Photovoltaik: Die Sonne darf weiter scheinen
Die Energie- und Klimawochenschau: Die Entscheidung über die Kürzung der Solarstrom-Tarife ist gefallen
Viel Lärm um was? Der Vermittlungsausschuss zur Photovoltaik hat sich auf einen Kompromiss im Streit um die Kürzung der Solarstrom-Einspeisevergütung geeinigt. Nachdem auch Bayern und die ostdeutschen Länder den Kompromiss mittragen, einigte man sich am Ende auf eine nur zeitlich etwas gestreckte Variante der bereits Mitte Juni angekündigten Kürzungen.
Die Einspeisevergütung wird nun zeitlich gestaffelt reduziert. Rückwirkend zum 1. Juli um 13 Prozent für Aufdachanlagen, um 12 Prozent für Freiflächenanlagen und um 8 Prozent für Anlagen auf Konversionsflächen und für alle Anlagentypen zum 1. Oktober um weitere 3 Prozent. Am Freitag soll dann der Bundesrat die Regelung endgültig absegnen. Damit verebbt die monatelange, teils schrill geführte Debatte wie ein Sturm im Wasserglas. All das wäre nicht nötig gewesen, wenn das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) nicht als Bühne zur Selbstdarstellung umfunktioniert worden wäre. Denn es sieht ohnehin eine Orientierung der Einspeisetarife an den tatsächlichen Marktpreisen vor - und diese hätte auch bei der regulären jährlichen Degressionsfestsetzung stattfinden können.
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| Bild: Solvis |
Am Ende machen die reguläre Solarstrom-Kürzung zum Jahresbeginn, die Extrakürzung zur Jahresmitte und die zukünftig beschleunigte Degression in der Summe fast die, bereits im letzten Herbst "angedrohten" 30 Prozent Kürzung aus. Aber die monatelange EEG-Debatte hat auch eine gute Seite. Sie zwang zum Position Beziehen, zeigte den Stellenwert der Photovoltaik in den Regionen und ihre zukünftige Rolle zur regenerativen Energieversorgung. Im Ergebnis hat die Kürzungsdebatte der Photovoltaik (PV) so nicht geschadet, sondern ihre Position eher noch gestärkt.
Programmatisch war Norbert Röttgen im letzten Herbst mit dem "Wahlversprechen" angetreten, die PV-Einspeisevergütung zurechtzustutzen. Gleich um ein Drittel sollte gekürzt werden, und zwar zusätzlich zu den ohnehin stattfindenden regelmäßigen Degressionsschritten zum Jahresende. Einige Bundesländer, allen voran Bayern, hatten zuerst ins selbe Horn gestoßen, die Jagd auf das EEG schien eröffnet. Besonders die Freiflächenanlagen wurden als neue "Gefahr für das niederbayerische Landschaftsbild" und als Preistreiber der Nahrungsmittelproduktion ausgemacht. Und es schien so, als stünde die kostendeckende Vergütung und mit ihr das ganze EEG zur Disposition.
Doch in der Debatte zeigte sich dann, dass Freiflächenanlagen keineswegs bevorzugt auf Äckern errichtet werden, Rheinland-Pfalz sah seine mittelständischen Solarzulieferer und -installateurbetriebe in Gefahr und mehrere ostdeutsche Bundesländer riefen Halt, denn es stand zu befürchten, dass ihr gerade erst ausgerufenes "Solar Valley" nun einem zweiten Industriesterben zum Opfer fallen sollte.
Modulpreise sind nicht Anlagenpreise
Die knapp eineinhalb Prozent, die PV derzeit zum Stromverbrauch beiträgt, erscheinen auf den ersten Blick immer noch mini. Doch in den ersten 10 Jahre nach Einführung der kostendeckenden Einspeisevergürung per EEG im Jahr 2000 mussten erst einmal ganz neue Industriezweige für diese flächenorientierte Art der Energiegewinnung aufgebaut werden.
Der sich beschleunigende Zubau an PV-Leistung zeigt, dass die Hemmschuhe (Siliziumkrise, Fertigungskapazitäten) erst jetzt wirklich beseitigt sind. In der Folge sanken die Großhandelspreise für kristalline Module aus Europa und Japan schon im vergangenen Jahr um 35 Prozent. Auch kristalline Module aus China wurden im Jahresvergleich um 45 Prozent billiger. Die Preise für CdS/CdTe-Dünnschichtmodule sanken um 20 und amorphe und mikrokristalline Dünnschichtmodule um 34 Prozent. Nach Angaben des Helmholtz-Zentrums Berlin folgen die Modulkosten einer Art "Lernkurve". Eine Verdoppelung der kumulierten Produktionsmenge führe zu sinkenden PV-Modulkosten um -15-20 Prozent.
