Ölpest im Golf von Mexiko: Die Katastrophe nach der Katastrophe

06.07.2010

Experten rechnen mit Folgeschäden für die Meeresfauna und die Salzmarschen über Jahrzehnte

Selbst BP-Chef Tony Hayward, der sich am 18. Juni den kritischen Fragen der Abgeordneten im US-Unterausschuss des Energieausschusses im Repräsentantenhaus stellte, zeigt sich vor laufenden Kameras am Strand von Louisiana sehr skeptisch. An Land sei ein Ölloch leichter zu stopfen als in der Tiefsee, so Hayward.

Der Golf ist 4.375 Meter tief. Nicht nur, dass das Anzapfen der Ölfelder in Tiefen von rund 1,5 Kilometern technisch aufwendig und risikoreich ist, da der Druck mit steigender Wassertiefe nach dem Äquivalenzprinzip zunimmt. Kürzlich enthüllte die New York Times, dass am Bohrloch eine zu schwache Metallverschalung vorlag. Nach dem Motto: Je billiger die technische Ausrüstung, um so höher sind die Gewinne.

Satellitenbild von der Ölpest im Golf von Mexiko vom 27.Juni. Bild: Nasa

Wegen der schlechten Metallabdichtung, des hohen Drucks in der Tiefe von 1.600 Meter im Mississippi Canyon und dem Versagen der Sicherheitsventile kam es bei der Anzapfung des Feldes zum Austreten einer 11 Meter hohen Methan-Wolke, wodurch die Bohrinsel explodierte. 11 Menschen verloren ihr Leben. Seitdem treten nach Schätzungen der US-Regierung 20-40 Tausend Barrel Öl (1 Barrel entspricht 158 Liter) pro Tag aus dem Loch aus, wie das amerikanische Magazin Nature Geoscience am 3. Juli berichtet.

Die Ölwolken bilden sich seit dem Unglück von vor zwei Monaten unter Wasser in einer Dimension von 100 Metern und haben bereits die Feuchtgebiete an der Mississippi-Mündung und die Küste Louisianas erreicht. Gefährdet sind nun die Küsten Floridas, Alabamas und Texas. Können sich Tiere vor der schwarzen Pest unter Wasser, die dann das Leben an den Küsten mit einer braun-rötlich schmierigen Schicht erstickt, retten?

Meeressäuger und Fische umschwimmen Ölteppiche

"Meeressäuger wie Delfine und Wale können vor Ölteppichen wegschwimmen oder sie großflächig umschwimmen", erklärt Uwe Krumme vom ZMT (Leibniz-Zentrum für Marine Tropenökologie) in Bremen. Deshalb beobachten Fischer an der Küste Floridas derzeit die Zunahme der Fischschwärme.

Das Öl hinterlässt seine Spuren. Ölreste auf der Haut eines Delfins perlen zunächst ab, wenn sich das Tier rechtzeitig in saubere Gewässer flüchten kann. Die Gewässer am Golf von Mexiko sind jedoch sehr fischreich. Touristen berichten, man habe den Eindruck, das Wasser koche regelrecht, so viele Fische tummeln sich unter der Meeresoberfläche. Ähnlich wie im Wattenmeer gibt es an der Flussmündung zum Mississippi-Delta viele Nährstoffe. Und obgleich auch Delfine über ihre Sinnesorgane Öl nicht riechen oder als Reiz wahrnehmen können, atmen sie Sauerstoff und sind im sauerstoffarmen Gewässer nicht gleichermaßen gefährdet wie die Fische.

Vor allem Haien wie dem gräulich, bläulich, bräunlichen Walhai sowie den Thunfischen kann es passieren, dass sie in mehrere Ölteppiche mit wenig oder überhaupt keinem Sauerstoff geraten und ersticken. Denn wegen des starken Nahrungsreichtums ist der Golf von Mexiko ohnehin schon sauerstoffarm. Bakterielle Abbauprozesse innerhalb der Ölteppiche verstärken das Phänomen und zehren den kostbaren Sauerstoff auf. Die ohnehin schwer zu erforschenden sensiblen Bestände der Tiefseehaie und Tiefseefische sind durch die Katastrophe noch stärker vom Absterben betroffen.

Ähnlich kann es den Schwarmfischen ergehen. Zu ihnen gehören Barsche, Meerforellen, Barracudas, die im flachen Gewässer oder an der Oberfläche von öligen Unterwasserwolken, die fein zerstäubt oft ganze Gebiete umfassen, eingeschlossen werden. Doch Fischsterben auf See ist nicht unbedingt sichtbar. Denn die toten Fische würden nur kurzzeitig zur Oberfläche treiben, bis die Schwimmblase von Bakterien zersetzt sei, um dann zum Meeresgrund abzusinken, so Uwe Krumme.

Die Ölkatastrophe wirke sich vor allem auch auf die Nahrungskette aus und verschmutze die Schlamm- und Sandbänke, die Garnelen- und Krabbenfischerei sowie die Algen- und Seegrasfelder im küstennahen Flachwasser. Betroffen hiervon sind zudem die Wasserschildkröten, die sich zwar mit ihrem Panzer gegen das toxische Öl schützen können, jedoch das Gift im Seegras über die Nahrungskette aufnehmen. Da sie bis zu 20 Minuten im sonst kristallblauen Wasser tauchen, verschleimen die Augen und die schwarze Pest dringt über die Hautporen in den Körper.

