Geo-Engineering: Keine Ausflüchte mehr

29.06.2010

Die Energie- und Klimawochenschau: Das Geo-Engineering im Meer ist gescheitert und die Verpressung von CO2 in den Untergrund vergiftet das Trinkwasser. Das Greenwashing des "Weiter so wie bisher" steht vor dem Aus

Es gibt viele Vorschläge, wie man mit Geo-Engineering, also großflächigen technischen Eingriffen in natürliche Kreisläufe, die Klimaerwärmung bremsen könnte. Einer davon wurde empirisch überprüft und nun als wirkungslos erkannt. Die Ergebnisse des Lohafex-Experiments wurden vorgestellt und sie sind enttäuschend für diejenigen, die hofften, man könne das CO2 aus Schloten und Fahrzeugabgasen auf dem Meeresgrund versenken. Und sie sind eine Erleichterung für diejenigen, die befürchteten, willkürlich Eingriffe dieser Art würden die menschengemachten Schäden am Planeten nur noch verschlimmbessern und die Umwelt endgültig ruinieren.

Das Experiment überprüfte, ob man durch künstliche Anregung des Algenwachstums das Meer als CO2-Speicher instrumentalisieren kann. Die Ergebnisse begründen nun empirisch belegt: Es funktioniert nicht. Die Idee, man könnte mit Hilfe von Algen das durch die Industriegesellschaft ausgestoßene CO2 im Meer versenken, erweist sich im Freiland-Experiment als nicht wirksam. Es wäre schön, wenn auch andere Geo-Engineering –Konzepte, etwa das geplante CCS, ebenfalls zeitnah überprüft und dann ad acta gelegt würden, doch CCS hat leider ungleich mehr Fürsprecher – dazu später mehr.

Vier von vielen Geo-Engineering-Vorschlägen. Von links oben nach rechts unten: Lohafex. Anregung der Algenvermehrung im Meer, sie sollen später auf den Meeresgrund absinken und das in ihren Körpern gebunden CO2 dort zwischenlagern - erprobt und gescheitert. Chemtrails. Vorschlag der US-Regierung, das Versprühen von Aluminium, Barium und Kunsttoffpartikeln soll Sonnenlicht reflektieren. Wolkenmacher. Künstliche Wolken sollen durch Versprühen von Wasser erzeugt werden und mehr Sonnlicht in den Weltraum zurück reflektieren. Umstellung der Verbrennungsmaschinen auf Pflanzen als Energiequelle, hier eine Palmölplantage. Wegen der Beimischungsquote für Treibstoffe und des EEGs leider ein einträgliches Geschäft. Zusammenstellung M. Brake

Am Ende steht die mögliche Beschleunigung des Klimawandels

Vor einiger Zeit wurde bekannt, dass bestimmte Meereslebewesen nach ihrem Tod auf den Grund sinken und das in ihren Körpern gebundene CO2 so für längere Zeit der Atmosphäre entziehen (Telepolis berichtete). Meere bedecken immerhin 71% der Erdoberfläche, das Potenzial erscheint also groß. Von da war es nicht mehr weit zur Idee, gleich den größten Biomasseträger des Meeres, das Plankton, als CO2-Deponie einzusetzen.

Mit einem Forschungsschiff des Alfred-Wegener-Institut wurde das Konzept 2009 im Rahmen des deutsch-indischen Lohafex-Experiment im Südpolarmeer getestet. Der Name leitet sich von dem Hindi Wort Loha für Eisen ab. Denn die Algen wurden mit Eisensulfit gedüngt, das ins Meer verklappt wurde. Denn in den Voruntersuchungen sprangen insbesondere Kieselalgen auf die Eisen-Düngung an. Die Algen sollten dann CO2 aus der Atmosphäre binden, Biomasse bilden und, wenn sie sterben, absinken und den Kohlenstoff mit in die Tiefsee nehmen und dort einlagern.

Gedüngt wurde mit 10 Tonnen gelöstem Eisensulfat auf 300 Quadratkilometern Meeresfläche. Unterschiedliche Algenarten wurden darauf hin untersucht, ob sie auf die Düngung in erwünschtem Maß reagieren. Aber die Ergebnisse zeigen nun, dass eine Eisendüngung nicht zu einer erhöhten Einlagerung von Kohlenstoff im Ozean führt. Die Hoffnungen auf eine einfache CO2-Entsorgung wurden somit nicht erfüllt. Mit Blick auf die Ergebnisse bewertet Karin Lochte, die Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts, den Ansatz die Meere als CO2-Lager einzuspannen, deshalb als kritisch: "Um wirklich viel CO2 binden zu können, müssen es Düngungen in einer riesigen Größenordnung sein, die dann auch negative Auswirkungen haben können. Das muss man abwägen - ist es dies wert, in Bezug auf CO2-Reduktionen in der Atmosphäre?"

Die Phytoplanktonart Ceratium pentagonum vom Eisfeld mit Diatomeen und juvenilen Copepoden im Hintergrund. Foto: M. Montresor, SZN / Alfred-Wegener-Institut

Wenn große Teile des Meeres konstant gedüngt werden, würde sich der Sauerstoffgehalt im Ozean verändert und mit ihm die Lebensbedingungen für ganze Lebensgemeinschaften. Und neben dem mengenmäßig geringen erwünschten Einlagern von Kohlenstoff würde es zur vermehrten Bildung anderer Treibhausgase kommen. Insbesondere das dabei entstehende Lachgas und Methan sind um ein Vielfaches klimawirksamer als das CO2. Treten solche Szenarien ein, gäbe es aufgrund der Überdüngung nicht nur weitere Todeszonen, wie schon jetzt vor dem Mississippi-Delta im Golf von Mexiko aufgrund der Belastung mit Kunstdünger aus der US-amerikanischen Intensivlandwirtschaft, und statt eines Abbremsens des Klimawandels wäre eine Beschleunigung durch diesen großflächigen Einsatz von Geo-Engineering die Folge.

