Fragwürdige Aufklärung

07.07.2010

Fünf Jahre nach den Londoner Anschlägen

Die Bombenanschläge auf das Londoner Verkehrssystem vom 7. Juli 2005 (Angriff auf London) werden meist in einem Atemzug mit dem 11. September 2001 genannt - als Symbol einer allgemeinen terroristischen Bedrohung des Westens. Dabei ist "7/7" - so die häufige Abkürzung der Londoner Anschläge anhand des Datums - ebenso wie "9/11", bis heute immer noch in weiten Teilen unaufgeklärt. Die offziellen Berichte des britischen Innenministeriums und des parlamentarischen Geheimdienstausschusses ließen mehr Fragen offen, als sie beantworteten. Und weitere öffentliche Untersuchungen fanden bisher nicht statt. Im Folgenden daher der Versuch, zum fünften Jahrestag des Anschlags einige wesentliche Fakten zu rekapitulieren.

Während der ersten Tage des Juli 2005 war London noch belebter als sonst - und voller Euphorie. Am 6. Juli wurde bekannt gegeben, dass die britische Hauptstadt den Wettbewerb um die Austragung der Olympischen Spiele 2012 gewonnen hatte. Außerdem fand vom 6. bis 8. Juli das G8-Treffen im schottischen Gleneagles statt. Die führenden Staats- und Regierungschefs hatten vor, diesmal vor allem über die Probleme der Erderwärmung und Hilfe für Afrika zu sprechen. Aus diesem Anlass fanden im Vorfeld in mehreren Weltstädten riesige "Live 8"-Konzerte statt, mit denen öffentlicher Druck auf die Politiker aufgebaut werden sollte. Dutzende Weltstars von U2 bis Madonna traten dort auf. Allein im Londoner Hyde Park waren am 2. Juli mehr als 200.000 Menschen versammelt. Sogar UN-Generalsekretär Kofi Annan dankte den Musikern für ihr Engagement: "Ich glaube, dass Ereignisse wie diese wirklich dazu beitragen können, die Welt zu verändern." In dieser Situation gingen am 7. Juli, mitten während des G8-Gipfels, die Bomben hoch. Augenblicklich beherrschte der Terrorismus wieder die Schlagzeilen.

Die vier nahezu gleichzeitigen Anschläge in drei Londoner U-Bahnen und einem Bus kosteten über 50 Menschen das Leben, mehr als 700 wurden verletzt. Die Ereignisse von 7/7 waren damit die verheerendste Bombenattacke in der Stadt seit dem Zweiten Weltkrieg. Und genau wie schon ein Jahr zuvor in Madrid, traf es wieder wahllos einfache Reisende, was ein allgemeines Gefühl von Angst und Ohnmacht hervorrief ("Evil Ideology").

Nach Angaben der Londoner Polizei detonierten die drei Sprengsätze in den U-Bahnen innerhalb von 50 Sekunden um 8.50 Uhr Ortszeit. Die Bombe im Bus explodierte etwa eine Stunde später um 9.47 Uhr. Das komplette U-Bahn-System wurde daraufhin stillgelegt - die Stadt stand vor einem Verkehrsinfarkt.

Was die Täter anging, ließ Außenminister Jack Straw noch am selben Tag verlauten, dass alle Anzeichen auf das islamistische Netzwerk Al-Qaida deuten würden. Der Londoner Polizeichef Ian Blair bestätigte dies. Bald vermeldeten die Ermittler dann, dass die Anschläge von vier britischen Muslimen begangen worden seien, die den Sprengstoff in ihren Rucksäcken transportiert hätten. Großbritannien wäre somit zum ersten Mal von Selbstmordattentätern heimgesucht worden. Das Wort vom "homegrown" - also in der Heimat gewachsenen - Terror machte die Runde ("British born bombers").

Eine Übung als Drehbuch?