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Bei den siliziumbasierten Modulen spielt vor allem der Preisverfall für das Halbleitermaterial die Hauptrolle. Der Preis für Polysilizium fiel auf ein Sechstel der 2008er Preise auf 55 Dollar pro kg. Nach einem Bericht von Solarserver will der chinesische Hersteller Yingli 2011 für unter 25 Dollar pro kg liefern – ergänzt wird das noch durch Neuentwicklungen bei der Modulproduktion selbst, die mit immer weniger Material auskommt. Auch die Preise für Aufdach-PV-Anlagen verbilligten sich entsprechend von 2008 bis 2010 von 4.300 Euro/Kilowatt-Peak (kWp) auf 3.000 Euro/kWp und der Preisverfall wird weitergehen. Bis 2020 wird mit einer weiteren Halbierung auf 1.500 Euro/kWp gerechnet. Die Anpassung der Vergütungssätze geht also im Prinzip klar, nicht jedoch, dass sie teilweise wie ein Bildersturm auf das System der kostendeckenden Vergütung von EEG-Strom inszeniert wurde.
Die gefundenen PV-Kompromisse sehen im Ergebnis weniger nach einer Begrenzung von (Freiflächen)-Anlagen, sondern vielmehr nach einer klareren Definition und sogar Ausweitung in Frage kommender Flächen aus. Der Beschluss sieht jetzt im Wesentlichen vor:
Zweistufige Absenkung der Vergütung für Gebäudeanlagen um 13 Prozent zum 1. Juli und weitere 3 Prozent zum 1. Oktober 2010. Für Anlagen auf den unterschiedlichen Freiflächen (Konversionsfläche, an Autobahnen etc.) um 11 bis 15 Prozent.
Streichung des Vergütungsanspruchs für neue Anlagen auf ehemaligen Ackerflächen. Andererseits aber auch die Ausweitung des Begriffs "Konversionsfläche" um ehemalige Verkehrs- und Wohngebietsflächen.
Einführung des Vergütungsanspruchs für PV-Anlagen in einer Entfernung von bis zu 110 m entlang von Autobahnen und Bahnstrecken und in Gewerbe- oder Industriegebieten.
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| Bereits zum 1. Januar 2010 waren die Vergütungen für Dachanlagen um 9 und für Freiflächen um 11 Prozent gesenkt worden. Die Extra-Kürzungen für PV-Anlagen sollen nun rückwirkend ab erstem Juli 2010 und für Freiflächenanlagen zum ersten Oktober 2010 gelten. Für neue Freiflächenanlagen auf Ackerflächen wird es keine Vergütung mehr geben, allerdings werden weitere Freiflächen vergütungsberechtigt, u.a. solche entlang der Autobahnen und Bahntrassen. |
Solardächer sollen 40 Prozent des Stroms in Europa liefern
Der Verband der europäischen Photovoltaik-Industrie (EPIA) rechnet mit weiter sinkenden PV-Anlagenpreisen, zukünftig ausreichenden Produktionskapazitäten und der Wirksamkeit der politischen Vorgaben der EU. Der EPIA schlägt deshalb vor, dass die solargeeigneten Dächer und Fassaden in Europa mit Solarpaneelen ausgestattet werden sollen. Das würde dann jährlich 1400 TWh Solarstrom liefern, was 40 Prozent des Energiebedarfs des Kontinents entspricht. Durchschnittlich 40 Prozent aller Gebäudedächer und 15 Prozent aller Fassaden sollen laut EPIA solargeeignet sein. Auf die EU bezogen, würde das eine Fläche von 22.000 Quadratkilometern ausmachen. Das klingt viel, aber die Dächer sind ja bereits vorhanden und müssen nicht erst noch gebaut werden. Ein hehres Ziel, sicher, aber die Voraussetzungen für seine Umsetzung waren noch nie so gut wie jetzt.
Vor allem auch den Gebäudefassaden kann zukünftig eine größere Bedeutung zukommen. Denn bisher wurde besonders der Ertrag von fassadenintegrierten PV-Anlagen systematisch unterschätzt. Das Institut für technische Innovationen (TEC) hat ein Jahr lang nachgemessen. Der Hintergrund der Testreihe war die These, dass durch Hinterlüftung gekühlte Module einen höheren Energieertrag erzielen als nicht hinterlüftete Module. Dabei stellte sich heraus, dass der Mehrertrag durch das Hinterlüften von Modulen im Durchschnitt in den Sommermonaten gerade mal 1 Prozent beträgt und aufs ganze Jahr bezogen sogar nur 0,3 Prozent.
Diese Ergebnisse kommen der weiteren Solarintegration in Gebäude sehr zu pass. Denn nach der vom Europäischen Rat beschlossenen Gebäuderichtlinie müssen ab dem Jahr 2020 alle EU Mitgliedsstaaten neue Gebäude "nearly-zero energy buildings" sein. Bis Mitte 2011 müssen die EU Mitgliedsstaaten nun Förderprogramme erarbeiten, wie sie die Richtlinie umzusetzen gedenken. Und bereits ab 2018 müssen alle öffentlichen Neubauten "nearly-zero" sein. Als Folge wird auch die gebäudeintegrierte Photovoltaik an Bedeutung gewinnen. Insbesondere Hochhäuser mit ihrem relativ geringen Dachfläche-Anteil werden dann die Fassadenflächen zur Energiegewinnung mit einbeziehen müssen. Das führt zu weiteren Kostenvorteilen, denn bereits heute machen bei aufgeständerten PV-Anlagen die Modulkosten ca. 75% der Gesamtkosten aus, bei gebäudeintegrierten Anlagen sind es dagegen nur 38 Prozent.
