BP: "No asses to kick"
Die Ölpest und die organisierte Verantwortungslosigkeit
Werden Schadensansprüche und andere Forderungen im Zusammenhang mit der Ölpest im Golf erst einmal vor Gericht verhandelt, sieht die Sache für BP nicht so schlecht aus. Das sagt die Erfahrung, die exemplarisch auf Exxon-Valdez verweist - Exxon musste nach langem juristischen Hader weniger als die Hälfte dessen zahlen, wozu der Konzern zunächst verpflichtet wurde (siehe Ölpest: Wird die Rechnung jemals bezahlt?).
Der gestrige Auftritt von BP-Chef Tony Hayward vor dem Ausschuss des amerikanischen Repräsentantenhauses, dem "House Energy and Commerce Subcommittee on Oversight and Investigations", führte frustrierten Ausschussmitgliedern und der Öffentlichkeit vor, wie das geht, smart und ohne größere Schäden an der Frisur aus einer ziemlich schmutzigen Sache herauszukommen, fast wie im Film. Der Trick läuft auf Persönlichkeitsabspaltung hinaus. Wie sie von Hayward praktiziert wird, ist sie kein Fall für den Psychiater, sondern Forderung des Tages, wie sie das Geschäftsleben an einen erfolgreichen Manager und Konzernleiter so stellt
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Die "natürliche Person" erklärt, dass sie fühlt, was alle natürlichen Personen fühlen: "Erschütterung" "Devastation!" - Tony Hayward betonte auch in seiner Zeugenaussage vor dem Ausschuss noch einmal, wie sehr ihm die Sache am Golf leid tut, "I am deeply sorry" und, dass man sich nicht täusche, Hayward weiß, dass es sich um eine menschliche Tragödie handelt:
This is a tragedy: people lost their lives; others were injured; and the Gulf Coast environment and communities are suffering. This is unacceptable, I understand that, and let me be very clear: I fully grasp the terrible reality of the situation. When I learned that eleven men had lost their lives in the explosion and fire on the Deepwater Horizon, I was personally devastated.
Anders die Person Hayward, die Teil der juristischen Person BP ist. Dieser Hayward weiß nichts. Wie an einer Mauer seien alle Fragen an derselben Antwort abgeprallt, beklagten sich die Ausschussmitglieder. Hayward habe alle genaueren Nachfragen zur Unglücksursache damit abgeblockt, dass er nichts wisse und nicht verantwortlich sei, ein Antwortmuster, das im Bericht des Wall Street Journals an mehreren Stellen deutlich gemacht wird:
"With respect, sir, we drill hundreds of wells each year," he (Hayward, Einf. d.A.) said slowly, fingering a pen as he testified.
"I'm not stonewalling," Mr. Hayward said. "I simply was not involved in the decision-making process" before the explosion.
Die Antwort, wonach der BP-CEO nicht über jeden einzelnen Vorgang bei Hunderten von Bohrungen informiert sein kann, klingt vielleicht zunächst plausibel. Führt man sich aber im konkreten Fall vor Augen, dass der BP-Chef vom Ausschuss vor der Befragung schriftlich darüber informiert wurde, worum es gehen wird, kann man Haywards Aussagen nicht mehr anders als einen Rollentext begreifen.
Hayward wusste sehr wohl, wovon die Rede ist. Teile der Dokumente, die BP vorwerfen, bei der Deep-Horizon-Bohrung riskant vorgegangen zu sein, aus Kosten- und Zeitdruck – die Bohrung war im Verzug – schlechteres Material gewählt zu haben und wichtige Arbeitsschritte unterlassen, stammen aus dem Konzern selbst.
Ein Aphorismus unbekannten Ursprungs zeigt (siehe Siemens und die Multation), wie der Boden beschaffen ist, auf dem die BP-Vertreter ihre Rollen spielen, die bestimmte Publikumserwartungen erfüllen ("Wir kümmern uns um die Anliegen der kleinen Leute"), aber sich der Verantwortung so wenig zu stellen haben wie ein Schauspieler, der einen Bühnenmord begeht:
"Corporations have neither bodies to be kicked, nor souls to be damned".
Dass es bei der historischen Umweltkatastrophe am Golf von Mexiko ganz prinzipiell auch um die Frage der Verantwortung von Konzernen geht und die Gesetzgebung hier viele Schlupflöcher gerade für ganz Große offen lässt, begreifen Ideologen immer am schnellsten. So ist die aufsehenerregende Äußerung des texanischen Abgeordneten Joe Barton, der sich für die Art des Vorgehens gegen BP auf spektakuläre Weise entschuldigte, vielleicht gar nicht so erstaunlich:
"I apologize. I do not want to live in a country where any time a citizen or a corporation does something that is legitimately wrong is subject to some sort of political pressure that is—again, in my words—amounts to a shakedown. So, I apologize.
Aufgrund der heftigen Reaktionen soll Barton die Entschuldigung wieder zurückgenommen haben, um sie später zu erneuern.
http://www.heise.de/tp/artikel/32/32817/1.html- Nun... (19.6.2010 21:23)
- Oh Mann (19.6.2010 11:08)
- Re: umgegangen... (19.6.2010 10:43)
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