Noch bis August. Mindestens
Die Energie- und Klimawochenschau: Der Umstieg auf Erneuerbare ist machbar, doch vorerst sprudelt im Golf von Mexiko das Öl munter weiter
In Bonn schleichen noch bis zum Ende der Woche die Klimaverhandlungen vor sich hin, in die derzeit kaum jemand große Erwartungen hat. Das erfreulichste an ihnen war noch der überaus bunte Protest, den am Samstag diverse Umweltschutzgruppen und Globalisierungskritiker auf die Straße trugen.
Gute Nachrichten gibt es hingegen von Greenpeace. Gemeinsam mit dem Europäischen Dachverband der Industrie für Erneuerbare Energien (EREC) haben sie ihre Studie "Energie[R]evolution" von 2007 aktualisieren lassen. Herauskam, dass bis 2050 weltweit 80 Prozent des Energiebedarfs durch erneuerbare Energieträger abgedeckt werden könnte. Bei zusätzlichen Energieeinsparungen ließen sich die globalen CO2-Emissionen sogar um mehr als 80 Prozent senken.
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"Unser Energiekonzept führt zu mehr Versorgungssicherheit. Es macht unabhängig von stark schwankenden Weltmarktpreisen für Öl, Gas und Kohle sowie deren umweltzerstörende Förderung. Die BP-Katastrophe im Golf von Mexiko ist eine Folge falscher Energiepolitik", meint Sven Teske, der in Amsterdam bei Greenpeace International als Energieexperte arbeitet. Bis 2030 könnten in Europa fünf Billionen Euro für Brennstoffexporte eingespart werden. Gingen diese in den Ausbau der Erneuerbaren, dann würden für den Umbau der Enegieversorgung keine zusätzlichen Kosten anfallen.
Mit einem anspruchsvollen Programm könnten die globalen CO2-Emissionen massiv gesenkt werden, so Greenpeace (siehe dazu die Grafik "Globale Entwicklung der CO2-Emissionen nach Sektoren"). Dem liegt eine Studie das Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) zugrunde. Berücksichtigt wurde unter anderem auch das globale Wirtschaftswachstum nicht zuletzt in den boomenden Schwellenländern Indien und China. Nebenbei hätte der beschleunigte Ausbau von Wind&Co. auch einen positiven Aspekt für den Arbeitsmarkt. Weltweit könnten in diesem Sektor schon 2015 im ehrgeizigsten der von den DLR-Experten durch gerechneten Szenarien 12,5 Millionen Arbeitsplätze entstanden sein.
Keine Entwarnung am Golf
Nun sitzt er also auf dem Bohrloch, der neue Trichter, und BP kann stolz verkünden, das nun 11.000 Barrel Öl täglich auf Schiffe gepumpt werden können. Ein Barrel ist ein 159-Liter-Fass. Diesmal wurden, anders als beim ersten Versuch dieser Art vor einigen Wochen, die Abflüsse nicht durch Gashydrate verstopft. Jedenfalls bisher nicht. Sollten größere Mengen Wasser in den Auffangtrichter in 1500 Meter Tiefe dringen, dann könnte derlei immer noch passieren. In solchen Tiefen ist das Wasser auch in den Tropen nicht viel wärmer als Null Grad, und bei diesen Temperaturen und dem herrschenden hohen Druck kann sich das mit dem Öl austretende Methan (Erdgas) leicht mit Wassermolekülen zu einem speziellen Eis, eben besagten Gashydraten, verbinden.
Aber gehen wir einmal davon aus, dass alles gut geht. Könnten wir uns dann beruhigt zurück lehnen? Ist nun alles unter Kontrolle? Noch lange nicht. Es wird noch viele Wochen weiter Öl austreten, und zwar nicht wenig.
Bevor die Glocke auf das Bohrloch gesetzt wurde, schrieb der Guardian US-Offizielle zitierend von 12.000 bis 19.000 Barrel, die täglich austreten würden. Das Abtrennen des geborstenen Rohrs, das für das Abdichtungsmanöver notwendig war, habe den Austritt um 20 Prozent erhöht. Das wären also 14.400 bis 22.800 Barrel pro Tag. 11.100 davon werden nun, sofern den Angaben BPs zu trauen ist, aufgefangen. Bleiben noch 3.300 bis 10.400 Barrel pro Tag.
