Harte Zeiten für BP
Die Energie- und Klimawochenschau: In Bonn wird mal wieder über Klimaschutz verhandelt, im Golf von Mexiko kündigen sich die Hurrikane an und BP bekommt Ärger mit seinen Aktionären
Man spricht mal wieder über Klimaschutz. Immerhin. Seit Montag tagt im Bonn am Sitz der UN-Klimaschutzrahmenkonvention (UNFCCC) eine Vorbereitungsrunde für die nächste große Klimakonferenz, die im Dezember im mexikanischen Cancún stattfundet. Die Aussichten, dass dann nachgeholt werden kann, was in Kopenhagen gescheitert war (Nach dem Scheitern in Kopenhagen), sind jedoch äußerst schlecht.
Die EU-Kommission hatte in den letzten Wochen einen Vorstoß gemacht, den Verhandlungen neues Leben einzuhauchen. Das europäische Angebot zur Reduktion der Treibhausgase, so ihr Vorschlag, sollte auf 30 Prozent bis 2020 - immer gemessen am Niveau von 1990 - erhöht werden. Bisher bietet die Union 20 Prozent, was von den Entwicklungs- und Schwellenländern als zu gering angesehen wird. Allerdings ist es in der letzten Woche nach einer Intervention der deutschen Industrieverbände (Solare Torschlusspanik, striktere Klimaziele, Golf-Öl fließt jetzt Richtung Europa) deutlich ruhiger um den Kommissionsvorschlag geworden. Ganz tot ist die Idee jedoch noch nicht; am 11. Juni beraten die Umweltminister der Mitgliedsländer.
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Ein entsprechender Vorstoß der EU wäre sicherlich hilfreich. Unter anderem könnte er auch dazu beitragen, dass es mit dem internationalen Klimaschutz nach 2012 trotz fehlender verbindlicher Reduktionsverpflichtungen weitergeht. Die Anstrengungen einiger asiatischer Länder wie China, Südkorea und im geringeren Maße auch Indien zeigen hat man dort längst verstanden, dass die Zukunft ohnehin den erneuerbaren Energieträgern gehört, während sich die europäische und vor allem US-amerikanische Industriepolitik nach wie vor felsenfest im Griff der fossilistischen Konzerne befindet.
Der wesentliche Grund für das Scheitern in Kopenhagen besteht jedenfalls weiter fort, weshalb auch mit mehr europäischer Kompromissbereitschaft in den Reduktionszielen allein noch kein Durchbruch erzielt werden kann. Mit Unverständnis und ein wenig Empörung hatten hiesige Regierungen und Medien seinerzeit reagiert, dass sich China nicht einmal darauf einlassen wollte, ein globales Reduktionsziel für 2050 festzulegen. Tatsächlich handelte es sich übrigens nicht allein um die chinesische Position, sondern diejenige der großen Schwellenländer Indien, Brasilien, China und Südafrika, die in den Verhandlungen koordiniert auftreten.
Nachgerechnet
Der Hintergrund dieser Weigerung ist allerdings nicht der Unwillen, selbst Klimaschutz zu betreiben. Es geht den Ländern vielmehr um die Frage der gerechten Lastenverteilung. Was damit gemeint ist, hat auf eine sehr indirekte Art und Weise vorletzte Woche die US-amerikanische Nationale Akademie der Wissenschaften mit ihren neuen Klimaberichten deutlich gemacht. Darin schlägt sie zwei verschiedene Szenarien der Treibhausgasverminderung bis 2050 vor: Gemessen am Niveau von 1990 sollen die US-Emissionen bis 2050 auf linearem Weg um 50 oder 80 Prozent abnehmen. Diese Ziele seien nicht einfach zu erreichen aber im Bereich des Machbaren.
Der Haken: Diese Vorschläge laufen, wie die Akademie schreibt, darauf hinaus, dass die USA bis 2050 noch 170 bis 200 Milliarden Tonnen CO2 emittieren würden. Wird aber das auch von der US-Regierung unterstützte Ziel ernst genommen, die globale Mitteltemperatur nicht stärker als um zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau steigen zu lassen, dann bleibt der Welt insgesamt nur noch ein Emissions-Budget von 750 Milliarden Tonnen, die in den nächsten vier Jahrzehnten emittiert werden können. Festgestellt hat das unter anderem der Wissenschaftliche Beirat Globale Umweltveränderungen (WBGU) der Bundesregierung .
Die USA würden also, trotz auf den ersten Blick sehr eindrucksvoller Reduktionsverpflichtungen, noch immer das größte Stück des Kuchens für sich in Anspruch nehmen. Aber auch Deutschland käme, wenn die Emissionen bis 2050 um 80 Prozent linear reduziert würden, noch immer auf eine Gesamtmenge von 17 Milliarden Tonnen CO2. Das macht 2,3 Prozent der zu verteilenden Menge aus; Deutschlands Anteil an der Weltbevölkerung beträgt allerdings nur 1,2 Prozent.