Wie sich herausstellte, war mit einem solchen Anschlag gerechnet worden. Und zwar nicht nur allgemein, sondern sehr konkret. Im Mai 2004 hatte die BBC nämlich in ihrer Fernsehreihe "Panorama" eine prophetische Sendung ausgestrahlt. Unter dem Titel "London under attack" wurden darin die Auswirkungen eines hypothetischen Anschlags von einer Reihe hochgestellter Experten diskutiert - ein Jahr vor den realen Attentaten. Ziel der Dokumentation war es, bestehende Notfallpläne der Regierung auf ihre Praxistauglichkeit zu prüfen. Innerhalb der Sendung wurden immer wieder fiktive Fernsehberichte eingespielt, die den Anschein der Realität des gedachten Anschlags erhöhen sollten. Darin hieß es zum Beispiel, dass zwischen 8 und 9 Uhr Morgens drei Bombenanschläge auf die Londoner U-Bahn verübt worden seien. Sowohl Uhrzeit als auch Ort und Anzahl der fiktiven Anschläge stimmten exakt mit der Realität ein Jahr später überein. Ein seltsamer Zufall. Zu den Experten, die dort vor laufender Kamera ihre Strategien und Reaktionsmöglichkeiten im Falle eines solchen Terroranschlags diskutierten, gehörten David Gibertson, Ex-Chef der Londoner Polizei, Crispin Black, hochrangiger Ex-Geheimdienstoffizier, Michael Portillo, Ex-Verteidigungsminister, Lance Price, Ex-Kommunikationschef und Sonderberater von Tony Blair, sowie Peter Power, ein Ex-Beamter in Scotland Yards Antiterror-Einheit.

Eine Riege politischer Schwergewichter mit einer Menge Insiderwissen saß also zusammen, um einen Anschlag zu diskutieren, der auf genau gleiche Weise ein Jahr später Realität wurde. Wäre dieses Treffen nicht für das Fernsehen produziert und öffentlich ausgestrahlt worden, würde es wohl als Indiz einer Verschwörung betrachtet werden können.

Peter Power, einer der Teilnehmer der BBC-Sendung, tauchte dann ein Jahr später am Abend von 7/7 wieder im Fernsehen auf. Dort erklärte er, am Morgen des Tages zeitgleich zum Anschlag eine "Krisen-Übung" durchgeführt zu haben, deren Szenario dann - auch für ihn überraschend - plötzlich Realität wurde. Mit der Übung sei seine Sicherheitsfirma "Visor Consultants" betraut gewesen und es sei darin um "simultane Bombenanschläge auf U-Bahn-Stationen" gegangen. Am selben Morgen? Handelte es sich um einen weiteren Zufall? Power bewertete es so, räumte jedoch ein, dass auch ihm ob der Gleichzeitigkeit der Ereignisse "die Haare zu Berge" gestanden hätten. In wessen Auftrag seine Firma die Übung durchgeführt hatte, gab er vorerst allerdings nicht preis. Erst Jahre später enthüllte Power eher nebenbei, dies sei auf Wunsch des milliardenschweren Medienkonzerns "Reed Elsevier" geschehen. Im Übrigen würden solche Tests regelmäßig stattfinden, daran sei nichts ungewöhnliches. Ein seltsamer Beigeschmack aber blieb. Und Erinnerungen an die simultanen Militärübungen vom Morgen des 11. September 2001 wurden wach. Auch im Falle des Flugzeugcrashes im Pentagon hatte es im Jahr vorher eine exakt passende Übung gegeben.

Die Bomben

Die Erklärungen der Behörden zur Herkunft des verwendeten Sprengstoffs und zur Konstruktion der Bomben blieben widersprüchlich. Zuerst hieß es, alle drei Bomben in den U-Bahnen seien mit einem Zeitzünder zur Explosion gebracht worden. Mehrere offizielle Quellen gaben weiterhin an, der verwendete Sprengstoff stamme aus Militärbeständen.

Diese Informationen wurden im Laufe weniger Wochen ohne nachvollziehbare Begründung in ihr Gegenteil verkehrt. Nun hieß es aus Polizeikreisen plötzlich, die Bomben seien aus frei verfügbaren Materialien gebastelt und von den Attentätern selbst mit einem manuellen Schalter gezündet worden.

Attentäter und Geheimdienste

Die Untersuchungen ergaben auch, dass einer der vier angeblichen Attentäter bereits im Jahr zuvor im Visier des britischen Geheimdienstes MI5 gestanden hatte. Mohammad Sidique Khan war bei Ermittlungen in Zusammenhang mit geplanten Terroranschlägen verhört worden. Und ein weiterer, Jermaine Lindsay, war bei einer Reise nach Amerika auf Bitten britischer Behörden sogar vom FBI überwacht worden. Obwohl er sich auf einer Liste gesuchter Terroristen befand, konnte er die USA betreten. Bei seiner Rückkehr nach Großbritannien verlor der britische Geheimdienst dann angeblich seine Spur. Wie der Mirror außerdem berichtete, konnte ein weiterer Al-Qaida-Mann unmittelbar vor den Attacken ungehindert ein- und ausreisen - obwohl er auf einer Beobachtungsliste des Auslandsgeheimdienstes MI6 stand.

