Das Öl, die Interessen und das Meer

Wie schafft es eine riesige Öllache, in der Informationsflut abzutauchen?

Seit mehr als zwei Monaten sprudelt Rohöl aus einem Tiefsee-Bohrloch im Golf von Mexiko vor der US-Küste. Eine gigantische Umweltkatastrophe, über die ständig in allen Medien berichtet wird. Trotzdem bleibt die Ölpest seltsam blass. Nur die Pelikane mit ölverschmutztem Gefieder werden langsam zum Sinnbild der umfassenden Verschmutzung an den Küsten.

Am 20. April 2010 bricht nach einer Explosion auf der Ölplattform Deepwater Horizon rund 80 km vor der Küste Louisianas nach einer Explosion ein Feuer aus, elf Arbeiter sterben bei dem Brand. Über die Gründe und die möglicherweise mangelnden Sicherheitsmaßnahmen wird seitdem viel diskutiert (vgl. Gefahr aus der Tiefe). Zwei Tage später versinkt die Plattform, die immer noch in Flammen steht, im Meer. Es dauert noch zwei weitere Tage, bis klar ist, dass aus dem Bohrloch in 1500 Tiefe ständig Öl aus dem Meeresboden schießt. Am 26. April ist bereits ein riesiger Ölteppich an der Unfallstelle zu sehen, der auf den Wellen treibt.

Seit April strömt kontinuierlich Öl ins Meer und breitet sich sowohl unter wie auf dem Wasser aus (zu den Schätzungen über die Austrittsmenge siehe: Ölpest im Golf von Mexiko: Die Katastrophe nach der Katastrophe). Alle Versuche, das Bohrloch zu verschließen, schlugen bislang fehl. Bedroht sind neben den Meeresbewohnern vor allem die Ökosysteme der Küsten der US-Bundesstaaten Louisiana, Mississippi, Alabama und Florida. Kontinuierlich aktualisierte Karten verdeutlichen die stetige Ausbreitung des Ölteppichs.

Die meisten unabhängigen Experten sind überzeugt, dass die aktuelle Katastrophe schon jetzt den so genannten IXTOC-Vorfall übertrifft, den Ölplattform-Unfall, der sich 1979 im Golf von Mexiko ereignete und 10 Monate dauerte. Wie viel Öl damals genau austrat, ist unbekannt, allerdings ereignete sich die Katastrophe viel weiter von den Küsten entfernt. Ein Überblick über große Ölunfälle zeigt, wie viele derartige schwarze Kapitel in der Geschichte bereits zu verzeichnen waren (vgl. List of oil spills).

Das historische Ausmaß

Die größte Menge Öl trat bislang im persischen Golf 1991 als Folge des ersten Golfkriegs aus, als irakische Soldaten die Plattformen vor der kuwaitischen Küste sprengten. Bis heute bedecken in der Region riesige Teerplatten Teile des Meersbodens und das Öl lagerte sich unter der Oberfläche der Mangrovenwälder und Salzmarschen ab. Mehr als eine Milliarde Liter Rohöl flossen damals und Meer (vgl. Umweltkatastrophe Golfkrieg und Die Ölkatastrophe von 1991 im Persischen Golf).

Viel spricht dafür, dass die aktuelle BP-Ölpest mindestens dieses Ausmaß erreichen wird, vor der Küste Amerikas ist sie jetzt schon der GAU der Ölindustrie. Eine nationale ökologische Katastrophe, aber auch ein Menetekel für die Welt, endlich eine nachhaltige Energiewende einzuleiten – selbst wenn die Experten nicht Recht behalten, was den Öltransport mittels des Golfstroms durch die Weltmeere angeht.

Die NASA dokumentiert kontinuierlich mit Satellitenbildern die Ausbreitung des Ölteppichs, hier der Stand am 26. Juni 2010. Bild: NASA

Der Präsident und das Volk

Es wird viel berichtet in den Medien und die Politik trägt mit ihrer Aktivität zu den Schlagzeilen bei. US-Präsident Obama hat mehrfach das Katastrophengebiet besucht. Er verhängte ein sechsmonatige Verbot für Tiefseebohrungen im Golf von Mexiko – ein Moratorium, das kurz darauf von einem US-Bundesgericht aufgrund von Klagen der Öl-Industrie aufgehoben wurde. Der Präsident fordert, dass BP als verantwortliche Firma für alle Schäden aufkommt und brachte den Konzern dazu, einen 20 Milliarden Dollar schweren Entschädigungsfond einzurichten.