Das wird noch einige Zeit so weitergehen. Das Loch wird frühestens Mitte August, also in etwa 70 Tagen, abgedichtet werden können. Wenn alles klappt, könnte dann nämlich die erste von zwei Bohrungen, die derzeit seitlich vorangetrieben werden, auf die Quelle treffen, Die Operation ist allerdings so knifflig wie das Einfädeln eines Fadens in eine Stopfnadel bei schummerigen Kerzenlicht. Sowohl das Rohr im leckenden Bohrloch als auch die Bohrung, durch die bei Erfolg Beton injeziert werden soll, haben einen Durchmesser von wenig mehr als 30 Zentimetern. Dass der Bohrer unter diesen Bedingungen auf Anhieb trifft, ist eher unwahrscheinlich.
Angenommen BP hat Glück..
...dann läuft das Öl noch 70 weitere Tage ins Meer. Vorausgesetzt die offiziellen Abschätzungen der ausströmenden Menge sind zutreffend – einige unabhängige US-Wissenschaftler hatten die täglich Ölmenge auf bis zu 80.000 Barrel geschätzt –, dann wären das im günstigsten Fall also insgesamt 231.000 bis 728.000 Barrel Öl, die noch auf jeden Fall in den Golf von Mexiko fließen werden. Für Entwarnung ist es also noch viel zu früh, und das ganze Ausmaß der Katastrophe wird wohl erst in den nächsten Monaten deutlich, wenn das Öl sich entlang der Golf- und Atlantikküsten zu verteilen beginnt. (Siehe dazu Öl demnächst im Golfstrom).
Derweil befürchten Meereswissenschaftler, dass BP mit seinen giftigen Dispersionsmitteln zusätzliches Unheil anrichtet. Diese haben den Effekt, dass der Ölteppich in kleine Tröpfchen zerfällt, die eigentlich zum Boden absinken sollten. Tatsächlich scheinen sich aber mehrere große Wolken feiner Öltropfen gebildet zu haben, die sich in unterschiedlichen Wassertiefen über viele Kilometer erstrecken. Das berichten zumindest verschiedene Meeresbiologen und Fischereiexperten in einer Sendung im US-Rundfunk. Unter anderem werden schwere Folgen für die Fischpopulationen erwartet, deren Larven sich derzeit entwickeln und vom Öl vergiftet werden könnten.
Mit Batterie
Aus dem Golf also nicht wirklich gute Nachrichten. Die kommen hingegen von unseren dänischen Nachbarn, die mit Vestas den weltgrößten Anbieter von Windanlagen beherbergen. Der Grund dafür, dass ausgerechnet das kleine Dänemark einen Weltkonzern der modernen Industriesparte hervorgebracht hat, ist übrigens der Erfolg der dortigen Anti-AKW-Bewegung in den frühen 1980er Jahren. Die war zwischen Belt und Nordseeküste besonders populär und legte den Grundstein für eine regelrechte Windanlagenbewegung. Schon vor 30 Jahren engagierten sich zahlreich Bürger, Kommunen und Genossenschaften im Bau von Windkraftanlagen und machten schließlich Vestas groß.
In Dänemark trägt die Windkraft bereits seit etlichen Jahren rund 20 Prozent zur Deckung des Bedarfs an elektrischer Energie bei. Dass der Beitrag auf diesem Niveau stagniert, hat weniger mit technischen Problemen als mit politischer Regression zu tun. Die konservativ-liberale Regierung, die das Land seit fast zehn Jahren hat, ist nicht nur extrem ausländerfeindlich und neoliberal, sondern hat bis vor kurzem auch den weiteren Ausbau der Windenergie massiv behindert. Zum Dank dafür wurde die ehemalige dänische Umweltministerin Connie Hedegård, nach dem sie auch noch den UN-Klimagipfel in Kopenhagen vergeigt hatte, zur neuen EU Klimaschutz-Kommissarin.
Wie dem auch sei, in Dänemark kennt man wegen des dennoch hohen Anteils der Windenergie an der Versorgung deren spezifische Probleme recht gut. Der Wind weht nun mal unstet und damit fällt die erzeugte elektrische Energie unregelmäßig an. In Dänemark wird das durch die kleine Fläche des Einzuggebiets noch verschlimmert. Speisen nämlich Windparks über 1.000 Kilometer oder mehr verteilt in das gleiche Netz ein, so kann davon ausgegangen werden, dass irgendwo immer der Wind weht. Ein Anteil von bis zu einem Drittel der installierten Leistung, das haben Untersuchungen in den USA gezeigt, kann dann der Grundlast zugerechnet werden.