Diese Vorfälle wurden von offizieller Seite nie schlüssig erklärt. Einige Ermittler und auch Journalisten begannen nun nachzufragen: "War es Selbstmord? Warum kauften sie Rückfahrscheine? Warum waren die Bomben in Taschen und nicht an ihrem Körper? Die Attentäter wurden möglicherweise getäuscht, damit ihre Geheimnisse verborgen blieben. Die Polizei und MI5 untersuchen, ob den vier Männern von ihrem Al-Qaida-Kontaktmann gesagt worden ist, dass sie nach dem scharfmachen der Zünder Zeit zum flüchten hätten. Stattdessen explodierten die Bomben sofort. Die Männer trugen außerdem ihre persönlichen Papiere und Kreditkarten bei sich. Selbstmordattentäter entledigen sich normalerweise von identifizierenden Dingen."

In der Tat stellte sich die grundsätzliche Frage nach der Plausibilität eines Selbstmordanschlags. Bei mit Zeitzünder geschalteten Bomben in Rucksäcken wäre schließlich keiner der Täter genötigt gewesen, sein Leben zu opfern.

Al-Qaida, Al-Muhajiroun, MI6

Zwei Wochen nach den Anschlägen wurde dann einer der Hintermänner verhaftet. Nach einem Bericht der Times hatte der 30-jährige Haroon Rashid Aswat wenige Stunden vor den Explosionen mit allen vier vermeintlichen Tätern telefoniert und dann eilig Großbritannien verlassen. Aswat habe während seines zweiwöchigen Aufenthalts in Großbritannien alle vier Männer auch persönlich getroffen und außerdem die Ziele in London ausgesucht. Er sei westlichen Geheimdiensten zudem seit mehr als drei Jahren bekannt.

Der New York Times vom 29. Juli 2005 zufolge hatten die USA interessanterweise bereits einige Wochen vor den Londoner Anschlägen geplant, Aswat festzusetzen - die britischen Behörden hatten dies jedoch abgelehnt. Im Lichte seiner Schlüsselrolle bei den Terrorplanungen war dies eine überaus brisante Enthüllung.

Am gleichen Tag sendete der konservative amerikanische TV-Sender Fox News ein Interview mit dem Geheimdienstexperten John Loftus zu eben diesem Hintermann. Loftus erklärte, dass Aswats Londoner Terrorgruppe während der Kosovo-Krise gebildet worden war, bei der islamische Fundamentalisten - dieselben Leute, die man später als Al-Qaida bezeichnen sollte - vom britischen Auslandsgeheimdienst MI6 rekrutiert wurden, um im Kosovo zu kämpfen.

Damals, Ende der 90er Jahre, arbeiteten ihre Führer im Kosovo für den britischen Geheimdienst. Ob Sie es glauben oder nicht, die Briten engagierten sogar Leute von Al-Qaida um die Muslime in Albanien und dem Kosovo zu unterstützen. (...) All diese Leute gehen im Grunde zurück auf eine Organisation namens `Al-Muhajiroun´, was `Die Emigranten´ bedeutet. Das war der Rekrutierungsarm von Al-Qaida in London; sie warben Jugendliche an, deren Familien nach Großbritannien ausgewandert waren, und die britische Pässe hatten. Und diese Leute benutzten sie dann für Terroranschläge.

Der Autor und Terrorexperte Nafeez Mosaddeq Ahmed wies ebenfalls auf diesen Zusammenhang hin1. In seinem 2006 erschienenen Buch "The London Bombings - An Independent Inquiry" schrieb er: "Die Al-Muhajiroun Gruppe wurde von den britischen Behörden nicht einfach nur toleriert, trotz ihrer Verbindungen zur Al-Qaida, dem Terrortraining und ihrer Aufrufe zur Gewalt; diese Leute wurden in den späten 90ern durch britische Sicherheitsbehörden aktiv geschützt - sie arbeiteten als Anwerbungs-Agenten für britische Geheimoperationen auf dem Balkan, besonders im Kosovo."