Diese kleine Rechnerei veranschaulicht, weshalb für Neu Delhi und Beijing (Peking) all die schönen Worte Merkels und Obamas nicht besonders beeindruckend sind. Wirkliche Bewegung wird es in den internationalen Verhandlungen erst geben, wenn die Industriestaaten anerkennen, dass die Emissionsrechte proportional zu den Bevölkerungszahlen vergeben werden müssen.
Klimagerechtigkeit
Diese eigentlich elementare und nahe liegende Einsicht, dass allen Menschen das gleiche Recht an der Atmosphäre zusteht, ist auch einer der Leitgedanken des Schlagwort von der "Klimagerechtigkeit", das in den letzten Jahren von immer mehr Klimaschützern, Menschenrechtlern und sozialen Bewegungen aufgegriffen wird. Auch in Bonn wird es in den nächsten Tagen bei den dort geplanten Aktivitäten der Umweltschützer eine wichtige Rolle spielen.
Die Globalisierungskritiker von ATTAC und der Bund für Umwelt- und Naturschutz (BUND) haben für Donnerstag und Freitag ein alternatives Klimaforum organisiert. Aus dem In- und Ausland werden Referenten erwartet, die zu Themen wie Landwirtschaft, Mobilität, Energiepolitik und Klimadiplomatie sprechen werden. Für Samstag ist eine Demonstration und eine symbolische Blockadeaktion geplant, mit der vor allem gegen Kohlekraftwerke protestiert werden soll.
Dabei können sich die Umweltschützer auf amtliche Unterstützung verlassen, allerdings nicht unbedingt der Bonner Regierung, wohl aber die von Mohamed Nasheed, des Präsidenten der Malediven. Dieser rief letzte Woche in einem Interview zu Protesten auf. "Dynamische Straßenaktionen wie in den 1960ern" seien nötig. Der Präsident weiß, wovon er spricht. Bevor er in den ersten freien Wahlen seines Landes 2008 zum neuen Staatsoberhaupt gewählt wurde, hatte er zweimal als Gegner der autokratischen Vorgängerregierung im Gefängnis sitzen und schließlich ins britische Exil gehen müssen.
Die Malediven, die im Schnitt nur eineinhalb Meter über dem Meeresspiegel liegen, sind im besonderen Maße von einem steigenden Meeresspiegel bedroht. Von 16 Inseln müssen die Bewohner bereits umgesiedelt werden. Im vergangenen Jahrhundert ist der Meeresspiegel um etwa 30 Zentimeter gestiegen, doch seit den 1990er Jahren hat sich der Anstieg beschleunigt. Derzeit liegt er am Oberrand dessen, was die Klimamodelle vorhersagen. Viele Wissenschaftler gehen inzwischen davon aus, dass er bis zum Ende des Jahrhunderts um einen weiteren Meter steigen könnte, wenn der Klimawandel nicht in den nächsten Jahrzehnten deutlich abgebremst wird.
Nasheed sprach sich für eine Art Koalition der Willigen aus. "Wir können nicht warten, bis der kleinste gemeinsame Nenner gefunden ist und alle zustimmen." Die Länder, die wirklich Klimaschutz durchsetzen wollen, sollten voranschreiten und nicht auf die anderen warten. Sein Land hat sich vorgenommen, bis 2020 die Treibhausgasemissionen auf Null herabzusetzen. Das Hauptproblem sehe er bei den USA. Bei China habe er hingegen das Gefühl, dass man dort an den Klimawandel glaube, und Indien würde anders als die reichen Länder eindeutig kleinen Ländern wie seinem zuhören.
Kein Ende des Öl-Desasters in Sicht
Im Golf vom Mexiko nimmt derweil die Katastrophe ihren Lauf. Ende vergangener Woche hatte BP, wie mehrfachberichtet, versucht, das Bohrloch zu verstopfen. Doch nachdem der Konzern zunächst den Eindruck vermittelte, alles laufe nach Plan, musste schließlich das Scheitern eingestanden werden (Kein "Top Kill": Ölkonzern BP und US-Regierung hilflos).
BP arbeitet weiter an verschiedenen anderen Lösungen. Zwei seitliche Anbohrungen der Quelle, die den Druck aus dem Leck nehmen würden, werden frühestens in zwei Monaten Erfolg haben. Ein erneuter Versuch mit einer Art Abdeckung, für den allerdings erst das geborstene Rohr abgetrennt werden müsste, wird von unabhängigen Fachleuten als riskant eingeschätzt, soll aber dennoch in den nächsten Tagen versucht werden.
Verschlimmert werden die Probleme dadurch, dass die Hurrikan-Saison vor der Tür steht. Ab Anfang Juni nimmt die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Tropenstürmen deutlich zu. Der erste hat pünktlich zum Saisonauftakt am Wochenende schwere Verwüstungen in Guatemala angerichtet und mindestens 147 Menschen getötet.