In Dänemark ist das jedoch nicht der Fall, und daher macht man sich bei Vestas Gedanken über Speichersysteme. Die könnten die elektrische Energie in Zeiten zu großen Windangebots konservieren und bei Bedarf wieder abgeben. Vestas hat dieser Tage eine neue Forschungs- und Entwicklungsinitiative angekündigt, wonach man den Offshore-Bereich vorantreiben will. Einerseits sollen Konzepte entwickelt werden, um in Wassertiefen bis 70 Meter Windkraftanlagen errichten zu können, was insbesondere in der relativ flachen Nordsee sehr lukrativ wäre.
Andererseits sollen Speichersysteme entwickelt werden, die in Zeiten niedrigen Bedarfs die elektrische Energie direkt in der Anlage aufnehmen. Die Betreiber würde sich eine zusätzliche Einnahmequelle erschließen, wenn sie den Strom zu Zeiten hohen Bedarfs als Spitzenlast abgeben. Die kann an der Strombörse nämlich hohe Preise erzielen, die weit über den gesetzlichen Einspeisetarifen liegen. Der Leiter von Vestas Forschungsabteilung, Finn Strøm Madsen, dazu:
Ein derartiger Mechanismus ermöglicht die Perspektive für noch höhere Anteile an Windenergie im Netz und nützt auch den Netzbetreibern. Das wiederum macht die Investitionen in Windkraftanlagen für unsere Konkurrenten noch interessanter.
Auf Nachfrage war zu erfahren, dass Vestas für dieses "Strom-Managementsystem" Lithiumionen-Batterien verwenden will.
Der ökonomische Hintergrund dieser Initiative ist der Wettbewerb im stark expandierenden Offshore-Bereich. Vestas wäre einer der ersten, der Fundamente, Türme und Generatoren aus einer Hand anbietet. Das könne Kosten sparen, heißt es beim dänischen Unternehmen. Eine Rolle spielt außerdem sicherlich, dass vor allem in Deutschland darauf gesetzt wird, die Windparks weit draußen auf See zu installieren, wo das Meer in der Regel tiefer ist. Für größere Wassertiefen ist daher die Einspeisevergütung etwas höher, um einen entsprechenden Anreiz zu schaffen. Wenn also ein Unternehmen günstige Anlagen für dieses Segment anbieten kann, hat es die Nase vorn.
Eisschwund
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| Ausdehnung des Eisgebiets in Millionen Quadratkilometer. Die Daten werden mit US-Wettersatelliten gewonnen, die die Mikrowellenabstrahlung des Eises und der Meeres-und Landoberfläche aufzeichnen. Mit Analyseprogrammen der NASA wird daraus berechnet, wo das Wasser mit Eis bedeckt ist. Zu diesem Zweck wird die Oberfläche in kleine Planquadrate aufgeteilt. Wird in einem mindestens 15 Prozent Eis nachgewiesen, wird dieses Quadrat zum Eisgebiet gezählt. Quelle: NSIDC |
Und zu guter Letzt ein Blick in die Arktis. Dort hat der jährliche Rückgang des Packeises, das im Winter den arktischen Ozean und Teile der angrenzenden Meeresregionen bedeckt, mit Macht eingesetzt. In obiger Grafik ist zu sehen, dass das Eis sich in diesem Jahr besonders rasch zurückzieht. Der graue Bereich markiert die doppelte Standardabweichung vom Mittel der Jahre 1979 bis 2000, das heißt, rund 98 Prozent aller Messungen lagen in dieser Zeit in diesem Bereich.
In diesem Jahr ist der Eisrückgang also deutlich schneller als in den letzten Jahrzehnten und übertrifft bisher selbst das Jahr 2007 (gestrichelte Linie), in dem das Eis schließlich Mitte September erstmals seit Menschengedenken die Nord-West-Passage und große Teile des arktischen Ozeans zwischen Alaska und Sibirien freigegeben hatte. Dieses Jahr, dessen erste vier Monate laut NOAA die wärmste je gemessene Januar-April-Periode waren, verspricht also recht spannend zu werden.
http://www.heise.de/tp/artikel/32/32775/1.html- Re: Beschissene Kritik (10.6.2010 22:06)
- Re: Beschissene Kritik (10.6.2010 17:07)
- Re: Beschissene Kritik (10.6.2010 17:00)
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