Wikipedia und die Spieltheorie

09.06.2010

Der Wikipedianer "Fossa" hält die Community-Regeln für kontraproduktiv

Der Soziologe Dr. Thomas König stellt den Sinn fundamentaler Prinzipien und Verfahrensweisen der deutschsprachigen Wikipedia radikal infrage. Bei einem Vortrag auf der Tagung des Vereins "Skillshare e.V."in Lüneburg erntete der als altgedienter Wikipedianer "Fossa" bekannte Kritiker kaum (offenen) Widerspruch. Kontrovers sind seine Forderungen dennoch.

Anfang des Monats trafen sich in Lüneburg Wikipedia-Interessierte aus dem deutschsprachigen Raum, wo man Workshops für Beginner sowie für Fortgeschrittene anbot. Die Themen deckten ein breites Spektrum ab, reichten von Urheberrecht, Mediendiskussion und Programmieren bis hin zum Workshop eines professionellen Mediators, der Konfliktpotential in der Wikipedia-Streitkultur analysierte. Obwohl die Tagung eigentlich zur Rekrutierung neuer Autoren gedacht war, meldeten sich fast durchgehend etablierte Wikipedianer an. Das Spektrum der üblichen Besucher verschob sich allerdings, da der Veranstalter Skillshare e.V. organisatorisch unabhängig von anderen Wikipedia-Vereinen agiert.

Mit Spannung wurde der Vortrag des schon häufig als Kritiker aufgefallenen Dr. Thomas König (Benutzer Fossa) erwartet, der die Wikipedia-Konfliktfelder aus der Perspektive der Spieltheorie deutete und entsprechende Strategien diskutierte. Schon seit geraumer Zeit weisen Medienkritiker auf die Missstände des personell stagnierenden Projekts Wikipedia hin. Man gewinnt kaum noch neue Autoren, das Arbeitsklima ist kritikwürdig. Ein halbes Jahr, nachdem der Unmut der Leser über die von der Community verordneten deutschen Relevanzkriterien in der Löschdebatte kulminierte, stellt nun ein bekannter Wikipedianer die Geltung der Dogmen und Verfahrensweisen radikal infrage.

"bankrott seit zweieinhalb Jahren"

Der Soziologe erklärte das Enzyklopädie-Konzept für nichts weniger als seit zweieinhalb Jahren bankrott. Die Schalter der Macht seien klar verteilt, die Wikipedia werde von einer Oligarchie kontrolliert, die sich langjährig sozialisiert habe. Es sei seit etwa vier Jahren nicht mehr möglich, innerhalb der Wikipedia-Community aufzusteigen, ohne die im inneren Machtbereich vertretene Ideologie größtenteils zu übernehmen. Schlüsselpositionen würden verteidigt.

Qualität durch überschaubare Autorenanzahl

Zu Beginn seines Vortrags schätzte Fossa die Anzahl der tatsächlich aktiven Autoren auf lediglich 500 bis 1000. Dies sah er nicht einmal als Problem an, da er mehr Autoren auch nicht als sinnvoll erachte, denn durch eine hohe Anzahl an Autoren verstärke sich das Problem des "Rauschens". Bei derzeit 1,1 Millionen Artikeln gäbe es genug Raum für alle, sich zu betätigen.

(Zur Größenordnung: 287 der Aktiven haben Admin-Status, 9.267 Sichter-Status, 24.975 Benutzer editieren mindestens einmal im Monat. Die Anzahl sämtlicher jemals registrierter Benutzer beträgt 1.008.528, was auf einen Schwund im Bezug zu den Aktiven von 99,9 % folgern lässt.)

Vandalismus ist nicht das Problem

Entgegen dem gängigen Mantra bewertet Fossa Vandalismus nicht als entscheidendes Problem. Ein Leser könne durchaus selbst den Unterschied zwischen mutwilligem Unfug und einem authentischen Artikel erkennen.

Sperren sind Systemfehler

Sperren betrachtet Fossa als sinnlosen "Fehler im System". Natürlich gebe es Extremfälle, bei denen aufdringliche Naturen nicht anders zur Raison gebracht werden können, grundsätzlich sei die offensive Sperrpraxis jedoch kontraproduktiv.

(Anders als in vielen Diskussionsforen werden Sperren in der Wikipedia nicht als ultima ratio verhängt, vielmehr wird schnell scharf geschossen. Fossa selbst gilt als eifriger Sammler von Sperren.)

Fossa rüttelt auch an der häufig hochgehaltenen Wikiquette, denn diese behindere die Partizipation. Benutzer mit geringerem Artikulationsvermögen würden durch zu elaborierte Codes ausgeschlossen. (Höflichkeit scheint ohnehin in der Wikipedia eine sehr relative Größe zu sein.)

Gesichtete Versionen haben sich nicht bewährt

Ebenso wenig hält Fossa von den seit ein paar Jahren in der deutschen Wikipedia praktizierten gesichteten Versionen, diese hätten sich nicht bewährt. Auch ungesichtete Beiträge seien ja grundsätzlich ein Gewinn an Information, während viele Wikipedianer die Auffassung vertreten, lieber gar keine Information zu verbreiten als eine falsche (bzw. eine, die ein Admin für falsch oder unbelegt hält.) Die gesichteten Versionen seien bestenfalls eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme und schlechtestenfalls eine weitere Zutrittsbarriere.

