Wann wird das Morgen eigentlich Gestern sein?

24.06.2010

Die Freie Universität Berlin richtet einen Master-Studiengang "Zukunftsforschung" ein

Unter dem schon beinahe wie eine Drohung klingendem deutschen Titel "Ihr werdet es erleben" hatten Ende der 1960er Jahre die US-Futurologen Herman Kahn und Anthony J. Wiener ein einflussreiches und hernach oft aufgelegtes Standardwerk mit Prognosen bis zum Jahr 2000 herausgegeben. Gegenstand des im Original mit "The Year 2000" betitelten Werkes waren technologische, gesellschaftliche und politische Entwicklungen des 20. und frühen 21. Jahrhunderts. Trotzdem die Autoren darin bereits ein methodisch brauchbares Modell der Zukunftsforschung entwickelten (die so genannte "Standard-Welt"), war das Buch weniger für wirtschaftliche Planung als für politische und soziologische Prognostik verwendbar.

Aus der ein wenig nach Lem klingenden "Futurologie" ist mittlerweile die Zukunftsforschung geworden und der Methodenkanon zur Prognose von Technik-, Gesellschafts- und Wirtschafts-Entwicklung ist ein wichtiges Handwerkszeug für die Planung internationaler, staatlicher und privatwirtschaftlicher Bereiche geworden. Diese Wichtigkeit unterstreicht jetzt die Einrichtung eines Master-Studiengang "Zukunftsforschung" an der Freien Universität Berlin. Er ist der erste seiner Art in Deutschland, wenngleich die Disziplin "Zukunftsforschung" bereits zu Kahns Zeiten an deutschen Universitäten vertreten war (etwa durch den Futurologen Robert Jungk).

Im FU-Studiengang sollen Methoden und Anwendungsgebiete der Zukunftsforschung im Rahmen des dreigliedrigen Aufbaustudiums fokussiert werden. In der ersten Grundlagenphase lernen die Studierenden das theoretische Rüstzeug und die Methoden der Zukunftsforschung kennen, etwa die Delphi- und Szenario-Technik oder Trend-Impact-Analysen, um diese danach, im zweiten Abschnitt, auf Einsatzfelder der Zukunftsforschung anwenden zu können. Richtig praktisch wird es dann im letzten Teil des Studienganges, in dem in einem zehnwöchigen Projekt-Praktikum die Forschungsprozesse in Institutionen kennengelernt werden.

Dass ein solcher Studiengang nur in interdisziplinärer Ausrichtung sinnvoll sein kann, dem wird durch die in der deutschen Zukunftsforschung bereits tätigen Institutionen, die sich daran beteiligen, Rechnung getragen. Möglicherweise eröffnet die neuerliche Akademisierung des Faches "Zukunftsforschung" und ihre interdisziplinäre Ausrichtung aber auch eine ganz praktische Perspektive für die Studenten und Absolventen kulturwissenschaftlicher Fächer, die mit ähnlichen Fragestellungen seit einigen Jahren beschäftigt sind und hier eine weitere, interessante Berufsqualifizierung dafür finden könnten. Das wird die Zukunft zeigen.

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