"Worunter wir gerade in den Chefetagen am meisten leiden, ist Charaktermangel"

01.07.2010

Interview mit Tom Schimmeck über Macht und Ohnmacht der Medien - Teil 1

Tom Schimmeck ist einer der letzten Mohikaner des investigativen Journalismus in Deutschland. Er hat 1979 die taz mitbegründet, war SPIEGEL-Redakteur und Reporter bei u.a. KONKRET, Tempo und Woche. Er schreibt momentan für die Süddeutsche Zeitung, profil und die ZEIT und produziert zahlreiche Hörfunkbeiträge. Während seiner Laufbahn wurde er mit zahlreichen angesehenen Journalistenpreisen bedacht. In seiner neuesten Publikation "Am besten nichts Neues" wirft er einen konzentrierten Blick hinter die Kulissen der Meinungsindustrie und legt mit spitzer Feder eine furiose wie brillante Abrechnung mit dem des Medienbusiness vor. Telepolis sprach mit dem Journalisten über die Wandlung des Journalismus zu Dienstleistungs-Schreibe und Meinungsmache.

Herr Schimmeck, können Sie uns erklären, warum über Johannes B. Kerner so geschimpft wird, während zum Beispiel Geistesgrößen wie Giovanni die Lorenzo ungeschoren davonkommen, die doch journalistisch und intellektuell ähnlich subtil agieren?

Tom Schimmeck: Da muss ich wirklich passen. Da ich mir die Kerners dieser Welt nicht antue, fehlt mir der Vergleich. Überhaupt, wer schimpft denn über Kerner?

Die Süddeutsche Zeitung hat Herrn Kerner zumindest einmal als "Mensch gewordene Erdnuss" bezeichnet.

Tom Schimmeck: Schön! Trotzdem muss ich passen. Ich saß vor gut zehn Jahren einmal in einer Kerner-Show, weil ich an einer Reportage über das Medienphänomen Susan Stanke schrieb. Die schlug dortselbst auf. Ich habe mit echter Begeisterung diese Szenerie genossen, die erregten Talkshow-Gäste, die Animateure, die vorab schon mal die Stimmung warm laufen lassen. Ein echtes Schlüsselerlebnis. Aber das hat ja mit Journalismus gar nichts zu tun.

Der Hintergrund der Frage ist der, dass sich die sogenannten Qualitätsmedien sehr dem Boulevard angenähert haben...

Tom Schimmeck: Das ist eine Tatsache. Und die wird an allen Ecken sichtbar. So ist Bild zum politischen Leitmedium geworden. Der Ton den Bild anschlägt, findet sich am nächsten Tag auch in Qualitätsmedien wieder. Viele Medienmacher verkünden inzwischen stolz, dass sie Bild jeden Tag als Pflichtblatt lesen – und zwar gerne. Dafür kann man aber schlecht Bild die Schuld geben. Das hat eher mit der Entleerung des Journalismus zu tun, dem Verlust von Begrifflichkeiten, Kategorien und Zusammenhängen, dem Trend zur schnellen News, zum Event. So greifen immer mehr Boulevard-Themen Platz. Auch werden immer mehr Themen nur noch als Personality-Geschichte aufgezogen, auch ein Boulevard-Phänomen. Fast alle Medien sind inzwischen Teil des Promi-Zirkus. Versuchen sie einmal, eine Woche lang Boris Becker und Co. zu entgehen. Das schaffen sie auch dann nicht, wenn sie nur die Süddeutsche oder die Frankfurter Rundschaulesen.

"Der Bespaßungs-Journalismus ist einfach billiger"

Diese zehntausend Instant-Prominenten, mit denen wir offenbar leben müssen, sind allüberall.

Können Sie einen Zeitpunkt festmachen, wann sich die Boulevardisierung wirklich durchsetzte und mit was dies zusammenhängt?

Tom Schimmeck: Mal eine ganz steile These: Das hat in Deutschland mit dem Mauerfall zu tun. Dieser wunderbare historische Augenblick war halt auch eine verpasste Chance. Weil ab dem Moment jede Systemkritik ad acta gelegt schien, nicht mehr darüber diskutiert wurde, wie eine Gesellschaft aussehen sollte, in der möglichst alle Teilhabe an Wohlstand und Glück haben. Schon unter Kohl hatte sich Politik immer weiter entleert. Dann fiel sie dem Pragmatismus anheim. Die Schröder-Ära war in da absolut stilprägend. Es gibt gar keinen Ausweg, war bald das Credo, wir folgen dem Diktat der Märkte, der Industrie, der Unternehmensberater, der Wirtschaftsprofessoren. Der politische Gestaltungswille verschwand hinter dieser vermeintlichen Alternativlosigkeit, und mit ihm die Sprache für die gesellschaftliche Debatte. Seither gibt es nur noch Sachzwänge.

