Siemens als heißes Eisen für Griechen...

...und deutsche Sündenböcke

Statt dem Firmennamen "Siemens" wird in Griechenland seit einiger Zeit das Anagram "Misens" für den deutschen Multikonzern verwendet. Das Wort "Misa" steht im Griechischen für Schmiergeld. Siemens, einst Synonym für "Made in Germany", ist zum Unwort geworden. Niemand möchte sich mit dem Unternehmen befassen, man könnte ja schließlich auch in Verdacht geraten.

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Ein prominenter, führender Vertreter der Regierungspartei PaSoK meinte gegenüber Telepolis auf Anfrage: "Wir haben momentan kein Interesse an rechtlichen Schritten gegen Siemens. Uns interessiert nur, wer von den griechischen Politikern das Geld kassiert hat." Der Ex-Minister bestand allerdings darauf, dass sein Name nicht im Zusammenhang mit der Firma in einem deutschen Magazin erscheint.

Zu tief sitzen seitens der hellenischen Politiker die Ressentiments gegen die Deutschen. Zunehmend empfindlich reagiert die Politik auf Anfragen von ausländischen Medien, die sich kritisch mit dem griechischen Skandalsumpf befassen.

Fakt ist, dass Ex-Minister Tasos Mantelis von der PaSoK die Annahme von "Sponsorengeldern" des Elektromultis vor dem parlamentarischen Untersuchungsausschuss eingestanden hat. Er deutete dabei an, dass er auch über Zahlungen an andere Politiker Bescheid wüsste. Mantelis könnte trotz der verfassungsrechtlich verankerten weitgehenden Amnestie für justiziable Fehltritte von Ministern ins Gefängnis wandern. Es wird vermutet, dass der smarte Ex-Politiker deshalb von einer Kronzeugenregelung Gebrauch machen möchte.

Folgen der politischen Eiszeit für deutsche Manager

Seit Mantelis Andeutungen deckt der parlamentarische Untersuchungsausschuss täglich neue "Geheimnisse" auf. Vieles davon gehört zur parteipolitischen Öffentlichkeitsarbeit und betrifft lediglich aufgewärmte, bereits bekannte Indizien. Erkennbar ist allerdings auch der Trend, die Deutschen zum Sündenbock zu stempeln.

Die politische Eiszeit im deutsch-griechischen Verhältnis hat für einige deutsche Staatsbürger trotz des Politikerdementis konkrete Folgen. Rudolf Fischer, bis zum Oktober 2009 Finanzchef der griechischen Niederlassung und als kommissarischer Leiter de facto Nachfolger des flüchtigen Topmanagers Michalis Christoforakos, wurde von seiner ehemaligen Chefsekretärin Aikaterini Tsakalou öffentlich beschuldigt. Der Deutsche, aktuell Finanzchef der tschechischen Siemens-Dependence, habe ihr mitgeteilt, sie schwebe in Lebensgefahr, sollte sie weitere Details ausplaudern. Fischers Dementis werden von der griechischen Presse nicht ernst genommen. Der Stil, mit dem die Aussagen des Topmanagers kommentiert werden, deutet auf eine mediale Vorverurteilung hin.

Ebenso festgefahren erscheint die Situation für Dr. Volker Jung. Das Ex-Zentralvorstandsmitglied der Konzernmutter erlebt seit einem Jahr einen Zwangsurlaub auf Paros. Er war für das Griechenlandgeschäft der Zentrale verantwortlich. Nach geltender, durch EU-Gerichte bestätigter Rechtsauffassung gilt die griechische Niederlassung als eigenständig. Dadurch sind rechtliche Schritte der hellenischen Regierung gegen die Zentrale ausgeschlossen.

Dies hinderte die Griechen nicht daran, den Manager auf seinem Urlaubsdomizil festzusetzen. Jung war im Juni 2009 als Zeuge im Rahmen der Untersuchungen der Korruptionsaffäre geladen worden. Ihm wurde ein Ausreiseverbot auferlegt, während sich zwischenzeitlich Michalis Christoforakos und Christos Karavelas, Ex-Topmanager der griechischen Niederlassung, ins Ausland absetzten.

Schwierige Balance

Griechische Justizmühlen mahlen langsam. Politische Interventionen u.a. seitens des deutschen Außenministeriums und des Justizministeriums werden als unerwünschter Versuch der Einflussnahme auf das unabhängige Rechtssystem gewertet. Theoretisch könnte der Zwangsurlauber mittels Ministererlass von seinem Leid erlöst werden. Mit dieser Praxis haben sich in jüngster Vergangenheit viele prominente Hellenen mit politischer Unterstützung ihrer rechtlichen Sorgen entledigt

Doch diesen Schritt traut sich momentan kein Politiker zu. Schnell würde er sonst als "Misens"-Kunde gelten. Andererseits scheint es nicht ratsam, zu sehr gegen Deutsche vorzugehen. Schließlich hängt Hellas derzeit am finanziellen Tropf des EU-Nettozahlers Deutschland.

Zufriedene Verbraucher von Haushaltselektrogeräten des Konzerns haben es da leichter. Sie reagieren auf Sticheleien aus dem Bekanntenkreis schnippisch mit dem Satz: "Wieso, den Herd habe ich doch bezahlt und nicht er mich."

http://www.heise.de/tp/artikel/32/32763/1.html
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