Ölpest an Gefühlen

Über den zeitgenössischen Infantilismus

Der Axolotl ist ein mexikanischer Schwanzlurch, der sich durch Neotenie auszeichnet: statt ein Salamander zu werden, behält er seine Kiemen, lebt daher dauerhaft unter Wasser und bleibt für immer jung. Angesichts der aktuellen Verkindlichung fragt man sich unwillkürlich: Sind die Deutschen eigentlich mexikanische Grottenolme?

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Infantil sein ist derzeit hip. Es ist völlig ok, das Auto mit acht Deutschlandfähnchen zu verzieren (von den schwarz-rot-goldenen Seitenspiegel- und Motorhaubenüberziehern abgesehen), mit schwarz-rot-goldenen Cowboyhüten durch die Fußgängerzonen zu stolzieren oder die ganze Nachbarschaft mit Tröten um den Verstand zu bringen, die an fußkranke Elefanten auf dem Weg zu ihrem Friedhof erinnern.

Wie seit einigen Jahren bei großen Fußballturnieren üblich, waren "wir" mal wieder in Ballingrad und kämpfen um den Endsieg im Endspiel, das aber ganz locker und entkrampft - von ein paar Toten abgesehen.

Man könnte den Unfug einfach an sich abgleiten lassen, aber es ist nicht zu übersehen, dass der Kinderfasching weit über den Fußball hinausreicht. Kind sein heißt ganz Gefühl sein. Der Bundespräsident der Herzen gibt sich vor Publikum gerührt, und das Publikum ist bass erstaunt: Auch dieser Mensch hat wahrscheinlich Tränendrüsen. Die verblödete Kampagne zu seiner Nominierung schlug flugs in blinden Hass gegen die Linke um, als die ausnahmsweise einmal Rückgrat zeigte, und den rührend Gerührten nicht wählte, weil seine politischen Ansichten mit den ihren nicht vereinbar sind.

Ballaballa-Niveau mit "irre" und "Wahnsinn" und Poldi, Schweini, Gaucki und all den anderen

Der Präsident der Herzen bedankt sich, indem er beim Sommerfest im Schloss Bellevue den Hampelmann gibt zusammen mit, man halte sich fest, Peter Maffay.

Als Altrocker Peter Maffay auf der Bühne vor Schloss Bellevue das Lied "Über sieben Brücken musst du gehn" intonierte, hielt es den Ex-DDR-Dissidenten nicht mehr an seinem Platz. Er sprang auf die Bühne und sang unter großem Beifall des Publikums den Refrain des Freiheitslieds zusammen mit Maffay ins Mikrofon.

Der saubere Herr Wulff (siehe Wulff: Ein Missionar auf dem Weg nach Bellevue?) kommentiert: "Das ist Empathie, besser kann man die Einheit nicht leben." Die Einheit zwischen Quatsch und Tinnef wahrscheinlich. Der Weltmeister im herzlichen Dauergrinsen, der Dalai Lama, wurde dieser Tage 75, und die enddebilisierte Journaille schwallt wieder von seinem "umarmenden Lächeln", von "Frieden und Liebe", usw. In Deutschland wurde mal wieder entkrampft gefühlt, dass sich die Balken bogen, immer auf dem Ballaballa-Niveau mit "irre" und "Wahnsinn" und Poldi, Schweini, Gaucki, und all den anderen.

Wie wunderbar trifft es sich, dass diese Ölpest an Gefühlen alles überdeckt, was das Publikum derzeit wirklich betreffen könnte, von der katastrophalen Wirtschafts- und Sozialpolitik der Regierung, über den deutschen Anteil am Afghanistankrieg, bis zum glücklich wieder ad acta gelegten Tatbestand des massenhaften Kindesmissbrauchs in Schulen, Heimen, Familien, Vereinen. Hatte gerade die Debatte um das letztere Thema vor kurzem noch den Anschein erweckt, als sei die deutsche Gesellschaft zur rationalen Auseinandersetzung mit sich selbst fähig, zog man sich jetzt kollektiv die schwarz-rot-goldene Narrenkappe über und machte den Axolotl.

Freilich, es steckt auch Potenzial im Infantilen, die Kraft der Anarchie, die Missachtung von Zwängen und Regulationen, die im Rausch des Überschwangs als lebensfeindlich und verzichtbar erkannt werden können. Und so hört man auch von Fanfeten, auf denen mal nicht die typische deutsche Großmäuligkeit Urständ feiert; auf denen die Ausgelassenheit einfach echt wirkt. Leider hört man aber auch von Kirchen, in denen nach dem Sieg der DFB -Auswahl über die argentinische Nationalmannschaft vom Organisten das Deutschlandlied angestimmt und mit dem geschlossenen Applaus der versammelten deutschen Christen belohnt wird, sowie von Kindern, die sich mit Deutschlandfähnchen an Straßenrändern aufstellen und das Deutschlandlied anstimmen, natürlich die erste Strophe. Man versucht, den Ausgang von Fußballspielen mit Hilfe eines Orakels zu bestimmen.

Und die allgemeine Infantilisierung im Journalismus beglaubigt dieser Tage mit allem Nachdruck, dass die BILD-Zeitung in Deutschland endgültig kein ernstzunehmendes Gegengewicht mehr hat, weil alle Zeitungen die BILD-Zeitung geworden sind (mit letzter Konsequenz wieder einmal der Spiegel, aber die taz, die Süddeutsche und die anderen stehen nicht hintan). "Gefühl statt Analyse" ist die Parole ja schon langem, aber zu Hochzeiten der emotionalen Besoffenheit, wie wir sie jetzt gerade erleben, wird das immer wieder besonders deutlich. "Die wollen nur spielen?" Wer lacht, zeigt seine Zähne, und das gilt nun einmal besonders für Deutschland.

Wenn Leute, die in den Achtzigern geboren sind, die Fehlentscheidung eines Schiedsrichters zuungunsten der englischen Nationalmannschaft als "gerechten Ausgleich für Wembley " begreifen, zeigt das nur, dass sie den Revanchismus ihrer Väter geerbt haben, in einem Akt der historischen Osmose, wie er sicher in allen Ländern vorkommt, aber in Deutschland, aus welchen Gründen auch immer, besonders zuverlässig. Wenn hier zu sehr geglaubt, geliebt und gehofft wird, dann sind Hass, Rache und Wahn nie weit, und nicht nur die verbalen Rüpeleien von Spielern und Sportkommentatoren zeigten, dass Deutschland immer noch und immer wieder Rache für das üben will, was es der Welt angetan hat und weiterhin antut. Hätten "wir" die Weltmeisterschaft gewonnen, wären "wir" wieder wer gewesen. Nämlich immer derselbe. Und die zarten Hoffnungen auf Veränderung (siehe Perspektivenwechsel)? Kann man sich mal wieder an den schwarz-rot-goldenen Hut stecken.

http://www.heise.de/tp/artikel/32/32919/1.html
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