Diese Entleerung wiederum schafft unheimlich viel Raum, den die Blätter, die Medien überhaupt, mit anderen Themen füllen müssen. Zum Beispiel mit dem ganzen Balla-Balla-Kram, der uns täglich um die Rübe gehauen wird. Es gibt einen zweiten wichtigen Faktor, der ungefähr seit zehn Jahren eine wichtige Rolle spielt: Bespaßungs-Journalismus ist einfach billiger. Sie können mit diesen Prominenten-Schwadronen Medien quasi kostenneutral füllen. Es gibt ja ganze Verlagshäuser und Sender, die nichts anderes tun – und auch weniger über die Krise zu klagen scheinen. Der Bauer-Verlag zum Beispiel, in dem seit seiner Gründung Mitte des 19. Jahrhunderts noch nie ein aufklärerischer Satz erschienen ist. Solche Medienfirmen leben mit immer neuen Postillen und Formaten von der Alt-Prominenz – Adel ecetera – und der Neu-Prominenz, diesen Glamour-, Talk- und Reality-TV-Gestalten, die sie einfach immer wieder recyceln.

"Druck von Werbepartnern"

Das ist unheimlich kostengünstig und hat fast schon eine Art mediales Perpetuum mobile geschaffen.

Bilden die Medien ihrer Meinung nach noch die gesellschaftliche Realität ab oder beschränken Sie sich nur noch darauf, dem Wunschbild ihrer Werbepartner zu entsprechen?

Tom Schimmeck: Viele Journalisten und Medien geben sich nach wie vor riesige Mühe, Realität abzubilden. Wobei sie je nach Medienhaus heftige Abweichungen bei der Definition von Realität finden. Klar gibt es Druck von Werbepartnern, in einem werbefreundlichen Umfeld zu erscheinen, den gab es immer schon. Und deren Macht ist viel größer geworden – seit dem Platzen der New Economy-Blase 2002, in dessen Folge die Publishing-Industrie von starken Werbeinbrüchen erschüttert wurde. Man kann heute immer mehr Kooperationsgeschäfte beobachten: Es gibt Zeitschriften in Deutschland, besonders im Reise- und Autogewerbe, so scheint es mir, die vor lauter Deals gar nicht mehr zum Journalismus kommen. Es finden sich immer mehr kuriose Beilagen in den Zeitungen.

"Wir haben zu viele BWLer und Marketing-Leute"

Das Entscheidende ist aber wohl, dass die Medien nicht mehr die ökonomische Kraft und das Selbstbewusstsein besitzen, dem zu widerstehen.

Kann man hierzulande von einer Zensur durch den Markt sprechen, insofern durch die zunehmende Ökonomisierung des Journalismus die Parameter der Berichterstattung eingeschränkt werden?

Tom Schimmeck: Kleiner Vorschlag: Gehen Sie an den Kiosk ihres Vertrauens, oder nehmen Sie die Fernbedienung in die Hand, und gucken mal, was Ihnen so entgegenschwallt. Da gibt es keine Zensur in dem Sinne, dass Themen verboten würden, sondern in der Form, dass einfach nur angeboten wird, was sich verkauft oder vermeintlich verkauft. Selbstverständlich gibt es solche Mechanismen. Ich weiß nur nicht, ob man das Zensur nennen kann. Offensichtlich durchleben wir derzeit eine Wirtschaftskrise, von der die Leitmedien bis kurz vor Ihrem Ausbrechen nichts wissen wollten. Das lag, glaube ich, auch daran, dass zu wenig Wille, zu wenig Neugier und kaum noch Geld mehr dafür vorhanden ist, solche Fragen rechtzeitig zu stellen. Was sicher auch mit den hiesigen Besitzverhältnissen zu tun hat: Die Medien sind bei uns – bis auf die öffentlich-rechtlichen Kanäle – in Privatbesitz. Das ist unser System.