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| Steigende Installationszahlen korrelieren mit sinkenden Kosten für Module und Anlagentechnik. Das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE ermittelte einen durchschnittlichen "Lernfaktor" von 15-20 Prozent Preisreduktion je Verdoppelung der global installierten PV-Leistung. |
Neujustierung des PV-Marktes weltweit
Das Worldwatch Institute schätzt, dass 2009 weltweit 7.300 MW Photovoltaik-Leistung neu installiert wurden, das sind 20 Prozent mehr als 2008. Die kumulierte PV-Leistung lag damit Ende 2009 bei mehr als 21000 MW. Zur Zeit erfolgt europa- und weltweit eine Neuausrichtung der Politik gegenüber der Photovoltaik. Einige Länder korrigieren die Höhe der Einspeisevergütung nach unten, andere starten jetzt erst durch und wollen aufholen:
Italien gehört wegen seiner intensiven Sonneneinstrahlung, der relativ hohen Einspeisevergütung und hohen Preisen für konventionellen Strom zu den attraktivsten Photovoltaik-Standorten weltweit. Nach einem neuen Gesetzentwurf sollen die Einspeisetarife für Photovoltaik im kommenden Jahr um insgesamt 18 Prozent gekürzt werden und zwar alle vier Monate um sechs Prozent.
Österreich stellt noch eine Art Schlusslicht in Europa dar. Bisher wurden die Wasserkraft und die Waldwirtschaft (Holzpellets) als Alibi für das Engagement in die Erneuerbaren hochgehalten. Doch in der PV wurden 2009 nur 19,9 MWp Anlagenleistung gebaut – zum Vergleich, in Deutschland waren es im gleichen Zeitraum 3.000 MWp. Selbst der Nachbar Tschechien brachte es auf 700 MWp. Die Photovoltaik-Förderung ist über das Ökostromgesetz gedeckelt. Ein 35 Mio. Euro Programm soll jetzt 5.500 neue PV-Anlagen auf Gebäude bringen und es gibt Boni für die Fassadenintegration.
USA: Anders als in Deutschland, wo Freiflächenanlagen zeitweise verfemt waren, will die US-Regierung gerade auf sie setzten, um die PV-Ausbauziele zu erreichen und zu beschleunigen. Allein das staatliche Bureau of Land Management verwaltet mehr als 245 Mio. Hektar und hat dafür jetzt günstige Pachtsätze festgelegt, durch die der Bau von großen Solarkraftwerken attraktiv gemacht werden soll. Die Pacht setzt sich dabei aus einer Basis-Miete und nach der Inbetriebnahme der Anlage einer Abgabe je nach installierter Leistung zusammen. Dies soll dazu führen, dass das Land möglichst effizient für PV genutzt wird.
Spanien: Etwas chaotisch und hoch her geht es in Spanien zu. Lukrative Einspeisregelungen einerseits und laxe Kontrollen andererseits hatten dazu geführt, dass findige Anlagenbetreiber das Inbetriebnahmedatum vorverlegten. Teilweise soll sogar von Dieselaggregaten erzeugter Strom als Solarstrom eingespeist worden sein. Für die betreffenden Anlagen soll es zukünftig nur noch Marktstrompreise und keine kostendeckende Vergütung mehr geben. Außerdem müssen die aufgeflogenen Betreiber sämtliche Fördermittel plus Zinsen zurückzahlen.
Ansonsten dauert die Debatte um PV-Kürzungen in Spanien weiter an. Der spanische Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero ist um Schadensbegrenzung bemüht. Er sprach von einer Vergütungsgarantie für bestehende Solarparks und hat eine rückwirkende Änderung der Einspeisevergütung für Solarkraftwerke ausgeschlossen. Ein entsprechender Gesetzentwurf des spanischen Industrieministers Miguel Sebastián sei damit hinfällig. Die spanischen Solarunternehmen scheinen solchen Ankündigungen aber nicht zu trauen. Der Solar-Verband Asociación Valenciana de Empresas del Sector de la Energía beauftragte vorsorglich eine Anwaltskanzlei und droht mit Klage, sollte eine Kürzung doch rückwirkend beschlossen werden.
Frankreich: Jahrzehntelange Abhängigkeit von einer dominierenden Energiequelle, der Kernkraft, macht anscheinend Angst vor Neuem. Den Bonmot zur PV liefert deshalb Marcelle Bellon, die Präsidentin des französischen Netzbetreibers ERDF. Sie befürchtet, der Ausbau der Photovoltaik in Frankreich (2009 150 MWp!) könnte das französische Stromnetz zusammenbrechen lassen.
- Re: Weil es noch nicht notwendig ist und Geld kostet (31.8.2010 11:06)
- Re: Was ist eine Tagesspeicherung von 1GW? Wie speichert man überhaupt Leistung? (19.7.2010 9:41)
- Re: Wen interessieren 20 Mio. E-Autos? Bis 2020 bestenfalls 1 Mio. (9.7.2010 18:00)
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