Das Öl gefährdet auch die Legeplätze der Schildkröten. Biologen graben derzeit die Nester mit rund 70.000 Eiern aus, um sie vor dem Gift zu schützen. Die Eier sollen in riesige Brutkästen gebracht werden und sobald die Jungen geschlüpft sind, an die noch saubere Ostküste Floridas mit Hilfe der NASA gebracht werden. Experten schätzen, dass die jungen Schildkröten über 35 Jahre nicht mehr in den Golf zurückkehren können. Ob sie sich an die neuen Gewässer gewöhnen, ist fraglich. Unklar sei ebenso, ob sie nicht automatisch in den Golf zurück schwimmen.

Keine Küstenreinigung als "best practice"

Obgleich Hayward nach seiner Anhörung vor dem US-Unterausschuss einen 20 Milliarden Dollarscheck für Reinigungsarbeiten zückte, den gesamten Jahresgewinn von BP, um die US-Bundesstaaten mit jeweils 20 Millionen Dollar zu unterstützen, warnen Experten vor der Säuberung der Salzmarschen entlang des Mississippi-Deltas.

Uwe Krumme etwa rät von einer großflächigen Säuberung der sensiblen Feuchtgebiete an den Küsten ab. Die Helfer würden im vom Menschen unberührten Gebiet alles kaputt treten. Tragen sie dann noch die ölverschmierte Bodenschicht bis zu 20 Zentimeter ab, zerstören sie lebenswichtige Organismen und Kleinstlebewesen im Boden. Das ökologische Gleichgewicht kippe doppelt.

Bakterielle Reinigung der See?

Grundsätzlich kommen am Golf von Mexiko mehr Erdöl abbauende Bakterien als in anderen Gewässern vor. Sie sind sogenannte Spezialisten und leben in Hunderten von Arten im Wasser. Denn durch die ständigen Tiefsee-Bohrungen tritt immer etwas Öl aus, das die Bakterien mit Hilfe von Sauerstoff und Sonnenlicht und besonderen Enzymen in Fettsäuren verwandeln. Infolge der hohen Wassertemperatur von rund 28 Grad Celsius in der oberen Wassersäule und des reicheren Nahrungsangebots vermehren sie sich schneller und zersetzen einen Tropfen Öl in kürzerer Zeit als bei niedrigen Temperaturen in der Arktis.

Antje Boetius vom Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologie in Bremen erforschte den Meeresboden in der Nähe natürlicher Erdölquellen. Dabei beobachtete sie "eine ganz eigene Lebewelt mit besonderen Tierformen". Am öligen Grund fand sie Kaltwasserkorallen, Krustenschwämme und Muscheln.

Doch was in natürlicher Form Meerwasser, Strände, Böden und Binnengewässer vor Verschmutzung durch Öl bewahrt, braucht besondere Lebensbedingungen: eine bestimmte Mineralienkonzentration aus Stickstoff, Phosphat und Eisen im Meerwasser, viel Sauerstoff oder Wasser, das Sauerstoff transportiert, erklärt Friedrich Widdel, ebenfalls am Max-Planck-Institut für Marine Mikrobiologe. Bei einer Ölkatastrophe tritt vor allem Öl ins saubere Wasser und verdrängt den Sauerstoff und auch das Wasser, da sich Öl in Wasser nicht löst. Die Erdöl abbauenden Bakterien überleben im Ölteppich dann nur an der Meeresoberfläche, nicht aber in den schwarzen Teppichen der ohnehin sauerstoffarmen Tiefen. Die ungünstigen Überlebensbedingungen während einer Ölkatastrophe in der Tiefsee schließen somit den Einsatz von Millionen im Labor gezüchteter Reinigungsbakterien aus, so Widdel.

Neueste Studien über ökologische Langzeitfolgen nach Tankerunglück der Exxon Valdez am 24. März 1989

Nach dem Tankerunglück im Prince William Sound 1989 sind 42 Millionen Liter Öl ins Meer gelaufen. Das Öl verschmutzte die Küsten in 750 Kilometer Entfernung bis zur Halbinsel von Alaska. Das Institut für Meereswissenschaften von der Universität North Carolina, das wissenschaftliche Fischereizentrum von Alaska und andere Institute haben dann die langfristigen Auswirkungen der Ölkatastrophe in einem Zeitraum von 14 Jahren erforscht. Die Studienergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler Peterson, Rice, Short u.a. in der Zeitschrift Science. Sie sind die bisher einzig verlässlichen Informationen der langfristigen ökologischen Folgen einer Ölkatastrophe.

Das aus der Exxon Valdez ausgelaufene Öl wurde über 10 Jahre nicht abgebaut und hat sich auch in seiner toxischen Form erhalten. 2.800 Seeotter und 25.000 Seevögel starben unmittelbar nach dem Ölaustritt. Ein Teil des Öls kam in die Muschelbänke und von da aus in die Nahrungskette. Es gelangte auch in die Laichgebiete der Lachse und hat die Fischembryonen bis 1993, vier Jahre nach der Katastrophe, getötet. In der Folge vermehrten sich die Herings- und Lachsschwärme kaum.

Auch die Seeotterbestände haben sich bis zum Jahr 2000 nicht erholt und halbierten sich in der Zahl. Seevögel fütterten die Jungen mit verölten Muscheln, so dass sie auf kleineren Eiern brüteten und ihre Jungen bis 1992 kleiner als gewöhnlich waren.

Trotz der unübersehbaren Langzeitfolgen einer Ölpest sowie der technischen wie ökologischen Risiken der Ölförderung zeigen sich die US-Politik wie Wirtschaft nicht bereit, Tiefseebohrungen einzuschränken und mit hohen Sicherheitsauflagen abzusichern. Barack Obama ist zwar ein US-Präsident, der die Probleme der Ölförderung anspricht, sich aber offenbar vom Öl genauso wenig wie seine Vorgänger Carter, Reagan, Clinton und Bush verabschieden will.

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