Früher war der Privatbesitzer, der Verleger, oft so ein paternalistischer Archetyp, der in der Gesellschaft mitspielen wollte. Der war in der Regel konservativ, hatte aber immerhin eine eigene politische Meinung. Und zudem kulturinteressiert und oft kosmopolitisch genug, um auch den gutschreibenden Zottelbären und die neugierige Nudel noch zu drucken. Links waren Verleger in Deutschland selten. Aber es gab einige, die ein bisschen aufgeklärter waren. Das garantierte ein gewisses Spektrum an Meinungen. Das schuf Raum für Charaktere. Ein Augstein, ein Nannen, ein Bucerius, so zwiespältig sie auch waren, kamen als political animals daher.

Die sind weg. Sie finden heute kaum einen Verleger dieses Typs mehr. Worunter wir gerade in den Chefetagen, bei den sogenannten "Entscheidern", wohl am meisten leiden, ist Charaktermangel. Wir haben zu viele BWLer und Marketing-Leute, die sich auf reine Kosten-Nutzen-Rechnungen beschränken, allein darauf aus sind, möglichst viele Profitcenter zu schaffen und möglichst viel Anzeigen-Flächen zu verkaufen. Medien sind für diese Leute genau das gleiche wie Schrauben, Buttermilch oder Gummistiefel. Und das zeitigt enorme Auswirkung auf die Bandbreite von Medien. Es rechnet sich einfach nicht mehr, zu recherchieren oder eine andere Meinung zu haben.

"Es hat sich eine Machtverschiebung ergeben"

Das ist der stärkste Effekt, den wir momentan in den Medien erleben.

Können sich Wirtschaftsunternehmen die positive Berichterstattung in den deutschen Medien auch erkaufen? Winfried Wolf beobachtete zum Beispiel nach dem Achsbruch eines ICE-Zuges in Köln in verschiedenen Leitmedien wie Spiegel, Stern, Süddeutsche, dass die Bahn großflächige Werbeanzeigen platzierte und das Thema nach relativ kurzer Zeit ohne nach weiteren Zusammenhängen zu fragen durch war...

Tom Schimmeck: Ich kann nicht beurteilen, ob es solche Deals wirklich gibt. Ich mag nicht glauben, dass Chefredakteure sich auf so einen Schweinekram einlassen würden. Aber die Bahn ist, was das freche Orchestrieren positiver Stimmen angeht, ohnehin ein gutes Beispiel. Ihre unsäglichen Aktivitäten sind ja öffentlich ruchbar geworden sind. Die Bahn hat systematisch die eigenen Leute wie auch Journalisten bespitzelt. Sie hat über PR-Firmen und sogenannte think tanks wie berlinpolis Meinungskampagnen und Umfragen initiiert, um ihre Strategien als die objektiv richtigen zu verkaufen und ihre Kritiker madig zu machen. Das ist dokumentiert. Und ein Skandal, der, wie ich finde, viel zu schwach gewürdigt wurde.

Insgesamt beobachten wir in den letzten fünfzehn Jahren einen gewaltigen Ausbau der PR, gerade in den Wirtschaftsunternehmen. Hier werden wirklich mit allen Tricks Stimmungen kreiert. Auch das ist sicher eine Folge der Ökonomisierung. Da verschieben sich die Ressourcen. Inzwischen ist in Deutschland und anderswo die Zahl der Leute, die für Geld Meinung machen, also die Zahl der PR-Berater, der Kommunikationsstrategen, der Werber und anderer professionellen Agendasetter mindestens genauso groß wie die der Berichterstattenden. Diese PR-Leute sind in der Regel wesentlich besser bezahlt, wesentlich fokussierter auf ihre Aufgabe. Ihr Hebel wird immer länger: Sie nehmen mit Anzeigen, Veranstaltungen, Umfragen, Fotos und all dem Material, mit welchem sie die Öffentlichkeit bewerfen, immer mehr Einfluss. Auch weil die unter Spar-Diktaten ächzenden Medien immer hungriger nach kostenlosem Inhalt sind. So gewinnen die PR-Leute einen ungeheuren strategischen Vorteil gegenüber den Journalisten. Da hat sich eine Machtverschiebung ergeben.

Nun ist es aber so, dass die Wirtschaftsunternehmen nicht nur positiv auf die Berichterstattung Einfluss nehmen, sondern auch negativ: Kritisch berichtende Medien werden inzwischen häufig wegen "Verleumdung" und "Beleidigung" verklagt. Sie haben dies selbst in Ihrem Buch am Beispiel des englischen Guardian ausführlich dargelegt...