"BP ist für dieses Leck verantwortlich. BP wird die Rechnung begleichen", erklärte Obama bereits Anfang Mai, und im Juni versprach er der Öffentlichkeit im Fernsehen, er werde den Verantwortlichen "in den Arsch treten". Er war vor Ort, zeigte Entschlossenheit und hielt dazu eine Rede an die Nation, die aus dem  Oval Office in alle amerikanischen Wohnzimmer strahlte. Er kündigte eine Wende in der Energiepolitik an, meinte "wir können uns nicht leisten, weiterhin auf diese Weise Energie zu produzieren und zu nutzen", blieb aber dann bezüglich der Konsequenzen ziemlich vage. Kein Wunder, denn die Amerikaner sind nicht wirklich bereit, mehr für Öl und Benzin zu bezahlen, und weder die Wirtschaft noch die Privathaushalte wollen tatsächlich Energie einsparen.

Obama weiß das und wie jeder demokratisch gewählte Regierungschef ist er auf Mehrheiten angewiesen, sonst wird er an der Wahlurne abgestraft und kann gar nichts mehr bewegen. Das weiße Haus hat sogar eine eigene Website zum Thema Oil Spill eingerichtet.

Nach Meinungsumfragen sind die Amerikaner nicht sehr zufrieden mit dem Krisenmanagement ihrer Regierung, mehr als die Hälfte der Befragten fand es Ende Juni "unzureichend". Andererseits gibt es kaum Unterstützung für den von Obama verhängten Stopp der Tiefseebohrungen, nur ganz langsam verändert sich die öffentliche Meinung, die sich im Februar diesen Jahres zu 63 Prozent noch mehr Regierungsgenehmigungen für Ölbohrungen vor den US-Küsten wünschte – im Juni waren es immerhin noch 44 Prozent. Nur rund ein Fünftel der US-Amerikaner ist für ein komplettes Verbot der Offshore-Ölbohrungen. Angesichts des ständig wachsenden Ölteppichs im Golf von Mexiko erstaunliche Zahlen.

BP, die Börse und die Dividenden

Viele Medien bieten komplette Dossiers zum Oil spill an; besonders intensiv ist die Berichterstattung der Wirtschaftsredaktionen. Kein Wunder, denn es geht um sehr viel Geld und einen der größten internationalen Energie-Konzerne mit 80.000 Mitarbeitern. Vor dem Brand und dem Untergang der "Deepwater Horizon" war BP nach Angaben der Financial Times mehr als 189 Milliarden Dollar wert, durch die Katastrophe hat sich der Börsenwert auf 99,5 Milliarden halbiert (Stand 21. Juni). Rating-Agenturen stuften den Konzern auf fast "Ramschstatus" herab. Erst kamen die Diskussionen, ob BP überhaupt Dividenden zahlen werde, jetzt verklagen Aktionäre die Firma auf Schadensersatz.

Analysten gehen zwar davon aus, dass BP mit ungefähr 250 Milliarden Dollar Vermögenswerten über genug Geld verfügt, um alle Verluste aufzufangen, aber schon kreisen die Geier, es wird in den letzten Tagen viel über neue Geldgeber oder die Übernahme zumindest von Teilen des Konzerns spekuliert.

Mehr als drei Milliarden Dollar hat BP bereits für die Folgen der Katastrophe ausgegeben, und das Loch im Meersboden ist trotz aller Bemühungen weder durch den Bau und Einsatz einer Stahlkuppel, noch die Methode Top Kill mit schwerem Schlamm gestopft worden. Inzwischen wird ein Teil des Öls durch eine Beton-Glocke aufgefangen und an die Oberfläche in Schiffe gepumpt. Spezialisten gehen davon aus, dass die ca. 4 Millionen Liter, die täglich so nach BP-Angaben aufgefangen werden, nur die Hälfte des ausströmenden Öls darstellt.

Zudem wird das Öl an der Oberfläche abgefackelt und Flugzeuge versprühten Millionen Liter der hochgiftigen Chemikalie Corexit zur Auflösung des Ölteppichs, denn es bringt das Öl zum Absinken auf den Meeresgrund. Inzwischen hat BP bereits mehr als hundert Millionen Dollar allein an Entschädigungen gezahlt und den bereits erwähnten Entschädigungsfonds im Wert von 20 Milliarden Dollar eingerichtet. Analysten schätzen, dass das Desaster den Konzern am Ende mindestens 50 Milliarden, vielleicht sogar 60 Milliarden kosten wird.

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Ölpest im Golf von Mexiko: Die Katastrophe nach der Katastrophe

Claudia Hangen 06.07.2010

Experten rechnen mit Folgeschäden für die Meeresfauna und die Salzmarschen über Jahrzehnte

Selbst BP-Chef Tony Hayward, der sich am 18. Juni den kritischen Fragen der Abgeordneten im US-Unterausschuss des Energieausschusses im Repräsentantenhaus stellte, zeigt sich vor laufenden Kameras am Strand von Louisiana sehr skeptisch. An Land sei ein Ölloch leichter zu stopfen als in der Tiefsee, so Hayward.

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