Loftus erwähnte, dass Aswat, der Hintermann der Londoner Anschläge, nur wenige Wochen vor 7/7 vom Südafrikanischen Geheimdienst lokalisiert worden sei, man ihn aber ausreisen ließ, diesmal nach London: "Er war britischer Geheimagent. Plötzlich verschwindet er nach Südafrika. Wir glauben, er ist tot; wir wissen nicht, dass er da unten ist. Letzten Monat entdeckt ihn dann der südafrikanische Geheimdienst. Er lebt ... die Briten wissen, dass die CIA ihn sucht. Also was geschieht? Er verschwindet direkt nach London. Weder bei der Einreise noch bei der Ausreise wird er verhaftet, obwohl er auf der Terror-Watchlist steht. So etwas geht eigentlich nur, wenn er für den britischen Geheimdienst arbeiten würde. Er war ein gesuchter Mann." Soweit John Loftus, ein ehemaliger US-Bundesanwalt, im amerikanischen Fernsehen.

In Reaktion auf diese Enthüllungen, die ein ganzes verdeckt operierendes Netzwerk in den Fokus rückten, änderten die britischen Sicherheitsbehörden die offizielle Story. Sie behaupteten fortan, entgegen aller früheren Erkenntnisse, es habe überhaupt keinen Drahtzieher im Hintergrund gegeben. Die vier jungen Muslime hätten stattdessen völlig isoliert und auf eigene Faust den Londoner Anschlag geplant. Autor Ahmed komentierte diesen Sinneswandel der Behörden mit der nüchternen Feststellung, dass nichts die Notwendigkeit einer öffentlichen Untersuchung klarer machen könnte, als Ungereimtheiten wie diese. Die Regierung blockte solche Forderungen jedoch kategorisch ab. Eine öffentliche Untersuchung von 7/7 würde zu viele Ressourcen binden und die Polizei von ihrer Arbeit ablenken, so Tony Blair. Das gleiche Argument hatte man auch schon nach dem 11. September 2001 gehört.

Der lückenhafte Bericht des parlamentarischen Geheimdienstaussschuss, der nach einem Jahr im Mai 2006 veröffentlicht wurde, vermerkte von all den Seltsamkeiten nur, dass zwei der Attentäter im Vorfeld vom Geheimdienst beobachtet worden waren. Nach Einschätzung der britischen Opposition aber überführte schon dies die Regierung der Unwahrheit. "Zum Zeitpunkt der Anschläge und unmittelbar danach, hat die Regierung behauptet, dass die Attentäter den Behörden bis dahin unbekannt gewesen seien (...)", sagte ein konservativer Abgeordneter. "Wir wissen nun, dass das nicht wahr war."

Wenige Tage nach Veröffentlichung des Berichtes kam außerdem heraus, dass der Geheimdienst Tonbandaufnahmen von Mohammad Sidique Khan, dem angeblichen Anführer der Attentäter hatte, auf denen dieser davon sprach, die Bombe zu bauen und dann das Land zu verlassen. Trotz dieses Wissens ließ der MI5 ihn jedoch entkommen. Die Abschriften der Bänder wurden dem parlamentarischen Geheimdienstausschuss vorenthalten.

Sogar innerhalb des Geheimdienstes formierte sich längst Widerstand gegen die fortwährenden Verschleierungen. Schon zu Beginn des Jahres 2006 berichtete die "Times", dass die Führung des MI5 mit einer internen Revolte konfrontiert sei. Beamte ließen geheimes Material an die Presse durchsickern, um Druck auf die Behörde auszuüben. Auch diese Beamten forderten eine öffentliche Untersuchung der Anschläge. Sie glaubten, dass nach wie vor Informationen darüber zurückgehalten wurden, was die Behörden vor 7/7 über die Attentäter wussten. Doch eine weitere Aufklärung fand nicht statt.

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Anzeige
Weit weg mit Telepolis
Anzeige
Auf nach Brasilien
Leben im Regenwald, Nationalpark Iguacu, Rio de Janeiro
Cover

Leben im Gehäuse

Wohnen als Prozess der Zivilisation

Anzeige
Cover

Medienkritik

Zu den Verwerfungen im journalistischen Feld

Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Guatemala in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.