Tom Schimmeck: Natürlich leben die Spürnasen, die echte Skandale ausbuddeln, immer mit der Gefahr, dass eine Gegendarstellung oder ein Widerruf eingefordert wird. Deswegen haben Journalisten nicht nur eine Berufshaftpflicht-, sondern auch eine Vermögensschadenversicherung. Der Guardian hatte konkret nachzuvollziehen versucht, mit welchen tollen Offshore-Tricks bestimmte Multis in Großbritannien Steuervermeidung betreiben. Die Zeitung leistete eine wunderbare Recherche, aber dabei beging sie einen kleineren Fehler. Der führte dazu, dass das Blatt über Jahre mit gigantischen Kosten konfrontiert war.

Am Ende kam die Zeitung sogar glimpflich davon. Aber allein die Experten, die nötig waren, um diese irrwitzig komplexen Modelle für die Justiz noch einmal auseinander zu schrauben, kosteten Hunderttausende. Guardian-Chef Alan Rusbridger hat vorgerechnet, dass schon die Beantwortung der Anwaltspost der klagenden Firma binnen sieben Wochen 500 000 Dollar verschlang. Am Ende drohte dem Blatt ein Verlust von über sieben Millionen. Stellen Sie sich vor, so etwas passiert der taz: Die kann dann gleich zusperren. Wir haben also das Dilemma, dass kaum noch einer die Lust, den Mut, das Know how und die Ressourcen hat, in diesem internationalen Geflecht zu recherchieren. Und wenn es eine Zeitung doch mal tut, bekommt sie dermaßen eins auf die Mütze, dass es für alle Zeiten abschreckend wirkt.

"Man mag sich die Laune nicht noch weiter verderben"

Jeder Chefredakteur, der diese Geschichte verfolgt hat, wird Stories über Multis und Steuermodelle fortan mit der Kneifzange anfassen.

Ich muss gestehen, ich habe die Guardian-Geschichte erstmals in Ihrem Buch gelesen. Warum wurde dieser Fall in der Öffentlichkeit nicht weiter skandalisiert?

Tom Schimmeck: Weil Medien relativ wenig über Medien und Macht reflektieren. Der Medienjournalismus in Deutschland ist gar nicht schlecht, aber gerade ökonomische Zusammenhänge gelten auch hier häufig als nicht so sexy. Auch ich hatte von dem spektakulären Guardian-Fall vor den Recherchen zu meinem Buch nichts gehört. Vielleicht beruht das Stillschweigen auch auf einen verständlichen Verdrängungsprozess – man mag sich die Laune nicht noch weiter verderben.

In Deutschland hat sich ein eigener juristischer Geschäftszweig um das Abmahnen und das Erpressen von Unterlassungserklärungen bei Journalisten entwickelt - die zwar nur Vorstufen zur Klage bilden, aber in der Praxis sehr viel wichtiger sind. Können Sie uns mehr darüber erzählen? Haben Sie selbst sich beim Schreiben ihres Buches deswegen ab einen gewissen Punkt zurückhalten müssen?

Tom Schimmeck: Ich weiß, dass es das gibt, aber ich selbst bin gottseidank noch nie Gegenstand solcher Klagen geworden. Das hat vermutlich mit meiner sanftmütigen Schreibweise zu tun. Bei meinem Buch habe ich mich überhaupt nicht zurückgehalten.

Was hat sich seit den letzten 30 Jahren bei den Medien verändert? Welche Rolle spielen Imperien wie Permira, KKR oder die Mecom und die zunehmende Konzentration von Eigentum bei diesem Prozess?

Tom Schimmeck: Die Beantwortung des ersten Teils ihrer Frage würde wohl den Rahmen dieses Interviews sprengen. Da kann ich nur sagen: Please, read my book. Konzentrieren wir uns auf den zweiten Teil: Mecom hat sich wohl erledigt in Deutschland. Zum Glück. Doch als Geisteshaltung ist Mecom nur eine Karikatur dessen, was in den meisten deutschen Verlagshäusern inzwischen sowieso schon Credo ist. Bei Permira und KKR sehen sie deutlich, wie ein ohnehin allein auf Profit ausgerichteter Privatsender zur Steigerung der Rendite noch weiter, brutalstmöglich sozusagen, auf Kostenreduzierung getrimmt wird. Nachrichtenjournalismus zum Beispiel spielt da bestenfalls noch eine tertiäre Rolle. Die Richtung heißt: Spaßfernsehen, wie in Italien unter Berlusconi. So macht man heutzutage auch Politik. Viel stärker als alle politische Propaganda, als das Lancieren bestimmter politischer Ansichten und Figuren, wirkt inzwischen die Entleerung der Köpfe. Nun behaupte ich nicht, dass Heuschrecken wie Permira und KKR einfliegen, um die Köpfe leer zu fressen und so die Tore für eine bestimmte politische Agenda zu öffnen.