Die US-Behörde für Atmosphäre und Ozeane (NOAA) geht von einer "aktiven bis sehr aktiven Saison" aus. Gerechnet wird mit insgesamt 14 bis 23 stärkeren Stürmen mit Spitzenwindgeschwindigkeiten von mindestens 62,4 Kilometer pro Stunde. Ab dieser Stärke bekommen die Stürme im südlichen Nordatlantik einen eigenen Namen. NOAA rechnet weiter damit, dass unter diesen Stürmen acht bis 14 Hurrikane (Spitzengeschwindigkeiten von mindestens 118,4 Kilometer pro Stunde) und darunter drei bis sieben schwere Hurrikane (Spitzengeschwindigkeiten von mindestens 177,6 Kilometer pro Stunde) sein werden.
Keine besonders gemütlichen Aussichten für die Arbeiter auf den Schiffen, die weiter versuchen, das Bohrloch zu schließen. Der Skandal im Skandal bei all dem ist, dass der Konzern in Zusammenarbeit mit den Behörden weiter unabhängige Beobachter von der Szenerie fern hält. Die Nachrichtenagentur AP berichtet von verschiedenen Journalisten, denen entweder durch BP- oder Behördenvertreter der Zugang zu verschmutzten Stränden oder der Überflug über das verseuchte Meeresgebiet verwehrt wurde. Einem CBS-Team sei von der Küstenwacht sogar mit Festnahme gedroht worden. Corporate democrazy nennt man derlei wohl in der Landessprache.
Die tägliche Katastrophe in Nigeria
Apropos Öffentlichkeit. An der Öl-Havarie im Golf von Mexiko kann man unter anderem auch studieren, wie groß noch immer die medialen Gräben sind, die trotz aller Globalisierung die verschiedenen Welten auf diesem doch eigentlich recht kleinen Planeten trennen. Der britische Umweltjournalist John Vidal berichtet im Observer am Wochenende davon, dass im Nigerdelta in Nigeria in den letzten Jahren mehr Öl bei diversen Havarien in Seen, Flüsse und Meer gelaufen ist, als bisher im Golf von Mexiko aus dem Meeresboden sprudelte.
Am 1. Mai sei zum Beispiel im Bundesstaat Akwa Ibom eine ExxonMobil-Pipeline gebrochen. Sieben Tage lang liefen insgesamt rund vier Millionen Liter oder zirka 25.500 Fass Öl aus. Einige Tage später seien nach einem Sabotageakt ganz in der Nähe mehrere Tausend Fass Öl aus einer Shell-Pipeline geströmt. Und ebenfalls im Mai wurden auf zwei großen Seen Ölteppiche gefunden.
Wir schließen aus dem Vorfall im Golf von Mexiko, dass die Ölkonzerne außer Kontrolle sind. Es ist klar, dass BP fortschrittliche Gesetze hier (in Nigeria) und in den USA blockiert hat. In Nigeria stehen sie über dem Gesetz. Sie sind inzwischen eindeutig eine Gefahr für den Planeten. Die Gefahr ist groß, dass diese Dinge wieder und wieder geschehen. BP gehört vor den internationalen Gerichtshof gestellt.
Bei all dem bleibt eigentlich nur zu hoffen, dass die große Aufmerksamkeit für die Vorgänge vor der US-Küste der überfälligen Energiewende einen neuen Schub gibt. Nachhelfen könnten da vielleicht die finanziellen Probleme, die sich langsam abzuzeichnen beginnen. Zwar kann der Konzern selbst ein paar Milliarden US-Dollar an Schadenersatzforderungen gegebenenfalls noch aus der Portokasse bezahlen.
Andererseits hat das Desaster den Börsenwert des Unternehmens bisher um 30 Milliarden US-Dollar gesenkt, und das könnte ungeahnte Folgen haben. Ein britischer Pensionsfonds klagt bereits seit einiger Zeit gegen das Unternehmen, wegen Kursverlusten in der Folge einer gebrochenen Pipeline in Alaska vor vier Jahren. Die juristischen Vertreter des Fonds sehen sich durch die erneute Umweltkatastrophe bestätigt. Offenbar habe sich das Management nicht an die eigenen Vorschriften gehalten. Mehr als 14 Jahre sei die Pipeline, die aufgrund von Korrosion geborsten war, nicht inspiziert worden. Sollte sich der Pensionsfonds durchsetzen, kämen auf BP schwierige Zeiten zu.
http://www.heise.de/tp/artikel/32/32740/1.html- Re: Aktuelle BP-Livefeeds (3.6.2010 23:39)
- Re: um das Leck zu schließen (3.6.2010 23:36)
- Aktuelle BP-Livefeeds (3.6.2010 22:59)
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