Verseuchtes Trinkwasser durch CCS?

Ein weiterer Ansatz, das CO2 zu versenken, anstatt es zu vermeiden, sollte eigentlich noch im Juni "in trockenen Tüchern" sein. Und zwar ohne eine vorangehende empirische Überprüfung. Die Rede ist von der CO2-Verpressung in den Untergrund, CCS (Carbon Dioxide Capture and Storage) genannt. Es geht um viele Millionen Euro Fördergelder und, wie auch bei anderen "End"-Lagertechniken, um eine möglichst großzügige Haftungsfreistellung. Doch noch war der Widerstand, insbesondere aus den betroffenen Regionen, so groß, dass das CCS-Gesetz jetzt auf die Zeit nach der Sommerpause des Bundestags verschoben worden ist.

Alarm schlagen derweil die Norddeutschen Wasserwerke. Sie warnen, CCS könnte am Ende auch die Trinkwasserversorgung irreversibel schädigen. Denn der Norden und der Osten der Republik sind in besonderem Maße von den Plänen der Kohlekraftwerksbetreiber und der Politik betroffen. Wie so häufig sollen auch für diese Form der Abfall-"Entsorgung" wieder dünnbesiedelte Regionen, in Schleswig-Holstein und in Brandenburg, herhalten. Gerade die von den CCS-Befürwortern favorisierte Nutzung von Salzwasser führenden Schichten im Untergrund sei es, die das Trinkwasser gefährde.

Nach Ansicht der norddeutschen Wasserwerke stellt die Verpressung von CO2 in die Salinen Aquifere im Norddeutschen Becken ein großes Risiko für die Trinkwasserversorgung dar. Denn es drohe dadurch das extrem salzhaltige Wasser verdrängt zu werden, wodurch es zu einer Versalzung und irreversiblen Kontamination des Grundwassers mit Salz und Schadstoffen komme. Der Verband fordert die Bundesregierung daher auf, die Vorhaben zur Verpressung von CO2 im Norddeutschen Becken grundsätzlich zu beenden.

Noch ist überhaupt nicht geklärt, wie viel CO2 überhaupt aus dem Abgasstrom der Kraftwerke abtrennbar ist. Auch ist ungeklärt, wie lange das Gas im Untergrund bliebe. Und dennoch soll möglichst schnell eine gesetzliche Regelung her. Noch vor dem Vorliegen ausreichender empirischer Daten, die auch diese Form des Geo-Engineering versenken könnten. Denn es geht um viel Fördergeld. Besonders wichtig scheint den Verpressern auch eine Haftungsbefreiung für den Fall zu sein, dass Setzungen und Schäden durch künstliche Erdstöße auftreten - und für den Fall, dass das CO2 zu schnell wieder an die Oberfläche kommt. Doch sowohl aus Industrie als auch Politik ist das Interesse an CCS sehr groß, denn es bietet ihnen die Hoffnung die Klimaziele erreichen zu können, ohne wirklich etwas an der bisherigen Wirtschaftsweise ändern zu müssen.

Die Bürgerinitiative "CO2-Endager stoppen" sieht die Vertagung des CCS-Gesetzes jedenfalls als großen Erfolg der Proteste und hofft darauf, dass EU-Fördermittel jetzt nicht fließen und die CCS-Projekte deshalb ganz abgesagt werden. Vattenfall beispielsweise hatte in Erwartung auf ein schnelles CCS-Gesetz bereits Fördermittel beantragt und soll von der EU mit 180 Millionen Euro unterstützt werden. Der Energiekonzern will dafür Kohlendioxid aus Lausitzer Kohlekraftwerken bei Beeskow und Neutrebbin unter die Erde pumpen. Grund für die Eile, das CCS-Gesetz zu verabschieden, ist, dass ein gültiger Rechtsrahmen für CCS eine der Bedingungen der Europäischen Kommission für die Vergabe von Fördermitteln aus dem Emissionshandel ist.

Der Vergleich der Wirksamkeit von Umweltschutz per Verbot mit anderen Regulierungsinstrumenten zeigt, dass der vorsorgende Umweltschutz in Bezug auf Luftschadstoffe klar wirksamer ist. Trotz hohen Regulierungs- und Verwaltungsbedarfs hat das übrige Instrumentarium der Klimapolitik keine signifikante Wirkung gezeigt. Auch das Umweltbundesamt, das für Deutschland den CO2-Handel verwaltet, führt die leichten CO2-Reduktionen 2007 auf den warmen Winter und 2008 auf "die Krise" zurück. Grafik: M. Brake

Inzwischen senkte zudem auch das Bundesamt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) die Erwartungen an das Fassungsvermögen Salzwasser führender Gesteinsformationen in Deutschland stark nach unten ab. Statt 20 Mrd. Tonnen CO2 soll die Speicherkapazität nun nur noch bei 6,4 Mrd. Tonnen liegen. Doch selbst diesen Angaben scheint Vattenfall nicht zu trauen, warum sonst möchte der Energiekonzern nur 30 Jahre lang für Folgeschäden durch wieder austretendes CO2 haften? Im Jahre 2050 soll die Umstellung auf eine regenerative Energieversorgung weitgehend vonstatten gegangen sein. Es wäre ein Treppenwitz der Geschichte, wenn genau dann das CO2 des fossilen Zeitalters wieder an die Oberfläche tritt.

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