" Verdummung nicht immer nur ein Kollateralschaden des kommerziellen Kalküls"

Das ist eher ein Nebeneffekt der ausschließlichen Orientierung auf Rendite.

Steckt hinter dieser zunehmenden Verdummung zum Beispiel im Fernsehen ein bewusstes Kalkül oder geschieht dies zwangsläufig über eine durch kommerzielle Zwänge geschuldete Annäherung an Markt und Zuschauer?

Tom Schimmeck: Ich bin überhaupt kein Freund von Verschwörungstheorien. Was trieb Axel Springer, als er Bild schuf? Der Mann war sehr geschäftstüchtig, wollte in erster Linie Geld verdienen. Und zugleich seine zutiefst konservativen Überzeugungen unters Volk bringen. Mit dem Wagnis eines neuen, kunterbunten Massenmediums konnte er beide Ziele erreichen. Sicher: Bild ist höchst unappetitlich. Und doch ist das Blatt bis heute wichtig und stimmungsmächtig. Es hat seine Doppelfunktion behalten: Cash-Cow und politische Waffe. Wenn sie just etwa die wirklich widerliche Anti-Griechenland-Propaganda dieses Organs verfolgt haben, konnten sie sehen, welche Meinungskraft sich da noch immer entfaltet. Nein, ich glaube nicht, dass sich irgendwelche mächtigen Menschen an einen Tisch setzen und beschließen, wie man das Volk am besten verdummt. Ich glaube aber auch nicht, dass Verdummung immer nur ein Kollateralschaden des kommerziellen Kalküls ist.

Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft

Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen.

Wie schätzen Sie den Einfluss von Parteien, Wirtschaftsverbänden und "Medienpartnern" auf die Medien ein? Wie funktionieren hier die Mechanismen?

Tom Schimmeck: Das habe ich in meinem Buch ausführlich zu beschreiben versucht. Besonders unangenehm finde ich konzertierte Aktionen wie die INSM, die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, die seit mittlerweile zehn Jahren mit Millionen aus der Metallwirtschaft bestimmte politische Ansichten und Deutungen pusht und, übrigens mit Jahrzehnten Verspätung, als eine Art ideologische Vorhut des Spät-Thatcherismus in Deutschland agiert. Es ist ja nicht illegal, wenn Mächtige mit viel Geld bestimmte Botschaften wie weniger Kündigungsschutz, weniger Staat, weniger Steuern ins Land hinausblasen lassen.

Problematisch ist eher, dass sich so viele Zeitungen und Medienhäuser als Partner einfanden, um dabei fröhlich mitzutun! Wenn sie die Webpage der INSM anklicken, können sie sich ansehen, welche sogenannten Qualitätsmedien, von FAZ bis Focus, von Welt bis Zeit, da schon im Boot waren bzw. immer noch sind. Da staunt man nicht schlecht. Von publizistischer Unabhängigkeit kann hier wohl keine Rede mehr sein. Zum Jahrestag des Mauerfalls 2009 wurde zum Beispiel eine Sonderausgabe von Burdas Super-Illu offenbar von der INSM gesponsert. Und die Realität im deutschen Osten mal eben zu einer Art Wellness-Paradies umgedichtet. Das geht einfach nicht. Solcher Einfluss ist mir zu dreist.

Wenn diese Initiative für Geld bei kommerziellen Blättern Meinungsfläche okkupiert, ist das heikel, aber aus einer gewissen Logik heraus verständlich. Haben Sie aber eine Erklärung dafür, warum die Herren der INSM im öffentlich-privaten Fernsehen sitzen?

Tom Schimmeck: Dass die gleichen neoliberalen Nasen, die ja, wenn man sich die Krisen der letzten Jahre ansieht, mit ihren Patentrezepten gerne auch mal kapital falsch liegen, bis heute in allen gängigen TV-Ritualrunden aufkreuzen dürfen, kann man eigentlich nur noch mit der geringen geistigen Durchdringungstiefe der Gestalter dieser Sendungen erklären.

Teil 2: "Recherche wird bestraft"

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