie er Begehrlichkeiten von verschiedenen Seiten wecken wird. Allerdings wirft diese Art der Einbindung von Facebook in Websites auch neue Probleme auf.

I like Fake

Denn ein Nachteil dieses Verfahrens ist seine leichte Manipulierbarkeit: Welche Seite den iFrame aufgerufen hat, erfährt Facebook über den Link, der auf Facebook aufgerufen wird - in ihm ist die aufrufende URL kodiert. Durch angeben einer falschen URL im iFrame-Code kann man als Seitenbetreiber Facebook vorspiegeln, eine beliebig andere Seite zu sein, und bekommt daraufhin statt den eigenen die "Likes" dieser Seite angezeigt - ein möglicher Weg, um Usern den impliziten Wert einer Seite vortäuschen, was leicht auch anders herum missbraucht werden kann: eine Seite mit Bildern süßer Kätzchenkunststücke kann den LIKE-Code irgendeiner Phising- oder Spam-Seite enthalten und Likes für die Kätzchen in Likes für die Spam-Seite umwandeln. Möglich ist das auch, weil diese "Likes" nicht anzeigen, für welche Seite sie gelten (es wird davon ausgegangen, dass die einbettende Seite ehrlich ist und diejenige, für die sie sich ausgibt) . Ein User kann das nur erkennen, wenn er in seinem Profil die von ihm "gemochten" Seiten regelmäßig kontrolliert. Die ersten großen Attacken mit Hilfe dieser Methode laufen bereits und locken User auf Seiten die mit Würmern verseucht sind.

"Gefälschtes" Like auf Spreeblick

Ein weiterer Effekt der universalen "Gefällt mir" Schaltfläche hat das My Thoughts Exactly-Blog publiziert: ein Facebook iFrame erzeugt 21 separate Requests an Facebook Server, die weitere iFrames, zwei CSS-Seiten sowie mehrere JavaScripts mit insgesamt 21KB aufrufen, eine Zahl die sich bei mehreren eingebetteten Like-Buttons noch vervielfachen kann - die Folge ist eine merklich höhere Ladezeit für die Seite sowie eine höhere Browserlast.

Der bisherige Erfolg des Prinzips des "Gefällt mir" liegt sicherlich auch in seiner Einfachheit begründet - er drückt eine simple Sympathiebekundung aus. Aber sein immer universellerer Einsatz durch Facebook legt einige inhärente Probleme bloß: zwar kann er durch Webseitenbetreiber, die ihn einbetten, wahlweise mit "Like" oder "Recommend" betitelt werden, doch sein Einsatz an den verschiedensten Stellen zu verschiedenen Zwecken führt zu Inkonsistenzen seiner Bedeutung und Funktion: je nach Kontext bedeutet ein "Gefällt mir" die verschiedensten Dinge.

I like happy

Ferner ist "Gefällt mir" die einzige von der Struktur vorgegebene Möglichkeit, die Facebook Usern gibt, um per Klick ihre Meinung zu etwas (sei es einer Person, einer Webseite, einem Film, einer Äußerung, einer Handlung,…) zu äußern. Es gibt nur dieses "gefällt mir" (dessen Bedeutung von bloßer Sympathie bis hin zu bedingungsloser Verehrung reichen kann), aber keine Möglichkeit sein Missfallen, Desinteresse oder andere Gefühle auszudrücken - diese anderen Reaktionen sind einfach nicht vorgesehen vom System und werden daher auch nicht repräsentiert.