Lösung ideologischer Konflikte durch Abstimmung

Für das Problem der lähmenden Diskussionen über Glaubensfragen und ähnlich aufgeladene Themen, bei denen strukturell kein Konsens erzielt werden könne, schlägt der Pragmatiker vor, einfach demokratisch abstimmen zu lassen. Fossa vertraut dabei darauf, dass sich die bessere Theorie schon durchsetzen werde. So hätte etwa Darwin ein besseres Standing als die Kreationisten. Abstimmung hält er daher für sinnvoll, auch wenn er am Funktionieren von Demokratie innerhalb der Wikipedia starke Zweifel hegt.

Verbot von Theoriefindung überdenkenswert

Auch das Wikipedia-Dogma unerwünschter Theoriefindung hält Fossa ein Stück weit für Augenwischerei, weil die Auswahl und Kombination von bestehenden Theorien selektiv und damit anfällig für Manipulation seien.

(Der Bezug zu Primärquellen wird als Theoriefindung gesehen, da eine Enzyklopädie nur gesichertes Wissen anderer Leute verbreiten soll. Experten haben daher gegenüber fachfremden Benutzern in der Wikipedia kurioserweise einen schweren Stand.)

Hierarchien bei evolutionärem Projekt nicht sinnvoll

Vehement forderte Fossa den Abbau informeller Barrieren. So beklagte er den bislang eher nur Insidern bekannten Internet Relay Chat (IRC) , in dem sich die Admins hinter den Kulissen abstimmen. Während sich die Wikipedia gerne als transparent und fair gibt, ist es ein offenes Geheimnis, dass die eigentlichen Entscheidungen unsichtbar intern getroffen werden. Bisweilen werde gar vom "Chat Mob" gesprochen, dessen Existenz man offener kommunizieren müsse, um Vertrauen zu schaffen.

Er plädiert auch für die Aufgabe des Schiedsgerichts, da dieses keinen Nutzen gestiftet habe (wohl aber Skandälchen).

Anstatt der aufreibenden Admin-Kandidaturen fordert Fossa, Admin-Rechte bereits automatisch ab etwa 200 unbeanstandeten Edits zu verleihen - im Falle der Nichtbewährung könne man diese Sonderrechte ja immer noch entziehen, was bei Admin-Versagen ohnehin praktiziert werde. Hierarchien seien nicht sinnvoll, wenn man ein evolutionäres Projekt verfolgt.

(Bislang werden Admin-Rechte in quasi-demokratischen Prozessen verliehen - mit Politik-typischen Randerscheinungen).

"soziale Systeme" stärker als "kommunikative Systeme"

Um mehr Transparenz zu schaffen, regt Fossa Wikipedia-Autoren zur Veröffentlichung ihrer Wikipedia-Freundesliste an. Hinter jedem Namen solle markiert werden, ob ein Benutzer seinen Wikipedia-Kollegen auch mal persönlich begegnet ist usw. Der Soziologe merkt an, dass ein soziales System stärker sei als ein kommunikatives System (Clique schlägt Argumente). Dritte könnten dann einordnen, mit wem sie es denn zu tun haben und welche soziale Position einem Autor oder Admin in der Wikipedia zukommt.

Die Offenlegung des personalisierten Social Networks sei zwar hinsichtlich des Datenschutzes streitbar, aber als bewusste Entscheidung vertretbar. Es bleibe jedem selbst überlassen, ob er an einem Spiel teilnehmen will oder nicht. Durch solche Transparenz werde Vertrauen gefördert.

Lieben heißt loslassen können

Nicht alles, was der nicht unumstrittene Wikipedianer vorschlägt, erscheint praktikabel, zweifellos polarisiert Fossa. Man darf gespannt sein, wie die Community mit Kritik von Innen umgehen wird.

Das Problem der deutschsprachigen Wikipedia dürfte im Gegensatz zu Dr. Thomas König auch weniger in den unpraktikablen Regeln liegen, sondern in der Selbstverwaltung der Wikipedia durch ehrenamtliche Mitglieder, die neben ihrer Admin-Eigenschaft gleichzeitig Autoren sind und interne Beziehungsgeflechte pflegen. Die hiermit etablierten strukturellen Interessenkonflikte führen zwangsläufig zu Befangenheit, politischen Effekten, nicht selten auch zu Mobbing und Kleinkriegen. Die etablierten Wikipedianer wollen Artikel schreiben, für ihre Arbeit mit virtuellen Preisen und hohen Edit-Zahlen anerkannt werden, interne Schreibwettbewerbe gewinnen, ihre Wikipedia-Freundschaften pflegen - kurz: ihre soziale Position in der Wikipedia-Community steigern - die für die Leser allerdings von keinerlei Relevanz ist.

Zur Beilegung von Konflikten jedoch benötigt man statt durch persönliche Beziehungsnetzwerke und Interessen befangene Kommunikationsamateure eher Personal mit pädagogischer Minimalqualifikation. Die Verwaltung eines Projekts durch eine kleine Clique von insoweit überforderten Liebhabern wird der inzwischen exorbitant hohen Alltagsbedeutung der Wikipedia nicht gerecht. Allein der Wikipedia-fremde Mediator, der in Lüneburg einen Workshop über Konflikte in der Wikipedia hielt, würde vermutlich die Arbeit von 10 Admins einsparen und ein produktiveres Ergebnis hinterlassen. Bei einem Etat von jährlich ca. einer Million Euro sollte die Finanzierung von Mediatoren kein Problem sein. Ein solcher Schritt wäre allerdings mit freiwilligem Machtverlust verbunden.

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