So kann man aus einem nicht gegebenen "gefällt mir" nichts ableiten: entweder kennt ein User die betreffende Sache nicht, mag sie nicht, hasst sie, ignoriert sie oder hat eine sonstige Einstellung ihr gegenüber - das nicht gegebene Like umfasst eine breite Spanne möglicher Interpretationen. Aus Marketingsicht ist Facebooks Entscheidung fürs Mögen oder Nichts verständlich: Will man Geld mit Empfehlungen machen, sind Antipathiebekundungen nur geschäftsschädigend und an sich konfliktreich. Vielleicht hat Facebook auch die Hoffnung auf eine generell bessere Stimmung in einem Netzwerk, das nur ein "Mag ich" zulässt; als eine dem System inhärente kleine Glückspille, die jeder User schluckt, wenn er in seinem Nachrichtenstrom die Likes seiner Freunde mitverfolgt oder ständig auf Webseiten trifft, die man einfach nur mögen kann. Die "Welt Online" zitiert einen Facebook Sprecher mit den Worten: "Positive Meldungen passen besser zu uns als negative" und "Eine destruktive Information erzeugt keine viralen Effekte".

Mittlerweile haben schon mehrere Entwickler Versionen eines "Dislike" Buttons programmiert, der per Browser-Plugin nachträglich in die Ansicht von Seiten neben dem LIKE-Button eingebunden wird, und allen, die dieses Plugin ebenfalls installiert haben, die Dislikes anderer sehen und selbst welche aussprechen lässt.

300 Freunde?

Ähnlich überfreundlich undifferenziert ist Facebooks Gebrauch des Konzepts "Freund". Jeder kann es zwar anwenden wie er will und tatsächlich nur echte Freunde "befreunden" - laut Facebook hat jedoch der durchschnittliche User 130 Freunde, manche auch mehrere hundert. Hier sind dann Arbeitskollegen, Familienmitglieder, alte Schulfreunde, flüchtige Bekannte, ehemalige Studienkollegen, Auslandsbekanntschaften, Geschäftskontakte alle unter dem Begriff "Freund" einfach subsummiert. Eine eigenartige Welt, die Facebook da entwirft: man kann Dinge nur mögen und mit Leuten nur befreundet sein - andere Modi von Beziehungen sind nicht vorgesehen.

Aus dieser Undifferenziertheit des Freundeskreises (dem man bei Likes im Gegensatz zu Meldungen an der eigenen Pinnwand nicht mit Freundes-Listen zu Leibe rücken kann) und der unabänderbaren Öffentlichkeit der Likes entsteht auch ein Problem, sollte der neue Like-Button wirklich oft genutzt werden: will ich wirklich, dass alle diese Personen aus ganz verschiedenen Kontexten mitlesen, welche Seiten oder Sachen ich gerne mag? Ohne eine Feinkontrolle der Informationen ist der (soziale) Nutzen der Like-Funktion fragwürdig. User, die sich dieser breiten Öffentlichkeit bewusst sind, werden vielleicht eher dazu neigen, PR Likes in eigener Sache abzugeben, als ihre wirklichen Vorlieben ständig bekanntzumachen: die Likes definieren schließlich auch die eigene Online Facebook Persona.

Die weiteren Formen, die Facebooks Social Plugins annehmen, wird man wohl in Zukunft ebenfalls häufig auf vielen Webseiten antreffen, zum Beispiel den Live Stream, der es Facebook Usern erlaubt, in Echtzeit aktuelle Geschehnisse zu kommentieren, und z.B. von Spiegel Online schon für besondere Ereignisse wie z.B. die NRW Wahlen oder den Eurovision Song Contest genutzt wird; den Activity Stream, der die Aktivitäten anderer User - falls vorhanden, von Freunden - wie das Abgeben von Likes oder Kommentaren auf der Site anzeigt, und dazu animieren soll, auch andere Seiten der Websites zu besuchen.

Spiegel Online Live Feed zum Eurovision Song Contest

Oder das sogenannte Facepile das zum Registrieren auf der Site anregen soll, indem die Profilbilder von Freunden gezeigt werden, die das schon gemacht haben.

Voraussetzung dafür, dass diese Funktionen Sinn machen und durch ihre Personalisierung Wirkung entfalten, ist natürlich, dass die Site auch von mehreren Freunden genutzt wird - erst dann entstehen personalisierte Verknüpfungen durch gegenseitige Empfehlungen und Kommentare.

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